Die ecuadorianische Literatur ist die Literatur Ecuadors, das sich 1830 von Großkolumbien trennte. Sie ist somit ein Teil der lateinamerikanischen Kultur. In der Frühzeit verbindet sie viel mit der Literatur Kolumbiens und Perus. Im Ausland ist sie weniger bekannt als diese.

Kennzeichnend für die Kultur und Literatur Ecuadors waren und sind nach wie vor ein starker Regionalismus sowie der Dauerkonflikt zwischen den Einwohnern der Küstenregion (Montuvio), vor allem der Hafenstadt Guayaquil ein einerseits, und den eher konservativen Bewohnern der zentralen Andenregion (Sierra) und den Bewohnern des kolonial und feudal geprägten Hochlandes zwischen den beiden Gebirgsketten, vor allem Quitos andererseits. Auch im Dialekt spiegelt sich dieser Unterschied zwischen einem eher informellen Idiom einerseits und dem konservativen, jedoch mit Indio-Begriffen eingefärbten Sprachgebrauch in Quito andererseits. Daneben sticht in neuerer Zeit Cuenca als ein kulturelles Zentrum im südlichen Hochland hervor. Die schwarze Bevölkerung in der Gegend von Esmeraldas lebt weiterhin für sich.

Die Anfänge bis zur Unabhängigkeit: Barock und Aufklärung Als erster einheimischer Chronist gilt der gebildete Kazike Jacinto Collahuazo, der im 17. Jahrhundert ein Buch über die Geschichte der letzten Inkaherrscher in Quechua schrieb, das öffentlich verbrannt und für das er lebenslänglich eingekerkert wurde. mini|hochkant|Eugenio Espejo Während des Barockzeitalters gehörten die wichtigsten Autoren im Vizekönigreich Peru, soweit sie nicht am Hofe in Lima lebten, dem geistlichen Stand an. In Quito war das u. a. der jesuitische Lyriker Juan Bautista Aguirre (1725–1786) und der Chronist und Verfasser historischer, geographischer und linguistischer Schriften Juan de Velasco. Zu den Vordenkern der Unabhängigkeit zählte der Arzt und Philosoph Eugenio Espejo, der Sohn eines Indio und einer Mulattin, dessen Traktate in Dialogform seit 1779 zunächst handschriftlich kursierten. Er kritisierte die Ausweisung der Jesuiten als intellektuellen Aderlass, setzte sich für die Philosophie der katholischen Aufklärung ein und kritisierte den überladenen barocken Stil des Gongorismus. Mehrfach wurde er verhaftet und u. a. nach Bogotá verbannt, von wo er Einfluss auf die kolumbianische Unabhängigkeitsbewegung ausübte. Nach ihm wurde der nationale Literaturpreis benannt.

Das 19. Jahrhundert: Neoklassik und Romantik José Joaquín de Olmedo, der als Anakreontiker begonnen hatte und während der napoleonischen Kriege noch treu zu den Bourbonen stand, wechselte die Seiten und trat als Schriftsteller, neoklassischer Dichter (Canto a Bolívar) und Geschichtsschreiber der Unabhängigkeitskämpfe hervor. Er kleidete „das neue amerikanische Selbstbewusstsein in eindrucksvolle Bilder“.Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2002, S. 123. Später engagierte er sich für die Abtrennung Ecuadors von Großkolumbien und wurde nach der Märzrevolution der Liberalen von 1845 kurzzeitig Präsident.

Während des größten Teils des 19. Jahrhunderts orientierte sich das Geistesleben Ecuadors an Europa. Die Romantik begann und endete hier jedoch relativ spät und verlief parallel zu einer Phase der klerikalen Restauration. Erste Vertreterin war die Lyrikerin Dolores Veintimilla de Galindo (1829–1857). Der Diplomat und Journalist Numa Pompilio Llona (1832–1907) schrieb vielbeachtete Gedichte (Odisea del alma, 2. Aufl. Havanna 1877), die teils auch in Europa publiziert wurden (Cantos Americanos, Paris 1865), aber heute weitgehend vergessen sind. Als Begründer eines konservativ-christlichen romantischen Indigenismo unter der klerikal-autoritären Regierung Gabriel García Moreno gilt der Autor und Politiker Juan León Mera. Sein auch heute noch als E-Book verfügbarer Roman Cumandá o un drama entre salvajes (1871) behandelt eine konfliktreiche inzestuöse Liebesbeziehung zwischen den Rassen im ecuadorianischen Urwald. Eine entgegengesetzte politische Position bezogen in den Machtkämpfen der 1860er Jahre der liberale Demokrat Juan Montalvo, der als Vorläufer des Modernismo gelten kann. Seine brillanten polemischen Essays wurden mit denen Michel de Montaignes verglichen und auch im Ausland bekannt.Rössner 2002, S. 171 f.

Das 20. Jahrhundert Der größte Teil des 20. Jahrhunderts bis 1979 war geprägt durch die Präsidentschaft des zunächst liberalen, zuletzt autoritär regierenden Populisten José María Velasco Ibarra, durch die lang anhaltende Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, anschließende Putschversuche und Konflikte mit Peru. In dieser Phase orientierten sich die Autoren an ausländischen Vorbildern – zunächst an Frankreich, dann an den USA; sie endete mit einem Aufschwung der Literatur während des Ölbooms der 1970er Jahre.

1900–1929: Modernismo, Postmodernismo, Avantgarde Das Genre des realistischen Romans begründete Luis Alfredo Martínez (1869–1909) mit A la Costa (1904), eine Beschreibung des sozialen Wandels, der harten Konflikte zwischen Konservativen und Liberalen, die Gegensätze zwischen Küsten- und Gebirgsregionen sowie Stadt und Land und die sozialen Identitäten. Er trat auch als Maler, Unterrichtsminister und Agrarexperte hervor und versuchte, die indigenen Traditionen zu bewahren. mini|hochkant|Luis A. Martínez (um 1890) Zu den modernistischen Lyrikern des frühen 20. Jahrhunderts, der melancholischen, von Rubén Darío, Baudelaire, Verlaine und anderen beeinflussten Generación decapitada („enthauptet“, weil ihre Mitglieder in jungem Alter durch Suizid verstarben) gehörten Medardo Ángel Silva (1899–1920), Ernesto Noboa y Caamaño (1891–1927), Arturo Borja (1892–1912) und Humberto Fierro (1890–1927). Den wichtigsten modernistischen Roman Ecuadors (Égloga Trágica, eine Geschichte, deren Hauptpersonen sich dem Fatalismus hingeben) schuf der ecuadorianische Diplomat und Außenminister Gonzalo Zaldumbide (1884–1965) in den Jahren von ca. 1910 bis 1956; in den 1920er Jahren wurde er in Auszügen, 1968 in endgültiger Form veröffentlicht.

Der Hauptvertreter der Avantgarde Hugo Mayo (eigentlich Miguel Augusto Egas Miranda, 1895–1988) forderte schon früh unter dem Einfluss des französischen Surrealismus und Dadaismus sowie des spanischen Ultraísmo eine literarische Erneuerung. Sein erster Lyrikband Zaguán de Aluminio erschien erst 1982, also Jahrzehnte nachdem er die Gedichte verfasst hatte.Hugo Mayo in revistaaltazor.cl, abgerufen am 30. Juli 2025 Seine 1927 gegründete Zeitschrift Motocicleta: Índice de poesía vanguardista, die den Ultraisten als Plattform diente, wurde bald eingestellt. mini|hochkant|Hugo Mayo (Wandgemälde) Vom französischen Avantgardismus beeinflusst war Alfredo Gangotena (1904–1944), der zeitweise in Paris lebte und dort starb. Raúl Andrade Moscoso (1905–1983) war 1926 Redakteur der kurzlebigen Avantgardezeitschrift Hélice, die von dem Maler Camilo Egas gegründet worden war und sich dem Ultraismus wie dem Indigenismo verpflichtet fühlte. Der Avantgardismus erwies sich jedoch in Ecuador im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Literaturen (Argentinien, Chile, Peru) als recht kurzlebig.

Sozialer Realismus und Indigenismo: Die Generación del 30 Die 1930er JahreZum Folgenden Erna Brandenberger 1995, Nachwort, S. 208 f.; Jorge Enrique Adoum: La gran literatura ecuatoriana del 30. Quito 1984. waren in der Folge der Weltwirtschaftskrise durch die Abkehr von der Wirklichkeitsflucht der Modernisten und die soziale Thematik geprägt. Zu den Vorläufern dieser Literatur gehörte der Roman A la costa (1904) von Luis Alfredo Martínez (1869–1909). Diese Wende zu einem sozialrealistischen Stil wurde in den 1930er Jahren wesentlich durch soziale Erhebungen und Aufstände der Indigenen im Land angestoßen, an deren Spitze zwei indigene Aktivistinnen standen, die der Kommunistischen Partei Ecuadors angehörten und dem Feminismus verbunden waren: die Bauernführerin Dolores Cacuango (1881–1971) und Tránsito Amaguaña (1909–2009), die zweisprachige Schulen für Indigene und 1944 die Federación Ecuatoriana de Indios gründeten. Einmalig für Lateinamerika war, dass diese politische und immer auch kulturelle Emanzipationsbewegung von den Indigenen ausging und umgehend von Intellektuellen und Künstlern aufgegriffen wurde.Carlos Granés: Delirio Americano: Una historia cultural y política de América Latina. Barcelona 2022, S. 241 f.

1930 veröffentlichten drei Literaten aus Guayaquil, nämlich Demetrio Aguilera Malta (1909–1981), der auch als Theaterautor und durch zeitgeschichtliche Romane bekannt wurde, und die militanten Kommunisten Joaquín Gallegos Lara (1911–1947) und Enrique Gil Gilbert (1912–1973) den damals provokativ wirkenden Erzählband Los que se van mit 24 Kurzgeschichten über die Lebensbedingungen der Menschen im Montuvio in dialektal gefärbter Sprache. Themen sind auch häusliche Gewalt und Machismo. Diese Autoren bildeten den Kern des Grupo de Guayaquil, zu dem auch der Erzähler José de la Cuadra (1903–1941) und der Romanautor Alfredo Pareja Díezcanseco (auch: Diez Canseco) gehörten.Karl H. Heise: El grupo de Guayaquil: Arte y tecnica de sus novelas sociales, Madrid: Coleccion Nova Scholar 1975. Auch Raúl Andrade wechselte zu einem sozialrealistischen Stil.

Insbesondere seit 1933 kam es zu einem Aufschwung der erzählenden Literatur. Allein 1933/34 erschienen 34 Erstlingswerke von acht jungen Erzählern.Gómez 2015, S. 259. Zu den bedeutendsten ecuadorianischen Autoren dieser Zeit zählt der Romancier und Theaterregisseur Jorge Icaza, der wichtigste Vertreter des Indigenismo (neben dem Peruaner Ciro Alegría) aus dem Hochland und Angehöriger der „Generation von 1930“. Er benutzt viele Quechua-Worte als Stilmittel. Sein Roman Huasipungo (1934) – das bedeutet Haustür, wurde aber zum Synonym für die Schuldknechtschaft und Verelendung der Indios auf den latifundios und durch die staatliche Zwangsarbeit beim Straßenbau –, gilt trotz formaler Mängel als Meilenstein der indigenistischen Literatur. Alle lateinamerikanischen Themen waren in diesem Roman vertreten: die Ausbeutung der indigenen Arbeiter, der moralische Verfall der Weißen, die Komplizenschaft der lokalen Eliten mit dem ausländischen Kapital. Der Roman wurde von der Kritik mit Onkel Toms Hütte verglichen.Granés 2022, S. 243 mini|hochkant|Benjamín Carrión als Direktor der Casa de la Cultura Ecuatoriana (1955) Ebenfalls im Jahr 1934 veröffentlichte der sozialistische Politiker und Diplomat Benjamín Carrión (1897–1979) sein auch ins Englische und Französische übersetztes Buch Atahuallpa, eine Biographie des Inkaherrschers und die Geschichte der Eroberung durch die Spanier. 1944 gründete er die nach ihm benannte Casa de la Cultura Ecuatoriana in Quito, die in der Folgezeit viele Anthologien herausgab, die teils sogar einzelne Regionen Ecuadors fokussierten.Gómez 2015, S. 261 f. Der Diplomat, Dichter und Schriftsteller Adalberto Ortiz (1914–2003) aus der Provinz Esmeraldas begründete mit seinem Roman Juyungo (1943; deutsch: Juyungo 1960), der Geschichte eines unter Mestizen lebenden schwarzen Waldbewohners und Jägers, die Literatur der Afroecuadorianer und Mulatten. Der Sozialist Ángel Felicísimo Rojas (1909–2003) setzte in den 1940er Jahren die Tradition des sozialen Realismus fort (El éxodo de Yangana, 1949). Historische Themen in realistischer Form behandelte Alfredo Pareja Díez Canseco (1908–1993). Die Literatur dieser Epoche zeigte außerordentliches soziales Engagement und verfolgte eine moralische Mission zugunsten der Indigenen, ohne jedoch in Romantizismus zu verfallen.Granés 2022, S. 244

mini|hochkant|Pablo Palacio