Kartellsitze sind die Gebäude historischer, nicht mehr bestehender (Groß-)Kartelle. In der Regel handelte es sich um sog. Syndikate, also Kartelle mit zentralem Absatz und Marketing.

Kartellgebäude als kulturelle Überreste In den Jahrzehnten zwischen 1870 und 1945 waren Kartelle als Organisationsformen der Wirtschaft weit verbreitet. Während lose Preiskartelle („Frühstückskartelle, Gentlemen’s Agreements“) keine Anforderungen an feste, bleibende Räumlichkeiten stellten, war dies insbesondere bei den Syndikatskartellen, den Verbänden mit zentralisierter Verkaufsstelle anders. In solchen Kartellorganisationen konnten Hunderte von Verwaltungsangestellten arbeiten. Die Gebäude waren regelmäßig stattlich, oft repräsentativ, etwa mit Fassadenschmuck reich verziert. Trotz einiger Kriegsverluste und Abrisse sind etliche dieser Kartellgebäude noch erhalten. Meist jedoch sind sie in ihrem Erscheinungsbild schlichter geworden, weil spätere Eigentümer oder Nutzer die originalen Verzierungen nicht restaurierten (ausgeprägt bei: Syndikatshaus in Stassfurt, Bodestr.).

Zur Denkmalkategorie großer Kartellsitze könnte man die Gebäude ebenfalls historischer Lenkungsverbände und Bewirtschaftungsstellen hinzurechnen, die als kartellähnlich gelten. Sie bestanden vor allem während des Zweiten Weltkriegs.

Die Anerkennung als kulturelle Denkmale Historische Kartellgebäude ließen sich denkmalpolitisch mit historischen Unternehmenssitzen, etwa von Konzernen, gleichsetzen. Dies ist allerdings nicht in die Praxis umgesetzt worden: Weltweit sind etliche Gebäude als historische Firmenzentralen ausgewiesen und geschützt, aber es ist wohl kein einziger früherer Kartellsitz als ein solcher ausgeschildert worden. Wenn historische Kartellgebäude tatsächlich unter Denkmalschutz stehen, sind sie anders ausgewiesen und aus anderen Erinnerungsgründen geschützt. Umgekehrt wurden in der Vergangenheit stattliche Gebäude abgerissen, ohne dass man ihre wirtschaftshistorische Bedeutung als Kartellsitze auch nur angesprochen hätte.

Der Kartelltheoretiker H. A. Leonhardt wies 2013 darauf hin, wie wichtig bestimmte Kartelle für die Wirtschaftsentwicklung im 19. Jh. gewesen waren, etwa für das Ruhrgebiet die Syndikatszentralen für Kohle und Stahl.Holm Arno Leonhardt: Regionalwirtschaftliche Organisationskunst. Vorschlag zur Ergänzung des NRW-Antrags zum UNESCO-Welterbe, in: Forum Geschichtskultur Ruhr 2013 (2013), S. 41–42. Aufgrund dessen plädierte er dafür, die besondere „regionalwirtschaftliche Organisationskunst“ der Syndikatskartelle als ein immaterielles Kulturgut aufzufassen und unter den Welterbeschutz der UNESCO zu stellen, bevor sie ganz in Vergessenheit gerät. Geeignete Erinnerungsorte für Nordrhein-Westfalen seien Düsseldorf (Stahlverkauf) und Essen (Kohleverkauf). An beiden Standorten seien aussagefähige Gedenktafeln aufzustellen, an den Düsseldorfer Stahlhäusern und am Standort des 1997 abgerissenen Ruhrkohlehauses.

Die Gründe für die auffällige Zurückhaltung des Denkmalschutzes und der etablierten Geschichtsforschung gegenüber historischen Kartellgebäuden können im Kartelltabu gesucht werden, das nach dem Zweiten Weltkrieg durch das allgemeine Kartellverbot eintrat. Kartelle wurden kriminalisiert und positive Aussagen über sie gehören zum ‚Unaussprechlichen‘. Die Initiative, auch Kartellgebäude als historisch erinnernswert aufzufassen, kam bislang nur von kritischen Wissenschaftspositionen oder aus der Zivilgesellschaft, etwa vom Verein „Rhein-Neckar-Industriekultur e.V.“, Mannheim, der der örtlichen Zweigstelle des früheren Rheinischen Braunkohlen-Syndikats eine illustrierte Darstellung widmete.rhein-neckar-industriekultur.de

Vorkommen und Beispiele für historische Kartellgebäude Belgien

Brüssel: das Gebäude der International Wire Export Company (IWECO) von 1932 bis 1939, 54 rue de Namur. In diesem Weltkartell für Drahtexporte waren Belgien, Frankreich, Deutschland, die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen reguläre Mitglieder. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Dänemark, die Niederlande und Italien waren dem Kartell durch Einzelabmachungen angeschlossen.

Deutschland Das Kartell-Ensemble des Rheinisch-Westfälischen Industriegebiets: Seit Ende des 19. Jahrhunderts war diese Region der Raum mit der weltweit intensivsten Kartellierung.Holm Arno Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien. Hildesheim 2013, S. 84. Kartelle in den Branchen Kohleförderung und -verarbeitung, Eisen- und Stahlherstellung sowie Weiterverarbeitung waren typisch für die Region; hinzu kamen operative Unternehmensverbände in zahlreichen anderen Wirtschaftszweigen wie der Glasherstellung, der Zellstoffproduktion etc. Alleine in der Eisen- und Stahlindustrie hatten Anfang des 20. Jahrhunderts in Düsseldorf 13 Kartelle oder Kartellorgane ihren Sitz, in Hagen waren es sogar 15, in Köln 8, in Essen, Siegen, Solingen und Velbert jeweils 2.Eugen Altmann: Über die Entwickelung und Bedeutung der Kartelle in der deutschen Eisenindustrie. Darmstadt 1909, Anhang. Ein Nachweis der vielfältigen Kooperationsstrukturen in und zwischen Kartellen könnte eine genauere Topografie der früheren Kartellwirtschaft an Rhein und Ruhr liefern.

Das Berliner Kartell-Ensemble:Berliner Adressbücher. Berlin 1799–1943. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war Berlin ein begehrter Ansiedlungsort für Kartellzentralen oder Verkaufsstellen. Alleine in der Eisen- und Stahlindustrie waren Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin 9 Kartelle ansässig – und dies, obwohl Berlin gar kein Montanstandort war. Seit dem Ersten Weltkrieg wurden immer mehr Kartellfunktionen reichsweit ausgeübt. In Berlin entstanden während der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkriegs regelrechte Ballungen von Kartellsitzen, später von Lenkungsverbänden und Bewirtschaftungsstellen. Diese Zentralen waren ins übrige Reichsgebiet sowie zunehmend auch mit Staat und Politik vernetzt. Besonders beliebt, weil verkehrsgünstig, war die Umgebung des Anhalter Bahnhofs, wo sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg und später gehäuft reichsweit organisierte Absatzkartelle ansiedelten. So waren vom Anhalter Bahnhof eine Reihe wichtiger Syndikatszentralen (etwa der Salzindustrie) fußläufig erreichbar. Andere Kartellquartiere bestanden in der Nähe der politischen Schaltstellen von Wilhelm- und Friedrichstraße. Spätere Ansiedlungen von Lenkungsverbänden der späten 1930er bis frühen 1940er Jahren bevorzugten die bürgerlichen Viertel im Berliner Westen, so Charlottenburg und Wilmersdorf.

Das Gebäude des Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikats in Leipzig, Nordplatz 11, steht seit 2007 einschließlich der Innenräume unter Denkmalschutz. Es wurde 1921–1922 in traditioneller Architektur errichtet und dient heute dem Leipziger Finanzamt II als Verwaltungssitz. Leipzig-Seiten.de vom 21. März 2009, abgerufen am 6. April 2020.Finanzämter Leipzig SIB Sachsen, abgerufen am 6. April 2020.

Die Gebäude des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats und dessen Nachfolgeorganisationen in Essen. Bedeutung: wesentlicher Energielieferant für Deutschland bis in die 1960er Jahre, strategischer Lieferant in Westeuropa für Kokskohle zur Stahlverhüttung, Hauptenergielieferant für die Mittel- und Achsenmächte in den Weltkriegen. Es gab zwei Gebäude: das originale Syndikatsgebäude (1894–1943) und das Ruhrkohlehaus ab 1952. Das erste wurde 1943 (bis auf einen Seitenflügel) zerbombt, das letztere 1997 abgerissen. Im Straßenbild Essens erinnert nichts mehr an das frühere „Idealkartell der Welt“, eine organisatorische Weltberühmtheit.

mini|Walzstahlhaus, Portal Der Stahlhof in Düsseldorf, Zentrale des Stahlwerksverbands seit 1908; Mitglieder dieses Kartells waren Stahlwerke der Region und ab 1909 reichsweit. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz wegen seiner Architektur und als „Wiege der Demokratie in NRW“, da es nach 1945 Sitz der britischen Militärregierung war.

Das Walzstahlhaus in Düsseldorf beherbergte die Verkaufsstelle des Verbands der deutschen Walzstahl-Unternehmen ab 1940. Der repräsentative Neubau, Jahre vorher geplant, sollte offenbar auch die drei Düsseldorfer Kontore des internationalen Stahlkartells (1933–1939) aufnehmen. In diesem Zusammenschluss waren die Walzstahlsorten Grobblech-, Mittelblech- und Universaleisen der deutschen Syndikatsgruppe zugeteilt, d. h., der weltweite Export dieser Produktarten wurde von Düsseldorf aus verwaltet und gesteuert.Günther Kiersch: Internationale Eisen- und Stahlkartelle. Essen 1954, S. 70–71. Das Gebäude steht wegen seiner Architektur unter Denkmalschutz. Die Gebäude des Deutschen Kalisyndikats in Staßfurt, ab 1910 in Berlin; Bedeutung: Ausübung eines Weltexportmonopols für Kalisalze bis zum Ersten Weltkrieg, danach Kartellführerschaft (zusammen mit Frankreich) beim Kaliexport bis zum Zweiten Weltkrieg. In Staßfurt residierte das Kalisyndikat in zwei Gebäuden, an der Bodestraße und an der Bernburger Straße. In Berlin erstreckte sich der Syndikatskomplex über die drei Gebäude Dessauer Straße 28–31. Die Fotos rechts unten zeigen nur die Hälfte des Gebäudevolumens, nämlich das Haus Dessauer Straße 28/29.

Das Gebäude von fünf salzindustriellen Syndikaten in Berlin: Seit 1930 waren im Haus Schöneberger Straße 5 die Verkaufsorganisationen für Speisesalz, Bittersalz, Chlormagnesiumsalz, Bromsalz und Brom ansässig. Das Gebäude besteht seit etwa 1990 nicht mehr, an seine Stelle sind ein schmales Haus und ein Straßendurchbruch getreten. Die Größe der Baulücke (ca. 40 m Straßenfront) lässt den Umfang der früheren Räumlichkeiten erkennen und den der Verwaltungsfunktionen erahnen.

Das Gebäude des Tuchsyndikats in Berlin, Anhalter Straße; Bedeutung: Bewirtschaftung der Textilzuteilung in der Lenkungswirtschaft des Dritten Reichs. Das Gebäude der Zellstoff-Verkaufsorganisation in Berlin, Neue Kantstraße 32; Bedeutung: Bewirtschaftung der Zellstoffzuteilung (zur Papierherstellung) in der Lenkungswirtschaft des Dritten Reichs.

Das Gebäude der Reichsvereinigung Eisen in Berlin-Wilmersdorf, Badensche Straße 24; zerstört bzw. abgerissen, Neubau als Geschäftshaus mini|links|Commerzbank-Gebäude in Düsseldorf, darin die Internationale Röhrenkonvention von 1926 als Untermieter Das Hauptgebäude der Commerzbank in Düsseldorf, Benrather Straße 25 (zwischen 1933 und 1945 Hermann-Göring-Straße); Hier war u. a. auch die „Internationale Röhrenkonvention“ (International Tube Convention) angesiedelt. Diese wurde 1926 als kontinentaleuropäisches Kartell für Stahlröhren gegründet, 1929 zum internationalen Verband erweitert und 1935 als „association ouverte“ neu gegründet.Présidence du conseil: Les cartels internationaux. Vol. 2. Paris 1956, S. 35. In diesem Kartell waren Belgien, Frankreich, Deutschland, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, die Vereinigten Staaten und Großbritannien Mitglieder. mini|Sitz des früheren Niedersächsischen Kohlensyndikats in Hannover, Brühlstraße 1 Das Gebäude der Niedersächsisches Kohlensyndikat GmbH in Hannover, Brühlstraße 1. Dies war ein Vertriebskartell für die niedersächsische Steinkohle und zugleich ein Zwangskartell, das 1919 auf gesetzlicher Basis eingerichtet wurde und bis 1945 bestand.

Frankreich Longwy/Lothringen: das Gebäude des Comptoir métallurgique de Longwy, 1876–1921, Mitglieder: Rohstahlhütten von Französisch-Lothringen. Bedeutung: im 19. Jahrhundert (bis zum Ersten Weltkrieg) bekanntestes und umsatzstärkstes französisches Kartell. Gebäude: umgenutzt, ohne Denkmalschutz. Paris, rue du Faubourg 164: das erste Gebäude des Comptoir Siderurgique de France, belegt für 1919.Comptoir Siderurgique de France: Statuts. Paris 1919, S. 1. Dieser Verband war das französische nationale Stahlkartell. Das Comptoir war privilegiertes Gründungsmitglied im Internationalen Stahlkartell zwischen 1926 und 1931.