Die kolumbianische Literatur ist die spanischsprachige Literatur Kolumbiens und als solche Bestandteil der hispanoamerikanischen bzw. (unter Einschluss Brasiliens) der lateinamerikanischen Literatur. In den 1960er Jahren erlangten einige kolumbianische Autoren mit ihrem sozialkritischen, teils dem magischen Realismus zuzurechnenden Erzählwerk, in dessen Fokus das ländlich-archaische unterentwickelte Kolumbien steht, weltweite Bekanntheit. So erhielt Gabriel García Márquez 1982 den Nobelpreis für Literatur.

Frühzeit mini|Das mythische Goldfloß der Muisca-Herrscher von Eldorado mit Opfergaben aus dem See von Guatavita, zwischen 1200 und 1500 Zu den Anfängen der Literatur im Vizekönigreich Neugranada siehe auch Anfänge der lateinamerikanischen Literatur Aus der Zeit vor der spanischen Eroberung sind wenige Mythen und Gesänge der indigenen Völker überliefert (u. a. durch Konrad Theodor Preuss), deren Authentizität nicht immer gesichert ist. Fray Pedro Simón sammelte im frühen 18. Jahrhundert die Mythen der Muisca aus dem Hochland um Bogotá und erstellte das erste Wörterbuch mit Indiobegriffen in spanischer Orthographie (z. B. Maíz, Mazorca, Machete, Mestizo). Aus dem kolumbianisch-brasilianischen Amazonasgebiet stammen die Erzählungen des Yuruparí-Schöpfungsmythos, einer Sammlung von Legenden der Tupi und Guaraní, die nur in einer italienischen Version des Biologen Ermanno Stradelli (1890) auf Basis einer verschollenen Handschrift des brasilianischen Indigenen Maximiano José Roberto erhalten ist.Emilio Frignati: La fabrique d’un mythe: Maximiano José Roberto et la légende de Yuruparí, in: L’Homme, 242 (2024).

mini|hochkant|Juan Rodriguez Freyle Der Beginn der kolumbianischen Literatur kann - abgesehen von einem Bericht Fray Pedro Simóns über der Conquista Kolumbiens (Noticias historiales de las conquistas de Tierra Firme en las Indias Occidentales, 1627, vollständig veröffentlicht erst 1882–1892) mit den Chroniken des humanistisch gebildeten Konquistadors Gonzalo Jiménez de Quesada (1509–1579) und des Juan Rodriguez Freyle (1566–1640) (El Carnero, „Der Hammel“) angesetzt werden. Freyle, über den wenig bekannt ist, schloss in seiner monumentalen Chronik über die Ureinwohner der Region, die Conquista, die Gründung von Bogotá und die zahlreichen folgenden zahlreichen Konflikte fiktionale und satirische Elemente ein und malte ein breites, aber insgesamt realistisches Panorama von Land und Leuten. Enthalten ist in diesem Werk auch der Mythos der Muisca von El Dorado. Da in Bogotá erst seit 1777 eine dauerhafte Druckerei bestand, gerieten die beiden Chroniken für längere Zeit in Vergessenheit und wurden erst 1952 bzw. 1859 publiziert.

Als kolumbianischer Homer wurde Juan de Castellanos (1522–1607) wegen seines mit 113.000 Versen überlangen, aus vielen verschiedenen Formen zusammengesetzten Epos über die Conquista und die Feldzüge gegen die Kariben bezeichnet. In diesem Werk wird übrigens die Kartoffel (papa) erstmals erwähnt.Biografia y Vidas Juan de Castellanos biografiasyvidas.com, abgerufen am 11. Juni 2019 (spanisch) Eine weitere Chronik der Conquista stammt von dem Kenner der Muisca-Mythologie Lucas Fernández de Piedrahita (1624–1688).

Der Jesuit Hernando Domínguez Camargo (1606–1659) war ein extremer Vertreter des Gongorismus (Culteranismo) in Kolumbien; seine Lyrik erscheint heute ungenießbar. Als bedeutenden Lyriker würdigten die Zeitgenossen Juan Manuel García Tejada (1774–1869); sein Werk ist jedoch in großen Teilen verschollen. Der autodidaktische Poet und Dramatiker Luis Vargas Tejada (1802–1829) kam bereits in jungen Jahren in den Wirren der Revolutionskriege ums Leben; sein Sainete (Schwank) Las Convulsiones in der Tradition Lope de Vegas und Carlo Goldonis machte ihn bis heute bekannt.

Auch zwei Frauen finden sich unter den frühen kolumbianischen Autorinnen und Autoren: Josefa Acevedo de Gómez (1803–1861) verfasste eine Geschichte Kolumbiens sowie einige Biographien. Ana María Martínez de Nisser (1812–1872), eine Heroine des Bürgerkriegs 1840/41, kämpfte auf Regierungsseite und schrieb darüber ein Tagebuch, das 1843 in Bogotá veröffentlicht wurde – vermutlich das erste kolumbianische Buch nicht-religiösen Inhalts, das von einer Frau verfasst wurde.

Klassizismus und Romantik Auch nach der Auflösung Großkolumbiens 1830 blieb eine Bürgerkriegssituation latent, obwohl es seither (abgesehen von einem Interregnum im 19. Jahrhundert und dem golpe durch Rojas Pinilla 1953) in Kolumbien keinen Militärputsch gab. Der extrem konservativ-feudale Süden des Landes, in dem die Sklavenhaltung verbreitet war, stand in Opposition zum liberaleren Bogotá und zur radikalliberalen Atlantikküste. Das geistige Leben Kolumbiens im frühen 19. Jahrhundert wies entsprechend ein breites Spektrum wichtiger Autoren auf. Viele von diesen waren mit dem Gedankengut der ersten Romantikergeneration in Frankreich in Berührung gekommen. Dazu gehörten junge Großgrundbesitzer sowie vor allem Diplomaten, die Europa bereist hatten, und Emigranten, die ins liberale England geflüchtet waren. Romantisches Gedankengut wurde vor allem durch Übersetzungstätigkeiten importiert, so z. B. durch José Fernández Madrid (1789–1830), der als Diplomat in London war und Victor Hugo, Chateaubriand und andere Autoren in Kolumbien bekannt machte. Seine Tragödie Guatimoc zeugt von einem romantischen Indianismus, von dem auch der konservative Julio Arboleda (1817–1861) in seinem Epos Gonzalo de Oyón (1858) inspiriert war.Rössner, 2002, S. 163 f.

Den Übergang vom Klassizismus zur Romantik kennzeichnet das lyrische Werk von José Joaquín Ortiz (1814–1892). Die erste Generation der Romantik wurde geprägt durch den Dichter und Schriftsteller José Eusebio Caro Ibáñez (1817–1853), einen humanistisch gebildeten konservativen Vordenker und Gründer der Konservativen Partei Kolumbiens, der zeitweise in den Vereinigten Staaten gelebt hatte. Die Themen seiner Lyrik waren Gott, die Frau, der Tod, die Natur.

Der führende Kopf der zweiten Romantikergeneration war der Lyriker, Erzähler, Übersetzer, Herausgeber und Diplomat José Rafael de Pombo y Rebolledo (1833–1912), der 17 Jahre lang in den USA lebte. Pombo besang einerseits die Naturschönheiten und die nationalen Werte der USA, andererseits warnte er vor deren aggressiver Politik und der Überwältigung durch die Kultur des yanquismo, die er in einem Gedicht mit der Wucht der Niagarafälle verglich.Héctor H. Orjuela: Rafael Pombo y la poesía antiyanqui de Hispanoamérica, in: Hispania, 45 (1962) 1, S. 27–31 (hier: S. 27). Unter den anderen Romantikern sind Epifanio Mejia (1838–1913) und Miguel Antonio Caro (1843–1909), ein christlicher Sozialist, politischer Publizist und bedeutender Philologe zu nennen. Letzterer beeinflusste maßgeblich die Verfassung von 1886 und wurde später Staatspräsident. Während Pombos Werk von großer Spontaneität zeugt, ist es weniger durchgearbeitet als das Caros.Rössner, 2002, S. 165.

mini|hochkant|Daguerreotypie von Soledad Acosta de Samper (um 1800) Der Klassizismus mit seinen hohen Formansprüchen hatte das Schreiben von Romanen diskreditiert; diese entstanden vermehrt erst seit den 1860er Jahren. Soledad Acosta de Samper (1833–1913) lebte in ihrer Jugend zeitweise in Europa und war durch ihre Eltern von feministischen Ideen aus England und den USA und ihre eigenen Reisen beeinflusst. Sie verfasste eine große Zahl von Romanen und Erzählungen, insbesondere historische Romane (Los piratas en Cartagena, 1886) sowie Schriften zur Rolle der Frau (La mujer en la sociedad moderna, 1895) und gab die Familien- und Frauenzeitschrift La Mujer heraus. Wie andere romantische Autoren wandte sie sich gegen die Verfolgung der Jesuiten, die von den konservativ-positivistischen Staatsideologen als Hemmnis des wirtschaftlichen „Fortschritts“ betrachtet wurden.

Costumbrismo José María Vergara y Vergara (1831–1872) unternahm den ersten Versuch einer Synthese der „nationalen“ (jedoch bis dahin in der spanischen Tradition stehenden) kolumbianischen Literatur. mini|hochkant|Titelseite des Romans María (Ausgabe von 1899) von Jorge Isaacs. In den späten 1860er Jahren setzte sich ein konservativer Costumbrismo durch, dessen soziale Basis das landwirtschaftlich geprägte Hochland um Bogotá lag. Eine der ersten costumbristischen Romane Kolumbiens, Manuela von José Eugenio Díaz Castro erschien 1858 als Fortsetzungsroman in El Mosaico. Er war eher als Folge von Skizzen konzipiert, wurde jedoch als eine Art Nationalroman gefeiert, aber auch wegen seiner dialektgefärbten, „unkorrekten“ Sprache kritisiert. Díaz Castro arbeitete selbst als Tabakbauer und -händler und wurde von den Eliten Bogotás als „Mann im Poncho“ verachtet.R. L. Williams 2010, S. 56 ff. Zu den kolumbianischen Costumbristen zählen auch José Manuel Groot (1800–1878) und José Manuel Marroquín (1827–1908). Besondere Breitenwirkung erzielte der costumbristische Roman María (1867) von Jorge Isaacs (1837–1895), eine romantische, teils autobiographische, einfach konstruierte Liebesgeschichte und eines der meistgelesenen Bücher Lateinamerikas. Candelario Obeso 1849–1884, ein costumbristischer Dichter und Erzähler, schrieb im afrokolumbianischen Dialekt und übersetzte zahlreiche Werke aus anderen Sprachen. Er gilt als erster „poeta negrista“ Kolumbiens. Zu den späten Costumbristen zählen auch Efe Gómez (eigentlich Francisco Gómez Escobar, 1873–1938) und Luis Carlos López (1879–1950), der das Leben in seiner Heimatstadt Cartagena beschrieb. Juan de Dios Uribe („El indio Uribe“, 1859–1900) war als Vertreter eines christlich-liberalen Sozialismus jahrelang auf der Flucht. Als Publizist, Komödienautor, Erzähler und glänzender Stilist kämpfte er gegen die 1884 etablierte langjährige katholisch-konservative Hegemonie des Präsidenten Rafael Núñez.

Der Autodidakt José Asunción Silva (1865–1896), ein Vorläufer modernistischer Dichtung, verlor einen großen Teil seiner Manuskripte durch Schiffbruch, bereitete jedoch den Weg für die Überwindung der Romantik und des Costumbrismo. Er experimentierte mit klassischen Versmaßen und freien Versen (Nocturno. 1908) und erneuerte den neunsilbigen Vers, was oft Ruben Darío zugeschrieben wird. mini|hochkant|Tomás Carrasquilla (1910) Tomás Carrasquilla (1858–1940), der wegen des Bürgerkriegs sein Studium abbrechen musste und seinen Erfahrungen in vielen verschiedenen Berufen sammelte, steht an der Schwelle zum sozialen Realismus bzw. Naturalismus; sein unverdient negativer Ruf als provinzieller Costumbrist schadete der Verbreitung seiner zahlreichen Romane, die sich immer wieder mit der Lage der Mestizen und der Schwarzen in der Kaffeeregion befasste.

Modernismo und Gegenströmungen Der Modernismo Kolumbiens, wie der anderer lateinamerikanischer Länder, emanzipierte sich aus der traditionellen latein- und hispanoamerikanischen Mythologie. In einer Zeit, in der sich die Konservative Partei zu einer faschistoiden Bewegung entwickelte und sich die Kommunistische Partei Kolumbiens (1930) gründete, entwickelte der Modernismo unterschiedliche Spielarten und vertrat politische Positionen vom radikalen Antiklerikalismus und Antiamerikanismus bis hin zum autoritären caudillismo.Carlos Granés: Delirio americano. Una historia cultural y política de América Latina. Barcelona 2022, S. 102 f.

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