Die Roggenmuhme ist ein weiblicher Korndämon und Kinderschreck der deutschen Sage, der sich im Feld und Acker aufhält.Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 19.
Die Roggenmuhme geht im Feld auf und ab, ernährt sich vom Korn und reißt die unreifen Ähren aus. Wenn sie dem Bauer zürnt, so dorrt sie sein Feld aus und straft ihn auf diese Weise. Allgemein sorgt das Durchschreiten des Feldes durch die Roggenmuhme allerdings für Fruchtbarkeit. Bei der Ernte flieht sie in die letzte Garbe.Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 21. Die Roggenmuhme erhält auch einen Anteil an der Ernte, der entweder stehen gelassen oder ins Feld geworfen wird. Diese Sitte soll die Roggenmuhme gnädig stimmen und ein fruchtbares nächstes Jahr herbeiführen.Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 22.
Die Wohnung der Roggenmuhme wird unterirdisch gedacht,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 47. im „Wurzelreich“Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 26. oder in einer Höhle.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 48.
Die Roggenmuhme ähnelt Frau Holle und Perchta darin, dass sie die faulen Mägde straft, welche in den Zwölfnächten ihre Spinnrocken nicht abgesponnen haben. Daher heißt sie auch Rockenmör.Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Wiesbaden 2014, S. 370. Der Hauch der Roggenmuhme bringt Krankheit und Tod.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 52.
Namen
Die Roggenmuhme hat viele verschiedene Namen. Diese können häufig bestimmte wiederkehrende Namensbestandteile sein.
Namen mit dem Namensbestandteil Roggen-
Folgende Namen auf Roggen- sind für die Roggenmuhme außerdem überliefert: Roggenmutter,Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 20. Roggenfrau,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 22. Roggenweib,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 15. Roggenweibchen, Roggenwief,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 36. Roggenalte,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 16. Roggenhexe, Roggenmöhme, RoggenmöhnRichard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 40., Roogenmäuk, Roggemöh,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 43. Roggomön, Roggenmüne und Roggenmiene.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 49.
Namen mit dem Namensbestandteil Korn-
Namen mit dem Element Korn- sind beispielsweise: Kornmutter, Kornmoder,Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 46. Kornmuhme, Kornmöhm, Kornmähne, Kornfrau, Kornweib, KornwyfWilhelm Grimm, Jacob Grimm: Deutsche Sagen. Hamburg 2014, S. 135., Kornwif, Kornweiblein, Koarkewiffke,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 19. Kornweibel,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 41. Kornalte, KornengelJacob Grimm: Deutsche Mythologie. Wiesbaden 2014, S. 1041., Koansbab und Kornbaba.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 39.
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass das Wort „Korn“ je nach Region entweder die Gesamtheit des Getreides bezeichnete, oder für die lokale Hauptgetreideart verwendet wurde. Besonders in Mittel- und Süddeutschland ist für 1865 die Verwendung von „Korn“ für „Roggen“ nachvollziehbar.
Namen mit anderen Getreidesorten als Namensbestandteil
Auch andere Getreidesorten finden im Namen der Roggenmuhme ihren Niederschlag. Diese sind der Weizen in Weizenmutter und Weizenmuhme, die Gerste in Gerstenmutter und Gerstenmuhme, der Hafer in HafermutterRichard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 18. und Habernitza, aber auch allgemein das Getreide in Getreidemuhme,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 31. Getreidehexe, Saatmuhme, Preinscheuhe und Breinscheuhe.
Namen mit anderen Feldfrüchten, Ackerpflanzen und Agrarbegriffen als Namensbestandteilen
Verschiedene weitere Feldfrüchte werden als Namensbestandteile der Roggenmutter genutzt, so die Erbse in der Erbsenmuhme, der Erbsenmöh und im Erbsenweib. Der Flachs ist Namensbestandteil der Flachsmutter. Nach dem Ackerunkraut (Radel) benannt sind Radelweib, Rahlweib, Raalweib und Ralenweib. Weitere Namen sind mit Feldern und Ernte verbunden, so Erntemutter und Feldweib.
Andere Namen
Zudem heißt die Roggenmuhme auch noch Alte, altes Weib, Großmutter, große Mutter, alte Hure, große Hure, Heimmutter, Pannwief, Dratweiberl, böses Weib, böse FrauRichard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 21., Beumöhn, Muhme, weiße Frau und wilde Frau.
Aussehen
Die Roggenmuhme ist häufig ganz schwarz oder schneeweiß beschrieben, dazu von übermenschlicher Größe.
Die Arme der Roggenmuhme sind lang oder von Eisen. Ihre Finger sind feurig oder eisern. Es heißt auch, dass die Roggenmuhme Krallen an den Händen habe, welche ebenfalls aus Eisen sein können.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 50.
Die ungewöhnlich großen Brüste der Roggenmuhme sind so lang, dass sie sie über die Achseln schlagen kann. Sie hat viele Brüste. Diese können schwarz, eisern, hölzern oder silbern sein. Sie sind spitz und hartRichard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 17., haben glühende Eisenspitzen oder brennen. Die Brüste sind mit Teer, giftiger Milch oder Blut gefüllt. Wegen des prominenten Merkmals ihrer Brüste heißt die Roggenmuhme daher auch Zitenweib, Tittenwief,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 38. Tittenwiv oder Tittewîf.
Die Roggenmuhme wird als alteRichard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 53. und runzlige Frau beschrieben. Sie hat stechende Grannen im Gesicht, hat eine krumme Nase und trägt eine Brille. Zum Teil wird sie sogar kopflos beschrieben.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 21.
Die Roggenmuhme soll auch ein eisernes Herz haben.
Außerdem kann sie ihre Gestalt verändern, etwa in eine Schildkröte, eine Schlange, einen Frosch, einen Wolf, eine schwarze Katze, ein gehörntes Tier oder einen Hund mit Decke.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 55.
Die Roggenmuhme ist häufig in Schwarz gekleidet, kann aber auch ganz in Grau gekleidet sein. Ihr Erscheinungsbild ist zerlumpt. Manchmal trägt die Roggenmuhme auch einen roten Rock oder sie trägt ein rotes Kleid und eine rote Mütze dazu. Sie besitzt einen blauen Mantel, trägt auch weite wehende Röcke. Oft trägt die Roggenmuhme ein weißes Kopftuch wie eine Schnitterin. Manchmal geht sie auf Krücken.
Roggenmuhme als Wettererscheinung
Die Roggenmuhme wird mit mehreren Wettererscheinungen assoziiert. Geht der Wind durch das Kornfeld, so zieht die Kornmutter über das Getreide oder es laufen die Kornweiber durchs Korn. Auch ist sie die fahrende Frau oder fahrende Mutter im Wirbelwind. Im Wirbelwind ist die Roggenmuhme mit ihren Doggen unterwegs.
Gewitterwolken werden nach ihr als alte Weiber oder Regenmütter benannt. Die Roggenmuhme ist zudem auch als Regenmuhme bekannt.Wilhelm Grimm, Jacob Grimm: Deutsche Sagen. Hamburg 2014, S. 134.
Roggenmuhme als Mittagsgeist
Die Roggenmuhme tritt insbesondere in der Mittagszeit zwischen 12:00 Uhr und 13:00 Uhr auf, in einer Stunde, die dialektal auch im Untern oder Onnern genannt wird. Daher heißt sie Mittagsfrau, Mittagsmutter, Untermutter, Untermuhme, Enongermur, Enungeschmor, Enongeschmor,Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 32. Enongermoer oder Einuhrsmutter. Wen sie Mittags auf den Feldern antrifft, den tötet sie oder erschreckt ihn durch sonderbare Redensarten. Findet sie Wöchnerinnen zwischen 12:00 Uhr und 13:00 Uhr sowie zwischen 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr im Bett, so verrichtet sie deren Feldarbeit. Findet sie die Wöchnerinnen zur angegebenen Zeit nicht im Bett, so gibt es ein Unglück.Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster / New York / München / Berlin 2007, S. 33.
Roggenmuhme als Kinderschreck
Besonders häufig wird die Roggenmuhme als Kinderschreck genannt. Ihre Tätigkeiten als Kinderschreckfigur sind äußerst vielfältig.
In ihrer Sage Nr. 90 Die Roggenmuhme erzählen die Brüder Grimm, dass die Roggenmuhme Menschenkinder durch Wechselbälge vertauscht, das richtige Kind aber wiederbringt, wenn der Wechselbalg nicht gesäugt wird.Wilhelm Grimm, Jacob Grimm: Deutsche Sagen. Hamburg 2014, S. 134 f. Andernorts heißt es, dass sie um Mitternacht uneheliche Kinder stehle.
Die Roggenmuhme lauert im Feld all jenen Kindern auf, die Kornblumen pflücken wollen. Nach der Kornblume heißt sie auch Kornblumenfrau, Krullmoer, Krüllkemoer, Krullkesmouder, Krüllkesmutter, Tremsenmutter, Tremsemutter, Trensemutter, Trimpsenmutter oder Trämssemutter.
Sie lockt Kinder auch ins Feld und heißt davon Ziehmuhme oder Kindelmuhme. Sie lockt insbesondere durch ihr Winken. Auch werden Kinder von ihr verschleppt, indem sie sie in ihren Sack oder Tragkorb steckt. Entführte Kinder nimmt sie unter ihre weiten wehenden Röcke oder bringt sie ins „Wurzelreich“. Auch zieht die Roggenmuhme Kinder mit einer eisernen Ofenkrücke zu sich und lässt sie von einer Kröte bewachen. Sie führt die Kinder im Feld in die Irre, lässt sie verhungern oder kommt mit ihren Elfen und legt die Kinder auf Blumenkissen, worauf diese einschlafen und nicht mehr erwachen. Letzteres erinnert eher an Feen. Als Hexe tritt die Roggenmuhme auf, wenn sie Kinder verhext oder den bösen Blick hat, als Nachtmahr, wenn sie nachts böse Geister zu ungehorsamen Kindern ans Bett schickt.