mini|Die Fieberkurve in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1995 Die Fieberkurve ist der zweite Wachtmeister-Studer-Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser. In diesem Krimi, geschrieben Ende 1935, führen die Ermittlungen Studer in die französische Fremdenlegion nach Nordafrika. Neben Matto regiert, welcher Glausers wiederholte Internierungen in psychiatrischen Kliniken behandelt, zählt Die Fieberkurve zusammen mit Gourrama zu den autobiographischsten Studer-Romanen, da Glauser von 1921 bis 1923 selbst in der Fremdenlegion war.
Romanbeginn «Da lies!», sagte Studer und hielt seinem Freund Madelin ein Telegramm unter die Nase. Vor dem Justizpalast war es finster, die Seine rieb sich glucksend an den Quaimauern, und die nächste Laterne war einige Meter weit entfernt. «das junge jakobli lässt den alten jakob grüssen hedy», entzifferte der Kommissär, als er unter dem flackernden Gaslicht stand. Obwohl Madelin vor Jahren an der Strassburger Sûreté gearbeitet hatte und ihm darum das Deutsche nicht ganz fremd war, machte es ihm doch Mühe, den Sinn des Satzes zu verstehen. So fragte er: «Was soll das heissen, Stüdère?» «Ich bin Grossvater», antwortete Studer mürrisch.
Inhalt Ausgangslage Wachtmeister Studer verbringt den Silvester bei seinem Freund Kommissar Madelin in Paris, da seine Frau Hedy wegen der Geburt des ersten Enkels in Frauenfeld weilt. Dabei lernt Studer Pater Matthias kennen, der in Marokko und Algerien als Missionar arbeitet. Dieser erzählt von einem Korporal Collani, welcher durch seine hellseherischen Fähigkeiten während der Beichte zwei Todesfälle prophezeit hat: In Basel und Bern sollen zwei alte Frauen sterben. Als Studer in die Schweiz zurückreist, lässt ihn die Neugier nicht los und er besucht die Wohnung in Basel. Als er dort eintrifft, ist Josepha Cleman-Hornuss bereits gestorben: Tod durch Gas. Auch in Bern stirbt eine alte Frau: Sophie Hornuss, die Schwester von Josepha, wird in ihrer Wohnung aufgefunden; ebenfalls Tod durch ausgetretenes Gas. Studer glaubt nicht an Suizid und beginnt zu ermitteln.
Ermittlung Beide ermordeten Frauen waren nacheinander mit dem Schweizer Victor Alois Cleman, Geologe in Nordafrika, verheiratet. Mit seiner zweiten Frau, Josepha, hatte er eine Tochter, Marie. Im Jahre 1917 starb Victor Alois Cleman in Marokko an Malaria. Kurz vor seinem Tod sandte er eine Fieberkurve, die den Verlauf seiner Erkrankung dokumentierte, an seine Frau nach Basel. Dieses Dokument fällt nun Studer bei der ersten Untersuchung des Tatortes in die Hände. Im Fortgang der Ermittlungen zeigt es sich dann, dass die Fieberkurve ein verstecktes Testament enthält, welches Clemans Tochter Marie und dem Kanton Bern je zur Hälfte ein Stück Land in Marokko vermacht. Das besagte Grundstück ist mittlerweile acht Millionen Franken wert und der genaue Standort, an dem die versteckten Kaufverträge liegen, findet sich verschlüsselt in der Fieberkurve. Für die Berner Polizei ist schnell klar: Dies ist der ganz grosse Fall! Und nur einer kann ihn lösen, damit das verheissene Geld dem Kanton zugeführt werden kann: Jakob Studer.
Nachdem es seiner Frau Hedy gelungen ist, die Fieberkurve zu entschlüsseln, macht sich Studer auf in seine Mission in ferne Länder. In Paris kann er dank der Hilfe von Madelins Kriminalassistenten Godofrey eine falsche Identität annehmen. Er rasiert den Schnurrbart ab, lässt sich die Haare schwarz färben und reist als «Joseph Fouché», Inspektor der Sûreté, über Belfort und Port-Vendres nach Oran. Studer erreicht mit einem Maultier Géryville, wo er weitere Hinweise erhält. Diese führen ihn nach «Gourrama», einen Aussenposten der Fremdenlegion, wo sich auch die versteckten Dokumente befinden sollen. Als Wachtmeister Studer die in der Fieberkurve angegebene Stelle endlich erreicht, klafft ein Loch in der Erde. Jemand ist ihm zuvorgekommen.
Auflösung Im Garnisonsposten «Gourrama» schliesslich laufen alle Fäden des Falles zusammen. Studer wird durch eine fingierte Verhaftung als ‹Spion mit falschem Pass› in die Gefängniszelle gesperrt. Dort trifft er auf den einzigen Gefangenen, den untergetauchten Victor Alois Cleman, und bekommt so die letzten Beweise für seine Theorie. Im darauffolgenden improvisierten Militärgericht stellt sich heraus, dass Victor Alois Cleman seinen Namen mehrmals wechseln musste. Zum ersten Mal, als er in seiner Jugend zu Unrecht eines Mordes beschuldigt wurde. Er ging nach Afrika und arbeitete als Geologe für die französische Regierung.
Von seiner ersten Frau Sophie Hornuss über Jahre erpresst, tauchte er nach seinem vermeintlichen Malariatod als Korporal Collani in der Fremdenlegion unter. Dort wartete er 15 Jahre die Verjährung der falschen Mordanklage ab, bis er seiner Tochter Marie und der Heimat das Erbe übergeben konnte. Der Plan ging jedoch schief, weil Pater Matthias in der Beichte von dem versteckten Vermögen erfahren hatte und nun selbst an das Grundstück gelangen wollte. Während der Verhandlung kommt es zu einem tödlichen Finale, an dessen Ende die gesuchten Dokumente auftauchen und sogar die Gerechtigkeit, ganz im Sinne Studers, ihre Erfüllung findet.
Entstehung Wenn Schlumpf Erwin Mord für Glauser derjenige Roman war, der ihm den Durchbruch verschafft hatte, so war Die Fieberkurve sein grosses «Sorgenkind». Von der ersten Niederschrift bis zur Publikation vergingen zwei Jahre, in deren Verlauf Glauser des Krimigenres überdrüssig wurde. Am 8. Januar 1938 schrieb er entnervt an seine langjährige Brieffreundin und Gönnerin Martha Ringier: «Eine so kompliziert-verfehlte Geschichte wie die Fieberkurve soll mir nicht mehr passieren. Ich muss meine Fabeln vereinfachen, dann kann ich mich auf wenige Menschen beschränken und jeden dann richtig hinmalen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 816. Tatsächlich war die Geschichte, deren Urfassung in nur vier Wochen geschrieben war, zu wenig durchdacht. Angetrieben vom Erfolg der Lesung im «Rabenhaus» im November in Zürich und dem anstehenden Kurzroman-Wettbewerb verwandte Glauser (nicht zum ersten und auch nicht letzten Mal) zu wenig Zeit, um den Verlauf der Geschichte logisch zu konstruieren.
Erneute Internierung und Flucht mini|Psychiatrische Klinik Waldau Der Niederschrift der Fieberkurve vorausgegangen war eine erneute Straffälligkeit Glausers: Am 8. Oktober 1935 wurde er zum wiederholten Mal dabei erwischt, wie er mit falschem Namen Opium bei einem Arzt beschaffen wollte. Dies bedeutete eine erneute Rückschaffung und Internierung in die Psychiatrische Klinik Waldau auf unbefristete Zeit. Drei Wochen später schrieb Glauser an seinen Vormund Robert Schneider: «Ich bin jetzt vierzig Jahre alt, mein Name ist nicht mehr ganz unbekannt (…) und ich kann wirklich nicht mehr diese ganz hoffnungslose Komödie weiter mitmachen. Es ist mir auch unmöglich, mich als asozialen Psychopathen zu empfinden, vor dem die Gesellschaft à tout prix bewahrt werden muss.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 56. Glauser verschwand und tauchte bei einer Freundin aus den Asconeser Tagen Katja Wulff und ihrem Mann C. F. Vaucher in Basel unter. Dieser vermittelte, während die Fahndung nach Glauser lief, einen Kontakt zum Lesezirkel bei Rudolf Jakob Humm: Am 6. November machte Friedrich Glauser deshalb einen Abstecher nach Zürich zur Lesung im «Rabenhaus», um dort vor versammelten Literaturfreunden aus seinem letzten Roman Schlumpf Erwin Mord vorzulesen. Der Erfolg an diesem Abend war enorm und stellte einen Wendepunkt in Glausers Schriftstellerleben dar. Zudem lernte er dort unter anderem auch seinen späteren Verleger Friedrich Witz kennen. Dank der Unterstützung seiner neuen Freunde und dem frisch gewonnenen Selbstvertrauen entschloss sich Glauser, wieder in die Klinik Waldau zurückzukehren.
Urfassung Nachdem Glauser wieder in die Klinik zurückgekehrt war, nahm der Plan für seinen zweiten Studer-Roman Gestalt an, und bereits am 28. November schrieb er an Humm: «Ich werde versuchen einen humoristischen Kriminalroman zu schreiben. Behauptet man nicht, dass die Pessimisten die besten Humoristen seien?»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 77. Nachdem Gourrama und Der Tee der drei alten Damen keinen Verleger gefunden hatten, wollte Glauser dessen Themen (Fremdenlegion, Spiritismus, Erdöl) im neuen Krimi wiederverwenden. Am 2. Dezember bat Glauser deshalb Martha Ringier, ihm die für die National Zeitung ausgeliehene Erzählung Der Hellseherkorporal (1931)Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 2: Der alte Zauberer. Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 26. zurückzusenden: «Ich möchte mit dem Thema einen Kurzroman machen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 80.
In nur vier Wochen hatte Glauser die Urfassung niedergeschrieben. Den 16 Kapiteln vorangestellt hatte Glauser die Widmung «Für Berthe» (seine damalige Lebensgefährtin Berthe Bendel, die er als Pflegerin in der Psychiatrischen Anstalt Münsingen 1933 kennen gelernt hatte). Am 20. Dezember schrieb er ihr unter anderem: «Den Roman habe ich dir nicht geschickt, weil ich den ganzen Anfang nochmal umkrempeln muss, sonst kriegst du ein falsches Bild. Ich hab ein wenig Angst vor der Sache. Ein oder zwei Kapitel sind lustig geworden, ein oder zwei Gestalten sind so halbwegs im Blei – Aber ich fürchte sehr, ich hab wieder meinen alten Fehler begangen und zu viel Menschen aufmarschieren lassen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 101.
Am 31. Dezember schien Die Fieberkurve beendet zu sein. Glauser schrieb an den Journalisten und späteren Freund Josef Halperin: «Ich habe probiert, all die alten ‹ficelles›, ohne die ein Kriminalroman nun einmal nicht zusammenzuhalten ist, neu zu spinnen. Die Frage ist, ob es mir gelungen ist. (…) Ich habe Studer Haschisch rauchen lassen und ihn dabei pessimistische Betrachtungen über die westliche Betriebsamkeit und die Relativität der Zeit, der Bureauzeit, anstellen lassen. Vielleicht ist das ganz fidel geworden. Aber ob es auch den Schiedsrichtern gefallen wird, die vielleicht aus Pfarrern und Sekundarlehrern bestehen, weiss ich nicht. Wir wollen das Beste hoffen. Ich könnte ein wenig Erfolg ganz gut brauchen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 112.
Wettbewerb 1935 schrieb das Schweizer Druck- und Verlagshaus (welches acht Jahre später Matto regiert verlegen sollte) einen Kurzroman-Wettbewerb aus und Glauser schrieb am 2. Dezember an Martha Ringier: «Es ist nämlich ein Wettbewerb für solch eine Sache, und ich täte mich gern daran beteiligen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 80. Aber unter den 26 abgelehnten Arbeiten befand sich auch Die Fieberkurve. Glauser war dementsprechend enttäuscht und kommentierte den Siegerroman Die Juraviper von Arthur von Felten am 9. April 1936 folgendermassen: «Mit den Kriminalromanen ist es eben so bestellt: Entweder sind sie rein spannend (…), oder dann sind sie (…) ein wenig Psychologie, viel Atmosphäre (…) oder dann sind sie reiner Mist, weder spannend noch gut geschrieben, sondern ‹Genre Himbeersyrupersatz›, wie Arthur von Felten.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 243. Dass Glauser über andere Autoren oder Leser der Ernsten Literatur zeitweise spottete, erlaubte ihm eine Narrenfreiheit im eigenen Schreiben; oder es diente, wie im Fall der Fieberkurve, als eine Art Rechtfertigung für die Unzulänglichkeiten der Handlungskonstruktion.
Handlungs-Chaos mini|Friedrich Glauser auf der Titelseite der Zürcher Illustrierten vom 3. Dezember 1937 (Foto: Gotthard Schuh)