Marianne Manasse (* 15. Mai 1911 in Breslau; † 15. Januar 1984 in Durham, North Carolina) war eine aus Deutschland emigrierte Kunsthistorikerin, Deutschlehrerin an einem Schwarzen College und Malerin.
Auf der Flucht vor den rassistischen Verfolgungen in Europa Marianne Manasse wurde in Breslau im Jahre 1911 geboren. Ihre Eltern waren Otto Bernhard und seine Frau Louise Lili (geborene Guttentag). Die Eltern zogen mit den Kindern nach Berlin, wo Marianne „lived there, except for brief study periods in France, Freiburg and Vienna, until Jews were no longer allowed to attend universities in Germany“.Die spärlichen biografischen Daten scheinen symptomatisch zu sein für Frauen an der Seite berühmterer Männer. Wie schon im Falle ihrer Schwester Gabrielle, die in erster Ehe mit dem Mathematiker Wolfgang Wasow verheiratet und später unter dem Namen Brill als Malerin recht erfolgreich und sozial sehr engagiert war, sind auch über Marianne Manasse kaum eigenständige Informationen vorhanden. Das Zitat hier stammt aus: Etwas differenzierter wird ihre Studienzeit und die erste Phase ihrer Emigration von Christoph E. Schweitzer dargestellt: „Because of Hitler’s rise to power she could not complete her studies in Germany. For a while her parents were able to support her while studying in France, but when that was no longer possible, Marianne returned to Berlin. From there she obtained a position at the Landschulheim as a teacher of French and art, and as counselor to female students.“Ernst Moritz Manasse: A Black College Welcomes a Refugee by Christoph E. Schweitzer Am hier angesprochenen Landschulheim Florenz war seit dem 1. November 1935 bereits ihr späterer Ehemann Ernst Moritz Manasse tätig und unterrichtete hier Latein und Griechisch, sowie Deutsch, Philosophie, Kunstgeschichte und Altertumskunde.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 570 Ob das „Frl. Bernhard“, wie Ernst Moritz Manasse sie noch in einem Brief vom 3. Mai 1936 an seinen Freund Paul Oskar Kristeller bezeichnet, bereits vor ihm an der Schule war oder erst Anfang 1936 dort hinkam, ist nicht klar. Doch scheint zwischen beiden schnell eine enge Verbindung entstanden zu sein, die vor allem für Ernst Moritz Manasse sehr hilfreich war: „Her natural talent as well as her pedagogical training helped her in these assignments, and she helped her husband with his approach to teaching on an elementary level for which his studies had not prepared him.“Ernst Moritz Manasse: A Black College Welcomes a Refugee by Christoph E. Schweitzer Ein Ehepaar, wie hier schon angedeutet, wurden die beiden am 21. Mai 1936, als sie in Florenz heirateten.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 573
Trotz der in dem zuvor schon erwähnten Brief an Kristeller angesprochenen Kontroversen mit dem Ehepaar KempnerRobert Kempner war zu dieser Zeit einer der Direktoren des Landschulheims, scheinen sich die Mannasses das Jahr 1936 über in Florenz und an der Schule recht wohl gefühlt zu haben. Allerdings suchte Ernst Moritz Manasse weiterhin nach beruflichen Alternativen, bevorzugt in den USA.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 573 1937 jedoch endete die Phase relativer Ruhe für die beiden: Sie hatten der Schulleitung im Frühjahr 1937 mitgeteilt, dass Marianne schwanger sei. Die Schulleitung kündigte ihr darauf sofort und schlug Manasse vor, wie früher wieder extern zu wohnen, aber weiterhin als Lehrer tätig zu bleiben. Die Situation eskalierte und zog auch Manasses Kündigung nach sich.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 574 Laut Ubbens habe die Begründung der Schulleitung für Marianne Manasses Kündigung gelautet, dass den Schülern eine schwangere Lehrerin nicht zugemutet werden könne.Irmtraud Ubbens: Das Landschulheim in Florenz. In: Kindheit und Jugend im Exil - Ein Generationenthema (= Exilforschung. Ein Internationales Jahrbuch, Band 24, S. 117ff). edition text + kritik, München, 2006, ISBN 3-88377-844-3, Seite 130ff Schweitzer stellt die Kündigung zusätzlich noch in den Kontext einer geänderten Schulpolitik durch das Direktorium des Landschulheims: „The directors at that time, who had turned the goals of the school away from the humanities toward pragmatic goals, used the news to dismiss her and, for all practical purposes, him too since his salary would not support a family of three.“Ernst Moritz Manasse: A Black College Welcomes a Refugee by Christoph E. Schweitzer
Auf die von den Manasses erhobene Klage wegen ihrer Kündigung reagierte Robert Kempner mit einer Diffamierungskampagne und hob die Verdienste der beiden Schuldirektoren (neben ihm noch Werner Peiser) für die Emigranten hervor, denen sie unterstellten, vielfach zu schwach für die eigene Existenzsicherung zu sein. Kempner scheute auch nicht davor zurück, die noch in Deutschland lebenden Eltern Bernhard in den Konflikt mit hinein zu ziehen, unterstellte erhebliche Mängel im schulischen Alltag, berief sich auf seine Erfahrungen in Personaldingen aufgrund seiner früheren Tätigkeit als preußischer Ministerialbeamter und drohte indirekt schlechte Arbeitszeugnisse an. Doch den juristischen Sieg trug mit Hilfe eines italienischen Anwalts das Ehepaar Manasse davon. Anfang November 1937, kurz vor der Geburt ihres Sohnes Georg, wurde ihnen eine Entschädigungszahlung zugestanden und die Schule stellte ihnen ein positives Arbeitszeugnis aus.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 574–576.
Vermutlich stand in dieser Situation tatsächlich die berufliche Zukunft von Ernst Moritz im Vordergrund, da Marianne zu der Zeit noch nicht auf ein abgeschlossenes Studium verweisen konnte. Es folgte ein weiteres Jahr Italien, das Ernst Moritz für Bewerbungen in England und den USA nutzte, und das ihnen auch einen Gefängnisaufenthalt bescherte: „Ernst, Marianne, and their three-month-old son George were put in prison in connection with Hitler’s visit to various Italian cities, among them Florence.“Ernst Moritz Manasse: A Black College Welcomes a Refugee by Christoph E. Schweitzer Im Juli 1938 verließen die Manasses Florenz und zogen nach Lana ins „Alpine Schulheim am Vigiljoch / Scuola alpine die Monte San Vigilio“, wo inzwischen Wolfgang Wasow, der ebenfalls im Streit mit Kempner das Landschulheim Florenz verlassen hatte, und Gabrielle Bernhard, Marianne Manasses Schwester, lebten und arbeiteten.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 580 Es war nur noch eine Zwischenstation vor der endgültigen Ausreise aus Europa: „Shortly afterwards, they were expelled from Italy altogether, and while Marianne and their son managed to get to Brazil, Ernst was able to obtain a visitor’s visa to the US with the help of an uncle who lived in Chicago.“Ernst Moritz Manasse: A Black College Welcomes a Refugee by Christoph E. Schweitzer
Ernst Moritz Manasse musste nach seiner Ankunft in den USA einige erfolglose Bewerbungen durchstehen, bevor er mit Hilfe seines Freundes Ernst Abrahamsohn am 26. September 1939 eine zunächst auf ein Jahr befristete Stelle als Instructor am „North Carolina College for Negroes“ (der heutigen North Carolina Central University, kurz NCCU) in Durham antreten konnte. Marianne Manasse hatte für sich und ihren Sohn am 17. Oktober 1938 ein Visum für Brasilien erhalten und konnte sich am darauffolgenden Tag von Livorno aus einschiffen.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 578–582. Sie reisten nach Rolândia, wo die Schwester von Ernst Moritz, Käte, und ihr Mann, Heinrich Kaphan, eine Kaffeeplantage betrieben. Auf dieser Plantage fand 1940 auch Manasses Mutter eine neue Heimat.Sylvia Asmus und Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern, S. 44
Zuflucht in den USA in einer Institution der Rassentrennung Mit seiner Anstellung in Durham hatte Ernst Moritz Manasse die Voraussetzungen geschaffen, dass seine Frau und sein Sohn Georg nachziehen konnten. Sie reisten im Dezember 1939 in die USA ein.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil, S. 590 Zwei Jahre später wird der zweite Sohn, Gabriel, geboren.Sylvia Asmus und Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern, S. 48 Im Herbst 1944 beantragte Ernst Moritz die amerikanische Staatsbürgerschaft.Sylvia Asmus und Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern, S. 49
Ernst Moritz Manasse war Angestellter eines „Black College“ geworden, geschaffen ausschließlich für schwarze Studenten und ohne Bezüge zur weißen Umwelt. Alleine in North Carolina gab es elf solcher Einrichtungen, wobei die NCCU, gegründet 1910, noch die jüngste davon war.Gabrielle Simon Edgcomb: From Swastika to Jim Crow, S. 33–34. Ernst Moritz Manasse hat in seinem Interview mit Edgcomb deutlich gemacht, was es heißt in einer Gesellschaft mit strikter Rassentrennung zu leben, und wo er und seine Familie, selber rassistisch Verfolgte, nun sich dem rassistischen Verfolgungswahn der weißen Mehrheitsgesellschaft zu widersetzten versuchten, die keine Kontakte zwischen Weißen und Schwarzen duldete. Sein Sohn hat dort ergänzt, wie gerade auch seine Mutter sich über den alltäglichen Rassismus hinwegzusetzen versuchte.
Dies geschah Ende der 1940er Jahre, Gabriel Manasse war zu dem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre alt, seine Mutter Ende dreißig. Für ihn zeigt dieses Ereignis:
Wenige Jahre vorher, am Sonntag, dem 12. März 1944, dem Jahr, in dem Ernst Moritz Manasse die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragte, fand in Durham ein denkwürdiges Ereignis statt: The Secret Game. Es war das erste gemischtrassische Basketballspiel im Süden der USA, und es fand unter strengster Geheimhaltung statt. Auf dem Platz standen sich zwei Mannschaften aus Durham gegenüber: das weiße Team der Duke University und das schwarze Team der North Carolina Central University. Erst am 31. März 1996 wurde dieses Spiel, das „has become symbolic of how resistance to Jim Crow occurred outside the traditional civil rights movement“, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Scott Ellsworth, ein Historiker und Duke-Absolvent schrieb darüber einen Artikel in der New York Times.. Link zum Original-Artikel: JIM CROW LOSES; The Secret Game In einem Artikel für das Campus Magazin „Duke Magazine“ geht Scott Ellsworth auf einige Randbedingungen dieses Spiels ein und berichtet:
Es ist nicht sicher, ob das Ehepaar Manasses zu den „counterparts at the North Carolina College“ gehörte oder anderweitig in einem direkten Bezug zu diesem historischen Basketballspiel gestanden hat. Fakt aber ist, dass Ellsworth ihnen mehrere Abschnitte in seinem Buch gewidmet hat. In einem Post des Leo-Baeck-Institute auf Facebook heißt es dazu: „Though not directly related to the 1944 basketball game that day, they were important figures in the movement towards integration in North Carolina and two chapters are devoted to discussing their roles and experiences in North Carolina at this time.“Backgroundplayer Diesem Post sind auch zwei Fotografien von Marianne und Ernst Moritz Manasse beigefügt.