Max Thoma (* 9. August 1890 in Kriens; † 8. August 1957 in Hamburg) war ein deutscher Sozialdemokrat und Gewerkschafter, der nach dem Zweiten Weltkrieg beim Aufbau der IG Druck und Papier eine zentrale Rolle spielte.
Ausbildung und Sozialisation Thoma wurde in der Schweiz als Sohn eines Schreiners geboren. Der Vater war Deutscher, stammte aus der Augsburger Gegend und hatte als Gastarbeiter eine Schweizerin geheiratet. Von 1899 bis 1901 besuchte Thoma die Volksschule in Luzern. Die Mutter ertrank bei einem Unfall im Dezember 1896; der Vater starb wenige Jahre später. Die Schweizer Behörden überstellten 1901 den Elfjährigen in ein Waisenhaus nach Augsburg. Dort besuchte er die Volksschule von 1901 bis 1904, anschließend erlernte der junge Deutschschweizer den Beruf eines Schriftsetzers und legte 1908 im Ostallgäu in Marktoberdorf seine Gesellenprüfung ab.
Seit 1908 war er Mitglied des Verbandes der Deutschen Buchdrucker, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und des Arbeiter-Abstinenten-Bundes.
Nach Abschluss seiner Gesellenprüfung ging Thoma auf Wanderschaft, die ihn wiederum in die Schweiz führte. Von 1911 bis 1914 arbeitete er im Großraum Zürich und trat in dieser Phase dem 1858 gegründeten Schweizerischen Typographenbund bei, der ältesten nationalen Gewerkschaft der Eidgenossenschaft. Auf seiner Wanderung lernte Thoma seine Frau Martha kennen. Die Eheschließung erfolgte am 9. August 1912 in Thalwil im Kanton Zürich. 1914 kehrte Thoma nach Deutschland zurück und erhielt gleich nach Kriegsausbruch als Ersatz-Reservist seinen Einberufungsbescheid für das 3. Bayerische Infanterieregiment. Das Regiment kämpfte zunächst an der Grenze Lothringens, später an der Somme. Nach Verlegung des Regiments an die Ostfront erlitt Thoma 1915 schwere Verwundungen. Später nahm er an den verlustreichen Schlachten in Verdun und Flandern teil. Die hautnah erlebten Kriegsgräuel prägten ganz augenscheinlich seinen späteren Antimilitarismus.
Nach dem Waffenstillstand 1918 kehrten die Reste des Regiments im Dezember 1918 nach Augsburg zurück. Hier fand vom 13. bis 16. Dezember 1918 die Demobilisierung und die spätere Auflösung statt. Thoma selbst erhielt am 1. Mai 1919 seine Entlassungspapiere. In Augsburg nahm der junge Schriftsetzer aktiv an der Rätebewegung teil. Bereits am 6. Dezember 1918 referierte er auf einer großen Soldatenversammlung über das „alte und neue Deutschland“ und rechnete mit der Politik der bürgerlichen Parteien scharf ab. Gleichzeitig plädierte er dafür, bei den kommenden Wahlen die „revolutionäre Sozialdemokratie zum Siege zu führen“.Schwäbische Volkszeitung, 9. Dezember 1918.
Auf SPD-Wahlveranstaltungen warb Thoma für die Sozialdemokratie. In der „Schwäbischen Volkszeitung“ veröffentlichte er unter den Kürzeln M. Th. radikalpazifistische Beiträge, aus denen die Freude sprach, dem Kriegsinferno entkommen zu sein. Im Dezember 1918 in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, geriet Thoma gemeinsam mit dem bislang wenig in Erscheinung getretenen Vorsitzenden des Rätegremiums, Ernst Niekisch, unter den Druck einer eigenständigen Arbeitslosenbewegung, die sich aus der Masse entlassener Rüstungsarbeiter und zurückgekehrter Frontsoldaten speiste.
Es kam zu militärischen Auseinandersetzungen und der Ausrufung des Ausnahmezustandes, bevor die militärische Gewalt im Februar 1919 dem Vorsitzenden der lokalen Buchdruckergewerkschaft und neuen Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates und Stadtkommandanten Hans Edelmann übertragen wurde. Als sein Stellvertreter fungierte Max Thoma, der an der Seite des erfahrenen Gewerkschaftssekretärs sein großes organisatorisches Talent unter Beweis stellen konnte. Als Vorsitzender der „Aufklärungskommission“ der nächsthöheren Räteebene (Kreis Schwaben und Neuburg) warb Thoma für die Errungenschaften der Rätebewegung. In Augsburg gehörte Thoma zu den Rätevertretern, die sich mit dem Verlauf der Revolution und ihren geringen Erfolgen für die Arbeiterschaft zusehends unzufriedener zeigten. Mit anderen Rätevertretern forderte er eine „Zweite Revolution“. Ein besonderes Anliegen war ihm die Befreiung des Arbeiterdichters Max Barthel aus württembergischer Haft, der dort als verdächtiger Kommunist festgehalten wurde.
Die Rolle Thomas im Arbeiter- und Soldatenrat bei der Ausrufung des Anschlusses Augsburgs an die bayerische Räterepublik bleibt unklar. Er scheint zu den gemäßigten Gewerkschaftsvertretern gezählt zu haben, die am 12. April 1919 letztendlich den durch den Arbeiter- und Soldatenrat vollzogenen Anschluss Augsburgs an die Räterepublik rückgängig machte. Am 24. April 1919 plädierte er auf der „Vertrauenskundgebung für die Augsburger Gewerkschaftsführer und Parteiführer“ nur noch für „die vernünftige Sozialisierung der Betriebe“.Schwäbische Volkszeitung, 8. Mai 1919. Tief enttäuscht meldete sich Thoma am 28. Mai 1919 in Augsburg ab und siedelte nach Würzburg über, um dort ab Juni 1919 die leitende Redakteursstelle an der sozialdemokratischen Tageszeitung „Fränkischer Volksfreund“ zu übernehmen.
Sozialdemokratischer Parteiangestellter und Gewerkschafter im Ehrenamt Thoma verblieb am „Fränkischen Volksfreund“ bis September 1919. In orthodox sozialdemokratischer Tradition wurden im Blatt Artikel von Redaktionsmitgliedern nicht gezeichnet, so dass Thomas spezifische politische Positionen nicht klar ersichtlich werden. Der „Fränkische Volksfreund“ warb unter seiner Redaktionsleitung nachdrücklich für eine Vereinigung der Mehrheitssozialdemokratie mit der abgesplitterten USPD, ging auf deutliche Distanz zur KPD und dem bayerischen Räteexperiment. Klar lässt sich die Handschrift Thomas bei den abgewogenen nüchternen Kommentierungen zum Betriebsrätegesetz herauslesen. Die Gründe der Trennung von der Würzburger SPD bleiben letztendlich im Dunkeln. Vermutlich waren diese privater Natur; Thoma verzog im Spätsommer 1919 nach Stuttgart, wo seine Frau und sein Kind seit 1917 während des Krieges bei Verwandten gelebt hatten. Im Dezember 1920 siedelte Thoma nach Frankfurt am Main über und trat eine neue Stelle als Redakteur an der renommierten Frankfurter „Volksstimme“ an.
1923/24 nahm Thoma am 3. Lehrgang der Akademie der Arbeit teil, die 1921 als „erste deutsche Hochschule für das Volk der Arbeit“ ins Leben gerufen wurde. Thoma wählte als Studienschwerpunkt Arbeitsrecht und Verwaltungswissenschaften bei den Lehrern Hugo Sinzheimer und Erik Nölting. 1925 bewarb sich der junge Absolvent auf die Stelle eines SPD-Unterbezirkssekretärs in Stade wurde „angenommen“ und siedelte in die niedersächsische Kleinstadt unweit von Hamburg über.
Bei Dienstantritt Thomas zählte der Unterbezirk Unterelbe 25 Ortsvereine, die sich bis 1928 durch Zusammenlegungen auf 18 reduzierten. Seit 1919 gehörte der Unterbezirk zum Bezirk Hamburg Nordwest, der Hamburg, Bremen und den Regierungsbezirk Stade umfasste. Max Thoma ersetzte den allseits beliebten Ernst Tessloff, der in Mannheim die Stelle eines sozialdemokratischen Parteisekretärs angenommen hatte. Größter organisatorischer Erfolg Thomas lag in der Steigerung der Mitgliedzahlen im Unterbezirk Unterelbe von 1.655 (1926) auf 2.107 (1930), wobei es Thoma gegen den Trend gelang, überdurchschnittlich viele weibliche Mitglieder zu gewinnen. Den Erfolg – so der Unterbezirksvorsitzender – verdanke die Organisation „einigen rednerisch befähigten Genossinnen in ländlichen Orten“.Sozialdemokratische Partei Bezirksverband Hamburg. Tätigkeitsbericht für die Zeit vom 1. Januar 1929 bis 31. Dezember 1930. SPD-Bezirksvorstand, Hamburg 1930, S. 101
Als Thoma im Herbst 1925 seine neue Tätigkeit als SPD-Unterbezirksvorsitzender antrat, war es für ihn nach eigenen Worten „eine Selbstverständlichkeit, seine Mitgliedschaft im Verband der Deutschen Buchdrucker fortzusetzen.“Fünfzig Jahre Ortsverein Stade Industriegewerkschaft Druck und Papier 1906–1956. Stade 1956, S. 11 Der Ortsverein zählte zum Bezirk Weser-Elbe im Gau Nordwest. Als ehemaliger Setzer nahm er an den Sitzungen der kleinen, aber rührigen Ortsgruppe teil. Im Frühjahr 1926 bekam er das Vertrauen als Ortsvereinsvorsitzender ausgesprochen. Einen Höhepunkt des Vereinslebens bedeutet die Feier des 25. Stiftungsfestes im Sommer 1931. Unter starker Observanz der Stader Polizei trafen sich die Druckerkollegen letztmals zu einer inoffiziellen Zusammenkunft am Himmelfahrtstag 1933.
Faschismus und Widerstand Thoma musste in den Monaten Februar, März und April 1933 verschiedene Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen. Am 11. Februar 1933 hatte der SPD-Unterbezirksvorstand zur Begrüßung des lokalen Parteitages alle Antifaschisten und Gegner der Reaktion zu einer Demonstration mit pointiert antinationalsozialistischen Parolen aufgerufen („Gegen Knebelung der freien Meinungsäußerung“, „Gegen Macht- und Gewaltherrschaft“, „Für ein freiheitliches Deutschland“, „Für eine planvolle sozialistische Wirtschaftsgestaltung“). Am 3. Mai 1933 erfolgte seine Verhaftung, als er bei den Polizeibehörden gegen die Verwüstung des sozialdemokratischen Parteibüros protestieren wollte.
Ohne Verfahren ließ man den prominenten Stader Antifaschisten nach einigen Tagen Einzelhaft frei. Nach Verbot der SPD im Juni 1933 erneut verhaftet. Aus Selbstschutz siedelte Thoma Ende Juni 1933 nach Hamburg über. Von einem Stader NSBO-Mann bei der Gestapo wurde er mehrfach im Gestapo-Keller im Stadthaus verhört und misshandelt, ohne dass der Beweis erbracht werden konnte, dass er sich am Eigentum des Stader Verbandes der Deutschen Buchdrucker vergangen habe. Weitere Hausdurchsuchungen folgten.
In Hamburg trat Thoma sofort 1933 der Liedertafel Gutenberg bei, die in den kommenden Jahren als graphischer Gesangsverein unter dem Dach des „Deutschen Sängerbundes“ relativ unbehelligt singen konnte. Unter der Leitung des späteren Kassierers des Gaus Nordmark der IG Druck und Papier, Harry Zieher, entwickelte sich die Liedertafel zum oppositionellen Sammelbecken der alten freigewerkschaftlichen Drucker. Aus dem Hamburger Gesangsverein rekrutierte sich nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus vollständig das neue Leitungsgremium der Hamburger Industriegewerkschaft im graphischen Bereich. Von 1933 bis 1939 blieb Thoma arbeitslos und erhielt einen kärglichen Unterstützungssatz.
Im Januar 1939 fand er Anstellung im erlernten Beruf als Maschinensetzer bei den „Hamburger Nachrichten“, deren Herstellung in der Druckerei Pröpper erfolgte. Von Mai 1939 bis Mai 1940 arbeitete Thoma in der gleichen Druckerei bei der Herstellung des „Wandsbeker Boten“, ehe er als Setzer zum „Hamburger Anzeiger“ wechselte. Im September 1944 in Hamburg-Dulsberg ausgebombt, erlebte er die Befreiung vom Faschismus im Stadtteil Fuhlsbüttel.Staatsarchiv Hamburg, Bestand 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung, Signatur LAM 6953 (Max Thoma)
Gewerkschaftlicher Neubeginn Nach Kriegsende trat Thoma sofort der am 11. Mai 1945 im Hamburger Gewerkschaftshaus gegründeten „Sozialistischen Freien Gewerkschaft (SFG)“ bei, in deren Vorstand Exponenten aus der „politischen Arbeiterbewegung“ dominierten. Die SFG trat mit einem radikal antifaschistischen, auf rasche Vergesellschaftung zielenden Programm auf. Innerhalb der Gewerkschaft, die in kürzester Zeit 50.000 Mitglieder rekrutierte, sammelte sich Thoma mit anderen altgedienten Gewerkschaftern im sogenannten „Ketzerklub“, der regelmäßig in einer Fabrik in Hamburg-Bahrenfeld tagte. Ziel der „Ketzer“: Eine gewerkschaftliche Organisationsform auf der Basis von unabhängigen Industrieverbänden. Die weitgehenden politischen Zielsetzungen der neuen Hamburger Einheitsgewerkschaft lehnte die Gewerkschaftsfraktion, darunter der spätere ÖTV-Vorsitzende Adolph Kummernuss, ab. Thoma als Mitglied des Vollzugsausschusses der SFG nahm eine Sonderrolle ein. Er befürwortete durchaus die SFG, drängte allerdings auf eine facettenreiche Ausprägung von Industrieverbänden unter der sozialistischen Dachorganisation.