Das Handbuch der Inquisitoren () ist ein Roman des portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes, der 1996 im Verlag Dom Quixoteport. Publicações Dom Quixote in Lissabon erschien.
In krassen Zerrbildern wird die Zeit der Herrschaft Salazars und auch seines Nachfolgers Caetano an den Pranger gestellt.
Überblick Antunes erteilt in 29 Kapiteln 19 Ich-Erzählern das Wort. Die Erzählsequenz erweist sich als nichtchronologisch. Die Kapitel, abwechselnd mit Bericht oder Kommentar überschrieben, geben dem Leser Rätsel auf. Deren hauptsächlichstes wird sukzessive gelöst: Francisco, der Herr Doktor oder auch der Minister genannt, war bis 1968 die rechte Hand Salazars und hat Isabel geliebt. Kapitel Seite Titel Erzähler Anmerkung 7 Erster Bericht 1 9 Bericht Joaõ Sohn Franciscos 2 27 Kommentar Odete Tochter des Hausmeisters auf Franciscos Landgut, wird von Francisco sexuell missbraucht 3 47 Bericht Joaõ 4 67 Kommentar Sofia Joaõs Ehefrau und Nichte Onkel Dagoberts 5 88 Bericht Joaõ 6 103 Kommentar Onkel Dagobert Oberhaupt von Sofias Familie 123 Zweiter Bericht 7 125 Bericht Albertina, auch Titina Joaõs Kindermädchen, später Hausdame bei Francisco 8 135 Kommentar Köchin bei Francisco, wird von diesem sexuell missbraucht, Paulas Mutter 9 148 Bericht Albertina 10 164 Kommentar Luis Veterinär, wird von Francisco zu Paulas Entbindung gerufen 11 178 Bericht Albertina 12 194 Kommentar Lina Beschäftigungstherapeutin in der Misericórdia von Alverca, in der Albertina ihren Lebensabend verbringt; Tânias Mutter; Joaõs neue Lebensgefährtin 209 Dritter Bericht 13 211 Bericht Paula Uneheliche Tochter der Köchin und Franciscos, Joaõs Halbschwester 14 229 Kommentar Alice Patin Paulas 15 244 Bericht Paula 16 258 Kommentar Romeu Arbeitskollege Paulas, Sohn der Dona Olga 17 277 Bericht Paula 18 294 Kommentar César Ehemann von Adelaide, hat ein Verhältnis mit Paula 307 Vierter Bericht 19 309 Bericht Milá Geliebte Franciscos, erinnert ihn an seine Exfrau Isabel 20 325 Kommentar Dona Dores Milás Mutter 21 340 Bericht Milá 22 350 Kommentar Leandro Vargas Portier des Hauses in der Rua Castilho, in der Francisco eine große Wohnung für Dores und Milá mietet 23 362 Bericht Milá 24 378 Kommentar Tomás Feldwebel, Fahrer Franciscos im Vierten Bericht, am Mordanschlag auf den General (wohl Humberto Delgado) beteiligt 393 Fünfter Bericht 25 395 Bericht Francisco, auch Herr Doktor, auch der Minister 26 408 Kommentar Martins Cousin der Apothekerin 27 416 Bericht Francisco 28 432 Kommentar Isabel Franciscos Ehefrau 29 444 Bericht Francisco
Form Die oben genannten 19 Erzähler werden von einem – nennen wir ihn in Anlehnung an den Romantitel – anonymen Inquisitor ins Gebet genommen. In den Anmerkungen 4, 5 sowie 8 bis 12 dieses Artikels (siehe unten) sind wörtliche Reden einiger der Erzähler, gerichtet an den Inquisitor, zitiert. Manche Regel der Rechtschreibung ist außer Kraft gesetzt. Zum Beispiel wird die wörtliche Rede eigenartig interpungiert. Nach einem Absatz wird sie mit einem Gedankenstrich eingeleitet und andere Apostrophierung wird weggelassen.
Der Text enthält äußerliche Merkwürdigkeiten. Antunes hat sich nicht die Mühe gemacht, den Bewusstseinsstrom sämtlicher 19 Erzähler, die doch unterschiedlichsten portugiesischen Bildungsschichten angehören, irgendwie voneinander zu unterscheiden. Alle neunzehn leiden anscheinend an derselben Sprechstörung. Sie reden wie Antunes.
Trotzdem ist summa summarum ganz große Weltliteratur herausgekommen. Der Leser, der sich nach den ersten Kapiteln eingelesen hat, bleibt am Ball, weil er stets auf Neues aus ist. Genauer – der Leser fragt: Wird im nächsten oder im übernächsten Kapitel etwas zu der besprochenen Figur und ihren Beweggründen ausgesagt werden?
Zum oben erwähnten Einlesen: Der Leser ahnt erst nach ein paar Kapiteln – es liegt ein polyphones, sprich neunzehnstimmiges Konzert, vor. Und zu der ebenfalls oben genannten ständig geschürten Lesererwartung: Bereits im ersten Kapitel mischt Antunes kunterbunt banale Handlung mit bedeutsamen Mitteilungen. Letztere überliest der ahnungslose Leser zunächst sämtlich. Zum Beispiel vom Protagonisten wird der Vorname Francisco verraten. Dessen Titulierung mit Doktor und Minister folgt später.
Bei aller teilweise schwindelnder Höhe des Vortrags der unter barocken Äußerlichkeiten verschütteten innersten – kolonialpolitisch motivierten – Romanfabel wird der Leser zwischen Bewunderung und schroffer Ablehnung hin- und hergerissen. Zum Beispiel erregen gebetsmühlenartige Repetitionen, also wortwörtliche Wiederholungen ganzer Satzteile, über den gesamten Text hinweg beharrlich durchgehalten, schließlich doch den Widerwillen des Lesers.
Eine strenge Form liegt – wie oben skizziert – keinesfalls vor. Zum Beispiel gegen Ende des 12. Kapitels lässt Lina übergangslos Joaõ ein Stückchen erzählen.Verwendete Ausgabe, S. 205, 10. Z.v.o. ff.
Inhalt Erster Bericht
Joaõ, der Sohn Isabels, ist überhaupt nicht nach seinem Vater, dem Herrn Minister, geraten. 1 Der in der obigen Tabelle unter dem ersten Kapitel in der Erzählerspalte aufgeführte Name Joaõ wird erst weiter hinten im Text eingeführt. Verwenden wir ihn der leichteren Lesbarkeit halber schon jetzt. Joaõs erwachsene Tochter hat dem Vater einen schandteuren Scheidungsanwalt besorgt. Der heißt dem Herrn Ingenieur, wie Joaõ zunächst gerufen wird, vor dem Richter in Lissabon Stillschweigen. Die Nennungen „erwachsene Tochter“ Joaõs sowie sein Verweis auf die längst abgelaufene Zeit seines Vaters Francisco, eines notorischen Kommunistenhassers, lassen gleich eingangs erahnen: Der anonyme Inquisitor fragt nach Ereignissen, die Jahrzehnte zurückliegen. Genauer – die Zeit von Joaõs Vater ist 1968 abgelaufen. In dem Jahr hatte Salazar seinen Schlaganfall. Eine zweite bedeutsame Zeitmarke ist der 25. April 1974: Der Estado Novo Salazars wurde durch die Dritte Portugiesische Republik abgelöst.
Zur Handlung des ersten Kapitels zurückkehrend, muss noch gesagt werden, Joaõ kämpft überhaupt nicht um sein Erbteil, das Landgut seines irren, kranken Vaters in Palmela am Fuße des Arrábida-Gebirgesport. Serra da Arrábida, sondern gewährt den besitzgierigen angeheirateten Verwandten vor dem Richterstuhl eine Hypothek auf das verwahrlosteVerwendete Ausgabe, S. 51, 6. Z.v.u. Anwesen im Distrikt Setúbal. In der Hinsicht erweisen sich auch die portugiesischen Kommunisten nicht als die Todfeinde des Vaters, sondern eher die gutbürgerliche Verwandtschaft. 2 Odete erzählt aus den Zeiten vor 1968: Manchmal suchte Professor Salazar das Landgut ihres Patrons, wie sie Joaõs Vater nennt, auf, schaute sich die Blumenbeete an, kümmerte sich wenig um seinen motorisierten Begleitschutz von der Guarda Republicana, verschwand dann im Haus und beriet sich darin mit dem Patron über Minister, Abgeordnete und die afrikanischen Kolonien.
Einmal, als Odete die Kühe im Stall versorgte, stellte der Patron, der reich war, der ein Minister war, der mit der Köchin schlief, ihr mit offenem Gürtel nach, hielt ihre Taille mit seinen Schenkeln fest, befahl ihr Stillhalten und entjungferte sie im Stehen.Verwendete Ausgabe, S. 43, 2. Z.v.u. Darauf ließ er sie los. Odete schüttelte sich und war über das Versiegen der Blutung erleichtert. 3 Joaõ besucht seinen pflegebedürftigen Vater – nicht vor 1975Verwendete Ausgabe, S. 51, 7. Z.v.u. – in der Klinik in Alvalade. Der Kranke, inmitten hunderter von Greisen, hat eine Thrombose und Probleme beim Wasserlassen. Respektlos registriert der Sohn, der vom Klinikpersonal mit Herr Ingenieur angesprochen wird, das unübersehbare Elend. Der Vater sei „zu einer unbrauchbaren Kasperpuppe“Verwendete Ausgabe, S. 50, 11. Z.v.u. mutiert. Immerhin fordert das menschliche Wrack den Sohn auf, die ebenfalls im Zimmer anwesende Schwester zu begrüßen. Widerstand regt sich im Herrn Ingenieur. Er sieht sich als Einzelkind. Aber da drängen aus Joaõs Gedächtnis Bilder hervor: Der Vater jagt seine Ehefrau Isabel zum Teufel. Joaõs leibliche Mutter verlässt unter „Kampfgeräuschen“Verwendete Ausgabe, S. 61, 7. Z.v.u. kofferbepackt das Landgut. Joaõ bleibt bei seinem Kindermädchen Titina im Landgut zurück.
Wer soll die Mutter seiner Schwester gewesen sein? Eine der Friseusen, eine der Kosmetikerinnen, eine der Schneiderinnen oder irgendeine Putzfrau? Wieder ist ihm eine Bilderfolge aus dem Gedächtnis behilflich. Der Vater befiehlt die Köchin wortlos mit einem Fingerzeig heran und packt sie am Nacken. Nun liegt die Köchin mit der Brust auf dem Tisch und der Vater paart sich mit der Frau stehend von hinten.Verwendete Ausgabe, S. 60–61 4 Die Erzählerin Sofia geht mit ihrem ehemaligen Ehemann Joaõ konform, wenn sie das Verhalten ihres ehemaligen Schwiegervaters Francisco nach der Revolution beschreibt: Auf jeden Kommunisten, der sein Anwesen beträte, wollte er schießen.
Von ihrem ehemaligen Schwiegervater, diesem neureichen Bauern, hält Sofia wenig. Zumal da er sie ein „Klappergestell“ geschimpft hatte. Und überhaupt – die Ehe mit Joaõ war ein Irrtum. Darin ist sie sich mit ihren Verwandten, die den reichen Portugiesen zugezählt werden müssen, einig. Nach Ausbruch der Revolution – in der Mai-Hitze – waren weibliche Mitglieder von Sofias Familie mit mehreren Pelzmänteln übereinander angezogen und mit übermäßig beringten Fingern geflohen. Doch Sofias Onkel und Vettern wurden von den Kommunisten zeitweise nach Caxias und Peniche verschleppt. Joaõ, diesen Spitzbuben, diesen zerlumpten Kommunisten, diesen Russen und BolschewikenVerwendete Ausgabe, S. 81, 4. Z.v.u., hatte das nicht gekümmert.
Jedenfalls hatte Joaõ nichts von Sofia gewollt. Also war es keine Liebe gewesen, sondern eben ein Irrtum. 5 Joaõ repariert auf seinem ererbten Landgut ein Boot, obwohl in der Nähe gar kein „schiffbares“ Gewässer liegt. Er hatte sich die Übernahme des Besitzes durch die Brüder Sofias etwa so vorgestellt: Diese besitzgierigen Burschen rücken an. Joaõ soll nun auf Befehl seines Vaters, der in der Klinik liegt, das Feuer auf die Angreifer eröffnen. Aber Joaõ legt auf Besitz keinen Wert. Es kommt auch anders. Statt der stämmigen Gebrüder erscheint ein verhutzeltes Männlein auf der Bildfläche, das sich als Vollstreckungsbeamter, vom Gericht vorgeschickt, entpuppt und von Joaõ Unterschriften verlangt.
Joaõ erinnert sich an seinen Vater. Der Herr Doktor koitiert in diesen Retrospektiven mit einer Frau nach der anderen – immer auf ähnliche, oben angedeutete Weise: Er packt die Frau im Nacken, drückt ihren Oberkörper auf einen Tisch, spreizt ihr mit der Schuhspitze die Knie und so fort. Als Betroffene werden diesmal das aktuell jüngste Dienstmädchen, die Frau eines Hauptmanns und natürlich die Köchin erwähnt. Dann gibt sich der Herr Doktor noch mit der Apothekerswitwe ab. 6 Sofias 77-jähriger Onkel Dagobert und die männlichen Mitglieder seiner Sippe mussten nach der Revolution in den oben genannten Gefängnissen einiges über sich ergehen lassen. Die Schweizer Nummernkonten haben Dagobert und die Seinen bei den Verhören im Gefängnis selbstverständlich für sich behalten. Dagobert versteht die Sieger nicht. Er habe die Arbeiterklasse nie ausgebeutet. Im Gegenteil – er habe stets ein Herz für die Armen gezeigt.
Diesen einfältigen Joaõ, den Sohn dieses Kleinbürgers, habe er als Strohmann bei seinen windigen Finanzmanipulationen mit Erfolg eingesetzt und ihm seinen riesigenVerwendete Ausgabe, S. 110, 15. Z.v.u. Landbesitz abgeluchst. Dagobert versteht sich als alleiniger Besitzer der ergaunerten Ländereien.
Zweiter Bericht
Albertina opfert sich für den Herrn Doktor jahrelang auf und wird zum Dank letztendlich von ihm vertrieben. 7