Nyakyusa ist eine Bantusprache, die im Süd-Westen Tansanias und Norden Malawis von der ethnischen Gruppe der Nyakyusa gesprochen wird. Sie gehört zur Guthrie-Zone M (Code 31). Sie wird in dem Gebiet gesprochen, das sich vom nördlichen Ende des Malawi-/Nyassa-Sees hoch bis zu der ca. 100 km entfernten Stadt Mbeya erstreckt.
Verbreitung des Nyakyusa Das Projekt „Languages of Tanzania“ (LOT) beschreibt Nyakyusa im Jahr 2009 als eine der zehn größten Sprachen Tansanias, die hauptsächlich in den Distrikten Kyela, Rungwe, Busokelo und Mbeya Vijijini verbreitet ist. Die größten urbanen Zentren in diesem Gebiet sind Tukuyu und Kyela. Die Zahl der Sprecher liegt in Tansania zwischen 730.000 und 1.080.000 Personen.Muzale & Rugemalira 2008; Simons & Fedding 2017. Die Zahl der Sprecher in Malawi wird auf ca. 300.000 Personen geschätzt.
Die mit Nyakyusa am engsten verwandten Sprachen sind Ngonde (M31d) und Ndali (M301). Häufig werden Nyakyusa und Ngonde als eine gemeinsame Sprache angesehen. Über das malawische Ngonde gibt es zurzeit nur wenige veröffentlichte Daten. Diese weisen jedoch auf große strukturelle Unterschiede der beiden Sprachen hin. Die sprachliche und kulturelle Nähe von Nyakyusa und Ndali hingegen wird auch in einem gemeinsamen Ursprungsmythos deutlich. Diesem Mythos zufolge waren Nyakyusa und Ndali Teil einer ethnischen Gruppe, die ihren Ursprung in Mahenge hatte, mehrere hundert Kilometer von ihren heutigen Heimatgebieten entfernt. Das Volk der Ndali nahm den längeren Weg ins Landesinnere, wodurch auch der Name Ndali, der „lang“ bedeutet, zustande gekommen sei. Ein anderer bekannter Mythos stellt jedoch einen gemeinsamen Ursprung mit den Kinga, einer anderen ethnischen Gruppe im heutigen Tansania, mit der wichtige Bräuche geteilt werden.
Im Laufe der Zeit haben sich die Namen geändert, die für das Volk der Nyakyusa und ihre Sprache verwendet wurden, und dadurch in der Literatur für einige Verwirrung gesorgt. Die ersten Europäer, die in das Gebiet der Nyakyusa kamen, reisten aus dem Süden an. Daher erreichten sie zuerst das Königreich Ngonde im heutigen Malawi. Daraufhin nannten sie alle nahe gelegenen Gruppen „Konde“. Diese Bezeichnung wurde demnach auch in ersten Beschreibungen der Sprache Nyakyusa von Europäern verwendet.
Der Name Nyakyusa geht auf den legendären Chief Mwakyusa zurück. Dessen Name wiederum hat die Bedeutung „Sohn der Kyusa“ (Hinweise zum matrilinearen Heiratssystem s. u. im Abschnitt Familiennamen). Das Präfix „nya-“ bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einem Clan oder einer Familie und ist ein weit verbreitetes Element in Bantusprachen.
Gesellschaftliche Rolle des Nyakyusa Nyakyusa wird von allen Generationen intensiv genutzt und auch von lokalen Nicht-Muttersprachlern gelernt. Nyakyusa fungiert weder als Unterrichtssprache, noch wird es als Unterrichtsfach in Tansania und Malawi gelehrt. Die Unterrichtssprache an staatlichen Grundschulen in ganz Tansania ist Swahili. Daher sind die meisten Nyakyusa-Sprecher bilingual in Swahili. Ab der Sekundarschule wechselt die Unterrichtssprache zum Englischen. Dies wird auch in den Universitäten und Ausbildungsstätten beibehalten. Die beiden Amtssprachen Tansanias sind Swahili und Englisch. Nyakuysa zählt zu einer der ca. 120 anderen Sprachen ohne offiziellen Status, die in dem Land gesprochen werden. In Malawi hat Nyakyusa ebenfalls keinen offiziellen Status und wird staatlich nicht geförderte. Dadurch wird Nyakyusa hauptsächlich im privaten Sektor, also innerhalb der Familie, unter Freunden, auf Märkten und in religiösen Einrichtungen verwendet. Den Sprachen ohne offiziellen Status werden gesellschaftlich weniger Prestige zugesprochen als den Amtssprachen.
Verschriftlichung des Nyakyusa Aufgrund der gesellschaftlichen Stellung der Sprache Nyakyusa wurde sie bisher kaum sprachwissenschaftlich erfasst und untersucht. Die Verschriftlichung wurde zur Zeit der deutschen und britischen Kolonialisierung hauptsächlich von Missionaren durch Übersetzungen der Bibel und weiterer christlicher Schriften ins Nyakyusa vorgenommen. Die ersten Wortlisten wurden bereits in den 1890ern festgehalten. Von dem Zeitpunkt an wurde die Grammatik des Nyakyusa von überwiegend deutschen und britischen Linguisten akademisch aufgezeichnet. Die aktuellsten sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen gehen auf die Linguisten Amani Lusekelo und Bastian Persohn zurück. Die Organisation SIL International ist in Mbeya Region tätig und trägt durch Übersetzungsarbeit und Projekte zur Intellektualisierung und zum Spracherhalt der Sprache bei.
Strukturelles Profil des Nyakyusa In seinem gesamten morphologischen und syntaktischen Profil ist Nyakyusa eine typische Bantusprache mit einer grundlegender SVO-Wortstellung, einer sehr agglutinierenden Morphologie und einem ausführlichen Nominalklassen-System. Im Nyakyusa gibt es 16 phonemische Konsonanten (wenn die prenasalen Plosive als biphonemisch gezählten werden) und sieben Vokalqualitäten (/i, ɪ, e, a, o, ʊ, u/, orthographisch <i, ɨ, e, a, o, ʉ, u>). Grundsätzlich werden kurze und lange Vokale unterschieden. z. B. in ʊkʊtima „regnen“ vs. ʊkʊtiima „hüten, bewachen“. (Vgl. Persohn 2020: 31) Anders als viele andere Bantusprachen, ist Nyakyusa keine Tonsprache.
Phonetik Vokale mini|594x594px|Nyakyusa Vokale
Im Nyakyusa gibt es, so wie es auch für Proto-Bantu angenommen wird, sieben verschiedene phonemische Vokalqualitäten. Phonetisch werden die mittleren Vokale als untermittelhohe Vokale [ɛ, ɔ] ausgesprochen. Die sieben Vokalqualitäten kommen alle sowohl als kurze als auch lange Vokale vor. Die langen Vokale werden schriftlich durch eine Verdoppelung des Vokalzeichens dargestellt. Die folgende Abbildung zeigt die kurzen und die langen Vokale des Nyakyusa dargestellt.
Die verschiedenen Vokallängen können die semantische Bedeutung einzelner Lexeme sehr beeinflussen, wie in den folgenden Beispielen deutlich wird: ʊkʊtima „regnen“ vs. ʊkʊtiima „hüten“ ʊkʊmeta „schneiden (z.B. Haare)“ vs. ʊkʊmeeta „blöcken, meckern“ ʊkʊsala „auswählen“ vs. ʊkʊsaala „glücklich sein“ ʊkʊbola „schlecht werden, verfaulen“ vs. ʊkʊboola „schneiden, schlachten“ ʊkʊfula „kastrieren“ vs. ʊkʊfuula „ausziehen, Knöpfe öffnen“
Kurze oder lange Vokale können aber auch grammatikalische Unterscheidungen anzeigen: ajengile „er/sie/es hat gebaut“ vs. aajengile „er/sie/es baute“ ʊkʊmanya „kennen“ vs. ʊkʊʊmanya „mich kennen“
Konsonanten-Inventar BilabialDentalAlveolarPalatalVelarGlottalPlosivptɟ <j>kNasalmnɲ <ny>ŋ <ng’>FrikativfshApproximantβ̞<b>ɰ <g>Lat. Appr.lGleitlaut(j) <y>(w)
Das Nyakyusa-Alphabet Das Nyakyusa-Alphabet ist noch nicht allgemein verbindlich festgelegt worden. Im Folgenden werden zwei sich leicht unterscheidende Versionen des Nyakyusa-Alphabets dargestellt, zum einen die aus dem Wörterbuch von Felberg (1996) und zum anderen die der christlichen Nichtregierungsorganisation SIL International, die in der Sprachregion von Nyakyusa tätig ist und dort christliche Schriften und traditionelle Erzählungen verschriftlicht oder übersetzt. Nyakyusa-Alphabet (Felberg)abndefghiíjklmnngʼopstuúwy Nyakyusa-Alphabet (SIL)abefghiɨjklmmbnndngngʼnjnyopstuʉwy
Morphologie Nominalklassen Viele Bantusprachen zeichnen sich durch ihre komplexen Nominalklassensysteme aus. Im Nyakyusa gibt es 18 Nominalklassen.
Das Nomen in Nyakyusa besteht aus drei Elementen; dem Augment, auch Prä-Präfix genannt, dem Klassenpräfix und dem Stamm. Wie in u-mu-ana „ein Kind“, wobei der erste Vokal u- das Augment, -mu- das Klassenpräfix und -ana den Stamm darstellt.
Der Vokal des Augments ist normalerweise derselbe wie der des Klassenpräfixes, wie in der folgenden Darstellung des Nominalklassensystems des Nyakyusa deutlich wird.
Nominalklassen-Affixe in Nyakyusa: KlasseAugmentPräfixStammBeispielGlosseBedeutungsfeld der Klasse1u--mu--nduumunduPersonmenschliche Wesen2a--ba--ndu-abanduPersonenPlural der Klasse 13u--mu--pikiumupiki [umpiki]BaumNaturphänomene und Pflanzen4i--mi--pikiimipikiBäumePlural der Klasse 35i--li--fumbiilifumbiEiFrüchte und landwirtschaftliche Erträge6a--ma--fumbiamafumbiEierPlural der Klasse 57i--ki--kombeikikombeTasseEigenschaften, Verhalten, Sprachen, Utensilien und Werkzeuge8i--fi--kombeifikombeTassenPlural der Klasse 79i-N-mbwaimbwaHundTiere, häufig verwendete Alltagsgegenstände10i-N-mbwaimbwaHundePlural der Klasse 911u--lu--bafuulubafueine Rippelange, schmale Objekte12a--ka--bwaakabwakleiner Hundgroße Mengen und Diminutive13u--tu--bwautubwakleine HundePlural der Klasse 1214u--bu--mogiubumogiModeCharakteristiken, Materialien, Länder, abstrakte Begriffe15u--ku--mogaukumogatanzenInfinitive16pa--kajapakajazu HauseLokative „in der Nähe“17ku--sukulukusukuluzur SchuleLokative „weit weg, allgemeines Gebiet“18mu--nyumbamunyumbain dem HausLokative „in, drin“ Beispiele von Nominalklassen-Übereinstimmungen (Konkordanz):
3) Umpiki ughu nnunu fijho. „Dieser Baum ist sehr schön.“
4) Imipiki ighi minunu fijho. „Diese Bäume sind sehr schön.“
7) Ikikombe iki kitaghajwike. „Diese Tasse ist zerbrochen.“
8) Ifikombe ifhi vitaghajwike. „Diese Tassen sind zerbrochen.“
Zahlen Auch die niedrigen Zahlen in Nyakyusa haben das Nominalklassenpräfix vorangestellt. Dieses richtet sich nach dem Nomen, auf das sich die Zahl bezieht. In der folgenden Tabelle sind die Grundzahlwörter und Ordnungszahlen von eins bis zehn auf Nyakyusa dargestellt. ZahlenwertGrundzahlwortOrdnungszahl1-amokwanda2-bilibubhili3-tatubutatu4-nabuna5-hanobuhano6-ntandatu7-hano na -bili8lwele9lwele na -mo10kalongo
Verben In der folgenden Tabelle sind einige der wichtigsten verbalen Paradigmen des Nyakyusa aufgeführt. BezeichnungFormVerwendungPräsens SM2-kʊ-VBaNicht-Präteritum, habituell/
generisch, um Zukunft
auszudrücken (futurate)Negatives Präsens SM-ti-kʊ-VB-aNegatives Pendant zum
PräsensPerfekt SM-a(lɪ)-VB-ileVergangenheit,Past Imperfektiv SM-a-VB-agaabgeschlossene Vergangenheit, habituell/generisch, ModalfunktionenFuturaa=VBReferenzrahmen, welcher in der Zukunft liegtNarrativ SM-lɪnkʊ-VB-aErzählungenImperativ VB-a(ga) VB-e(ge) mit OM̸=1sgdirekte Befehle an 2.Person singularSubjunktiv SM-VB-e(ge)vielseitig verwendbar, Anweisungen an mehrere Personen, Ermahnungen, Verpflichtungen Abkürzungen: SM – Subjektmarkierer, OM – Objektmarkierer, VB – Verbalstamm
Syntax Die grundlegende Wortfolge im Nyakyusa ist Subjekt-(Hilfsverb)-Verb-erstes Objekt- zweites Objekt(-Ergänzungen).
Beispiel Grundwortstellung:
a-lɪ pa-kʊ-ba-p-a a-ba-ana ɪ-fi-ndʊ pa-ka-aja
1-cop 16-15-2-geben-fv aug-2-kind aug-8-esse 16-12-zuhause
sie/er-seiend am-ihnen-geben den.Kindern das.Essen bei-Zuhause
„Sie ist dabei (ihnen) den Kindern zu Hause das Essen zu geben.“
Im Nyakyusa trägt das Nominalklassen-System eine wichtige Rolle. Innerhalb einer Nominalphrase ist die Konkordanz von dem jeweiligen Nomen und dem folgenden Adjektiv gegeben.Beispiel Nominalphrase:
ɪɪ-heela ny-ingi
aug-Geld(10) 10-viel
„viel Geld“
Zahlen in Nyakyusa Auch die niedrigen Zahlen in Nyakyusa haben das Nominalklassenpräfix vorangestellt. Dieses richtet sich nach dem Nomen, auf das sich die Zahl bezieht. In der folgenden Tabelle sind die Grundzahlwörter und Ordnungszahlen von eins bis zehn auf Nyakyusa dargestellt. ZahlenwertGrundzahlwortOrdnungszahl1-amokwanda2-bilibubhili3-tatubutatu4-nabuna5-hanobuhano6-ntandatu7-hano na -bili8lwele9lwele na -mo10kalongo
Familiennamen in Nyakyusa Traditionell beginnen alle Nachnamen im Nyakyusa mit dem Nominalpräfix Mwa-, was „Kind von x“ bedeutet. Die Namen Mwakyusa und Mwamukinga gelten als erste Nachnamen in dem Gebiet nördlich des Nyasasees und um den Berg Rungwe verbreitet waren.