Wittenoom ist eine Geisterstadt in der Pilbara-Region des australischen Bundesstaates Western Australia. Sie liegt etwa 1408 Kilometer nordnordöstlich der Hauptstadt Perth in der Gebirgskette Hamersley Range.
Seit den 1930er Jahren wurde in den nahegelegenen Schluchten Wittenoom Gorge und Yampire Gorge Blauasbest abgebaut, der damals ein beliebtes Baumaterial war. So entstand ab 1947 Wittenoom als Arbeitersiedlung und stieg in den 1950er Jahren zur größten Stadt der Pilbara-Region auf. Da die Mine nicht rentabel war und die Gesundheitsbedenken bezüglich des Asbestabbaus stiegen, wurde die Mine 1966 geschlossen und der Ort seit den 1970er Jahren schrittweise aufgegeben. Ungefähr 2000 Menschen starben an den Spätfolgen des eingeatmeten Asbeststaubs.
2019 lebte nur noch ein Einwohner dauerhaft in Wittenoom. Im März 2021 hat auch dieser letzte Bewohner der Geisterstadt, der gebürtige Vorarlberger Mario Hartmann aus Sulz, nach 32 Jahren das Outback verlassen und ist in die Nähe der Zivilisation in die Perth Hills gezogen. Er kümmerte sich jahrelang um die Wettermessdaten und versorgte den über 1000 km entfernten Flughafen von Perth mit Messdaten, 365 Tage im Jahr, zweimal täglich zu fixen Zeiten. Ein Kamerateam von Galileo besuchte den Mann im Frühjahr 2019 und interviewte ihn. Der Ort erhielt keine staatlichen Leistungen wie zum Beispiel Stromversorgung mehr. Im Juni 2007 wurde der Stadtstatus per amtlicher Bekanntmachung aufgehoben. Der Name der Stadt wurde daraufhin von amtlichen Karten und Straßenschildern entfernt und der Shire of Ashburton darf Straßen schließen, die in kontaminierte Zonen führen.
Name Wittenoom wurde von Lang Hancock nach Frank Wittenoom, seinem Partner auf der nahe gelegenen Mulga Downs Station, benannt. Besiedelt wurde das Gebiet um Wittenoom ursprünglich von Frank Wittenooms Bruder, dem Politiker Sir Edward Horne Wittenoom. In den späten 1940er Jahren gab es die Forderung nach einer offiziellen Stadt in der Nähe der Mine, und das Minenministerium schlug – unter Verweis darauf, dass dieser von den Bewohnern sehr gewünscht werde – den Namen Wittenoom vor. Der Name wurde 1948 genehmigt, doch es dauerte bis zum 2. Mai 1950, bis er im Amtsblatt bekannt gegeben wurde. 1951 wurde der Name auf Wunsch des Bergbauunternehmens in Wittenoom Gorge geändert, was 1974 wieder rückgängig gemacht wurde.
Geographie Lage Wittenoom liegt sehr abgelegen im spärlich besiedelten nordwestlichen Teil von Western Australia. Die nächste Stadt ist Tom Price, die sich 80 Kilometer Luftlinie bzw. 130 Straßenkilometer südwestlich befindet. Wittenoom liegt am nördlichen Rand der Hamersley Range, die hier zum Fortescue River hin abfällt. Die Wittenoom Gorge erstreckt sich von der Stadt in südliche Richtung in das Gebirge, der höchste Punkt ihrer Ostwand ist mit 775 Metern der Mt. Watkins.
Wenige Kilometer südlich von Wittenoom erstreckt sich der Karijini-Nationalpark über 100 Kilometer nach Süden.
Anschluss an das Straßennetz hat Wittenoom über die State Route 136. Diese verbindet den North West Coastal Highway (Abzweig Nanutarra Roadhouse, 292 Kilometer Luftlinie / 375 Straßenkilometer von Wittenoom) mit dem Great Northern Highway (Munjina Roadhouse, 40 Kilometer) und verläuft dabei durch Wittenoom, weshalb die Straße westlich des Ortes Nanutarra–Wittenoom Road und östlich Munjina–Wittenoom Road heißt.
Politisch gehört Wittenoom zur LGA Shire of Ashburton. Bei Wahlen auf Bundesstaats-Ebene zählt Wittenoom zum Electoral district of North West Central, auf Bundesebene zur Division of Durack.
Klima Die australische Wetterbehörde Bureau of Meteorology klassifiziert die Gegend um Wittenoom als Grasland mit heißem, permanent trockenem Klima.
Geschichte Entdeckung der Asbestvorkommen 1917 erfasste das Minenministerium zum ersten Mal Vorkommen von Blauasbest in den Hamersley Ranges. In den frühen 1930er Jahren entdeckte Langley Hancock auf dem Land der Mulga Downs Station die Schlucht Wittenoom Gorge.Jack Edmonds: North-West Pioneer lived in a packing Case, Daily News Artikel vom 25. Juli 1958 1937 zeigte Hancock Proben von Krokydolith-Fasern, die er in der Schlucht gesammelt hatte, Islwyn „Izzy“ Walters und Walter „Len“ Leonard, die zu der Zeit in Nunyerrie und Lionel (bei Nullagine) Weißasbest (Chrysotil) abbauten und aufbereiteten. Als Hancock erfuhr, dass seine Fasern 70 Pfund pro Tonne wert waren, sicherte er sich sofort die besten Claims in der Wittenoom Gorge. Leo Snell, ein Kängurujäger von der Mulga Downs Station, steckte einen Claim in der Yampire Gorge ab, an dem noch mehr Blauasbest vorhanden war. Walters und Leonard erwarben Yampire Gorge von Snell, verlagerten ihre Aufbereitungsanlage dorthin und begannen den Abbau. Als Leonard nach London telegrafierte, dass in Yampire Gorge seien, bekam er als Antwort, er solle sich etwas Urlaub nehmen. Erst ein Foto konnte die Zweifler von dieser unglaublichen Entdeckung überzeugen.
Walters und Leonard räumten den Weg in die Yampire Gorge, indem sie die größten Felsbrocken wegsprengten und mit Kamelgespannen aus dem Weg zogen. Dies vereinfachte die Zufahrt, doch mit dem Lastwagen benötigten sie für die 15 Meilen (24 Kilometer) zwischen der Lagerstätte und der Aufbereitungsanlage immer noch sieben Stunden. Bis 1940 wurden 22 Männer eingestellt und ca. 375 Tonnen Gestein abgebaut, das mit Maultiergespannen zur Küste bei Point Samson (Teil der Karratha City) transportiert wurde. Während des Zweiten Weltkriegs war die Kommunikation mit England schwierig. 1943 übernahm die Colonial Sugar Company durch ihre Tochterfirma Australian Blue Asbestos Ltd sowohl die Wittenoom als auch die Yampire Gorge. Lang Hancock, dessen Farmgelände zu einer kleinen Stadt gewachsen war, sagte 1958: Sein Partner Len Leonard erklärte:
Boom mini|Blauasbest (Krokydolith) aus Wittenoom Bis zum Zweiten Weltkrieg importierte Australien Asbest vor allem aus Südafrika und Kanada.Hills, Ben: Blue Murder: Two thousand doomed to die – the shocking truth about Wittenoom’s deadly dust, Seite 11. Sun Books, South Melbourne, 1989, ISBN 0-7251-0581-X. Der australische Asbestmarkt hatte vor dem Krieg einen Wert von einer Million Dollar pro Jahr und Exportpotential. Hancock führte vielversprechende Gespräche mit Briten, die Asbest als Filter in Gasmasken nutzen wollten. Seine Partner Walters und Leonard führten Verhandlungen mit Johns Manville in den USA. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Asbest als Material für Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe, Helme und Gasmasken sehr gefragt. 1943 wurde die Mine an eine Tochterfirma von CSR Limited, Australian Blue Asbestos Pty Ltd (ABA), verkauft, wo Hancock bis 1948 als Manager verblieb.Hills, Ben: Blue Murder: Two thousand doomed to die – the shocking truth about Wittenoom’s deadly dust, Seite 16. Sun Books, South Melbourne, 1989, ISBN 0-7251-0581-X.
1946 wurde die Yampire Gorge Mine geschlossen und dafür die Wittenoom Gorge Mine geöffnet. Bis 1956 wurden circa 590.000 Tonnen Erz gefördert, aus denen 20.000 Tonnen Asbest gewonnen wurde. 1947 wurde die Stadt Wittenoom errichtet, um die Mine zu versorgen. Sie wurde zehn Kilometer von Mine und Aufbereitungsanlage entfernt errichtet, da es an der Stelle der ursprünglichen Minensiedlung nicht mehr genug Platz gab. 1951 hatte der Ort 150 Häuser und über 500 Einwohner.
1948 übernahm CSR als Mutterkonzern von ABA das Asbestprojekt in Wittenoom.Hills, Ben: Blue Murder: Two thousand doomed to die – the shocking truth about Wittenoom’s deadly dust, Seite 17. Sun Books, South Melbourne, 1989, ISBN 0-7251-0581-X. Von 1950 bis in die frühen 1960er Jahre war Wittenoom Australiens einziger Asbestlieferant mit einer Produktion von 161.000 Tonnen von 1943 bis 1966. In einem internen Bericht, der die Schließung der Mine empfahl, gab einer von CSRs Geschäftsführern zu, dass .Hills, Ben: Blue Murder: Two thousand doomed to die – the shocking truth about Wittenoom’s deadly dust, Seite 21. Sun Books, South Melbourne, 1989, ISBN 0-7251-0581-X. Die meisten Jahre, in denen CSR Asbest abbaute, machte die Firma Verlust. Von 1956 bis 1961 wurde etwas Gewinn gemacht, indem die Arbeiter doppelte Schichten arbeiteten. Als die Mine schloss, hatte sie Schulden von ca. 2,5 Millionen Dollar.
Gesundheitsbedenken mini|Abraum aus der Mine in der Nähe von Wittenoom 1944 berichtete Mineninspekteur Adams ein Staubproblem in Wittenoom und machte darauf aufmerksam, dass die Staubmenge reduziert werden müsse. Der Assistant State Mining Engineer von Western Australia berichtete von den Gefahren, die von dem im Wittenoom erzeugten Staub ausgingen. Der erste Fall von Asbestose in Wittenoom ereignete sich 1946, was jedoch erst viel später abschließend diagnostiziert wurde. 1948 schrieb Eric Saint, ein ärztlicher Regierungsangestellter, dem Chef des Gesundheitsministeriums von Western Australia. Er warnte vor dem Staubausmaß in der Mine und der Aufbereitungsanlage, fehlenden Absauganlagen, den Gefahren von Asbest und dem Risiko von Asbestose. Er sah die Mine auf dem Weg, den größten Asbestose-Fall der Welt zu produzieren. Folglich unterrichtete er das Management der Mine darüber, dass Asbest extrem gefährlich sei und Arbeiter, die ihm ausgesetzt seien, sich innerhalb von sechs Monaten Brustkrankheiten zuziehen würden.
Jim McNulty, ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums von Western Australia, erstellte einen Augenzeugenbericht der Arbeitsbedingungen, als er Wittenoom 1959 für eine klinische Untersuchung besuchte:
McNulty warnte die Manager des Unternehmens wiederholt vor den Gefahren, denen sich Minenarbeiter und Stadtbewohner aussetzten, doch er und das Gesundheitsministerium hatten keine Befugnis, eine Schließung der Mine anzuordnen.
Zwischen 1977 und 1992 führten das Gesundheitsministerium von Western Australia und andere Behörden acht Luftüberwachungsstudien durch. Diese Studien wiesen einige Unzulänglichkeiten auf, sodass die Debatte über das Risiko der Bewohner nicht abschließend entschieden wurde. Berichte der Environmental Protection Authority enthalten Details über das Ausmaß der Kontaminierung. Überprüfungsberichte zeigen auf, dass Asbestfasern an nahezu jeder Stelle des Ortes vorhanden waren.
Stufenweise Aufgabe des Ortes 1966 wurde die Mine geschlossen. Trotz der vielen Probleme hatte die Schließung jedoch keine gesundheitlichen, sondern schlicht ökonomische Gründe.
mini|Wittenoom wurde von Straßenschildern und Landkarten entfernt 1978 beschloss die Regierung von Western Australia eine Richtlinie, Aktivitäten in Wittenoom stufenweise abzubauen. Diese Politik wurde in Anbetracht der weitverbreiteten Kontaminierung mit Krokydolith in der und um die Stadt als die angebrachteste Vorgehensweise angesehen. Die Richtlinie ermunterte Anwohner, freiwillig aus Wittenoom wegzuziehen, indem ihre Häuser, Unternehmen und Grundstücke gekauft und ihre Umzugskosten teilweise übernommen wurden. Der Shire of Ashburton und viele Anwohner lehnten eine Aufgabe des Ortes ab; sie setzten sich dafür ein, den Ort stattdessen zu sanieren und zu einer Touristenattraktion zu entwickeln.
1981 bekräftigte die Regierung ihre Richtlinie. 1984 änderte sie die Richtlinie ab, um sicherzustellen, dass Regierungseinrichtungen und das Fortescue Hotel erhalten würden, bis Alternativen verfügbar wären. Bis zum Ende des Jahres 1991 wurden im Rahmen dieser Richtlinie mehr als 1,4 Millionen Dollar ausgegeben, was dazu führte, dass sich die Einwohnerzahl von Wittenoom von mehr als 90 im Mai 1984 auf ca. 45 im März 1992 halbierte. Zwischen 1986 und 1992 wurden etwa 50 Häuser und andere Gebäude von der Regierung abgerissen. Als die Bevölkerung abnahm, wurden Schule, Krankenstation und Polizeistation geschlossen und deren Aufgaben größtenteils von Einrichtungen im ca. 80 Kilometer entfernten Tom Price übernommen. 1993 wurde das Flugfeld offiziell geschlossen, und die Regierung teilte den verbliebenen Anwohnern mit, dass sie nicht zum Gehen gezwungen würden, jedoch auch keine neuen Ansiedlungen gefördert würden.