Das Internationale Auschwitz Komitee (IAK) wurde 1952 von Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gegründet. Viele der Leitungsmitglieder waren ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers, die als Gründer und Mitglieder des IAK als deren Aufgabe sahen, für „die Gesamtheit der Überlebenden und Opfer von Auschwitz“ zu sprechen. Das Komitee diente und dient bis heute als „Interessenvertretung seiner Mitglieder, zur Koordinierung der Tätigkeiten nationaler Auschwitz-Komitees und fördert das Gedenken an den Holocaust“.
Die IAK wurde als internationaler Dachverband gegründet, der die nationalen Lagerkomitees und Verbände der NS-Überlebenden koordinieren sollte. Dem Komitee gehören Organisationen aus 19 Ländern an (Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik, Ukraine, Ungarn und USA).
Im Juni 2002 wurde in Oświęcim beschlossen, in Berlin ein Koordinationsbüro des IAK zu errichten. Seit 2004 wird die Arbeit des IAK vom Bundesministerium des Innern institutionell und finanziell gefördert und seit 2003 befindet sich die Geschäftsstelle des IAK in Räumlichkeiten der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Ehrenpräsident war Kurt Goldstein, Präsident des IAK war von 2011 bis 2021 Roman Kent (New York).Präsidium abgerufen am 4. Juni 2013. Dessen Nachfolger, Marian Turski, amtierte seit 2021 bis zu seinem Tod am 18. Februar 2025.Der Schoa-Überlebende tritt die Nachfolge des verstorbenen Roman Kent an
Gründung des IAKs In der Nachkriegszeit entstanden zahlreiche Verbände und Organisationen der NS-Verfolgten. 1947 wurde in Warschau die Fédération Internationale des Anciens Prisonniers Politiques (FIAPP) mit Sitz in Paris und Generalsekretariat in Warschau gegründet, die halbwegs politisch offen, aber zweifellos antifaschistisch orientiert war. Auf dem zweiten „Weltkongress“ der FIAPP mit dem Ziel, „die Kampagne gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands und gegen die Gleichsetzung der Sowjetunion mit dem Nationalsozialismus zu zentralisieren und sie von einer allzu deutlichen Nähe zu den osteuropäischen Regierungen abzusetzen“, wurde im Juli 1951 eine neue Organisation gegründet, die Fédération Internationale des Résistants (FIR), mit Sitz in Österreich. Die Organisation sollte die Interessen von NS-Verfolgten vertreten, sich mit den Fragen der Entschädigung und mit deren sozialen und rechtlichen Situation befassen. 1952 versammelten sich in Warschau Vertreter von NS-Überlebenden aus zahlreichen europäischen Ländern an einer Tagung, die wiederum die Kampagnen gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik zum Thema hatte. Dort wurde ein Zusammenschluss der NS-Verfolgten unter dem Dach der FIR beschlossen, die als Auskunftsstelle über vermisste Personen dienen sollte und alle Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz bearbeiten sollte. Obwohl ein Komitee gewählt wurde, gab es keine Hinweise über die begonnene Arbeit. Die FIR berief Ende 1953 erneut eine internationale Tagung ein, die im März in Wien ausgerichtet wurde. Der polnische Journalist Henryk Korotinsky wurde als Präsident gewählt, Hermann Langbein als Generalsekretär und die Französin Louise Alcan als Sekretärin. Langbein wurde 1961 aus politischen Gründen abgewählt – zunächst folgte der Ausschluss von der KPÖ und danach verlor er die Funktion des Generalsekretärs wegen Kritik an den kommunistischen Parteien. Dies führte zu Konflikten zwischen den kommunistisch geprägten Länderkomitees und der Leitung des IAK, worauf Langbein aus seinen Funktionen entlassen wurde. Langbeins Engagement war enorm und auf seine Initiative gingen zahlreiche Aktivitäten des Komitees zurück. Zur Zeit seiner Aussage im 1. Frankfurter Auschwitzprozess im März 1964 war er 51 Jahre alt und lebte als Schriftsteller in Wien. Sein Nachfolger als Generalsekretär im IAK wurde Tadeusz Hołuj.
Die Arbeit des IAK in der Nachkriegszeit Die Aktivitäten und Aufgaben, mit denen sich die IAK-Mitglieder beschäftigten, waren zahlreich, verschiedenartig und bedeutend. Das Komitee hatte sich in den wenigen Jahren zwischen 1956 und 1961 als internationale Organisation etabliert und seine Arbeitsschwerpunkte in vielerlei Richtungen entwickelt. Die Zielsetzungen der Organisation fasst Baron Maurice Goldstein, damaliger Präsident, so zusammen: „Das Internationale Auschwitz Komitee wurde […] mit verschiedenen Zielsetzungen gegründet: Um die Welt wissen zu lassen, was im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geschah. Als Vertretung für die Interessen der Überlebenden. Um den Kontakt zwischen den nationalen Auschwitz Komitees zu fördern und zu unterstützen. Vor dem Hintergrund des vermehrten Aufkommens von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus und insbesondere der wachsenden Verleugnung dessen, was in Auschwitz passierte, wurde auf der Generalversammlung von 1992 entschieden, allen Organisationen, die aktiv daran arbeiten, ‚Auschwitz‘ eine wichtige Position in der moralischen und politischen Debatte und in der Ausbildung jüngerer Generationen zu sichern, die Möglichkeit einer Mitgliedschaft im IAK zu eröffnen. […] […] denken Sie daran, dass mit der Niederlage des Dritten Reiches, die Nazi-Ideologie nicht verschwunden ist, dass faschistische und neonazistische Bewegungen, Organisationen und Parteien bereit sind, neues Unheil über die Menschen zu bringen.“Baron Maurice Goldstein, damaliger Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees am 27. Januar 1995 in Birkenau anlässlich der Zeremonie zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.Geschichte des IAK
An dieser Stelle wird ersichtlich, dass das IAK eine wichtige Rolle in der Vergangenheit gespielt hatte, aber es wird auch deutlich, dass seine Ziele in der Zukunft liegen. Die politische und gesellschaftliche Rolle, vor allem wenn es um die jüngere Generation geht, ist ein klarer Schwerpunkt in der Arbeit des IAKs.
Die ehemaligen Häftlinge der Konzentrations- und Vernichtungslager und andere Verfolgte haben in vielerlei Hinsicht beachtliche Arbeit in der Nachkriegszeit geschaffen. Sie forschten und publizierten zur Geschichte und Auswirkungen der Konzentrationslager, sammelten Berichte, Informationen, Dokumente und Fotos, entwickelten Formen des Gedenkens und schufen Orte dafür. Die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus, der Kampf für die Entschädigung der Opfer und die Arbeit zur Strafverfolgung der Täter sind die bedeutendsten Ergebnisse.
Im Kalten Krieg versah das IAK eine Brückenfunktion zwischen Ost- und Westeuropa. Katharina Stengel schreibt dazu: „In der Hochphase des Kalten Krieges war dieses Komitee mit seinen grenzüberschreitenden Netzwerken und Aktivitäten und der proklamierten Überparteilichkeit ein fast einzigartiges Experiment“.
Die meisten Mitglieder des IAK und anderer Organisationen, für die sie als Dachverband galt, waren ehemalige KZ-Häftlinge. Ihr Weg zur Anerkennung des Unrechts und ihnen angetanen Leids war stets mit ihrer aktiven politischen Rolle als Akteure in der Nachkriegsgesellschaft verbunden. Sie versuchten hartnäckig, „ihre Erfahrungen zu artikulieren, ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten und das Beschweigen der NS-Vergangenheit zu verhindern“. Sie schufen kritische Ansätze für die „Vergangenheitsbewältigung“ und erläuterten die Bedeutung der NS-Verfolgten in den Auseinandersetzungen um Wiedergutmachung, die juristische Ahndung der NS-Verbrechen oder auch der gesellschaftspolitischen und sozialpsychologischen Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Nationalsozialismus. Die NS-Überlebenden bzw. das IAK setzten sich für den Aufbau einer neuen Welt, für Frieden und Freiheit ein, um die Wiederkehr solcher schrecklichen Ereignisse zu verhindern.Das Vermächtnis der Überlebenden. Berlin, 25. Januar 2009
Die Entschädigung der NS-Verfolgten Das IAK befasste sich ab 1956 intensiv mit der Entschädigungsfrage von ehemaligen KZ-Häftlingen durch bundesdeutsche Behörden und Unternehmen. Nur ein ganz kleiner Teil der Auschwitz-Überlebenden konnte Entschädigungszahlungen erhalten. Das 1953 erlassene Bundesergänzungsgesetz (BErG) und das Bundesentschädigungsgesetz (BEG) von 1956 waren auf Verfolgte mit Wohnsitz in Westdeutschland ausgerichtet, „die aus politischen, weltanschaulichen oder rassischen Gründen“ verfolgt worden waren. Ausländische Verfolgte mussten sich an ihre Staaten wenden, um Entschädigungen aus den Reparationszahlungen an die jeweiligen Länder zu bekommen. Diese wurden durch das Londoner Schuldenabkommen bis zum Abschluss von Friedensverträgen vertagt, und so dauerten die Reparationen und somit auch die Entschädigungen jahrzehntelang. Katharina Stengel sagt zu der Arbeit des IAK im Bereich der Entschädigung der NS-Verfolgten Folgendes: „Das IAK stand in seinen Bemühungen, Entschädigung für Auschwitz-Häftlinge zu erreichen, Industrieunternehmen, bundesdeutschen Behörden und Ministerien gegenüber, aber auch – in nicht minder konflikthaftem Verhältnis – Vertretern anderer Opfergruppen. Die Erfolge, die das Komitee in den Verhandlungen erzielen konnte, waren nur möglich geworden durch einen enormen Aufwand an Zeit und finanziellen Mitteln für die vielen Verhandlungen, Delegationsreisen, Tagungen, juristische Beratungen und Hilfen für die Antragsteller. Über solche Ressourcen verfügten die wenigsten Organisationen ehemaliger KZ-Häftlinge.“
Die juristische Verfolgung der NS-Verbrecher Die womöglich bedeutendsten Erfolge des IAK in der Nachkriegszeit sind im Bereich der juristischen Verfolgung festzuhalten. Katharina Stengel schreibt dazu: „In der Bundesrepublik war bis Anfang der 60er kaum einer der SS-Angehörigen aus Auschwitz angeklagt oder verurteilt worden, Ermittlungen waren nur zufällig oder auf Initiative der Opfer. 1955 schloss sich das IAK der Strafanzeige des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen den berüchtigten Auschwitzer SS-Arzt Carl Clauberg an und begann damit seine umfangreiche »Aktion gegen die SS«.“ Die Arbeit der Mitglieder und Begründer des IAK erstreckte sich weit und war schwer und gefährlich. Sie sammelten Informationen über die Lager und die Verbrechen, um die Verantwortlichen zu ermitteln. Sie erstatteten Strafanzeige aus eigener Initiative und versuchten persönliche Informationen über die NS-Täter zu erfahren. Sie sammelten Beweismaterial, versuchten Zeugen ausfindig zu machen und übergaben diese Informationen den zuständigen Behörden.
Eine sehr bedeutende Rolle hatte das IAK während des Kalten Krieges. Es hatte eine Brückenfunktion, indem Kontakte zwischen westdeutschen und polnischen Ermittlungsbehörden – und überhaupt zwischen West und Ost – hergestellt werden konnten. Es war aber nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Beweissammlung jenseits des Eisernen Vorhangs. Hinzu kam, dass die Mitglieder Zeugen und NS-Verbrecher in der ganzen Welt ausfindig machen konnten.
Die Bedeutung für das Zustandekommen des 1. Frankfurter Auschwitzprozesses Dass der 1. Frankfurter Auschwitzprozess stattfinden konnte, ist zum großen Teil den Ermittlungen des IAK zu verdanken. Er wäre aber auch nicht ohne das persönliche Engagement von Hermann Langbein möglich gewesen, der dessen Generalsekretär war. Langbein wurde aber 1961 nach seiner Kritik am Stalinismus abgewählt und gehörte 1963 zu den Mitbegründern des Comité International des Camps in Warschau, dessen Sekretär er in der Folgezeit war. Es gelang ihm, Zeugen für die Frankfurter Staatsanwaltschaft in Polen zu finden, und er hatte auch Verbindungen zu polnischen Juristen, obwohl in der Zeit des Kalten Krieges keine diplomatischen Beziehungen bestanden. Er trieb die Ermittlungen durch das IAK voran, konnte Zeugen in verschiedenen Ländern ausfindig machen und sie zu Aussagen für einen Prozess überreden.