mini|hochkant=1.4|Der Kreis ist möglicherweise das älteste religiöse Symbol der Menschheit. Er symbolisiert Ganzheit und Vollkommenheit und steht für Sonne, Mond und Erdkreis (Beispiel Stonehenge)Gunther G. Wolf: Zum Symbolcharakter von Maß und Kreis. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Mensura. Mass, Zahl, Zahlensymbolik im Mittelalter. 2. Halbband, De Gruyter, Berlin/New York 1984, ISBN 3-11-009770-2, S. 479–480.

Die Geschichte der Religion umfasst die Entwicklung der religiösen Anschauungen und Praktiken der Menschheit – kurz: der Religion(en) – im Laufe der Zeit.

Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen, die Wertvorstellungen normativ beeinflussen und deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente KräfteJulia Haslinger, S. 3–4. und damit verbundene heilige Objekte ist.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7, S. 10–24.Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff. Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 278–279.

Entwicklung der Religionen – Konsens mini|hochkant=1.2|Kann man von ethnischen Religionen auf prähistorische Glaubensvorstellungen oder Kulte schließen? („Tanz der Berggeister“, Apache, Grand Canyon)

Die religiösen Vorstellungen schriftloser Kulturen (siehe auch Illiteralität) – häufig als Naturreligionen bzw. ethnische Religionen bezeichnet – wurden aufgrund ihrer angeblichen „Primitivität“ lange für die ältesten Formen von Religion gehalten. Aufgrund der nicht vorhandenen Dogmen und ihrer großen Anpassungsfähigkeit an veränderte Bedingungen sind sie jedoch ganz im Gegenteil sämtlich jünger als die bekannten „Hochreligionen“.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 97. Auch sie unterliegen demnach einem historischen Wandel und werden daher heute nicht mehr im Sinne unveränderter Traditionen verstanden.Josef Franz Thiel: Religionsethnologie. Berlin 1984. Dennoch halten etliche Prähistoriker (etwa Marcel Otte) an der Auffassung fest, die Religionen der Vorzeit ließen sich aus Vergleichen mit heutigen „primitiven Religionen“ rekonstruieren. Dabei wird außer Acht gelassen, dass auch diese Glaubenssysteme irgendwann einmal einen Anfang gehabt haben müssen, der erheblich einfacher gedacht werden muss als die komplexen Weltbilder gegenwärtiger Indigener.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 420–421.

Allgemein wird heute eine kulturelle Evolution der Religionen in engem Zusammenhang mit dem Wandel der Sozialstrukturen postuliert,Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 96, 511. weil der Glaube offenbar gewisse Aspekte des Zusammenlebens positiv beeinflusst. Allerdings ist man sich über die konkreten Selektionsvorteile der Religionen nach wie vor uneinig. Weder die Förderung altruistischen Verhaltens noch ein konkreter Einfluss auf die ReproduktionsrateJulia Haslinger, S. 3, 5, 13, 20, 22.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 446, 448. sind zweifelsfrei belegt. Überdies kritisiert die deutsche Religionswissenschaftlerin Ina Wunn, dass viele Modelle nach wie vor eine Höherentwicklung voraussetzen, womit ethnische oder polytheistische Religionen degradiert werden (wie es häufig in der Psychologie vorkommt). Dies würde nicht nur die Theorie verzerren, sondern damit würden Repressalien bestimmter Staaten gegen ihre religiösen Minderheiten im Sinne des Fortschritts gerechtfertigt.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 8–9, 96, 419.

Der Zusammenhang der Entwicklung von Religiosität mit der Familien- und Sozialstruktur, der Form des Wirtschaftens und der Politik ist jedoch evident. So ist der Einfluss der patriarchalischen griechischen Adelsgesellschaft und ihres durch Homer überlieferten Heroenkults auf die von ihr geschaffene, zuerst von Hesiod dokumentierte anthropomorphe Götterwelt offensichtlich, in der sich die herrschenden Schichten sozusagen selbst porträtierten. Es herrschte ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen ihnen und den im Vergleich zum alten Orient weniger dämonisierten olympischen Göttern, an die man sich je nach ihren unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen bei Bedarf wenden und ihnen opfern konnte – nach dem Prinzip do ut des. mini|Altar der zwölf Olympischen Götter im Louvre, 1. Jahrhundert n. Chr. Mit der Entstehung der Polis um 600 v. Chr. wurde der Polisverband zuständig für die Verwaltung des Kultes, wobei die Freude am Spektakel der lokalen Tempelfeste vermutlich größer und die für die Polis identitätsstiftende Funktion der Spiele wichtiger war als die individuelle Religiosität. Eine ähnliche Rolle spielten die zunächst agrarisch geprägten Staatskulte bei den Römern. Diese sind eher als nüchterne Erfüllung peinlich genau geregelter Vertragspflichten analog dem römischen Klientelsystem (dem Verhältnis von Patron und Klient) anzusehen, waren jedoch mit großer religiöser Toleranz und unterschiedlichen Formen individueller Frömmigkeit sowie mit orientalischen Erlösungskulten vereinbar (zuerst mit dem Kult der Kybele, dann dem der Isis, denen vor allem die Unterschichten anhingen). Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion setzte eine Entwicklung ein, die zu Dogmatismus und Verinnerlichung bei bis zum Hochmittelalter zunehmender Intoleranz und Aggressivität nach außen führte. Dies äußerte sich zuerst im leidenschaftlichen, nicht nur von Theologen, sondern auch von der Bevölkerung geführten Streit um den Arianismus nach 325,Holger Sonnabend: Religiosität: Antike, in: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte, 2. Auflage, Stuttgart 2008, S. 117–136. später in den Kreuzzügen der Ritterorden und den Verfolgungen von Häretikern.

Aus der unüberschaubaren Komplexität der Religionsentwicklung lassen sich zumindest einige grundlegende Entwicklungen herausfiltern, über die heute weitgehend Konsens besteht. Dazu im Folgenden eine Zusammenfassung auf der Grundlage aktueller Literatur:

Vorbemerkungen Bei der hier vorgenommene Gliederung handelt es sich nicht um eine Epochengliederung der Religionsgeschichte und ebenfalls nicht um eine evolutionäre Abfolge von angeblich primitiven zu höher entwickelten Glaubensformen (siehe dazu: „Die Evolution der Religionen in der aktuellen Diskussion“). Solche Festlegungen und Hierarchien sind heute nicht mehr konsensfähig. Die jeweils eingerückten und kursiv geschriebenen Abschnitte geben die Überlegungen des deutschen Philosophen und Religionswissenschaftlers Andreas Kött (* 1960) wieder, der versucht hat, die Gründe für den Wandel der Religionen mit Hilfe der Systemtheorie zu rekonstruieren. Wie er selbst schreibt, ist Andreas Kött: Religionsgeschichte der reflexiven Nachbesserungen: Modell einer evolutionären Religionstypologie auf der Basis der Systemtheorie. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 56(4), 2004, S. 289–316, Zitat als Einführung und erster Satz im Werk. Auch diese Hypothesen gehören daher nicht zur Darstellung des Konsenses; sie stellen jedoch eine interessante Ergänzung aus dem Blickwinkel einer ganz anderen Wissenschaftsdisziplin dar, die hier flankierend angeführt werden sollen.

Mutmaßlicher Beginn der Religiosität mini|Beweist der Werkzeuggebrauch bei Primaten abstraktes Denken, das die Grundvoraussetzung für Religiosität ist?

6–2 Mio. Jahre v. Chr.: Erste Formen von ästhetischem Empfinden und Sozialverhalten, Entwicklung von Denken und Sprache, jedoch noch keine Hinweise auf Religion.Ina Wunn: Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit. S. 451–465.

Insbesondere im Deutschen wird zwischen Religion(en) und Religiosität unterschieden. Während eine Religion die religiöse Lehre und die zugehörige Institution bezeichnet, bezieht sich Religiosität auf das subjektive religiöse Empfinden (Ehrfurcht vor dem „Großen Ganzen“, transzendente Welterklärung) und Wünschen (Erleuchtung, Religionszugehörigkeit) des Einzelnen.Hans-Ferdinand Angel: „Von der Frage nach dem Religiösen“ zur „Frage nach der biologischen Basis menschlicher Religiosität“. In: Christlich-pädagogische Blätter. Nr. 115, Wien 2002, , S. 86–89.

Mit der Entstehung des abstrakten Denkens entstand auch die Religiosität als Voraussetzung für die Entwicklung der Religion.Ellinger u. Fritz, S. 11–12.

Lebewesen beobachten die Welt und ordnen instinktiv alles, was sie wahrnehmen, in die beiden Kategorien „bekannt“ oder „unbekannt“ ein. Sofern es ihre psychischen Fähigkeiten nicht zulassen, dies bewusst zu erkennen und darüber nachzudenken, sind sie nicht fähig zu religiösem Denken. Sie wissen nichts von ihrem Wissen und stellen keine Fragen.Andreas Kött: Systemtheorie und Religion. S. 315–316.

Die „Entdeckung“ des Übernatürlichen

hochkant=0.7|mini|Venus von Tan-Tan > 300.000 Jahre v. h. Venus von Tan-Tan, das älteste bekannte Kunstwerk der Menschheit (Homo erectus), ein religiöser Bezug ist jedoch reine Spekulation ab 200.000 Jahre v. h. Erste Totenbestattungen, möglicherweise erste Todes- und Jenseitsvorstellungen, Hinweise auf Grabbeigaben und Zeremonien (Teschik-Tasch und Shanidar – Neandertaler, Sungir – Cro-Magnon)

Die reflektierende Wahrnehmung führte zu einer ersten Kategorisierung der WeltGerhard Vollmer: Biophilosophie. 1. Auflage. Reclam, Stuttgart 1995, S. 110, 111, 114–116. in zahlreiche duale Gegensätze wie Mensch/Tier, Himmel/Erde, wahr/falsch, Recht/Unrecht, u. v. m.Richard Dawkins: Der Gotteswahn. 10. Auflage. Ullstein, Berlin 2011, S. 250. Dabei stellte der Mensch fest, dass sich ihm manches Unbekannte erschließt, manches jedoch unerreichbar bleibt – demnach „übernatürlich“ ist.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010, S. 233.

Am Anfang der globalen Religionsentwicklung standen vermutlich erste Religionen in der mittleren Altsteinzeit,Otto H. Urban: Religion der Urgeschichte. In: Johann Figl (Hrsg.): Handbuch Religionswissenschaft. Religionen und ihre zentralen Themen. Vandenhoeck & Ruprecht, Innsbruck/Göttingen 2003, ISBN 978-3-506-76898-8, S. 88–103. die sich durch spezifische Eigenschaften, darunter vor allem durch die Anpassung an ihre jeweilige natürliche Umwelt auszeichneten.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. S. 505. Das archäologisch durch Funde (vor allem Grabstellen und Grabbeigaben) belegbare Frühstadium der Religionen deutet auf animistische Vorstellungen mit einer reichen Geisterwelt hin.Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff, Campus, Frankfurt/New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 278–285, 303–304.

Es spricht einiges dafür, dass ein Herr oder eine Herrin der Tiere – wie noch vor kurzem bei nahezu allen Jägervölkern als Beschützer der Tierwelt und Machthaber über das Wohl und Wehe der Jäger – als erste gottähnliche Idee existierte.Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 4. Auflage, C. H. Beck, München 2010 (Originalausgabe 1997), ISBN 978-3-406-41872-3, S. 17–18, 41. Konkrete Rekonstruktionen und Übertragungen von rezenten, schriftlosen Kulturen auf die Vorgeschichte – wie etwa schamanistischer Praktiken oder religiöser Vorstellungen wie Mana (übernatürliche Kraft), Tabu (strikte ethische Verbote) und Totem (spirituelle Verwandtschaft zu Naturerscheinungen) – gelten heute als hoch spekulativ und unbeweisbar.Theo Sundermeier: Religion - was ist das?: Religionswissenschaft im theologischen Kontext; ein Studienbuch. 2., erweiterte Neuauflage, Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-87476-541-1, S. 33–36. Als sicher gilt lediglich, dass religiöse Darstellungen altsteinzeitlicher Jäger sich trotz unterschiedlicher Umweltbedingungen ähneln.Ina Wunn: Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit. S. 116. Dennoch muss man aufgrund der Isolation der weit verstreuten Menschengruppen der Vorzeit davon ausgehen, dass bereits damals eine große Zahl an religiösen Auffassungen existierte.