Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿAbdallāh Ibn Masarra al-Dschabalī (, geb. 882 oder 883; gest. 931 in Córdoba) war ein islamischer Mystiker und Philosoph. In mittelalterlichen arabischen Quellen wird er als der erste prominente Theologe von al-Andalus und als bedeutender Asket beschrieben, allerdings hat seine Theologie auch viel Widerspruch hervorgerufen.Bellver: The Beginnings of Rational Theology in al-Andalus. 2020, S. 325. In der modernen Forschung wurde sein Denken unterschiedlich eingeordnet. Während Ignaz Goldziher Ibn Masarra noch als Vertreter der Muʿtazila deutete, wurde er seit Miguel Asín Palacios als Denker betrachtet, der vor allem unter dem Einfluss ismailitisch-neuplatonischer Lehren stand. Diese Einschätzung festigte sich, nachdem 1972 in der Chester Beatty Library zwei Texte gefunden wurden, die man als Werke Ibn Masarras identifizierte. José Bellver, der in Zweifel gezogen hat, dass diese Texte durch Ibn Masarra verfasst wurden, und ihm zwei andere Texte zuordnet, die bisher als Werke Ibn Hazms betrachtet wurden, sieht in Ibn Masarra dagegen einen rationalistischen Theologen.

Leben Ibn Masarra wurde 883 in Córdoba geboren und lernte bei seinem Vater Abū ʿAbdallāh Ibn Masarra, der ein versierter Hadith-Gelehrter war, wie auch einigen anderen Gelehrten in al-Andalus.Casewit: The Mystics of al-Andalus. 2017, S. 34. Wie sein Vater reiste er in den Nahen Osten und folgte damit einer schon länger bestehenden andalusischen Tradition von Studienreisen, wodurch die Gelehrten aus al-Andalus bereits im 10. Jahrhundert einen hohen Grad an Vertrautheit mit den Lehren und sozialen Kreisen der östlichen Sufis vorwiesen, da sie sich mit ihnen austauschten.Casewit: The Mystics of al-Andalus. 2020, S. 33. Seine erste Reise begann er um das Jahr 912, aber anscheinend erreichte er Mekka nicht und verweilte nur in Kairouan.

Erst im Laufe einer zweiten Reise, die er wohl unternahm, um Anschuldigungen der Häresie aus dem Weg zu gehen,Garrido Clemente: Traducción anotada de la Risālat al-Iʿtibār. 2008, S. 140. gelang es ihm, Mekka zu erreichen, und er verbrachte ungefähr drei Jahre (924–926) in der Heiligen Stadt.Bellver: The Beginnings of Rational Theology in al-Andalus. 2020, S. 326. Ibn Masarra soll malikitisches Recht studiert haben, und in einigen Quellen ist er auch mit dem Beinamen „der Jurist“ (al-faqīh) zu finden.Stroumsa: Ibn Masarra's (d. 931) Third Book. 2017, S. 83. Dort machte er die Bekanntschaft mit Abū Saʿīd Ibn al-Aʿrābī, einem Schüler des Baghdader Mystikers al-Dschunaid.Garrido Clemente: ¿Era Ibn Masarra de Córdoba un filósofo? 2010, S. 126.

Ibn Masarra soll ein talentierter Redner gewesen sein. In einigen Quellen wird er als höchst gewandter und charismatischer Gesprächspartner charakterisiert. In einigen anderen Quellen wird betont, dass seine „Silberzunge“ es ihm erlaubte, seine wahren Absichten zu verschleiern und andere Menschen zu beeinflussen, d. h. sie vom rechten Weg abkommen zu lassen. Zwar verfasste er viele Bücher, doch ließ er sehr viel Zeit, um seine Entwürfe zu revidieren, und verabscheute es, diese zu publizieren, solange er nicht überzeugt war, dass sie nun ausgereift seien.Vgl. Stroumsa: Andalus and Sefarad. 2019, S. 36.

Als er zur Zeit der Herrschaft Abd ar-Rahman III. nach al-Andalus zurückkehrte, schloss sich ihm eine Gruppe von Verehrern an, und er zog sich in die Berge um Córdoba zurück. Der Großteil der Autoren, aus deren Berichten man vom Leben Ibn Masarras erfahren kann, schreiben davon, dass er ein zurückgezogenes, asketisches Leben führte.Garrido Clemente: Situación actual de los estudios sobre Ibn Masarra. 2007, S. 446. Dort starb er im Jahre 931.de Callataÿ: Philosophy and Batinism in al-Andalus. 2014, S. 261. Obwohl Ibn Masarra verdächtigt wurde, häretische Ansichten zu vertreten, wurde er zu Lebzeiten nie angeklagt oder verfolgt.Garrido Clemente: ¿Era Ibn Masarra de Córdoba un filósofo? 2010, S. 127.

Die Verfolgung seiner Anhänger Nach Ibn Masarras Tod setzten seine Schüler das Studium und die Verbreitung seiner Lehren fort.Ebstein: „Ibn Masarra“ In: Encyclopaedia of Islam, Three. 2016, S. 143b. Seine Ideen verbreiteten sich rasch und wurden dann von der sogenannten Schule von Almería, zu der Gelehrte wie Ibn al-ʿArīf (gest. 1141), Ibn Barradschān (gest. 1141) und Ibn Qasī (gest. 1151) gehörten, aufgenommen. Diese Schule soll die Grundlagen für die Entwicklung des dialektischen Denkens der Sufis in al-Andalus gelegt haben.Cruz Hernández: Islamic Thought in the Iberian Peninsula. 1992, S. 780. In der neueren Forschung ist man sich allerdings nicht sicher, ob man überhaupt von einer Schule reden kann und nicht vielmehr von voneinander unabhängigen Gelehrten ausgehen muss.Küçük: Light upon Light in Andalusī Sufism. 2013, S. 91. In der Mitte des 10. Jahrhunderts beschuldigten Autoritäten des umayyadischen Kalifats Ibn Masarras Anhänger der Häresie und des Unglaubens und verlangten von diesen, Buße zu tun. Die Werke Ibn Masarras wurden daraufhin mindestens einmal öffentlich verbrannt, und in den folgenden Jahren verfassten einige Gelehrte aus dem Osten und al-Andalus Schriften, um die Lehren und Ideen Ibn Masarras zu widerlegen.Bellver: The Beginnings of Rational Theology in al-Andalus. 2020, S. 327–29.

Es ist denkbar, dass der Kalif ʿAbd al-Rahmān III. Anstoß an Ibn Masarras politischen Ansichten bezüglich der Qualifikationen muslimischer Führung nahm.Casewit: The Mystics of al-Andalus. 2017, S. 39. Die Anhänger Ibn Masarras verschwanden nach und nach, jedoch zirkulierten einige seiner Lehren weiterhin in al-Andalus.

Lehren und Denken Ibn Masarras Lehren nach den frühen arabischen Quellen In den frühen Quellen wird Ibn Masarra als ein Theologe mit qadaritischen oder muʿtazilitischen Sympathien beschrieben. Die früheste erhaltene Quelle ist der Text, der im Auftrag des umayyadischen Kalifen ʿAbd al-Rahmān III. verfasst wurde und in den Moscheen Cordobas im Jahre 952 vorgetragen wurde. In der längeren der beiden Versionen des Textes, die Ibn Haiyān überliefert, wird von den Masarrīya, also den Anhängern Ibn Masarras, unter anderem gesagt, sie würden an die Erschaffenheit des Korans glauben und die göttliche Vergebung verneinen. Aus Ibn al-Faradīs (962–1013) Taʾrīḫ ʿulamāʾ al-Andalus erfährt man, dass Ibn Masarra an das Handlungsvermögen (istiṭāʿa) des Menschen und andere Grundsätze der Muʿtazila glaubte. Ibn Hazm, der bis zur Entdeckung der zwei Werke die Hauptquelle über Ibn Masarra darstellte, sagt über diesen, dass er mit der Muʿtazila bezüglich des Qadar einer Meinung war, er Wissen (ʿilm) und Macht (qudra) Gottes als erschaffene (maḫlūq) und temporäre Attribute Gottes verstand.Bellver: The Beginnings of Rational Theology in al-Andalus. 2020, S. 332–334.

Muhammad Ibn Hārith al-Chuschanī (gest. 971) berichtete über Ibn Masarra, dass er sich der Askese verschrieb und sich in verschiedenen traditionellen Wissenschaften auskannte. Er soll viele Schriften über die Verbesserung der Handlungen im Einklang mit einem gottesfürchtigen Leben, die innere Aufmerksamkeit (muḥāsabat al-nufūs), die Aufrichtigkeit und die Notwendigkeit, die verschiedenen Arten von Falschheit und Betrug zu beobachten, abgefasst haben.Garrido Clemente: Ibn Masarra a través de las fuentes. 2009, S. 103. Weiterhin erklärte er, dass sich die Menschen in Bezug auf Ibn Masarra in zwei Gruppen aufgeteilt hätten: Eine Gruppe war der Auffassung, dass er in der Gotteserkenntnis und in der Ausübung der Askese den Rang eines Imams erreicht habe. Die andere Gruppe sah u. a. seine Lehre über Gottes Verheißung und Gottes Drohung (al-waʿd wa-l-waʿīd) und seine symbolische Interpretation der Verse des Korans (taʾwīl) als falsch an und diffamierte ihn, indem sie ihn der unzulässigen Neuerung beschuldigte.Vgl. Garrido Clemente: Ibn Masarra a través de las fuentes. 2009, S. 104.

Einordnungen seines Denkens in der modernen Forschung Ignaz Goldziher: Ibn Masarra als Vertreter der Muʿtazila In der modernen Forschung ist Ibn Masarras Denken sehr unterschiedlich eingeordnet worden. Ignaz Goldziher, der sich auf die biographischen Porträts Ibn Masarras in den Werken von Ibn al-Faradī, Ibn Haiyān und Ibn Hazm stützte, stellte ihn als Repräsentanten eines freidenkerischen Muʿtazilismus auf der Iberischen Halbinsel dar. Er machte dafür geltend, dass Ibn Masarra nach diesen Darstellungen muʿtazilitische Lehren wie das Konzept der Willensfreiheit, die Ablehnung der Fürsprache (šafāʿa) und die Erschaffenheit des göttlichen Wissens vertrat.Casewit: The Mystics of al-Andalus. 2017, S. 34–35.

M. Asín Palacios: Ibn Masarra als Anhänger pseudo-empedokleischer Lehren Miguel Asín Palacios meinte in seiner Monographie Abenmasarra y su escuela (1914), Einflüsse der Muʿtazila sowie der Bātinīya und Ismāʿīlīya in Ibn Masarras Denken entdecken zu können, und vertrat die Ansicht, dass er sich von pseudo-empedokleischen Schriften inspirieren ließ, das heißt von neuplatonischen Schriften, die von den arabischen Philosophen Empedokles und Pythagoras zugeschrieben wurden. Diese Einordnung, die auch durch Reinhart Dozy übernommen wurde, stützte sich auf einen Abschnitt in dem Werk Ṭabaqāt al-umam von Sāʿid al-Andalusī (gest. 1070). Asín Palacios versuchte zu zeigen, dass Ibn Masarra seine pseudo-empedokleische Lehre von der fünffachen Hierarchie von Substanzen, die von der Materia prima ausgehen, unter einem muʿtazilitischen und ismailitisch-bātinitischen Deckmantel verbarg und mit diesem Denken eine Schule von Sufis prägte, die von Ismāʿīl ar-Ruʿainī (gest. 1040) über Ibn Barradschān, Ibn al-ʿArīf und Ibn Qasī bis zu Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī (gest. 1240) reichte.Casewit: The Mystics of al-Andalus. 2017, S. 35. Samuel Miklos Stern kritisierte 1970 Asín Palacios' Monographie und widerlegte mit auf Textbelege gegründeten Argumenten seine Theorie von dem Einfluss des arabischen Pseudo-Empedokles auf Ibn Masarras Denken.Garrido Clemente: El debate acerca del presunto influjo del Pseudo-Empédocles. 2009, S. 24f.Vgl. Stern: Ibn Masarra. 1970, v. a. S. 326–327.

Der Dschaʿfar-Fund und sein Einfluss auf das Bild Ibn Masarras Bis in die 1970er Jahre galten Ibn Masarras Werke als verloren. Eine neue Situation ergab sich dadurch, dass 1972 der ägyptische Gelehrte Muhammad Kamāl Ibrāhīm Dschaʿfar in Manuskript 3168 der Chester Beatty Library in Dublin, welches einige Werke zu Buchstaben und deren magischen Deutungen enthält, auf zwei Texte stieß, die er als Werke Ibn Masarras identifizierte und publizierte.Stroumsa: Ibn Masarra's (d. 931) Third Book. 2017, S. 84. Durch die Entdeckung der beiden Werke – der Risālat al-Iʿtibār („Abhandlung über die Kontemplation“) und des Kitāb Ḫawāṣṣ al-ḥurūf („Buch über die Eigenheiten der Buchstaben“) – änderte sich das Bild von Ibn Masarras Denken. Fast alle Studien, die nach dieser Entdeckung veröffentlicht wurden, stützen sich bei ihrer Einordnung von Ibn Masarras Denken auf diese beiden Werke.

Pilar Garrido Clemente, die sich intensiver mit diesen Schriften befasste, sieht Ibn Masarra als einen Hermeneutiker und genuin islamischen sunnitischen mystischen Denker, der seine Inspiration aus dem Koran wie auch dem Sufismus zieht, durch seine Ausbildung mit der malikitischen Rechtsschule verbunden ist und eine allgemeine neuplatonische Dimension hat, die typisch für die intellektuelle Koine seiner Zeit war.„Personalmente considero a Ibn Masarra un hermeneuta y pensador místico sunní genuinamente islámico, de inspiración netamente escrituraria y sufí, vinculado por su formación a la escuela jurídica malekí, con una dimensión neoplatónica general propia de la koiné intelectual de la época.“ – Garrido Clemente: ¿Era Ibn Masarra de Córdoba un filósofo? 2010, S. 135.