mini|Westfassade der Pfarrkirche mit den markanten Rundtürmen, der Vorhalle und der Kirchenuhr im Langhausgiebel
Die römisch-katholische Pfarrkirche Heilig Blut liegt im Landshuter Stadtteil Berg nahe der Burg Trausnitz. Die spätgotische Kirche ist durch ihre in Altbayern einzigartigen Rundtürme bekannt und durch ihre Lage am Osthang des Hofberges weithin sichtbar. Das für die Region ebenfalls ungewöhnliche Patrozinium Heilig Blut, ein Dankfest für den Opfertod Christi am Kreuz, wird am 1. Juli gefeiert.
Geschichte Bald nach der Christianisierung der Gegend im 8. Jahrhundert dürfte an der Stelle der heutigen Kirche bereits ein Holzkirchlein erbaut worden sein. Dies belegen archäologische Grabungen, die im Zuge des Einbaus einer Fußbodenheizung im Jahr 1981 unternommen wurden. Mehrere aufgefundene Gräber bezeugen überdies die Existenz eines Friedhofs, der sich rund um das Kirchlein erstreckte. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde über den Resten des Holzkirchleins ein erster Steinbau errichtet. Nach den 1981 wiederentdeckten Fundamenten dürfte dieser aus einem rund zehn Meter langen rechteckigen Kirchenschiff und einem quadratischen Chorraum mit etwa sechs Meter Kantenlänge aufgebaut gewesen sein. Dieses Steinkirchlein wurde später um ein südliches Seitenschiff erweitert. Das Patrozinium wurde erstmals im Jahr 1310 erwähnt, als in einem Ablassbrief die Rede von Heiligenblut ober Landshut war. Als 1369 die Pfarrei St. Jodok von der Mutterpfarrei St. Martin abgespalten wurde, ordnete man Heilig Blut der neu gegründeten Pfarrei als Filialkirche zu.Kaupe, S. 3–6.
Am 23. April 1392 wurde Heilig Blut erstmals zur Pfarrkirche erhoben, was man sogar durch Papst Bonifatius IX. bestätigen ließ. Das Präsentationsrecht lag beim Herzog von Bayern-Landshut. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand auf Betreiben der Herzöge Friedrich und Heinrich des Reichen der heutige Bau der Heilig-Blut-Kirche. Vor allem Heinrich der Reiche bedachte die Pfarrkirche auch mit zahlreichen Schenkungen. So stiftete er 1422, 1445 und 1449 Messbenefizien an den verschiedenen Altären der Kirche. Im Jahr 1449 dürfte außerdem die Sakristei um ein Joch nach Osten erweitert worden sein. Diese Baumaßnahme wurde wohl wieder von Herzog Heinrich dem Reichen gefördert, da sein Wappen bis heute im Schlussstein des Sakristeigewölbes zu sehen ist. Aus dem Jahr 1515 ist überliefert, dass vier herzogliche Kapläne ihren Dienst in Heilig Blut verrichteten und gleichzeitig in der Kapelle St. Georg auf der Burg Trausnitz tätig waren. Das Präsentationsrecht für diese herzoglichen Benefizien lag zunächst bei den Wittelsbachern, wurde aber 1684 an die jeweiligen Hofmarksherrn von Berg ob Landshut abgegeben. In der Folgezeit wurde Heilig Blut wieder Filiale von St. Jodok. Etwa Mitte des 17. Jahrhunderts erfolgte dann die Gründung eines von St. Jodok abhängigen Pfarrvikariats. Dabei lag das Präsentationsrecht beim Pfarrer von St. Jodok.Pfarrei Heilig Blut: . Online auf ; abgerufen am 29. November 2015.Liedke, S. 270f.
Im Jahr 1680 nahm der Hofmaurermeister Wolf Rernpeckh Baureparaturen vor. Von 1711 bis 1764 war Georg Christoph Pexenfelder, ein großer Förderer der Wallfahrt nach Maria Bründl, Pfarrvikar von Heilig Blut. Unter seiner Führung wurde die Wallfahrtskapelle 1719 neu errichtet. Von 1784 bis 1803 wirkte Aloys Georg Dietl, der gleichzeitig eine Professur an der Universität Landshut innehatte, als Pfarrvikar. Auf seine Anregung schaffte man 1790 einen neuen klassizistischen Hochaltar an, der von dem berühmten Landshuter Bildhauer Christian Jorhan d. Ä. geschaffen wurde. Die Kosten dafür trug zum größten Teil die Hofmarksfamilie von Chlingensberg, wie auch 1802 für die Anschaffung weiterer neuer Ausstattungsgegenstände aus der säkularisierten Kirche des Franziskanerklosters am Prantlgarten. Darunter waren zum Beispiel zwei Seitenaltäre und das Uhrwerk der ehemaligen Konventsuhr, das bis ins 20. Jahrhundert hinein den Takt der Kirchenuhr am Langhausgiebel vorgab. Von 1821 bis 1848 war Josef Haas Seelsorger in Heilig Blut. Er ließ 1821 das heutige klassizistische Taufbecken errichten. Außerdem wurde während seiner Amtszeit Heilig Blut mit der Wallfahrtskirche Maria Bründl wieder zur Pfarrei erhoben. 1867 wurde die Filialkirche St. Ottilia in Salzdorf (vormals Pfarrei Grammelkam) eingepfarrt, 1874 die Filialkirche St. Laurentius in Berndorf (vormals Pfarrei Hohenegglkofen).Anton Eckardt (Hrsg.): Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern – Bezirksamt Landshut. Oldenbourg, München 1914, S. 49–55 (Digitalisat).
In den Jahren 1892 bis 1905 erfuhr die Pfarrkirche Heilig Blut eine grundlegende Regotisierung. Dabei wurde die klassizistische Ausstattung von Jorhan entfernt und durch eine historisierende Ausstattung ersetzt. Außerdem erhielt die Kirche eine Ausmalung im neugotischen Stil. Die drei neugotischen Altäre, die noch heute erhalten sind, wurden am 6. Juli 1894 vom Münchner Erzbischof Antonius von Thoma geweiht. Im Jahr 1965 erfolgte unter Pfarrer Raymund Plöckl eine Außen- und Innenrenovierung. Teile der neugotischen Ausstattung – die nicht mehr zeitgemäße Kanzel, der Beichtstuhl, der Kreuzwegzyklus (durch einen modernen Kreuzweg ersetzt) und die bemalten Glasfenster im Langhaus – wurden entfernt und die historisierende Ausmalung übertüncht. 1971 ließ man den baufälligen Pfarrhof von 1713 abreißen und durch ein modernes Pfarrzentrum mit integrierter Seelsorgerwohnung ersetzen. Unter Pfarrer Martin Atzenhofer wurde 1981 die Raumschale nach gotischem Befund neu gefasst. Die Altäre wurden an die Raumfarbigkeit angepasst. Außerdem wurde der Kirchenraum entsprechend den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils umgestaltet und erhielt einen Volksaltar und einen Ambo. In den Jahren 2000 bis 2004 ließ man die Fassade der Pfarrkirche umfassend restaurieren und konservieren. 2004 wurde unter Stiftspropst Bernhard Schömann der Pfarrverband St. Martin und Heilig Blut gebildet, der 2017 zur Stadtkirche Landshut erweitert wurde. Dieser gehören auch die Pfarreien St. Jodok und St. Peter und Paul an.Sankt Michaelsbund: . Online auf mk-online.de; abgerufen am 9. August 2020.
Architektur mini|Pfarrkirche Heilig Blut von Südosten, Blick über den Kirchenfriedhof
Aus der architektonischen Gestaltung der Pfarrkirche Heilig Blut ist ersichtlich, dass diese nie als einfache Dorfkirche erbaut wurde, sondern vielmehr von den herzoglichen Auftraggebern als ihre Hofpfarrkirche gesehen wurde. Einige Stilelemente deuten auch auf eine Beteiligung der Landshuter Bauhütte hin, deren bekanntestes Werk die Stiftsbasilika St. Martin in der Landshuter Altstadt ist.Kaupe, S. 9–12.
Außenbau Die Pfarrkirche Heilig Blut ist eine einschiffige, nach Osten ausgerichtete Saalkirche in der für die Landshuter Backsteingotik typischen Sichtziegelbauweise. An das vierjochige Langhaus schließt sich der deutlich eingezogene zweijochige Chorraum mit Fünfachtelschluss an. Der Chor und beiden östlichen Joche des Langhauses sind außen durch Strebepfeiler gegliedert. Am Langhaus sind diese einmal, am Chor zweimal abgesetzt, wobei der mittlere Absatz übereck gestellt ist und einen fialenartigen Abschluss ausbildet. Am Chor befindet sich zudem ein Kaffgesims, das mit einer Schräge und einer Hohlkehle aus Formziegeln profiliert ist. Unter dem Dach befindet sich an Chor und Langhaus ein schlichtes Friesband. Beide Baukörper besitzen ein steiles Satteldach, wobei das Langhaus den Chor deutlich überragt. Deutlich sichtbar sind am Außenbau auch die im Laufe der Zeit immer wieder vorgenommenen Veränderungen an den Fensteröffnungen. Zuletzt wurde die Fenstergröße im Zuge des neugotischen Umbaus Ende des 19. Jahrhunderts angepasst; die Fensteröffnungen schließen nunmehr mit einem Spitzbogen ab. Auch bei den Kirchenportalen gab es Veränderungen. So wurde das frühere Nordportal zugemauert; heute werden nur noch das Hauptportal auf der Westseite und der Seiteneingang im Süden genutzt. An der Nordseite ist in die von Chor und Langhaus gebildete Ecke die zweijochige Sakristei aus der Entstehungszeit der Kirche eingefügt. Diese ist in zwei Bauabschnitten entstanden: Das westliche Joch, durch das die Sakristeitür führt, wurde mit der Kirche Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet; das östlich daran anschließende Joch dürfte erst 1449 erbaut worden sein, als die Sakristei nach den Benefizstiftungen des Herzogs zu klein geworden war.
Die Westfassade wird von den beiden Rundtürmen mit Spitzhelm eingefasst, die an den Langhausecken angebaut sind und kaum in das Kirchenschiff einspringen. In der bayerischen Gotik ist diese Bauform einmalig. Möglicherweise wurden die Herzöge Friedrich und Heinrich der Reiche dabei durch ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum Herzogtum Straubing-Holland beeinflusst und haben sich an Bauten wie dem Rittersaal in Den Haag oder der Liebfrauenbasilika in Maastricht ein Vorbild genommen. Beide Gebäude bestanden zur Entstehungszeit der Heilig-Blut-Kirche bereits und besitzen ebenfalls Doppelturmfassaden mit zwei Rundtürmen. Bei der Landshuter Kirche scheinen die beiden Türme nur auf den ersten Blick gleich aufgebaut zu sein. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass der Südturm viermal abgesetzt ist, während der Nordturm nur einen Absatz besitzt. An den Absätzen verjüngen sich die Türme jeweils nur minimal. Daher ist der Südturm am oberen Ende etwas schmäler, allerdings geringfügig niedriger als sein nördliches Pendant. Zwischen den beiden Türmen befindet sich der Dreiecksgiebel des sattelgedeckten Langhauses, der mit einem Ziffernblatt geschmückt ist.
Außerdem ist an der Westfassade eine zweigeschossige Vorhalle angebaut, die gleichzeitig mit dem Kirchenbau entstanden sein dürfte. Sie besitzt ein Schopfwalmdach, das an die Dächer verschiedener Gebäude der Burg Trausnitz erinnert. Im unteren Geschoss der Vorhalle befindet sich ein Sterngewölbe mit birnstabförmigen Rippen. An allen Rippenkreuzungen befinden sich runde Schlusssteine, denen jeweils halbrunde Wappenschilde aufgelegt sind. Das untere Geschoss der Vorhalle öffnet sich nach Norden hin im Spitzbogen, der mit zwei Rundstäben verziert ist. Es enthält das spitzbogige Hauptportal, das mit drei Rundstäben zwischen Hohlkehlen profiliert ist. Das gleichzeitige Obergeschoss enthält einen Requisitenraum und ist über eine Tür mit geradem Sturz von der Orgelempore aus erreichbar. Es besitzt, abgesehen vom Dachstuhl, keine Decke und wird von kleinen Rechteckfensterchen beleuchtet. Im trapezförmigen Giebel der Vorhalle befindet sich eine Sonnenuhr.
Innenraum mini|Innenansicht nach Osten Betritt man die Kirche durch das in der Barockzeit entstandene Südportal – das Hauptportal auf der Westseite ist nur zu den Gottesdiensten geöffnet –, so befindet man sich unterhalb der Westempore. Diese ist dreischiffig unterwölbt und überspannt die zwei westlichen Langhausjoche. Die birnstabförmigen Gewölberippen weisen eine reiche Sternfiguration auf. Sie entwachsen aus halbrunden Spitzkonsolen, die an vier kräftigen Rundpfeilern angebracht sind. Die Öffnungsbögen zum Langhaus hin sind spitzbogig und reich mit Karniesen, Hohlkehlen und Fasen profiliert. Die Empore wurde wohl deshalb so großzügig ausgeführt, weil sie in früheren Zeiten als eigener Gebets- und Gottesdienstort genutzt wurde. So wurde beispielsweise in den Jahren 1515 und 1684 jeweils ein Altar auf der Empore erwähnt, der dem Tod Mariä geweiht war. Möglicherweise diente die Empore auch der Herzogsfamilie zur Mitfeier der Gottesdienste.