Der Gipstagebau Lübtheen – auch als Gipsbruch bezeichnet – unweit östlich der 'Lindenstadt Lübtheen' (Landkreis Ludwigslust-Parchim) gelegen, diente u. a. der Gewinnung von Gips als Düngemittel, Gips für Maurer-, Stuckateur- und Estricharbeiten sowie für medizinische Zwecke. Mit dem Betrieb des Gipstagebaus, der Gipsverarbeitung und einer Knochenmehlfabrik begann im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts aus einem acker- und weidewirtschaftlichen Landstädtchen ein beachtlicher Industriestandort.
Geologische Situation Das Lübtheener Gipsvorkommen ist Teil des Salzstockes Lübtheen-Jessenitz, oftmals auch nur kurz als Salzstock Lübtheen bezeichnet. Dieser streicht in nordwest-südöstlicher Richtung und sitzt einem etwa 17 Kilometer langen und etwa 10 Kilometer breiten, nach Nordwest gerichteten Salzfuß auf. Der Salzspiegel liegt bei −240 m NNNN = Normalnull = Synonym für ‚über dem Meeresspiegel'. . Der Durchbruch des Salzstockes durch die überlagernden Schichten geschah vor ca. 100 Millionen Jahren im Albiumkurz auch Alb genannt = Zeitabschnitt in der Erdgeschichte; höchste Stufe der Unterkreide-Formation.. Der weitere Aufstieg des Salzes erfolgte vor circa 55 Millionen Jahren im Tertiär und seine Hauptentwicklungsphase wird ins Oligozän (vor etwa 25 Millionen Jahren) und Neogen (vor etwa 5 Millionen Jahren) datiert. Das hier anstehende oberste Schichtenglied der Zechsteinablagerungen, der Hauptanhydrit (bis 120 m mächtig, bezeichnet als Zechstein 3 der sog. Leineserie)Seit 2007 werden die bisherigen 34 Formationen der Beckenfazies im Zechstein bis auf 7 Formationen reduziert. Zechstein 3 (Leine-Formation) hat das Kürzel zL, Zechstein 2 (Staßfurt-Formation) das Kürzel zS usw. ist durch subrosive Einflüsse in Gips umgewandelt worden.
Auf rezente Aufstiegsbewegungen deutet der Geländeanstieg über dem Salzstock hin. Dazu zählt auch der sogenannte Mühlenberg, unter dessen Dünensanden bei deren Abtragung das Gipsvorkommen entdeckt worden war. Nach den Aufzeichnungen des Kammerregistrators Johann Bernhard Otto Jeppe (der einzigen größeren Veröffentlichung zur Geschichte der Lübtheener Gipsgewinnung)„Das Gypswerk bei Lübtheen“. In: Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg und Revüe der Landwirthschaft". Schwerin, Verlag der Expedition, 1853, Seite 709. bildete der Mühlenberg einen von Nordwest nach Südost streichenden Bergrücken, welcher auf seiner südwestlichen Seite steiler und tiefer, auf seiner nordöstlichen Seite jedoch wesentlich flacher abfiel. Seine Fläche maß 1354 Quadratruthen (= rd. 29340 m²).
Bereits bei den Untersuchungsbohrungen stellte man fest, dass das Gipslager von zahllosen Spalten und Klüften durchzogen ist bis hin zu großen Schlotten. Nachgewiesen ist, dass diese Schlotten und Kluftsysteme in solchen Größenordnungen vorhanden sind, welche zum Einsturz des darüber befindlichen Deckgebirges und an der Tagesoberfläche zur Bildung sogenannter (natürlich entstandener) Pingen führten (siehe nebenstehende Abbildung: Probst Jesar See und Großer Sarm).
230px|Lage des ehemaligen Gipsbruches Lübtheen. 210px|Lageplan des Mühlenberges bei Lübtheen, als mit dem Abtragen des Sandes zwecks Freilegung der Gipslagerstätte begonnen wurde. 300px|Schnitt durch den Salzstock Lübtheen-Jessenitz mit Einzeichnung der etwaigen Lage des Lübtheener Gipsbruches.
Entdeckung des Gipsvorkommens Jeppe’s VersionJohann Bernhard Otto Jeppe: "Das Gypswerk bei Lübtheen ". In: Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg und Revüe der Landwirtschaft. - Schwerin, 1853, Verlag der Expedition. der Entdeckung der Gipslagerstätte lag sicherlich die nachstehende erste offizielle Beschreibung der Gipslagerstätte zugrunde:
Auf Befehl Sr. Königl. Hoheit, des Großherzogs Friedrich Franz, datiert vom 2. Februar 1826, besichtigte der Obermedizinalrat Dr. G. Brückner aus Ludwigslust neun Tage später den Mühlenberg bei Lübtheen und traf dort neben dem Kammerherrn von Dorne auch den Steiger Mengebier, der – seinen Angaben nach – schon in „Gipsbergwerken“ gearbeitet hatte. Im Bericht Brückners an den Großherzog vom 14. Februar 1826 ist u. a. zu lesen:
Postrat Kentzler, zu dessen Dienstländereien auch der Mühlenberg gehörte, ließ etwa ab dem Jahre 1820 zur Verbesserung der Bodenqualität einer an der Ostseite des Mühlenbergs gelegenen Wiese Sand auftragen. Dazu nutzte er den auf dem Mühlenberg lagernden und für diese Gegend typischen Dünensand. Auch andere Bürger Lübtheens holten sich Sand; vornehmlich als Streusand in den Wintermonaten. Nach Kentzlers Tode i. J. 1825 gingen diese Abtragungen am Mühlenberg so lange weiter, bis man eines Tages auf festen Untergrund in Form eines „weißen Steines“ stieß.
Die Großherzogliche Kammer in Schwerin beauftragte zur weiteren Untersuchung dieses Vorkommens den Oberlandbaumeister Wünsch und den mit der Erkundung der Mallißer Braunkohlenlagerstätte bislang beschäftigten Steiger Adam Christian Mengebier.
Mengebier holte Bohrausrüstung und Mannschaft aus Malliß und verteufte insgesamt 12 Bohrungen (vergl. obige mittenstehende Abbildung). Von den hier abgebildeten Bohrungen erreichten fünf Bohrungen nicht das Gipslager (Bhrg. Nr. II, Teufe von 22 Fuß; Bhrg. Nr. V und VI, je Teufe von 19 1/2 Fuß; Bhrg. Nr. VIII, Teufe von 19 Fuß; Bhrg. Nr. XI, Teufe von 36 Fuß). Hingegen erreichten es die Bohrungen Nr. I (bei Teufe von 33 Fuß), III (bei Teufe von 19 1/2 Fuß), IV (bei Teufe von 15 Fuß), VII (bei Teufe von 38 Fuß), IX (bei Teufe von 40 Fuß), X (bei Teufe von 40 Fuß) und XII (bei Teufe von 52 Fuß).
Erste Berechnungen aufgrund dieser und weiterer Bohrergebnisse bezifferten den Vorrat an Gips auf mindestens 10 Millionen Kubikfuß. Erste chemische Untersuchungen des Rohgipses ergaben, dass dieser schwefelsauren Kalk (also Gips, CaSO4) sowie Anteile von kohlensaurem Kalk (also ganz gewöhnlicher Branntkalk, CaO) enthielt. Der Gips-Reingehalt betrug circa 55 Prozent. Man stellte aber auch fest, dass die Gipslagerstätte in ihrem Stoffbestand lokal sehr wechselhaft war.
Werksleitung, Beschäftigte und Gewinnungsarbeiten
Grund und Boden waren herrschaftliches Eigentum und somit lief der Aufschluss der Gipslagerstätte unter der Regie der Großherzoglichen Kammer. Zuerst musste ein Betriebsleiter eingesetzt werden. Dies erfolgte durch Großherzog Friedrich Franz I. persönlich:
Der Gipsabbau erfolgte sowohl durch Bohr- und Sprengarbeiten, wie Jeppe in seiner im November 1853 erschienenen Veröffentlichung berichtet […] " …so daß das Lager trocken gelegt, durch Pulver zersprengt und der Gyps ausgebrochen werden kann"Johann Bernhard Otto Jeppe: "Das Gypswerk bei Lübtheen ". In: Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg und Revüe der Landwirtschaft. - Schwerin, 1853, Verlag der Expedition, Seite 715.Auch in den „Lübtheener Nachrichten, Localblatt für Lübtheen und Umgegend, No. 52, vom 5. April 1892“ ist zu lesen: […] „Die Sprengung des Gypses auf dem Gypswerk und die Herausbeförderung desselben wird jetzt in Angriff genommen. Die dort augenblicklich beschäftigten Arbeiter belaufen sich auf über 100“. als auch mittels Spitzhacke, Brechstange, Schaufel u. a. Werkzeugen. Diese Bohr- und Sprengarbeiten erfolgten anfangs aller zwei Jahre - der so bezeichnete 'Bruch' - , später sogar jährlich.
Die wichtigsten geschätzten Daten des Betriebes des Gipswerkes Lübtheen bis etwa 1875 nach Carl Wilhelm August Balck„Finanzverhältnisse in Mecklenburg-Schwerin mit besonderer Berücksichtigung ihrer geschichtlichen Entwicklung dargestellt von C.W.A.Balck, Revisionsrat und Vorstand des Grßherzogl. Revisionsdepartements“. I. Band, Wismar, Rostock und Ludwigslust. Druck und Verlag der Hinstorff’schen Hofbuchhandlung, 1877. Seite 9. sind zusammengefasst folgende:
Ausdehnung des Gipslager: etwa 2000 Quadratlachter. Lagerstättenvorräte: circa 15 Millionen Kubikfuß Rohgips. Mögliche Gewinnung von 7 Millionen Centner rohen Gipses bei einem geschätzten Kostenaufwand von 263.270 Talern. Beschäftigung von 50 Arbeitern. Angefallene Kosten der Gebäude für Personal und Maschinen: 10.000 Taler anno 1827. Errichtung verschiedener Niederlagen in anderen Städten zum Vertrieb der Erzeugnisse.
Friedrich Skoglund leitete das herrschaftliche Gipswerk bis zum Jahre 1848. An seine Stelle trat der Baukondukteur Koch. Produziert wurde bislang nur Gips als Düngemittel für die Landwirtschaft.
400px|rechts|Ansicht des Lübtheener Gipsbruches um 1880.
Die starke preußische Konkurrenz drückte nach und nach den Gewinn (anfänglich noch Jahresüberschuss von 2.500 Talern, Tendenz fallend; bis hin – so um 1850 – in eine Unterbilanz). Da half eine völlige Befreiung von Steuer-, Land- und Wasser-Zoll-Abgaben der Lübtheener Gipswaren nur wenig.
So war es nicht verwunderlich, dass Großherzog Friedrich Franz I. die Gipsgewinnung nicht mehr auf eigene Rechnung betreiben, sondern das Werk verpachten wollte.
A. Fritze erhielt die Werks- und Personalbauten gegen einen bestimmten Preis und eine Tagebau-Fläche von 1136 Quadratruten zur Ausbeutung in unbeschränkter Tiefe. Die Pacht betrug für 100 Kubikfuß rohen Gipses 3 1/8 Taler, mindestens jedoch jährlich 1562 1/2 Taler (= Wert von 50.000 Kubikfuß). Der Pächtergewinn lag anfangs bei 300 Talern/a., ist nach 10 Jahren auf das Drei- bis Vierfache gestiegen. Fritze schaffte zwei große Dampfmaschinen (Borsig’sche Dampfmaschinen) an, die den Gipsbruch trockenlegten und die Mühle zum Zerkleinern des gebrochenen Materials antrieben. Fritze’s Mitarbeiter Deutsch forcierte nun auch die Herstellung von gebranntem Gips, Gips für Stuckateur-Arbeiten und für medizinische Zwecke (Sortiment: siehe untenstehende Auflistung).
Mit Hilfe der Borsig’schen Dampfmaschinen und entsprechenden Pumpen wurden einerseits der Gipsbruch trockengelegt, andererseits dienten diese Dampfmaschinen auch zum Antrieb der Gipsmühlen, welche den Rohgips zu Pulver zerkleinerten. 400px|rechts|Lageplan des Lübtheener Gipsbruches um 1890. 1860 waren durchschnittlich 30 bis 40 Arbeiter in zwei Schichten angestellt. Die jährliche Rohgipsproduktion betrug 70 bis 100 Tausend Zentner.Nach einer Mitteilung der Leiterin des Museums „Altes Küsterhaus“ Lübtheen, Frau Marlies Bünsch. Der gebrochene Gips wurde auf Schubkarren verladen und auf einer, auf Stelzen ruhenden Bohlen-Rampe zum Lagerplatz in Nähe der Fabrik transportiert (vergl. nebenstehendes Foto). Die unreinen Partien des Gipslagers – der Abraum – landeten auf gleichem Wege auf Abraum-Lagerflächen. Für die Zeit des Brechens des Gipses waren nach Angaben Meyer’s (1923) bis zu 200 Arbeiter im Bruch. Diese Arbeiten dauerten etwa 3–4 Monate.
Der Pachtvertrag mit Herrn Fritze muss schon 1882 beendet worden sein, denn im Archivgut ist nachzulesen:
Der jährliche Durchschnitts-Reinertrag betrug 165.000 Mark und der Reinertrag des bis anno 1874 am wenigsten ergiebigen Betriebsjahres 1870/71 immerhin noch 14.138 Mark. Die vom Pächter zu entrichtende Jahrespacht betrug 4.700 Mark.
Aufbereitung und Vertrieb