Als Geldtheorie wird in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien bezeichnet, die sich mit dem Geld, den Geldfunktionen, den Beziehungen der geldwirtschaftlichen Größen untereinander und den Geldströmen zwischen der Geldwirtschaft und der komplementären Güterwirtschaft befassen.
Allgemeines Geldtheorien analysieren und erklären, welche Rolle Geld, Kredit und Zins im Wirtschaftsablauf spielen.Katrin Alisch (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Band 1, 2004, S. 1164 Große Bedeutung haben in den Geldtheorien die Finanzmärkte, insbesondere deren Teilmarkt – der Geldmarkt. Auf ihm bestimmen Geldangebot und Geldnachfrage die Geldmenge. Geldtheorien befassen sich zudem mit Geldfunktionen, geldbezogenen volkswirtschaftlichen Kennzahlen und der Geldschöpfung.Otmar Issing, Geldtheorie, in: Verlag Dr. Th. Gabler (Hrsg.), Gablers Wirtschaftslexikon, Band 3, 1984, Sp. 1695 ff.; ISBN 3-409-30344-8
Zu den monetären Theorien zählen neben der Geldtheorie auch die monetäre Außenwirtschaftstheorie, die sich mit den Geldeffekten in Verbindung mit den Devisenmärkten befasst.Ralph Anderegg, Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, 2007, S. 1 Weitere, die Geldtheorien beeinflussenden Richtungen sind die Inflationstheorie, die Zinstheorie und die Theorie der Geldpolitik.
Zentrales Erkenntnisobjekt der Geldtheorien ist das Geld. Darunter wird alles zusammengefasst, was als Zahlungsmittel in einer Volkswirtschaft akzeptiert wird. Unterschieden wird zwischen Bargeld (Banknoten und Münzen), die als gesetzliche Zahlungsmittel fungieren, und Buchgeld in Form von Bankguthaben auf Girokonten. Da Geld und Liquidität eng miteinander verknüpft sind, ist die Liquiditätstheorie eine die Geldtheorie flankierende Theorie.
Geschichte Geldtheorien sind so alt wie das Geld selbst. Obwohl bei Platon keine ausgearbeitete Geldtheorie nachzuweisen ist, lassen seine geldpolitischen Richtlinien – z. B. seine Abneigung gegen den Gebrauch von Gold und Silber, oder seine Idee einer heimischen Währung, die im Ausland wertlos wäre – erkennen, dass er davon ausging, dass der Wert des Geldes von seiner stofflichen Substanz unabhängig sei. Aristoteles hingegen vertrat genau die entgegengesetzte Theorie.Joseph A. Schumpeter/(Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.), Geschichte der ökonomischen Analyse, Erster Teilband, Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen, 1965, S. 95 f. Joseph A. Schumpeter spricht im ersten Fall von „Chartal-Theorie“, im anderen Fall von Metallismus oder der „metallistischen Theorie“ des Geldes.Joseph A. Schumpeter/(Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.), Geschichte der ökonomischen Analyse, Erster Teilband, Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen, 1965, S. 104
Im Mittelalter war das Geld zentrale Frage für die Finanzierung, insbesondere der militärisch bedingten Ausgaben der Territorialherren, die oft durch Geldabwertung bzw. Münzverschlechterung bestritten wurde. Die von Thomas von Aquin bzw. Tholomeus von Lucca vertretene Meinung, das Geld sei Besitz des Herrschers und könne in seinem Wert frei von ihm festgesetzt werden, wandelte sich dahingehend, dass es vielmehr der Allgemeinheit gehöre und der Geldwert somit von den Ständen zu bestimmen sei. Diese Sichtweise wurde am akzentuiertesten von Nikolaus von Oresme in seinem um 1358 verfassten Tractatus de mutatione monetarum vorgebracht. Gabriel Biel übernahm um 1516 Oresmes Argumente und passte sie den damals herrschenden Verhältnissen an, wobei er nicht ganz so rigoros auf der Geldwertstabilität beharrte wie Oresme.Gabriel Biel, Tractatus de potestate et utilitate monetarum, um 1516
Erste, mit wissenschaftlichen Methoden durchgeführte Lehren stammen vom baskischen Theologen Martin de Azpilcueta, der bereits 1556 auf den Zusammenhang zwischen Edelmetallimporten und der Preissteigerung hingewiesen hatte.Martin de Azpilcueta, Comentario Resolutorio de Cambios, 1556, S. 1 ff. In einen größeren Zusammenhang brachte dies Jean Bodin, der 1568 erkannte, dass für die große Geldentwertung seiner Zeit nicht Wucher der Händler, sondern das Verhältnis der Geldmenge zur Gütermenge verantwortlich sei.Jean Bodin, Réponse de Jean Bodin aux paradoxes de Malestroit, touchant l'encherissement de toutes choses et le moyen d'y remédier, 1568, S. 1 ff. Sein Werk erschien 1624 auf Deutsch.Johannes Budinus, Diskurs … von den Ursachen zur Theuerung wie auch dem Auff- und Abschlag der Müntz, 1624 Ursache der Preissteigerung war die Erhöhung der Geldmenge infolge der gestiegenen Produktion und Einfuhr von Edelmetallen. Bodin stellte Geldmenge und Gütermenge auf einer Waage gegenüber, ein Ungleichgewicht zwischen beiden galt als Inflation. Wie der Buchtitel verrät, handelt es sich um eine Antwort auf ein Paradoxon des Jean de Malestroit vom März 1566, wonach bei Gold- und Silbermünzen ein Verlust entstehen könne, obwohl es zum selben Preis zurückgenommen wird wie bei der Geldausgabe.Jean de Malestroit, Les paradoxes du seigneur de Malestroict,... sur le faict des monnoyes, présentez à Sa Majesté au mois de mars 1566, 1566, S. 1 ff.Julian H. Franklin, Jean Bodin, 2016, S. 218
Von wesentlicher Bedeutung für die vorklassische Geldtheorie sind die Arbeiten von Locke, Petty, Hume und Cantillon. Bereits im Jahre 1692 befasste sich John Locke mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Der wahre Geldwert liegt ihm zufolge in der Zirkulation und deren Geschwindigkeit ().John Locke, Some Considerations of the Consequences of the Lowering of Interest, and the Raising of the Value of Money, 1692/1963, S. 35 William Petty war 1695 der Auffassung, dass die Verschlechterung der Geldqualität den Vorteil biete, das Horten zu verhindern und die Umlaufgeschwindigkeit zu erhöhen.William Petty, Quantulumcunque concerning Money, 1695, S. 192 David Hume wurde bekannt für seine Auffassung von der reinen Dichotomie des Geldes, die in einer Trennung des güterwirtschaftlichen und geldwirtschaftlichen Sektors zum Ausdruck kommt,David Hume, Of Money, 1752/1964, S. 309 wobei die Inflation allein im geldwirtschaftlichen Sektor ihre Ursachen habe.David Hume, Of Interest, 1752/1964, S. 296 Richard Cantillon gilt als erster Geldtheoretiker, der die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes () 1755 in das Zentrum seiner Forschung stellte.Richard Cantillon, Essai sur la nature du commerce en général, 1755, S. 160
Klassische Geldtheorien Die Currency-Theorie (Vertreter vor allem: Henry Thornton und David Ricardo) sah seit 1809 das Geldangebot als exogen (durch die Geldpolitik bestimmt) an, weil die Zentralbank die Geldmenge autonom bestimme; das Geld entstehe erst durch das Geldangebot. Für Ricardo entsprach die vorhandene Geldmenge (Geldangebot) dem Geldbedarf (Geldnachfrage).David Ricardo, On the high Price of Bullion – A Proof of the Depreciation of Bank Notes, 1809/1912, S. 90 ff. Eine Veränderung der Geldmenge führt nach Auffassung von Ricardo zu einer proportionalen Preisänderung, denn jedes „Zuviel an Papiergeld (wird) den Wert des Umlaufsmittels im Verhältnis zu diesem Übermaß herabsetzen“.David Ricardo, On the high Price of Bullion – A Proof of the Depreciation of Bank Notes, 1809/1912, S. 95
Die klassische Quantitätstheorie war ein Resultat dieser Sichtweise. Sie besagt, dass sich eine Veränderung der umlaufenden Geldmenge direkt proportional auf das gesamtwirtschaftliche Preisniveau auswirkt, während das reale gesamtwirtschaftliche Einkommen (der um Preisveränderungen bereinigte Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen) vollkommen unabhängig von Höhe und Veränderung der umlaufenden Geldmenge ist. Die klassische Quantitätstheorie wurde zunächst von David Hume beschrieben. 1848 wurde sie von John Stewart MillJohn Stewart Mill, Principles of political economy, J.W. Parker/London, 1848 und 1911 von Irving FisherIrving Fisher, The purchasing power of money, Macmillan/New York, 1911 dargestellt. Die Geschichte und kritische Bewertung der Quantitätstheorie ist heute umfassend belegt.David Laidler, The quantity theory is always and everywhere controversial: Why?, in: Economic Record 77, 1991, S. 199–225
Die Banking-Theorie (Vertreter vor allem: Thomas Tooke, John Fullarton) ging ab 1844 dagegen davon aus, dass die Geldnachfrage ein entsprechendes Geldangebot schaffe, so dass das Geld durch Geldnachfrage auf dem Geldmarkt entstehe (endogen).Werner Ehrlicher, Geldtheorie und Geldpolitik III: Geldtheorie, in: Willi Albers u. a. (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 3, 1981, S. 379 Der Banking-Theorie zufolge stehen hinter jeder Geldnachfrage güterwirtschaftliche Vorgänge, so dass die Kredite nach Abschluss der mit der Güterproduktion verbundenen Transaktionen automatisch wieder zurückfließen (; Fullartonsches Rückstromprinzip).John Fullarton, On the Regulation of Currencies, 1845, S. 58 Weitgehende Unterstützung für Fullarton kam von John Stuart Mill.Jesús Huerta de Soto, Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen, 2011, S. 437
Metallismus – Nominalismus Der zuerst aufgekommene Metallismus beschrieb vorgefundene Tatsachen, indem er den Geldwert alleine vom Metallwert der Münzen abhängig machte. Hierhinter verbarg sich die Auffassung, dass dem Geld ein Metallwert innewohnen müsse, der den Geldwert bestimme.Josef Löffelholz (Hrsg.), Bank-Lexikon: Handwörterbuch für das Bank- und Sparkassenwesen, 1983, Sp. 806 Bei den später aufkommenden Banknoten erstreckte der Metallismus deren Geldwert auf die vorhandene Gelddeckung.Josef Löffelholz (Hrsg.), Bank-Lexikon: Handwörterbuch für das Bank- und Sparkassenwesen, 1983, Sp. 1347 Hauptvertreter waren Werner SombartWerner Sombart, Der moderne Kapitalismus, Band I, 1902, S. 547 ff. und Walther Lotz.Walther Lotz, Geld, in: Wörterbuch der Volkswirtschaft, Band I, 1911, S. 146 ff.
Bei der gegensätzlichen Geldtheorie des Nominalismus beruht der Geldwert nicht auf dem Stoffwert des Geldes, sondern auf staatlicher Autorisation durch Denomination des Nennwerts von Münzen und Banknoten.Gerhard Müller/Josef Löffelholz (Hrsg.), Bank-Lexikon: Handwörterbuch für das Bank- und Sparkassenwesen, 1963, Sp. 1077 f. Der zunächst juristisch geprägte Nominalismus entwickelte sich zu einer wirtschaftstheoretisch orientierten Lehre vom Geld als einer staatlich geschützten Anweisung auf einen entsprechenden Anteil am Sozialprodukt. Als Begründer gilt Georg Friedrich Knapp.Georg Friedrich Knapp, Staatliche Theorie des Geldes, 1905, S. 1 ff.
Marxismus
Der Begründer des Marxismus, Karl Marx, hat keine in sich geschlossene Geldtheorie entwickelt.Doris Neuberger/Udo Kern, Karl Marx – Aspekte seines Wirkens, 2019, S. 113 Er kritisierte die Klassiker der politischen Ökonomie dafür, nicht zwischen konkreter Arbeit, die Gebrauchswert schaffe, und abstrakter Arbeit, die Tauschwert bzw. Wert bilde, unterschieden zu haben.Im Original: Es folgt eine ausführliche Darstellung des Doppelcharakters der in den Waren dargestellten Arbeit. Da sie qualitative Aspekte bzw. den Charakter der wertbildenden Arbeit vernachlässigt hätten, sei ihnen entgangen, dass Wert und Wertform notwendig miteinander zusammenhängen. Marx kritisierte die Position, wonach Geld nur ein Mittel ist, das kluge Warenbesitzer ausgedacht haben, um den wachsenden Tausch zu erleichtern. Laut Marx erfordert der Wert eine angemessene Form, nämlich die Geldform. Geld, der materielle Träger dieser Form, ist demnach strukturell notwendig: die Mitglieder einer Gesellschaft, in der das Arbeitsprodukt typischerweise die Warenform annimmt, können ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nur aufgrund des Geldes herstellen.