Die Gutenbergschule ist ein Gymnasium im Wiesbadener Ortsbezirk Südost, das 1845 als Realgymnasium gegründet wurde und seit 1955 den jetzigen Namen führt. Die Schule hat etwa 1340 Schüler und rund 100 Lehrer.
Geschichte Durch Herzogliches Edikt vom 22. Juni 1844 wurde verordnet, in Wiesbaden, in Verbindung mit der städtischen Vorbereitungs- und mittleren Realschule, ein Realgymnasium als Landesanstalt zu errichten. Es bezweckte „eine allgemeine wissenschaftliche Vorbildung derjenigen, welche sich einem technisch-praktischen Berufe widmen und zu demselben unmittelbar übergehen oder ihre Studien auf einer Fachschule fortsetzen wollen.“ Der Unterricht, der in drei Klassen erteilt wurde, umfasste Religion, Mathematik und Naturwissenschaften (Physik, Chemie und Naturgeschichte), Geographie und Geschichte, neuere Sprachen (Deutsch, Französisch und Englisch), die lateinische Sprache, Zeichnen und Gesang. Der Direktor und die Lehrer wurden in Rang und Gehalt ihren Kollegen an den oberen Klassen der „Gelehrten-Gymnasien“ gleichgestellt.Herzogliches Edikt vom 22. Juni 1844, Sammlung der landesherrlichen Edikte und Verordnungen des Herzogthums Nassau, S. 460 f.
Am 10. April 1845 wurde die Anstalt eröffnet. Erster Direktor wurde ein Schulrat, der seit 1836 das neu errichtete Realgymnasium in Gotha geleitet hatte. Der erst 1840 gegründeten städtischen Realschule verblieben die vier unteren Klassen (IV bis VII), während die fünfte dem Realgymnasium zugeordnet wurde, das sogleich um die sechste und im nächsten Schuljahr um die siebte Klasse aufwuchs und damit die Klassen I bis III umfasste.Hochhuth: Kurze Geschichte des Königlichen Realgymnasiums in Wiesbaden. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Jahresbericht 1894/1895, Wiesbaden 1895, S. 7 f. Bis Ostern 1857 unterstanden Realschule und -gymnasium demselben Schulleiter und wurden „in Beziehung auf den Unterricht“ als Ganzes angesehen.J. H. T. Müller, Schulnachrichten, in: Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Schüler des Herzoglich Nassauischen Realgymnasiums zu Wiesbaden, Wiesbaden 1846, S. 33 Die Schülerzahl schwankte in den ersten zwölf Jahren stark.Greiss: Geschichte der Anstalt während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Jahresbericht 1869/1870, Wiesbaden 1870, S. 9
1868 wurde die Prima, 1873 auch die Sekunda und 1874 die Tertia zu einem zweijährigen Kursus (B und A) erweitert, innerhalb dessen offenbar keine Versetzungsentscheidung stattfand. Ab 1877 waren sie nicht mehr zweijährig, sondern wurden mit den Zusätzen „Unter“ und „Ober“ unterteilt. Bereits 1874 war die Quarta angefügt worden, 1875 Quinta und Sexta, womit neun Jahrgänge erreicht waren.
Von 517 Abiturienten, die bis 1895 die Reifeprüfung abgelegt hatten, wandten sich den Fächern Bau- und Ingenieurwissenschaft 121, höheres Lehramt 83, Chemie 59, Militärfach 54, Forstwissenschaft 48, Medizin 34 und sonstigen Fächern 118 zu.Fries u. a.: Die Abiturienten … 1847 bis 1895. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt, Wiesbaden 1895, S. 70 ff., 98 Die Wahl von Studienfächern war damals noch eingeschränkt, weil der Abschluss eines Realgymnasiums, bis zur preußischen Schulreform des Jahres 1900, abgesehen von anderen Berechtigungen,Übersicht über die Berechtigungen des Realgymnasiums. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Jahresbericht über das Schuljahr 1906, S. 20 f. nur eine fachgebundene Hochschulreife verlieh.
Untergebracht war das Realgymnasium zunächst zusammen mit der städtischen Realschule im Schulhaus am Markt in Wiesbaden, vorübergehend in der Schützenhofstraße, später im Obergeschoss der staatlichen Münze am Luisenplatz in unmittelbarer Nachbarschaft des Gymnasiums.
Mit dem Wegfall der staatlichen Selbstständigkeit Nassaus nach 1866 wurde der Namenszusatz „Herzoglich Nassauisches“ durch „Königliches“ und 1918 durch „Staatliches“ ersetzt.
Ab 1931 war das Realgymnasium neben dem Gymnasium Teil einer Anstalt mit der Bezeichnung „Staatliches Gymnasium und Realgymnasium“, gelegentlich umschrieben mit der Formulierung, dem Direktor des Realgymnasiums sei zugleich die Leitung des Gymnasiums übertragen worden. Am 12. Juni 1933 bezog die Schule den Nord- und Südflügel des heutigen Schulgebäudes in der Mosbacher Straße.Hörle, Staatliches Gymnasium seit 1844. Staatliches Realgymnasium seit 1845. Ein Rückblick über 100 Jahre der Höheren Schulen in Wiesbaden. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 51 Wohl von 1937 bis Kriegsende lautete die Bezeichnung „Staatliches Gymnasium und Oberschule“.Tabeling, Notzeit und Wende. Ein Überblick über die Schicksale unsrer Schule in jüngster Vergangenheit. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 57 f. Frühestens Ende 1951 erhielt die Schule den Namen Diltheyschule nach Wilhelm Dilthey, einem früheren Schüler des ursprünglichen Gymnasiums, der die Gleichberechtigung von Realgymnasien und Oberrealschulen mit humanistischen Gymnasien abgelehnt hatte.Zitat
1955 wurden die Schulen wieder getrennt, wobei das Gymnasium den neuen Namen behielt, aber anderweitig untergebracht wurde. Das verbliebene ursprüngliche Realgymnasium trägt seitdem den Namen Gutenbergschule, unter dem kurzzeitig bis 1914 eine Volksschule im selben Gebäude bestanden hatte, vor dessen Nordflügel sich der Gutenbergplatz befindet. Der Schulname wurde zunächst mit dem Zusatz „Gymnasium für Jungen“ geführt, obwohl schon Mädchen in Klassen aufgenommen wurden, die die französische Sprache als erste Fremdsprache erlernten. Seit 1968 lautet der Zusatz nur noch „Gymnasium“.
Konzept und Mitgliedschaften
Die Gutenbergschule hat eine Schulband, ein Orchester sowie eine Theater-AG. Sie ist Mitglied des MINT-EC, eines Schulnetzwerks zur Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsfächer. Außerdem bietet sie in der gymnasialen Oberstufe an, neben dem deutschen Abitur auch das französische Baccalauréat zu erwerben. Seit 2017 darf sich die Gutenbergschule Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage nennen.
Bekannte Lehrer Johann Heinrich Traugott MüllerJ. H. T. Müller, Schulnachrichten, in: Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Schüler des Herzoglich Nassauischen Realgymnasiums zu Wiesbaden, Wiesbaden 1846, S. 38 (1797–1862), Mathematiker, Direktor 1845–1857 Philipp WackernagelGreiss: Geschichte der Anstalt während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Jahresbericht 1869/1870, Wiesbaden 1870, S. 10 f. (1800–1877), Kirchenliedforscher, Mitbegründer des evangelischen Kirchentags, Literaturhistoriker August de LaspéeJahresbericht 1866/1867. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1867, S. 22 (1816–1901), Kunstmaler Wilhelm Theodor Oscar CasselmannJ. H. T. Müller, Schulnachrichten, in: Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Schüler des Herzoglich Nassauischen Realgymnasiums zu Wiesbaden, Wiesbaden 1847, S. 35 (1820–1872), Naturwissenschaftler Guido SandbergerJ. H. T. Müller, Schulnachrichten, in: Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Schüler des Herzoglich Nassauischen Realgymnasiums zu Wiesbaden, Wiesbaden 1848, S. 36 (1821–1879), Geologe und Paläontologe Johann Georg Albert DunckerJahresbericht 1877/1878. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1878, S. 4 (1843–1886) Eduard KreutzerJahresbericht 1877/1878. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1878, S. 5 (1844–1916), Zeichenlehrer (ab 1876) Ernst Dostal (1921–2017), Bildhauer Gerhard LudwigGutenbergschule Wiesbaden, Jahrbuch 1962/63–1963/64, S. 9, dto. 1968/70, S. 11 (* 1924), SchriftstellerTausendjahrfeier, Roman, Frankfurt a. M. 1965, Reinbek bei Hamburg 1968 und Schulbuchverfasseru. a. La vie francaise. Französisches Unterrichtswerk. Frankfurt 1973 Hans BoruckiGutenbergschule Wiesbaden, Jahrbuch 1964/65–1965/66, S. 11, dto. 1966/68, S. 83 (1932–2024), Verfasser zahlreicher Mathematik- und Physikbücheru. a. Einführung in die Mengenlehre für Eltern, Bad Homburg 1971; Online in die vierte Dimension, Köln 2009
Bekannte Schüler Gustav Münch (1843–1910), Ingenieur und Reichstagsabgeordneter Hermann PagenstecherFries u. a.: Die Abiturienten … 1847 bis 1895. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt, Wiesbaden 1895, S. 70 ff., 75, Reifeprüfung 1863 (1844–1932), Professor der AugenheilkundeAuf einer Verwechselung mit seinem älteren Bruder Alexander Pagenstecher beruht allerdings die Angabe „Gründer der Augenheilanstalt“ bei Arenz, Naturwissenschaften an der Gutenbergschule, in: 150 Jahre Gutenbergschule Wiesbaden Gymnasium 1845-1995, Wiesbaden 1995, S. 83 f. Carl Jakob FrankenbachJahresbericht 1875/1876, Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1876, Verzeichnis der Schüler …, Tertia B, S. 36; Fries u. a.: Die Abiturienten … 1847 bis 1895. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt, Wiesbaden 1895, S. 70 ff., 85, Reifeprüfung 1881 (1861–1937), Kunstmaler Georg von TschudiFries u. a.: Die Abiturienten … 1847 bis 1895. In: Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt, S. 70 ff., 86 (1862–1928), Flugpionier Wilhelm KreisJahresbericht 1892/1893. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1893, Reifeprüfung 1893, S. 17 (1873–1955), Architekt Hans GrimmJahresbericht 1894/1895. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1895, Reifeprüfung 1895, S. 20 (1875–1959), Schriftsteller („Volk ohne Raum“), Rechtsextremist Wilhelm VershofenJahresbericht 1900/1901. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1901, Reifeprüfung 1901, S. 25 (1878–1960), Wirtschaftswissenschaftler, Hochschullehrer Walther von KnebelJahresbericht 1897/1898. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1898, Reifeprüfung 1898, S. 24 (1880–1907), Geologe, Vulkanologe und Speläologe Max von StockhausenJahresbericht über das Schuljahr 1908. Königliches Realgymnasium zu Wiesbaden, Wiesbaden 1909, Reifeprüfung 1908, S. 23 (1890–1971), Verwaltungsjurist, persönlicher Referent des Reichskanzlers (1923–1928) Wilhelm StuckartSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., 176 Abitur 1922 (1902–1953), Verwaltungsjurist, Kriegsverbrecher Wilhelm WenglerSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., 176 Abitur 1926 (1907–1995), Jurist, Universitätsprofessor Adolf SternbergerSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., 176 Abitur 1925 (1907–1989), Politikwissenschaftler, Universitätsprofessor Otto JohnSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., 177 Abitur 1929 (1909–1997), Jurist, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Horst von HartliebSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., S. 177 Abitur 1929 (1910–2004), Jurist, Mitinitiator der Filmselbstkontrolle Hans JohnSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., S. 178 Abitur 1930 (1911–1945), Jurist, vom NS-Regime ermordet Rolf von SydowSchnell u. a.: Die Abiturienten des Realgymnasiums. In: 100 Jahre Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden, Wiesbaden 1951, S. 167 ff., 181 Abitur 1943 (1924–2019), Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Autor Peter Pagé (1939–2020), Unternehmer Frank Gersthofer (1940–2011), Opernsänger