Unterschwellige Reize („subliminale Stimuli“, []), gegensätzlich zu überschwelligen Reizen oder „supraliminalen Stimuli“, sind alle sensorischen Reize unter der Wahrnehmungsschwelle.E. Loftus, M. Klinger: Is the unconscious smart or dumb? In: American Psychologist. (1992) S. 761–765. Ein kürzlich durchgeführtes Review funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) Studien zeigt, dass unterschwellige Reize spezifische Regionen im Gehirn aktivieren, obwohl die Reize von den Versuchspersonen nicht bewusst wahrgenommen wurden.S. Brooks, V. Savov, E. Allzén, C. Benedict, R. Fredriksson, H. Schiöth: Exposure to subliminal arousing stimuli induces robust activation in the amygdala, hippocampus, anterior cingulate, insular cortex and primary visual cortex: A systematic meta-analysis of fMRI studies. In: NeuroImage. (2012). S. 2962–2973. Visuelle Reize werden nur kurz dargeboten, sodass eine Person diese gar nicht bewusst verarbeiten kann. Darauf kann eine Maskierung folgen, welche die Verarbeitung weiter behindern kann. Tonreize werden unter der Hörschwelle oder maskiert von anderen Tönen dargeboten.
Effektivität Anwendungen basieren oft auf der Überzeugungskraft der Nachricht. Forschung im Bereich des Priming auf bestimmtes Verhalten hat gezeigt, dass unterschwellige Botschaften nur das Verhalten auslösen, dass die Person bereits vor hatte, auszuführen.F. Schlaghecken: Why (and how) should nonconsciously triggered response tendencies be actively inhibited? In: Journal of Psychophysiology. Band 18, Nr. 4, S. 212–212. Hogrefe & Huber Publishers, Göttingen Januar 2004. Die folgenden Absätze beschreiben spezifische Studien, die die Effektivität von unterschwelligen Reizen untersucht haben.Simon van Gaal, Floris P. De Lange, Michael X. Cohen: The role of consciousness in cognitive control and decision making. In: Frontiers in Human Neuroscience. Band 6. 2012, S. 121. (frontiersin.org) doi:10.3389/fnhum.2012.00121.
Methode Die Schwelle im Forschungsbereich der unterschwelligen Reize ist das Niveau, bei dem die Versuchsperson nicht die Darbietung des Reizes bemerkt.Jim Chessman, Philip M. Merikle: Priming with and without awareness. In: Perception & Psychophysics. (1984). 36(4), S. 387–395. Die Forscher bestimmen eine Schwelle für den unterschwelligen Reiz, der verwendet wird. Dieser unterschwellige Reiz wird dann zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Studie dargeboten und Messungen werden durchgeführt, um die Effekte des Reizes zu bestimmen. Die genaue Operationalisierung hängt vom spezifischen Artikel ab. Die Methoden hängen auch von der Art des unterschwelligen Reizes (auditiv oder visuell) und den abhängigen Variablen ab.
Objektive Schwelle Die objektive Schwelle wird durch eine erzwungene-Wahl („forced-choice“) Aufgabe gefunden. Dabei müssen die Versuchspersonen wählen, welchen Reiz sie sahen aus einer Reihe anderer Reize. Versuchspersonen wird ein Reiz kurz dargeboten (zum Beispiel das Wort „Orange“). Danach muss das Wort aus einer Reihe von Distraktoren ausgewählt werden. Versuchspersonen müssen eine Antwort geben („forced-choice“). Die objektive Schwelle ist erreicht, wenn Versuchspersonen alle Antworten gleich verteilt auswählen, sie somit nur geraten haben. Die Länge der Darbietung, die zufällige Auswahl in der erzwungene-Wahl Aufgabe zur Folge hatte, wird später in der Studie für die unterschwelligen Reize verwendet.
Subjektive Schwelle Die subjektive Schwelle ist dann erreicht, wenn die Versuchsperson angibt, ihre Entscheidungen bei der erzwungenen-Wahl („forced-choice“) Aufgabe seien in etwa zufällig. Die subjektive Schwelle ist 30 bis 50 ms langsamer als die objektive Schwelle, was zeigt, dass Versuchspersonen fähig sind, Reize früher zu erkennen als ihnen bewusst ist. Reize, die an der subjektiven Schwelle gezeigt werden, haben eine längere Präsentationszeit als Reize, die an der objektiven Schwelle gezeigt werden. In einer Studie zur Wiedererkennung von Farben wurde kein Effekt von Primes nachgewiesen. Je länger jedoch die Dauer des Primes war, desto größer war der Effekt auf das Antwortverhalten. Dies lässt vermuten, dass die Ergebnisse mancher Studien von der Definition von „unterschwellig“ abhängen.
Direkte und indirekte Maße Unbewusste Wahrnehmung kann mit direkten und indirekten Maßen der Wahrnehmung demonstriert werden.Eyal M. Reingold, Philip M. Merikle: Using direct and indirect measures to study perception without awareness. In: Perception & Psychophysics. (1988). 44(6), S. 563–575. Direkte Maße verwenden die Antworten auf bestimmte Fragen mit expliziten Instruktionen für die Versuchspersonen. Indirekte Maße sind Antworten die nicht in der Aufgabenstellung an die Versuchspersonen genannt wurden. Beide Maße werden unter vergleichbaren Bedingungen gezeigt, mit Ausnahme der direkten und indirekten Instruktion. Als Beispiel sei die Stroop Aufgabe genannt, bei der Versuchspersonen die Farbe eines Wortes benennen müssen (z. B. das Wort „blau“ in gelber Farbe). Ein direktes Maß ist hier „Genauigkeit“ – die richtige Ausführung der Instruktion. Ein beliebtes indirektes Maß ist „Antwortzeit“ – Versuchspersonen wissen nicht, dass diese gemessen wird.
Ähnlich dazu ist ein direkter Effekt der Effekt eines Reizes auf die (instruierte) Antwort auf diesen Reiz. Ein indirekter Effekt ist ein nicht instruierter Effekt des Reizes auf das Verhalten. Dies wird manchmal gemessen, indem eine irrelevante oder ablenkende Komponente in den Reiz eingefügt wurde und dann der Effekt auf die Genauigkeit gemessen wird.Anthony G. Greenwald, Mark R. Klinger, Eric S. Schuh: Activation by marginally perceptible (“subliminal”) stimuli: dissociation of unconscious from conscious cognition. In: Journal of experimental psychology: General. (1995). 124(1), S. 22. Diese Effekte werden dann auf ihre relative Sensibilität hin verglichen: ein indirekter Effekt, der größer als der direkte Effekt ist, deutet auf die Existenz einer unbewussten Kognition hin.
Visuelle Reize Um die Effekte unterschwelliger Reize zu testen, werden Versuchspersonen oft mit bestimmten visuellen Reizen (oft Bildern) geprimt. Danach wird überprüft, ob unterschiedliche Reize unterschiedliche Antworten auslösen.J. A. Krosnick, A. L. Betz, L. J. Jussim, A. R. Lynn: Subliminal conditioning of attitudes. In: Personality and Social Psychology Bulletin. (1992). 18(2), S. 152–162.L. M. Williams, B. J. Liddell, A. H. Kemp, R. A. Bryant, R. A. Meares, A. S. Peduto, E. Gordon: Amygdala-prefrontal dissociation of subliminal and supraliminal fear. In: Human brain mapping. (2006). 27(8), S. 652–661. Unterschwellige Reize wurden am meisten im Kontext von Emotionen erforscht. Im Speziellen haben sich Forscher besonders auf die Wahrnehmung von Gesichtern und wie unterschwellige Präsentation von verschiedenen Gesichtsausdrücken Emotionen beeinflussen konzentriert.M. Baldwin, D. F. Carrell, D. F. Lopez: Priming relationship schemas: My advisor and the Pope are watching me from the back of my mind. In: Journal of Experimental Social Psychology. (1990). 26(5), S. 435–454.Su Young Lee, Jee In Kang, Eun Lee, Kee Namkoong, Suk Kyoon An: Differential priming effect for subliminal fear and disgust facial expressions. In: Attention, Perception, & Psychophysics. (2011). 73(2), S. 473–481.Agustin Ibáñez, Esteban Hurtado, Alejandro Lobos, Josefina Escobar, Natalia Trujillo, Sandra Baez, David Huepe, Facundo Manes, Jean Decety: Subliminal presentation of other faces (but not own face) primes behavioral and evoked cortical processing of empathy for pain. In: Brain research. (2011). 1398, S. 72–85.Zixu Yang, Eddie M. W. Tong: The effects of subliminal anger and sadness primes on agency appraisals. In: Emotion. (2010). 10(6), S. 915. Visuelle Reize wurden außerdem verwendet, um emotionsauslösende Reize und einfache geometrische Reize zu untersuchen.Omri Gillath, Mario Mikulincer, Gurit E. Birnbaum, Phillip R. Shaver: Does subliminal exposure to sexual stimuli have the same effects on men and women? In Journal of sex research. (2007). 44(2), S. 111–121.Birgit Mayer, Harald Merckelbach: Do subliminal priming effects on emotion have clinical potential? In: Anxiety, Stress and Coping. (1999). 12(2), S. 217–229.D. Vorberg, U. Mattler, A. Heinecke, T. Schmidt, J. Schwarzbach: Different time courses for visual perception and action priming. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. (2003). 100(10), S. 6275–6280.Frank W. R. Taylor: The discrimination of subliminal visual stimuli. In: Canadian Journal of Psychology/Revue canadienne de psychologie. (1953). 7(1), S. 12. Sehr viele Studien wurden bisher durchgeführt, die die Effekte von unterschwellig präsentierten visuellen Reizen demonstrieren.S. Kouider, S. Dehaene: Levels of processing during non-conscious perception: a critical review of visual masking. In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London B: Biological Sciences. (2007). 362(1481), S. 857–875.
Bilder Einstellungen können entstehen ohne sich der Antezedensen bewusst zu sein. Versuchspersonen sahen Bilder von Personen, die vertraute tägliche Aktivitäten unternahmen, nachdem sie entweder einer emotional positiven Szene (ein romantisches Paar oder kleine Kätzchen) oder einer emotional negativen Szene (ein Werwolf oder eine Leiche) zwischen jedem Bild und dem nächsten ausgesetzt waren. Die Versuchspersonen nahmen die emotionalen Bilder nur als Lichtblitz wahr. Je nach positiver oder negativer Bedingung attribuierten die Versuchspersonen mehr positive oder mehr negative Persönlichkeitsmerkmale auf die gezeigten Personen. Trotz des statistischen Unterschieds hatten die unterschwelligen Botschaften weniger Auswirkung auf die Einschätzung der Personen als die physische Attraktivität.
Versuchspersonen zeigen Aktivität in der rechten Hälfte des Amygdala als Antwort auf unterschwellig induzierte Angst, während überschwellige (supraliminale; bewusst wahrgenommene) Angst stärker die linke Hälfte aktiviert. Personen wurde ein unterschwelliges Bild mit einer Anzeigedauer von 16,7 Millisekunden gezeigt, welches eine potentielle Gefahr darstellt. Danach wurde ein überschwelliges Bild mit einer Anzeigedauer von 0,5 Sekunden dargeboten. Überschwellige Angst zeigte eine länger anhaltende kortikale Aktivität, was darauf schließen lässt, dass unterschwellige Angst nicht bewusst wahrgenommen wird während überschwellige Angst tiefere Prozesse hervorruft.
Emotionsauslösende Reize Ein unterschwelliger sexueller Reiz hat verschiedene Effekte auf Männer und Frauen. Männer und Frauen wurde unterschwellig entweder ein sexuelles oder neutrales Bild gezeigt, woraufhin die sexuelle Erregung gemessen wurde. Forscher haben außerdem die kognitive Verfügbarkeit von Sex-ähnlichen Gedanken überprüft, entweder mithilfe einer Bildentscheidungsaufgabe oder einer lexikalischen Entscheidungsaufgabe („Ist das gezeigte Wort ein echtes Wort?“). Die Ergebnisse zeigten, dass der unterschwellige sexuelle Reiz keinen Effekt auf Männer hatte, aber bei Frauen die sexuelle Erregung verringerte. In den Bedingungen in der die Verfügbarkeit von Sex-ähnlichen Gedanken überprüft wurde, führte der unterschwellige sexuelle Reiz zu höherer Verfügbarkeit bei Männern und Frauen.
Unterschwellige Reize lösen zwar emotionale Änderungen aus, sind aber nicht nutzbar in einem therapeutischen Kontext. Studenten, die entweder Angst vor Spinnen hatten oder nicht, wurden entweder positiv, negativ oder neutral geprimt, sofort gefolgt von einem Bild einer Spinne oder Schlange. Mithilfe einer visuellen Analogskala bewerteten die Probanden die affektive Qualität des Bildes. Es wurde kein Beweis gefunden, dass unterschwelliges Priming unangenehme Gefühle moduliert. Die Studenten, die keine Angst vor Spinnen hatten, bewerteten die Spinnen als beängstigender, wenn sie negativ geprimt wurden. Solche Effekte wurden aber bei ängstlichen Studenten nicht gefunden.
Einfache geometrische Reize