mini|hochkant=1.4|Schloss Carrouges, Ansicht von Norden
Das Schloss Carrouges () ist ein Wasserschloss im französischen Département Orne. Die Anlage steht im Tal des Udon südlich des Ortes Carrouges und ist eines der größten Schlösser der Normandie. Gemeinsam mit seinem Park ist es seit dem 6. Dezember 1927 als Monument historique denkmalgeschützt.
Eine Vorgängeranlage zur Sicherung der Grenze des Herzogtums Normandie zum benachbarten Maine wurde zwischen dem 14. Jahrhundert und Ende des 16. Jahrhunderts durch den heutigen Komplex ersetzt. Dabei wurde zuerst ein von einer Ringmauer umgebener Donjon im 15. Jahrhundert durch einen Wohnbau (Logis) erweitert und diese Bauten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts um zwei weitere Flügel ergänzt. Das Schloss ist somit das Ergebnis diverser Umbauten und Veränderungen in verschiedenen Epochen, sein Äußeres bietet trotzdem ein erstaunlich einheitliches Bild.
Durch Heirat einer Erbtochter gelangte die Anlage 1438 an die Familie Blosset und von dieser ebenfalls durch Heirat 1540 an die Familie Le Veneur. Diese blieb fast 400 Jahre lang Eigentümerin, ehe sie das Schloss mit einem Großteil des Mobiliars 1936 an den französischen Staat verkaufte. Der machte die Anlage als Museum der Öffentlichkeit zugänglich und begann mit ihrer Restaurierung, die bis heute anhält.
Geschichte
Anfänge
Die erste Befestigung entstand als Höhenburg oberhalb einer normannischen Siedlung. Sie diente als Außenposten der normannischen Herzöge zur Sicherung ihrer Grenze zum benachbarten Maine, das seit dem frühen 12. Jahrhundert durch die Grafen von Anjou regiert wurde. Gemäß einer Legende erhielt die Anlage ihren Namen durch einen Ehebruch des Burgherrn. Dessen schwangere Frau soll aus Eifersucht die Geliebte ihres Mannes getötet haben, nicht wissend, dass diese eine Fee war. Die sterbende Fee schwor Rache, und am darauffolgenden Morgen fand die Burgherrin ihren Mann tot auf. Zugleich zeigte sich auf der Stirn der Witwe ein blutrotes Mal. Auch ihr Sohn Karl (Carle), der kurz darauf zur Welt kam, war mit einem solchen Mal gekennzeichnet, weswegen er () genannt wurde. Daraus soll sich der Name Carrouges entwickelt haben. Eine erste schriftliche Erwähnung fand das normannische Oppidum in der Historia Ecclesiastica des Ordericus Vitalis, als der Graf Gottfried V. von Anjou Carrouges belagerte, um es für sich in Besitz zu nehmen. Gottfried war nach dem Tod des normannischen Herzogs Heinrich Beauclerk durch seine Heirat mit dessen Erbtochter Matilda offiziell Heinrichs Nachfolger. Allerdings hatte sich Matildas Cousin Stephan mit Unterstützung vieler normannischer Barone der Normandie bemächtigt, und Gottfried versuchte deshalb, sein Anrecht mit militärischen Mitteln durchzusetzen.
Spätmittelalter
Jean IV. de Carrouges war ein Nachfahr von Roger, dem in einer Urkunde aus dem Jahr 1150 ersten namentlich erwähnten Seigneur von Carrouges. Er kämpfte im Hundertjährigen Krieg auf Seiten des französischen Königs Karl VI. gegen die Engländer. Als es diesen unter Heinrich V. von England aber gelang, die niedere Normandie einzunehmen, verlor Jeans Nachfolger Robert seinen Besitz, weil der englische König ihn konfiszieren ließ. Erst als der Herr von Carrouges Heinrich V. als seinen Landesherrn anerkannt hatte, erhielt er seine Burg zurück. Diese hatte wahrscheinlich Jean IV. schon im 14. Jahrhundert durch einen Neubau am heutigen Ort ersetzt. Um sich gegenüber der französischen Krone zu rehabilitieren, stellte Robert von ihm bezahlte Truppen in den Dienst des zukünftigen französischen Königs Karl VII. Als er 1424 in der Schlacht von Verneuil starb, hinterließ er seiner Erbtochter Jeanne eine Burganlage, die aus einem Donjon samt Ringmauer und daran anschließenden, weiteren Gebäuden bestand. Das damalige Areal hatte wahrscheinlich einen rechteckigen Grundriss und bedeckte etwa die Hälfte der heutigen Grundfläche.
Allmählicher Ausbau zum Schloss
mini|hochkant|Kardinal Jean Le Veneur ließ den Torbau errichten (posthumes Porträt des 17. Jahrhunderts)
Aus Jeannes Ehe mit Robert de Cagny ging eine Tochter hervor, die Carrouges 1438 durch ihre Heirat mit Guillaume Blosset an dessen Familie brachte. Ihr Sohn Jean war Seneschall der Normandie sowie Rat und Kammerherr des französischen Königs Ludwig XI. Gemeinsam mit seiner Frau Marie de Derval erweiterte er die bestehende Anlage, indem er dem Donjon ein Logis hinzufügte. Dieser Flügel wird entsprechend auch Blosset-Flügel () genannt. Außerdem veränderten sie das Aussehen des mittelalterlichen Wohnturms. Das Paar empfing auf ihrem erweiterten und von Wassergräben umgebenen Wohnsitz am 11. August 1473 ihren Monarchen, der sich zu jener Zeit auf einer Pilgerreise zum Kloster Mont-Saint-Michel befand. Ein nach ihm benanntes Zimmer erinnert noch heute an diesen Besuch. Weil Jean und Marie keine Kinder hatten, übertrug Jean seinen Besitz noch zu Lebzeiten seiner Schwester Marie. Diese heiratete 1540 Philippe Le Veneur, den Herrn von Tillières-sur-Avre, und brachte den Besitz an ihren Mann.
Erbe des Paars war der Sohn Jean Le Veneur, der eine kirchliche Laufbahn einschlug. Er war erst Kommendatarabt von Mont-Saint-Michel, dann ab 1505 Bischof von Lisieux. 1526 wurde er unter Franz I., dessen Vertrauter und Berater er war, Großalmosenier des Königs, ehe ihm 1533 der Kardinalstitel verliehen wurde. Er ließ zwischen 1505 und 1533 an der Nordseite der Anlage einen dreigeschossigen Torbau () errichten, der zu den frühesten Renaissancebauwerken in der Normandie gehört. Bei seinem Tod am 7. August 1543 hinterließ er Carrouges seinem Neffen Jean (IX.), einem Sohn seines 1502 verstorbenen Bruders François aus dessen 1482 geschlossener Ehe mit Marie de Hellande. Vermutlich erbaute dieser unter Verwendung von Resten der ehemaligen Ringmauer den kurzen Verbindungsflügel zwischen Donjon und Logis.
Jeans ältester Sohn folgte seinem Vater als Seigneur von Carrouges nach, überließ aber Schloss und Herrschaft seinem jüngeren Bruder Tanneguy I., dem Lieutenant général der Normandie und Baillie von Rouen. Unter ihm wurde Carrouges 1565 zur Grafschaft erhoben. 1570 empfing Tanneguy I. Katharina von Medici und den französischen Hof auf seinem Schloss. Um 1575 begann er wahrscheinlich mit einer Erweiterung der Anlage durch den Bau des sogenannten Galerieflügels () im Südwesten und des Flügels der Großen Appartements () an der Südostseite. Mit den Entwürfen dazu war François Gabriel beauftragt, Vorfahr des berühmten Architekten Ange-Jacques Gabriel. Die Hoffassade des Logis wurde im gleichen Zuge etwas überarbeitet, um sie an die neuen Flügel anzupassen. Zwei neue, monumentale Treppenhäuser in der Ost- und Südecke des Schlosses wurden 1579 fertiggestellt und verbanden die neuen Trakte miteinander. Die Treppen waren die ersten ihrer Bauart im Norden Frankreichs.
Frühe Neuzeit
mini|Schloss Carrouges auf einer Karte aus dem Jahr 1711
Aus Tanneguys Ehe mit Madelaine de Pompadour entsprang der Erbe Jacques, über den Schloss und Grafschaft an dessen ältesten Sohn Tanneguy II. kamen. Dieser war unter dem französischen König Ludwig XIII. Botschafter am englischen Königshof und verhandelte die Heirat von Ludwigs Schwester Henrietta mit dem englischen König Karl I. 1608 hatte er Catherine de Bassompierre, Schwester des Marschalls von Frankreich François de Bassompierre, geheiratet. Dies wurde ihm zum Verhängnis, als der Marschall wegen seiner Opposition zum mächtigen Kardinal Richelieu verhaftet wurde. Mit ihm fiel auch Tanneguy II. in Ungnade und musste sich auf sein Schloss in Tillières zurückziehen. Damit begann ein allmählicher Abstieg der Familie le Veneur. Spätestens 1643 übergab Tanneguy II. das Schloss seinem Bruder Jacques, dem Kommendatarabt von Silly-en-Gouffern. Dieser ließ die Innenräume zwischen 1637 und 1653 nach Plänen Maurice Gabriels, des Enkels François Gabriels, umfassend umgestalten und mit wertvollen Möbeln und Gemälden ausstatten. Unter den von ihm angeschafften Kunstwerken waren zum Beispiel Gemälde von Guido Reni und Giovanni Francesco Barbieri. Aber auch die äußere Erscheinung der Anlage ließ Jacques verändern, indem Rasenflächen und eine große Gartenterrasse angelegt wurden. Zusätzlich initiierte er den Bau einer privaten Kapelle, die der nahe gelegenen Kirche angefügt und im Februar 1647 fertiggestellt wurde. Für die Planung engagierte er Maurice Gabriel. Der Vertrag dazu stammt vom 4. Oktober 1642. Die Modernisierungs- und Umbauarbeiten am Schloss Carrouges hielten bis zu Jacques Tod im Jahr 1653 an. Sein Neffe und Erbe Henry Le Veneur führte die Arbeiten aber nicht weiter fort, sondern ließ die Anlage – ebenso wie sein Sohn und Nachfolger François – vollständig unverändert. Unter François Le Veneur war es um die Finanzen der Familie alles andere als gut bestellt. Der Schlossherr sah sich sogar außer Stande, seine sechs Töchter mit einer angemessenen Mitgift auszustatten, und schickte sie deshalb alle in ein Kloster nach Alençon.
Neue Blüte
Unter Françoisʼ Sohn Tanneguy III. stieg das Ansehen der Familie allmählich wieder, und seine Tochter Anne Gabrielle heiratete 1725 mit Alexis de Châtillon in zweiter Ehe sogar einen Pair von Frankreich.
mini|hochkant|Alexis Le Veneur ließ Carrouges umfassend verändern; Porträt um 1830
Der Sohn Tanneguys III., Jacques Tanneguy IV., heiratete Michelle Julie Françoise Bouchard dʼEsparbès de Lussan. Das Paar nutzte das Schloss Carrouges nicht, denn es wohnte entweder in ihrem Hôtel particulier in Paris oder auf dem Familienschloss in Tillières. Der Ehe entstammten zwei Söhne. Der älteste, Tanneguy V., erhielt als Erbe die Grafschaft Tillières, während Carrouges 1777 an den jüngeren Alexis Paul Michel kam. Dieser hatte eine militärische Laufbahn eingeschlagen und wurde 1788 zum Maréchal de camp befördert. Er ließ das Schloss weitreichend verändern. Das Hauptportal wurde im klassizistischen Stil umgebaut und die alte Zugbrücke nach 1808 durch eine gemauerte Bogenbrücke ersetzt. Außerdem ließ Alexis das zweite Obergeschoss des Südwestflügels mit der namensgebenden Galerie abreißen, um im ersten Geschoss einen hohen Festsaal einrichten zu lassen. Außerdem plante der General, den Logisflügel zu verändern und dessen Außenfassade zu einer prächtigen Schaufassade umzugestalten. Dort war ein neuer monumentaler Haupteingang vorgesehen, für den 1793 ein mittig stehender zuvor vorhandener kleiner Turm mit Kapelle niedergelegt wurde. Auch das Umfeld des Schlosses wurde umgestaltet: Den Hausteich im Südwesten ließ Alexis 1778 trockenlegen und rund um das Schloss einen Landschaftsgarten anlegen. All dies war ihm jedoch nur möglich, weil er während der Französischen Revolution dank der Fürsprache seines bürgerlichen Adjutanten Lazare Hoche, des Sohns eines Jagdhüters aus der Grafschaft Tillières, der Guillotine entging. Bei seinem Tod 1833 hinterließ er das Anwesen seinem Sohn Alexis Louis Jacques Tanneguy VI. Noch zehn Jahre zuvor waren viel Mobiliar und zahlreiche Gemälde aus dem Schloss Tillières nach Carrouges geholt worden, ehe die Anlage in Tillières an die , eine Gruppe von Immobilienspekulanten, verkauft wurde. Tanneguy VI. lebte mit seiner Frau Alexandrine Bibienne Felicité de Jupilles, den sechs gemeinsamen Kindern und der Familie seiner Ehefrau in Schloss, was zahlreiche Veränderungen im Inneren nach sich zog. Vor allem wurden viele kleine Räume in den Dachgeschossen eingerichtet. Als der Erstgeborene des Paars, Alexandre Charles Michel Tanneguy VII., Schlossherr geworden war, erhielt der große Salon im Flügel der Großen Appartements sein heutiges Aussehen.
Staatseigentum