mini|Briefkopf der Basse & Selve, Altena von 1895 Basse & Selve war ein Unternehmen der Nichteisenmetall-Verarbeitung mit Sitz in Altena im Sauerland. Der Konzern betrieb Walzwerke, Drahtziehereien, Nickelwerke und eine Metallpatronenfabrik.
Unternehmensgeschichte Gründung Das Unternehmen wurde durch den Manufakturwarenhändler und Finanzier Carl Basse (* 1802; † 1873) und dem Gewerbetreibenden und Landwirt Hermann Diedrich (Dietrich) (* 1813; † 1881) gegründet.Ralf Stremmel: Selve, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 231–232deutsche-biographie.de: Selve, Gustav, abgerufen am 25. Mai 2021. Hermann Selve hatte die Wasserrechte an der Verse in der Ortschaft Bärenstein bei Werdohl erworben und war auch im Besitz einer Option auf deren seitlichen Zulauf Borbecke. Hier plante er den Bau eines Holzsägewerkes, für das er bereits eine Baugenehmigung hatte. Carl Basse, der bereits 1872 zusammen mit dem Lüdenscheider Heinrich Fischer (* 1825; † 1890) in Lüdenscheid die Metallwarenfabrik Basse & Fischer gegründet hatte, überzeugte Selve jedoch, dort gemeinsam mit ihm ein Messingwalzwerk zu gründen. Am 18. März 1861 eröffneten die beiden Geschäftspartner daraufhin in Bärenstein das Unternehmen Basse & Selve in der Form einer offenen Handelsgesellschaft., abgerufen am 25. Mai 2021. Es wurden zunächst Messingbleche und -drähte produziert.Horst Rinke: Münze betreffend… – Eine Reise durch die Zeiten des Münzgeschäftes zwischen den beiden Währungsvereinigungen von 1871 und 1999. Herbert Utz Verlag, 2004, ISBN 3-8316-0310-3, S. 7–9 und vor allem die zahlreichen Knopfhersteller im Lüdenscheider Raum beliefert.Manfred Knauer: Hundert Jahre Aluminiumindustrie in Deutschland (1886-1986): Die Geschichte einer dynamischen Branche. Verlag Walter de Gruyter, 2014, S. 48–49
Hermann Selves Sohn Gustav (* 1842; † 1909), der nach dem Besuch der Königlichen Gewerbeschule in Iserlohn eine kaufmännische Ausbildung in dem Lüdenscheider Messingwerk Caspar Noell absolviert hatte, trat 1862 als Angestellter in das Unternehmen seines Vaters ein, das zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Arbeiter beschäftigte.
Verlegung nach Altena und Expansion mini|Ehemalige Fabrikgebäude in Altena (2008) Da das beengte Versetal wenig Raum für die Expansion des Unternehmens bot, erwarb man 1868 ein stillgelegtes Walzwerk am Schwarzenstein in Altena, wohin 1869 auch der Firmensitz verlegt wurde.come-on.de (Bericht von Thomas Bender vom 6. Januar 2018): Am Schwarzenstein wurden 100 Jahre lang Münzen produziert, abgerufen am 25. Mai 2021.Ralf Stremmel: Gustav Selve – ein Großindustrieller im Deutschen Kaiserreich. In: Der Reidemeister, Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land. Herausgeber: Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid. Ausgabe Nr. 180 vom 3. November 2009, S. 1481–1486, abgerufen am 25. Mai 2021. In Donnaz in Italien entstand 1870 ein weiteres Werk. Dieses wurde später von Gustav Selves Brüdern Fritz Selve (* 1849; † 1916) und August Selve (* 1845; † 1925) geführt.
Nach der Reichsgründung 1871 verabschiedete Kaiser Wilhelm I. die erste Währungsunion im Deutschen Reich. Die Einführung einer neuen Währung kam dem Unternehmen Basse & Selve zugute, da einige der neuen Münzen aus einer Kupfernickellegierung bestanden. 1872 wurde Hermann Diedrichs Sohn Gustav Selve Teilhaber und Geschäftsführer von Basse & Selve, ab 1883 war er nach Ausscheiden der Mitinhaberfamilie Basse der Alleininhaber der Unternehmens. Mit der Verhüttung von Nickelerzen aus Neukaledonien begann man 1874/1875 und wurde zur größten Nickelhütte Deutschlands. Stets um Fortschritt und Unternehmenswachstum bemüht, begann er immer neue Nichteisenmetalle und Metalllegierungen zu verarbeiten, so zum Beispiel die kupferhaltige Messinglegierung Tombak, Neusilber und Aluminium. Der Schwerpunkt der Produktion lag auch aufgrund von Staatsaufträgen in der Herstellung von Patronenhülsen und Münzen,WASSEREISENLAND Industriekultur in Südwestfalen: Gustav Selve. Vom engagierten Großindustriellen zum „Stillen Gustav“, abgerufen am 27. Mai 2021. außerdem stellte Selve & Basse Drähte, Rohre, Bleche und Stangen her. mini|Werk Linscheid, um 1899 Selve vergrößerte das Unternehmen, indem er weitere Werke vor allem im märkischen Sauerland in Linscheid bei Altena, Altena-Hünengraben, Lüdenscheid und Hemer aber auch in Sachsen, Ostpreußen und im Rheinland gründete und bestehende Betriebe aufkaufte. Im schweizerischen Thun wurden die Schweizerischen Metallwerke gegründet.
Gustav Selves Sohn Walter Selve (* 1876; † 1948) trat 1901 in den väterlichen Betrieb ein und wurde 1911 Teilhaber. Anfang 1900 zählte das Basse & Selve zu den führenden deutschen Unternehmen der Nichteisenmetallindustrie. Abgerufen am 26. Mai 2021. Er konstruierte unter anderem den Aluminiumkolben, zu der Zeit eine bedeutende Innovation im Motorenbau. Das Unternehmen begann 1911 mit der Fertigung von (Flug-)Motoren aus Leichtmetalllegierungen. Der Motorenbau konzentrierte sich auf Altena und trat vor allem während des Ersten Weltkrieges mit zahlreichen Innovationen und Verbesserungen in Erscheinung. So war beispielsweise der wassergekühlte Reihenmotor Basse & Selve BuS IVa mit 300 PS (221 kW) für den projektierten überschweren Langstreckenbomber Schütte-Lanz R.I vorgesehen. Das von Schütte-Lanz in der Werft Zeesen gebaute und für den Luftkrieg gegen England vorgesehene Riesenflugzeug kam jedoch nicht mehr zum Einsatz.
Die Selve Automobilwerke in Hameln, die Walther Selve erworben hatte, wurden ein Schwesterunternehmen von Basse & Selve, mussten jedoch in der Weltwirtschaftskrise den Betrieb einstellen.Stremmel, Ralf: Selve, Walther Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 232 (Online-Version), abgerufen am 28. Mai 2021.
Zum Zeitpunkt von Gustav Selves Tod im Jahr 1909 verfügte das Unternehmen über 11 Zweigwerke.Gustav Selve (1842–1909). Informationstafel am Altenaer Gustav-Selve-Denkmal Basse & Selve beschäftigte zu dieser Zeit knapp 3000 Mitarbeiter.
Konsolidierung ab den 1920er-Jahren 1921 wurden die Basse & Selve oHG und ihre Tochtergesellschaften zur „Selve Aktiengesellschaft“ zusammengeschlossen. Diese fusionierte 1927 mit der 1853 gegründeten Werdohler Carl Berg AG sowie der 1819 in Duisburg gegründeten und 1909 in eine Aktiengesellschaft umgewandelten C. Heckmann AG zur Berg-Heckmann-Selve AG mit Sitz in Altena.Eintrag zu Abt. 118, Vereinigte Deutsche Metallwerke AG, Frankfurt a.M. im Hessischen Wirtschaftsarchiv, aufgerufen am 7. Dezember 2015 Die Weltwirtschaftskrise traf die Betriebe der Metallindustrie so stark, dass es zu einer Konzentrationsbewegung innerhalb der deutschen Halbzeugindustrie kam, in deren Rahmen die Berg-Heckmann-Selve AG im Jahr 1930 die Heddernheimer Kupferwerk und Süddeutsche Kabelwerk AG, die bereits 1909 fusioniert hatten, übernahm. Ab diesem Zeitpunkt firmierte das Unternehmen, das nun über ein Grundkapital von 30 Millionen Reichsmark verfügte, unter dem Namen Vereinigte Deutsche Metallwerke (VDM). Als Hauptsitz wurde zunächst die Firmenzentrale der Basse & Selve AG in Einsal bestimmt, ab 1933 befand sich der Firmensitz dann in Frankfurt am Main.
Von der ursprünglichen Werdohler Carl Berg AG gingen Werke in Werdohl, sowie den Stadtteilen Eveking und Wilhelmstal, von der Duisburger C. Heckmann zwei Werke in Duisburg und Aschaffenburg in die VDM ein. Basse & Selve brachte die Altenaer Werke in Schwarzenstein, Linscheid und Hünengraben, in Bärenstein (Werdohl) sowie in Küppersteg bei Köln ein.
Die einzelnen Zweigniederlassungen blieben unter ihren bisherigen Firmenbezeichnungen weitgehend selbstständig, die Finanzen und das Rechnungswesen wurden aber zentral in Altena verwaltet.
Niederlassungen und Tochterunternehmen Selve Fratelli, Italien Um die Handelsbeziehungen zu Italien zu stärken, erwarb Basse & Selve 1870 ein insolventes Metallwerk in Donnas im oberitalienischen Aostatal. Dieses wurde zum 1. Juli 1874 den beiden jüngeren Söhnen Herman Selves, Fritz Selve und August Selve übertragen, die es ab diesem Zeitpunkt unter dem Namen Selve Fratelli führten. Das Werk florierte bald, es wurden bis zu 500 Tonnen Messing und Kupfer zu Drähten, Stäben und Blechen verarbeitet.Gaetano De Gattis: Donnas-Bard. Nuovi ritrovamenti archeologici di un tratto di strada romana per le Gallie sito a confine tra i due comuni. In: Regione Autonoma Valle d'Aosta (Hrsg.): Bollettino (5) 2008, S. 79–82
1908 wurde das Unternehmen an die Società Metallurgica Italiana veräußert. Da es im folgenden Jahrzehnt zu einem starken Rückgang der Umsatzzahlen kam, wurde das Werk geschlossen.
Fritz Selve war Bürger Turins geworden. Er stiftete der Stadt Donnas eine Grundschule und einen Kindergarten. Den 1897 eröffneten Kindergarten benannte er zu Ehren seiner Mutter Asilo infantile Anna Caterina Selve. Dieser wurde 1922 verstaatlicht und erst im Jahr 1985 geschlossen. auf der Homepage des Gli Archive del Piemonte e della Valle d'Aosta In den Kellerräumen des Gebäudes befindet sich heute das Museo del Vino e della Viticoltura.Homepage des Für seine Verdienste um die Wirtschaft wurde ihm vom italienischen Staat der Ehrentitel eines Commendatore verliehen.
Schweizerische Metallwerke Selve & Co Gustav Selve unterhielt intensive Handelsbeziehungen zur Eidgenössischen Obertelegrafendirektion sowie zum Eidgenössischen Militärdepartement, besonders die Eidgenössische Konstruktionswerkstätte sowie die Eidgenössische Munitionsfabrik in Thun waren wichtige Kunden für Basse und Selve. Um die Geschäftsbeziehungen zu intensivieren, erwarb er schließlich das ehemalige Thuner Elektrizitätswerk, um hier 1895 mit den Schweizerischen Metallwerken Selve & Co ein eigenes, für die damaligen Verhältnisse hochmodernes Metallwalzwerk und eine Giesserei zu eröffnen. In dem Werk wurden zunächst Munitionsnäpfchen hergestellt, später wurden auch Telegrafendrähte sowie Buntmetall- und Aluminiumprodukte produziert.
Bei Gründung des Werkes waren 16 Arbeiter beschäftigt.Die heisse Story des neuen Quartiers. In: Berner Zeitung. vom 2. Juli 2013. 1905 waren bereits 200 Arbeiter in dem Werk beschäftigt..
Während des Ersten Weltkriegs war die Auftragslage für Unternehmen als Zulieferer für die Rüstungsindustrie sehr gut, so dass zu dieser Zeit schon über 1100 Mitarbeiter in dem Thuner Werk arbeiteten.
1920 erwarb Walther von Selve ein am Thunersee gelegenes Grundstück im äußeren Teil des Schlossparkes von Schloss Schadau, auf dem er durch den Architekten Alfred Lanzrein eine Villa errichten ließ.Louis Hänni: auf der Homepage des Dürrenast Leist. S. 11. Die herrschaftliche Villa im neubarocken Berner Landhausstil auf dem Grundstück Seestrasse 47 wurde 1988 für den Bau des Kongresshotels Seepark abgerissen.Landschaftsarchitekten Moeri und Partner: S. 29.
Im Jahr 1930 zog Else von Selve-Wieland, die Ehefrau Walther von Selves von Altena in die Thuner Villa, 1933 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und erhielt als Abfindung die Schweizerischen Metallwerke, die sie ab diesem Zeitpunkt auch alleine leitete. 1949 ließ sie auf dem Werksgelände an der Thuner Scheibenstrasse ein Verwaltungsgebäude errichten, wenige Jahre später erweiterte sie das Unternehmen um ein modernes Warmwalzwerk. Da auf dem Werksareal für weitere Erweiterungen kein Platz zur Verfügung stand, erwarb Else von Sulze-Wieland 1950 Flächen im nahe gelegenen Uetendorf, wo sie ein Zweigwerk errichten ließ.Else von Selve leitete die Geschicke der Selve-Metallwerke fast vier Jahrzehnte lang. In: Thuner Tagblatt vom 27. April 2012, S. 2.