Vatileaks 2.0 umschreibt den Skandal um finanzielle Machenschaften im Vatikanstaat, die von den Journalisten Emiliano Fittipaldi und Gianluigi Nuzzi in zwei Buchpublikationen im Jahr 2015 bekannt gemacht wurden. Die beiden Bücher beruhten vorrangig auf Geheimdokumenten der von Papst Franziskus eingesetzten Wirtschaftsprüfungskommission COSEA.COSEA ist die Abkürzung von: .„Vatileaks 2.0“: Rom ermittelt offenbar gegen Geistlichen. ORF.at, 1. November 2015.Nuzzi, Chaouqui, Vatileaks 2.0 und ein päpstlicher „Kreuzweg“? Katholisches.Info, 3. November 2015 Anfang November 2015 kam es zur Verhaftung des früheren COSEA-Mitgliedes und Prälaten Lucio Ángel Vallejo Balda und in der Folge zu einem Prozess gegen ihn, gegen die beiden Journalisten, gegen das einzige weibliche COSEA-Mitglied, Francesca Immacolata Chaouqui, sowie gegen den COSEA-Mitarbeiter Nicola Maio. Der Tatvorwurf lautet unter anderem .

Begriffsbildung, Kontext

mini|Federico Lombardi, Leiter des vatikanischen Presseamtes Der Begriff Vatileaks wurde durch den Pressesprecher des Vatikans, Federico Lombardi, in Anlehnung an Wikileaks geprägt und umfasste Vorgänge, welche die Art und Weise des Bekanntmachens von vertraulichen Dokumenten beschreiben, die 2011 und 2012 vom Schreibtisch des damaligen Papstes Benedikt XVI. aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit gelangten.

Im Juni 2013 wurde mit Artikel 116 bis ein neuer Tatbestand in das Strafgesetzbuch des Vatikanstaates eingefügt, der die Verbreitung vertraulicher Informationen und Dokumente unter Strafe stellt.Gesetz des Staates der Vatikanstadt Nr. IX vom 11. Juli 2013 (PDF; italienisch), das Änderungen im Strafgesetzbuch und in der Strafprozessordnung enthält.

Am 18. Juni 2015 wurde die zweite Enzyklika von Papst Franziskus zeitgleich in acht Sprachen vorgelegt: , mit dem Untertitel Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Das Werk befasst sich mit Umwelt- und Klimaschutz, den bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten und der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. Laudato si’ wurde von seinem Autor als , gesehen und von der Weltöffentlichkeit auch so rezipiert. In: Website der Katholischen Kirche Kärntens, 19. Juni 2015.

Am 3. Oktober 2015 erfolgte das erste Outing eines Theologen des Vatikans, Krzysztof Charamsa, der ab 1997 in der Glaubenskongregation tätig war und an zwei päpstlichen Universitäten unterrichtete. Er kritisierte die Sexualmoral als „unmenschlich“. Jede Person habe ein Recht auf Liebe, und dieses Recht müsse von Gesellschaft und Gesetz geschützt werden. Priester Charamsa: Outing und Enthebung eines Vatikan-Theologen - derstandard.at/2000023196016/Priester-Charamsa-Outing-und-Enthebung-eines-Vatikan-Theologen. In: Der Standard, 4. Oktober 2015. Dieses Bekenntnis der Ehrlichkeit stellte einen massiven Angriff auf das Konzept der Geheimhaltung in der Römischen Kurie dar, in der Homosexualität stets akzeptiert war, solange sie nicht öffentlich gemacht wurde.

Von 4. bis 25. Oktober 2015 schließlich tagte die sogenannte Familiensynode zu Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute, als Nachfolgeveranstaltung der dritten außerordentlichen Bischofssynode vom 5. bis 19. Oktober 2014. Es kam zu heftigen Kontroversen zwischen Traditionalisten und Reformern sowie zu einem warnenden Brief von 13 konservativen Kardinälen an den Papst, welcher prompt den Weg in die Öffentlichkeit fand. Kardinal Gerhard Ludwig Müller sprach angesichts dessen bereits zu Beginn der Familiensynode .

Wirtschaftsprüfungskommission COSEA „Kein Papst befaßte sich in den vergangenen hundert Jahren so intensiv mit Finanz- und Wirtschaftsfragen des Vatikans.“Und noch eine Kommission – Papst Franziskus ernennt Kommission zur Reform der Wirtschaftsangelegenheiten. Katholisches.info, 19. Juli 2013 Papst Franziskus setzte unmittelbar nach Amtsantritt folgende Schritte: Er berief ein Gremium von acht Kardinälen als persönliche Berater für die Reform der Römischen Kurie und in der Leitung der Kirche. Er installierte eine Päpstliche Kommission für die Reform der Vatikanbank Istituto per le Opere di Religione (IOR). Er ernannte Monsignore Battista Mario Salvatore Ricca, den Direktor des vatikanischen Gästehauses Domus Sanctae Marthae, zum Hausprälaten der Vatikanbank IOR mit dem Recht auf Einsicht in sämtliche Akten und der Teilnahme an allen Sitzungen der Bank.

Am 18. Juli 2013 schließlich errichtete Papst Franziskus mit einem Chirograph eine neue Päpstliche Kommission für die Reform der Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten des Heiligen Stuhls (). Als Mitglieder der Kommission wurden sieben katholische Laien und ein spanischer Prälat im Dienst der Römischen Kurie berufen:Vatikanstaat: Chirografo del Santo Padre Francesco, 18. Juli 2013

Joseph F.X. Zahra (Malta), Präsident Francesca Immacolata Chaouqui (Italien) Jean-Baptiste de Franssu (Frankreich) Enrique Llano (Spanien)  Jochen Messemer (Deutschland) Mons. Lucio Ángel Vallejo Balda (Vatikan) Jean Videlain-Sevestre (Frankreich) George Yeo (Singapur)

Die Kommission sollte gewissermaßen Inventur im Vatikan machen und Vorschläge für Verbesserungen, höhere Effizienz und Einsparungen erarbeiten. In der Anweisung des Papstes hieß es, dass die Kommission Zugang der Vatikanbank Istituto per le Opere di Religione (IOR), aller Bilanzen, jeglicher Behörde und Einrichtung des Vatikans und dem beweglichen und unbeweglichen Besitz des Heiligen Stuhls weltweit haben sollte. Das Amtsgeheimnis wurde für die Untersuchung aufgehoben. Die Internetplattform Katholisches gab unmittelbar nach der Bestellung der Kommission zu bedenken, dass diese Insider-Informationen wert seien, die sieben externen Kommissionsmitglieder am Ende mehr wüssten als jeder im Vatikan und äußerte auch Zweifel an der Eignung der Ernannten. Bereits acht Tage nach der Bestellung von Francesca Immacolata Chaouqui verwies die Plattform auf ihre Beziehung zum Aufdeckungsjournalisten Gianluigi Nuzzi und zur Aufdeckungsplattform Dagospia, gegründet von Roberto D’Agostino.Francesca Chaouqui: umtriebig, Lobbyistin, Nuzzi-Verehrerin, neue päpstliche Kommissarin. Katholisches.info, 26. Juli 2015

Zwei Buchpublikationen Zeitgleich erschienen am 5. November 2015 die Bücher Avarizia von Fittipaldi und Via Crucis von Nuzzi, sie beinhalten eine Reihe von finanziellen Missständen innerhalb des Vatikanstaates und seiner Institutionen. Via Crucis Jörg Bremer kritisierte in der FAZ das Buch Nuzzis als „Alten Wein in einem neuen Schlauch“. Er skizziere Kardinal George Pell – „wohl aus Dankbarkeit für seine Dienste“ als Informant Nuzzis – als Reformer, während Fittipaldi denselben Kardinal als „Blockierer“ von Papst Franziskus’ Reformbestrebungen charakterisiere.Jörg Bremer: Alles außer Kontrolle?. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. November 2015

Zusammenfassung der Missstände Unter anderem wurden – laut Kathpress und weiteren Rezensenten – folgende Vorwürfe veröffentlicht, die sich insbesondere gegen die Kardinäle der Römischen Kurie richteten: Das Vatikanische Wirtschaftssekretariat habe ausgegeben. Der Vatikan habe im Jahr 2012 insgesamt 27 Millionen Liter Benzin verkauft, 18 Prozent davon an „Unbekannte“. Für wohltätige Zwecke bestimmte Gelder seien von der römischen Kurie zweckentfremdet worden. Der Peterspfennig gehe zu 80 Prozent in die Verwaltung, Grund dafür sei . Die Wirtschaftsprüfungskommission COSEA habe Günstlingswirtschaft, unmäßige Zunahme beim Personalbestand, mangelnde Transparenz bei Ausgaben und Abläufen, ungenügende Kontrollen bei Lieferantenverträgen, Ineffizienz und Privilegien bei der Bewirtschaftung der Vatikan-Immobilien, mangelhafte Aufsicht sowie zu hohe Risiken bei Kapitalanlagen des Vatikans aufgedeckt. Es gäbe fragwürdige Einnahmen bei Selig- und Heiligsprechungen. COSEA sei bei den Untersuchungen massiven Behinderungen seitens der Kurie ausgesetzt gewesen. Ein Teil dieser Gelder werde für ausgegeben: Die Kardinäle wohnten umsonst, zahlten weder Miete noch Nebenkosten. Bei einer Inventur von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten im Vatikan hätten Waren im Wert von 1,6 Millionen Euro gefehlt. COSEA habe weiters überhöhte Ausgaben für Bau- und Handwerksarbeiten sowie Indizien für Steuerhinterziehung gegenüber Italien festgestellt. Kardinäle und ihre Mitarbeiter erhielten zusätzlich Rabatte und Vergünstigungen bei Lebensmitteln, Zigaretten, Bekleidung und Sport.

Der Papst wurde von der Kritik ausdrücklich ausgenommen, er bewohnt nach wie vor ein knapp 50 Quadratmeter großes Zimmer im Gästehaus Santa Marta.

Verhaftungen und Verhöre Am 2. November 2015 berichtete Il Corriere della Sera von der Verhaftung des früheren Sekretärs der Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhles, des spanischen Prälaten Lucio Ángel Vallejo Balda, und seiner Protégée Francesca Immacolata Chaouqui.Ecco i corvi: due arresti in Vaticano / Il monsignore e la pierre sua protetta. In: Corriere della Sera (italienisch), 2. November 2015.

Der Prozess im Vatikan Auf Grundlage des erst 2013 implementierten Strafrechtsparagraphen Artikel 116 bis begann am 24. November 2015 vor dem Gerichtshof des Vatikanstaates der Prozess gegen Francesca Immacolata Chaouqui, Emiliano Fittipaldi, Nicola Maio, Gianluigi Nuzzi und gegen Prälat Lucio Ángel Vallejo Balda.

Zusammensetzung des Tribunals Das Richterkollegium besteht aus drei Richtern: Giuseppe Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto (Presidente del Collegio), Piero Antonio Bonnet und Paolo Papanti-Pelletier. Als Ersatzrichter fungiert Venerando Marano. – Als Vertreter der Anklage fungiert Gian Pietro Milano (Promotore di Giudizia).Vatileaks 2, ecco come funziona in processo in Vaticano. In: Famiglia Cristiana (italienisch), 23. November 2015.

Anklagepunkte Alle fünf Angeklagten müssen sich der Unterschlagung und Verbreitung vertraulicher Dokumente lt. der §§ 63 und 116-bis des vatikanischen Strafrechts verantworten. Die Angeklagten Chaouqui, Maio und Vallejo Balsa wurden zusätzlich auch wegen des Delikts Bildung einer kriminellen Vereinigung nach § 248 angeklagt, ein Paragraph, der aufgrund der Affaire Vatileaks 1.0 neu gefasst wurde, obwohl bei der damaligen Affaire nur ein Täter allein – Paolo Gabriele, Majordomus des damaligen Papstes – angeklagt und verurteilt wurde.

Zeitlicher Ablauf Die schnelle Anberaumung des Prozesses ergab Spekulationen der Presse, der Vatikan wolle die unangenehme Causa mit einem schnellen Verfahren vor dem 8. Dezember 2015 beenden. Zu diesem Datum beginnt das von Papst Franziskus ausgerufene außerordentliche Heilige Jahr – als Jubiläum der Barmherzigkeit zum 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils. Bereits die ersten zwei Gerichtstermine widerlegten den Eindruck eines Schnellverfahrens: Prozessbeginn war am Dienstag, 24. November 2015 um 10:30 Uhr. Der 28. November 2015 wurde als Frist für die Abgabe der Verteidigungsschriften festgesetzt. In der Tagsatzung von 30. November 2015 ersuchte die Angeklagte Chaouqui um Entbindung ihrer Pflichtverteidigerin Agnese Camilli und um Bestellung ihrer Wahlverteidigerin Laura Sgrò. Daraufhin wurde das Verfahren nach 10-minütiger Beratung des Richtersenats auf 7. Dezember 2015 vertagt, um der neuen Anwältin Zeit zu gewähren sich in den Akt einzuarbeiten.‘VatiLeaks’ trial rescheduled for Dec. 7. In: The Catholic Register (englisch), 30. November 2015.