Der kostenfreie Nahverkehr für alle Menschen oder bestimmte Personengruppen oder zu bestimmten Zeiten ist eine Alternative im öffentlichen Personenverkehr zum Transport per Tarifsystem mit einem Sortiment darauf aufbauender Fahrkartenarten. Ein Hintergrund ist die Idee vom Recht auf Mobilität.
Konzept Für die Fahrt ist kein Fahrpreis zu entrichten. Die Fahrt ist jedoch nicht immer fahrscheinfrei – beispielhaft genannt sei Tallinn, dessen Einwohner den dortigen ÖPNV zwar kostenfrei nutzen können, sich dafür aber zuvor eine elektronische Karte besorgen müssen. In vielen Städten finden sich auch partielle Realisierungen eines kostenfreien Nahverkehrs, das heißt, dieser gilt nur für bestimmte Verkehrsarten, Linien, Betriebszeiten (in Deutschland oft an Samstagen) oder Personengruppen, wie beispielsweise Schwerbehinderte mit bestimmten Merkzeichen (in Deutschland bundesweit durch die unentgeltliche Beförderung), Senioren, Veteranen oder Kinder. Oft gibt es auch eine Beschränkung auf Einwohner der jeweiligen Gemeinde. Realisierbar ist dies, da Ticketerlöse nur einen Teil der tatsächlichen Kosten widerspiegeln, sowie unter der Bereitschaft, gesamtgesellschaftliche Nutzeneffekte höher zu gewichten. Auch der Autoverkehr arbeitet nicht kostendeckend und muss laut Verkehrsclub Deutschland aus allgemeinen Mitteln mit jährlich rund 150 Euro pro Person subventioniert werden.
Geschichte Die Idee eines kostenfreien Nahverkehrs wurde erstmals in den 1970er Jahren formuliert.Hans-Heinrich Bass: Verkehrspolitik unter dem Druck der Straße, in: Werkstatt Geschichte, hrsg. vom Verein für kritische Geschichtsschreibung e.V., Nr. 61: „geschichte und kritik“, 2013, S. 49–64. Der Schriftsteller Josef Reding forderte bereits 1971: „Ein großflächiger Verkehrsverbund mit einheitlichem Niedrig- oder Nulltarif wäre die Lösung des Nahverkehrsproblems der Städte. Dem Menschen in den Ballungsräumen muß eine preismäßig erschwingliche Transportmöglichkeit als Grundrecht zugestanden werden.“Josef Reding, „‚Roter Punkt‘ und der Nahverkehr“, in: Welt der Arbeit, Nr. 15, 9. April 1971, S. 9, zitiert in: Hans-Heinrich Bass: Verkehrspolitik unter dem Druck der Straße, in: Werkstatt Geschichte, hrsg. vom Verein für kritische Geschichtsschreibung e.V., Nr. 61: „geschichte und kritik“, 2013, S. 53.
Udo Becker, Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden, ist sich sicher, dass heutzutage „jeder Professor in Deutschland den Nulltarif theoretisch für eine gute Idee hält“.
Ende Februar 2020 führte Luxemburg als erstes Land der Welt einen kostenlosen Nahverkehr ein. Seit Oktober 2022 ist auch in Malta der ÖPNV kostenlos. Seit 2025 ist der Nahverkehr in Belgrad (1,4 Millionen Einwohner) kostenlos. Auch in den USA gibt es zahlreiche Großstädte mit kostenlosem ÖPNV, etwa Albuquerque und Tucson.
Vorteile Ökonomische Aspekte ergeben sich aus einer direkten Einsparung komplexer Ticket- und Tarifsysteminfrastrukturen und damit betrauter Personenkreise (Konzeption, Verkauf, Wartung, Kontrolle). Eine verbesserte Auslastung der Verkehrskapazität führt aufgrund der degressiven Grenzkosten zu einem effizienteren Betrieb und zu niedrigeren Beförderungskosten pro Fahrgast. Mehr städtische Besucher mit in Folge steigenden Einzelhandelsumsätzen können zusätzliche kommunale Einnahmen generieren.
Umwelt-Aspekte ergeben sich aus dem Rückgang des motorisierten Individualverkehrs: Verkehrsberuhigung, CO₂-Klimabilanz (Verkehr ist der einzige Sektor, der seine Emissionen seit 1990 nicht mindern konnte), Verkehrsunfallbilanz, Einhaltung der Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub.
Soziale Aspekte sind ein Zugewinn an Lebensqualität und eine flexiblere und breitere Mobilitäts-Teilhabe.
Risiken Steigende Fahrgastzahlen können Investitionen in den Linienausbau notwendig machen. Der Umstieg von Autofahrern erfolgt nicht immer in der prognostizierten Höhe, umgekehrt kann ein zu starker Zuspruch eine Kofinanzierung über z. B. City-Maut oder Parkplatzgebühren unterminieren. Vermehrt Kurzstreckenfahrgäste Umstiegseffekte aus der an sich erwünschten Gruppe der Fußgänger und Radfahrer Ein kostenloser ÖPNV kann keine zeitliche Verschiebung von Verkehren aus der Spitzenlastzeit in Schwachlastzeiten leisten.
Finanzierung Fahrpreisbehafteter öffentlicher Personennahverkehr arbeitet normalerweise nicht kostendeckend und muss zum überwiegenden Teil quersubventioniert werden. In kleinen, wenig frequentierten Städten, beispielsweise in Lübben und dem weitflächigen Templin, kann der Zuschussanteil bei über 80 % liegen, in Metropolen wie Berlin bei rund 50 %. Insgesamt lag 2008 die Subventionsquote bei 63 %, während 37 % der Gesamtsumme nutzerfinanziert waren (Ticketerlöse) – dies entspricht 9 der 25 Milliarden Euro Gesamtkosten.
Der kostenfreie Nahverkehr erfolgt zu 100 % umlagefinanziert. Dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen zufolge würde eine bundesweite Umsetzung mindestens 12 Milliarden Euro erfordern.
Bei gesamtheitlicher Betrachtung ergeben sich finanzielle Nutzeneffekte, die nicht immer direkt quantifizierbar sind, wie Standortqualität, Attraktivitäts- und Imagegewinn. Eine verbesserte ÖPNV-Anbindung etwa führt zur Wertsteigerung der Grundstücke. Dagegen summiert sich allein in Berlin der volkswirtschaftliche Schaden durch Verkehrsunfälle auf jährlich 1,1 Milliarden Euro.
Zu den Nutzeffekten eines kostenfreien ÖPNV gehört auch die Vermeidung von Haftkosten, die im Rahmen der Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen wegen Beförderungserschleichung anfallen.
Situation nach Ländern
Hinweis: Die freie Beförderung von Kindern unter 6 Jahren wird in den einzelnen Abschnitten nicht erwähnt, da sie fast überall die Regel ist. In einigen aufgeführten Ländern (etwa Kroatien und Ungarn) ist auch der Fernverkehr für bestimmte Personengruppen kostenlos.
Ägypten
Senioren ab 70 Jahren können seit dem 15. Oktober 2020 den öffentlichen Nah- und Fernverkehr gratis nutzen.
Australien Adelaide, 1.368.000 Einwohner: 4 Buslinien können gratis benutzt werden, außerdem die Strassenbahn innerhalb der Free Tram Zone. Inhaber einer South Australian Seniors Card fahren gratis. Die Karte erhalten Einwohner von South Australia, die mindestens 60 Jahre alt sind und nicht mehr als 20 Stunden in der Woche arbeiten. Australian Capital Territory, 470.000 Einwohner: Inhaber einer ACT Seniors Card haben ab 60 Jahren freie Fahrt (an Werktagen nur außerhalb der Hauptverkehrszeiten), ab 70 Jahren rund um die Uhr. Die Voraussetzung für die ACT Seniors Card ist neben der Erreichung der Altersgrenze ein Wohnsitz im Australian Capital Territory und dass nur max. 20 Stunden pro Woche gearbeitet wird. Brisbane, 2.288.000 Einwohner: Diverse Gratisbusse: City Loop, Spring Hill Loop und South Brisbane Loop. Auch die CityHopper-Fähre ist kostenlos. Canberra, 453.000 Einwohner: Der kostenlose Bus Free City Loop fährt Montag bis Freitag im 10-Minuten-Takt durch die Innenstadt Canberras. Melbourne, 4.725.000 Einwohner: City Circle tram und der Tram-Verkehr zwischen allen Haltestellen auf und innerhalb ihrer Streckenführung (sowie einige weitere Haltestellen außerhalb) unabhängig von der Linie (Free Tram Zone). Northern Territory: Kostenloser Busverkehr in den Städten des Northern Territory seit Oktober 2022. Dies wird noch bis Januar 2027 gelten. Inhaber einer NT Seniors Card fahren gratis in den Bussen in Darwin und Alice Springs. Die Karte kann jeder Resident ab 60 Jahren erhalten. Perth, 2.086.000 Einwohner: In Perth gibt es eine Free Transit Zone, in der Busse ohne Fahrschein benutzt werden können. Inhaber einer SmartRider-Card können in dieser Zone auch Züge gratis benutzen. Queensland 5.248.000 Einwohner: Der öffentliche Nahverkehr ist seit dem 5. August 2024 für symbolische 0,50 AUD (30 Cent) nutzbar, unabhängig von der Strecke und dem Verkehrsmittel. Dies galt zunächst für 6 Monate. Später wurde entschieden, den symbolischen Preis dauerhaft beizubehalten. Tasmanien, 532.000 Einwohner: Freier ÖPNV von Ende März 2026 bis Ende Juni 2026, um die Folgen der Benzinpreiskrise infolge des Irankriegs 2026 abzumildern. Im Mai 2026 wurde bekanntgegeben, dass Fähren und Busse Tasmaniens bis Mitte 2027 kostenlos bleiben. Victoria (Australien), 6.649.000 Einwohner: Seit 2026 freie Beförderung für Personen unter 18 Jahren. Seit 2026 freie Beförderung von Inhabern der Victorian Seniors Card an Wochenenden. Die Karte wird an Bewohner Victorias ausgegeben, die mindestens 60 Jahre alt sind und maximal 35 Wochenstunden arbeiten. Western Australia: Kostenfreie Beförderung für alle an Sonntagen seit 4. Februar 2024. Außerdem kostenfreie Beförderung von Schülern von und zur Schule. Senioren haben mit der WA Senior Card freie Fahrt in Western Australia, an Werktagen jedoch nur außerhalb der Hauptverkehrszeiten. Für den Erhalt der Karte wird vorausgesetzt, dass man in Western Australia lebt, mindestens 65 Jahre alt ist und max. 25 Stunden in der Woche arbeitet.
Bangladesh
Freie Beförderung von Senioren ab 65 Jahren in der Eisenbahn.
Barbados
Einwohner ab 65 Jahren haben seit Oktober 2023 freie Fahrt.
Belgien Bei der belgischen Bahngesellschaft SNCB werden bis zu 4 Kinder (bis zu 11 Jahren) in Begleitung eines Erwachsenen gratis befördert.belgiantrain.be
Brügge, 119.000 Einwohner: Täglich zwischen 7:00 und 19:00 Uhr verkehrt ein Shuttlebus zwischen Bahnhof und Innenstadt. Dieser ist für Einwohner von Brügge und generell für Personen ab 65 Jahren gratis. Gent, 265.000 Einwohner: Freie Fahrt für Kinder von 6 bis 14 Jahren mit namensgebundener MOBIB-Karte. Ab September 2026 wird die Freifahrt auf 15- bis 18-Jährige ausgedehnt. Hasselt, Belgien, 80.000 Einwohner, seit 1997. Die Kostenfreiheit wurde 2014 auf Personen bis zum Alter von 19 Jahren und ab 65 Jahren beschränkt. Erwachsene zahlen ein geringes Entgelt (60 Cent). Der Verkehrsbetrieb für die Region Brüssel, Société des Transports Intercommunaux de Bruxelles/Maatschappij voor het Intercommunaal Vervoer te Brussel, hat 2020 angekündigt, ab September 2021 alle Personen unter 25 Jahren gratis zu befördern. Letztlich wurde dies nicht umgesetzt, aber es wurden sehr billige Jahreskarten für die Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren eingeführt (12 Euro/Jahr). Auch in Brüssel lebende Senioren ab 65 Jahren fahren seit Juli 2023 für den symbolischen Preis von 12 Euro im Jahr. 6- bis 11-Jährige fahren mit einer namensgebundenen MOBIB-Karte kostenlos. Wallonische Region, 3.662.000 Einwohner: Beim Nahverkehrsanbieter der wallonischen Region, Transport en Commun, fahren 6- bis 11-Jährige mit einer namensgebundenen MOBIB-Karte kostenlos. 18- bis 24-Jährige sowie Personen ab 65 können für den symbolischen Preis von 12 € ein Jahresabonnement erwerben. Auch hierfür wird eine namensgebundene MOBIB-Karte benötigt (Preis 5 Euro, 5 Jahre Gültigkeit). Bosnien und Herzegowina
Banja Luka, 184.000 Einwohner: Seit Mai 2024 kostenlose ÖPNV-Karten für Rentner und Personen ab 65 Jahren. Sarajevo, 291.000 Einwohner: Alle Schüler und Studenten werden seit Mai 2023 gratis befördert. Der Anfang 2024 eingeführte Nachtverkehr ist kostenlos.
Brasilien
Gemäß Artikel 230 der brasilianischen Verfassung haben Personen ab 65 Jahren das Recht auf kostenlose Nutzung des ÖPNV. 2024 wurde dieses Recht auf Personen von 60 bis 64 Jahren ausgeweitet, die nicht mehr als den doppelten Mindestlohn im Monat erhalten. Der Mindestlohn liegt 2024 bei ca. 404 Euro. Caucaia, 389.000 Einwohner: Kostenloser ÖPNV seit 2021. Maricá, 161.000 Einwohner: Die Gemeinde betreibt seit 2015 einen eigenen öffentlichen Transport mit 30 innerstädtischen Buslinien. Die Passagiere fahren auf diesen städtischen Linien gratis. Magé, 228.000 Einwohner: Kostenloser ÖPNV seit 2025. São Caetano do Sul, 162.000 Einwohner: Seit Juli 2026 kostenloser ÖPNV. São Paulo 11.254.000 Einwohner: Seit 2023 freie Beförderung für Personen ab 60 Jahren. Seit Dezember 2023 ist die Beförderung in den städtischen Bussen an Sonntagen generell gratis.