mini|Logo von Pro Juventute Pro Juventute (lateinisch «Für die Jugend») ist eine im Jahr 1912 gegründete Schweizer Stiftung, die sich dafür einsetzt, dass Kinder, Jugendliche und ihre Familien in ihrem Alltag unterstützt und gefördert werden und in der Not rasch Unterstützung erhalten. Auch macht sich die Stiftung für Kinderrechte stark und engagiert sich für förderliche Rahmenbedingungen für Familien in der Schweiz. Die Organisation ist politisch, ideologisch und konfessionell unabhängig und finanziert sich massgeblich über Spendengelder aus der Bevölkerung und Zuwendungen aus der Wirtschaft. Die Organisation trägt seit 1942 das ZEWO-Gütesiegel, das den wirtschaftlichen, zweckbestimmten und wirkungsvollen Einsatz von Spendengeldern sowie eine transparente Organisationen mit funktionierenden internen und externen Kontrollstrukturen bescheinigt.
Über die Schweiz hinaus bekannt wurde die Stiftung durch den 1972 aufgedeckten Skandal um die Kindeswegnahmen im Rahmen des Projekts Kinder der Landstrasse.Dominique Strebel, Christoph Schilling: Der Kinderklau, beobachter.ch vom 28. Dezember 2006, abgerufen am 13. November 2021.Markus Furrer: S. Galle: Kindswegnahmen (Rezension der Dissertation Kindswegnahmen. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge) auf H-Soz-Kult vom 1. Februar 2017, abgerufen am 13. November 2021.Laurence Jourdan: Jenische als Opfer der Sozialhygiene, Le Monde Diplomatique vom 12. November 1999, abgerufen am 13. November 2021 (Übersetzung: Miriam Lang).M. Verberkt: „We gaan weer op reis. Ooit“ – Jenischen: een vergeten nomadenvolk in de verdrukking, Reformatorisch Dagblad vom 31. Oktober 1998, abgerufen am 13. November 2021 (niederländisch).
Leitbild und Vision Die Stiftung orientiert sich in ihrer Arbeit an den Grundsätzen der UN-Kinderrechtskonvention aus dem Jahre 1989.Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes Im Zentrum steht das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Unterstützung, Förderung und Hilfe in der Not. Pro Juventute hat gemäss eigenen Angaben die folgende Vision: «Alle Kinder und Jugendlichen wachsen gestärkt, zuversichtlich und mit Freude auf – in einem unterstützenden Umfeld und in einer Gesellschaft, die Mitgestaltung ermöglicht.»Pro Juventute – Über uns, abgerufen am 21. August 2026.
Organisationsstruktur Der Hauptsitz der Stiftung ist in Zürich. Sie ist mit fünf Regionalstellen in der ganzen Schweiz präsent. Die Stiftung wird von einer kollegialen Geschäftsleitung geführt, der zehn Personen angehören. Seit März 2024 amtet Nicole Platel als Direktorin von Pro Juventute.
Der Stiftungsrat besteht aus zehn Personen, Stiftungspräsidentin ist Roselien Huisman. Sie folgte auf Stefan Portmann, der von 2022 bis 2024 in Nachfolge von Barbara Schmid-Federer Präsident war.Rochade im Stiftungsrat von Pro Juventute. 23. August 2022.Präsidium von Pro Juventute: Josef Felder übergibt an Barbara Schmid-Federer. In: projuventute.ch, 15. Januar 2019. Seit 2011 weist die Stiftung ein ausgeglichenes Ergebnis auf. Zuvor war Pro Juventute, u. a. aufgrund der stark sinkenden Erlöse aus dem Briefmarkenverkauf, die zuvor einen massgeblichen Teil der Einkünfte der Stiftung ausgemacht hatten, in finanzielle Schieflage geraten und war über viele Jahre defizitär gewesen. Unter dem damaligen Direktor Stephan Oetiker und Stiftungsratspräsent Josef Felder wurde ab 2009 eine umfassende Reorganisation und Sanierung der Stiftung eingeleitet, um deren Überleben und die finanzielle Gesundung einzuleiten.Neue Zürcher Zeitung – Pro Juventute kämpft um die Wende Unter anderem wurden die vormaligen 187 regionalen Bezirke, die rechtlich Teil von Pro Juventute waren, aufgelöst. An ihrer Stelle konstituierten sich 24 in der Regel kantonale Vereine, die rechtlich und organisatorisch von der Stiftung Pro Juventute unabhängig sind.Pro Juventute – Regionale Vereine Diese setzen die Angebote von Pro Juventute in den Regionen um und sorgen für eine regionale Verankerung. Im Glarnerland übernimmt das der Verein Joyning Glarnerland, in Appenzell Innerrhoden der Verein Chindernetz AI.
Tätigkeitsgebiet und Schwerpunkte Mehr als 300 000 Kinder und Jugendliche sowie 100 000 Eltern aus der ganzen Schweiz nutzen jedes Jahr die Angebote der Stiftung, die sich auf fünf Kernbereiche fokussieren und laufend angepasst oder ggf. erweitert werden: Beratung und Hilfe, Schulung, Information, Sensibilisierung und Aufklärung sowie weitere Angebote wie beispielsweise Feriengestaltung.Pro Juventute – Jahresbericht 2013
Beratung und Hilfe Schweizweit unterstützt das Team der «Pro Juventute Beratung + Hilfe 147» täglich rund 700 Kinder und Jugendliche.Beratung + Hilfe 147 Diese erhalten Beratung und Unterstützung rund um die Uhr in drei Landessprachen, anonym und kostenlos per Telefon, SMS oder via Internet (Chat und www.147.ch). Mit der 2014 lancierten «Pro Juventute Elternberatung» gibt es dieses Angebot neu auch für Eltern. Ebenfalls rund um die Uhr beantwortet werden Fragen zu Erziehung, Entwicklung, Betreuung und Familienorganisation.Pro Juventute – Elternberatung Jungen Menschen bietet Pro Juventute außerdem einen Peer-Chat an, bei dem sie durch 15- bis 24-Jährige beraten werden, die wiederum durch Profiberater unterstützt werden. Mit dem «Witwen-, Witwer- und Waisenfonds» unterstützt die Stiftung Hinterbliebene mit Kindern sowie Halb- und Vollwaisen in finanzieller Not.Pro Juventute Witwen-, Witwer- und Waisenfonds Die Beiträge sind eine Ergänzung zu den Leistungen von Bund und Kantonen und helfen, das Existenzminimum zu sichern.
Schulung Die Stiftung greift neue oder besonders tabuisierte Themen, die noch keinen Platz im Lehrplan der öffentlichen Schulen haben, auf. Mit Unterrichtsmaterialien und Workshops für Schulen und Jugendeinrichtungen sollen verschiedene Kompetenzen gefördert werden, bspw. im Bereich Verschuldung. So wird mit den Programmen Potz Tuusig (für 5- bis 8-Jährige) und Kinder-Cash (für 10- bis 13-Jährige) der bewusste Umgang mit Geld und Konsum geübt.YouTube – Potz Tuusig – Das interaktive Finanzkompetenz-Lehrangebot von Pro Juventute Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Förderung der Medienkompetenz, insbesondere in der Förderung eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Neuen Medien.Blick – Internet wird zur Sex-Falle für Kinder In so genannten «Medienprofi»-Schulworkshops und Elternveranstaltungen zum Thema können Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihr Wissen im Umgang mit Neuen Medien auf- und ausbauen.Sicher im Umgang mit Internet und Neuen Medien Ebenfalls stellt Pro Juventute Informationsmaterial und Online-Tools zum Thema zur Verfügung, wie z. B. ein kostenloser Cyber-Risiko-Check für das eigene Facebook-Profil.
Information Seit über 40 Jahren erhalten jedes Jahr rund 65 000 Mütter und Väter in der ganzen Schweiz mehrmals die sogenannten Elternbriefe von Pro Juventute.Der Landbote – Den Eltern versichern, dass sie es richtig machen ist die beste Prävention Die Elternbriefe werden der jeweiligen Altersstufe entsprechend verschickt und bieten Informationen und Tipps zu Themen wie Pflege, Ernährung, Entwicklung des Kindes und Partnerschaft.Pro Juventute – Elternbriefe Die Pro Juventute-Extrabriefe widmen sich speziellen Themen wie Grosseltern-Sein, Trotzalter, Teenager oder Familie und Beruf.BZ Basel – Der neue Elternratgeber unterstützt Eltern mit Teenagern
Die Stiftung gibt auch Informationen für Kinder psychisch kranker beziehungsweise suchtabhängiger Eltern heraus.
Sensibilisierung und Aufklärung Im Rahmen schweizweiter Kampagnen sensibilisiert die Stiftung Kinder und Jugendliche sowie die breite Öffentlichkeit für Themen wie Sexting, Cyber-Mobbing oder Jugendsuizid. Mit verschiedenen Instrumenten wie Plakaten, Video-Clips, einer Kampagnen-Plattform im Internet und Informationsmailings zielen die Kampagnen von Pro Juventute auch auf Eltern und Erziehungsberechtigte – beispielsweise 2014 mit dem Thema Sexualaufklärung 2.0.Tages-Anzeiger – Das Internet in die Aufklärung einbeziehen
Weiteres Neben Beratung & Hilfe, Schulung, Information und Sensibilisierung bietet die Stiftung auch Angebote, bei denen der Spass und das Erlebnis im Vordergrund stehen. Der Pro-Juventute-Ferienpass ermöglicht Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 16 Jahren Ferienerlebnisse, wenn ihre Eltern nicht verreisen können (Halbtagesprogramme, Tagesprogramme, Wochenprogramme und Ferienlager).Pro Juventute – Ferienpass-, Ferienspass- und Ferienplausch-Angebote Insgesamt bietet Pro Juventute über ihre regionalen Vereine jedes Jahr über 2500 Aktionen und Programme in der ganzen Schweiz an.Pro Juventute – Betreute Ferienangebote
Geschichte Organisationsgeschichte mini|Plakat von Emil Cardinaux (1922) Die Stiftung wurde 1912 unter der Schirmherrschaft der «Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft» gegründet. Ziel war die Bekämpfung von Tuberkulose bei Kindern und Jugendlichen.Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG Zehn Jahre später kam die «Genossenschaft Kindersanatorium Pro Juventute» (später in «Alpine Kinderklinik» umbenannt) hinzu. 1917 bis 1923 fungierte Heinrich Hanselmann als Zentralsekretär. Er formulierte Grundlagen der schweizerischen Jugendfürsorge und gründete eine Bibliothek sowie Zeitschrift unter dem Namen Pro Juventute. Ulrich Wille junior, als Gründungsmitglied und früher Förderer und Finanzier von Adolf Hitler und Rudolf Hess, war von 1912 bis 1959 Präsident der Stiftungskommission und Vizepräsident des Stiftungsrates.
1926 begann ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Organisation: Mit dem «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» sollten Kinder aus fahrenden Familien zu sesshaften und arbeitsamen Menschen umerzogen werden.
In den Jahren 1930 bzw. 1931 gründete die Stiftung die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Ferien und Freizeit (SAF), die Vorläuferin der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV), sowie das Schweizerische Jugendschriftenwerk (SJW).Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für JugendverbändeSchweizerisches Jugendschriftenwerk
Im Januar 1940 gehörte Pro Juventute zu den Gründungsmitgliedern der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK).Antonia Schmidlin: Eine andere Schweiz. Helferinnen, Kriegskinder und humanitäre Politik 1933–1942, Chronos Verlag, Zürich 1999, ISBN 3-905313-04-9, S. 124 ff. & S. 361, Anmerkung 27 Nach der von der Schweizer Regierung herbeigeführten Fusion der SAK mit dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) zur Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes verließ Pro Juventute 1943 diese Organisation.Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg: Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus, Bern 1999, S. 257
Ebenfalls Anfang der 1940er-Jahre wurden die ersten Säuglingspflegekurse mit Pro Juventute-Säuglingsschwestern durchgeführt. Auf die Schulung von jungen Eltern folgte die schweizweite Mütter- und Väterberatung, der Beginn der Pro Juventute-Elternbriefe und des Ratgebers «Das erste Lebensjahr».Mütter- und VäterberatungPro Juventute – Elternbriefe
Im Jahr 1954 wurden von der Stiftung die ersten beiden Robinsonspielplätze in Rüschlikon/ZH und Zürich-Wipkingen eröffnet.
1959 wurde der Schweizer Nationalrat Emil Frei, der seit 1948 für die Stiftung arbeitete, Präsident der Stiftungskommission und Vizepräsident des Stiftungsrates. Diese Ämter behielt er bis 1971.
1961 ging der «Kinderzirkus Robinson» erstmals auf Tournee, der bis heute existiert, seit 1992 als selbstständiges Unternehmen.Kinderzirkus Robinson
Anfang der 1970er-Jahre wurde der Pro Juventute-Verlag gegründet, der 2003 an den Orell-Füssli-Verlag verkauft wurde. 1978 führte Pro Juventute in den meisten Pro Juventute-Bezirken die Ferienspass-Aktion ein. 1973 wird das «Hilfswerk für Kinder der Landstrasse» nach heftiger Kritik in den Medien und auf Druck der Öffentlichkeit aufgelöst (siehe Kinder der Landstrasse).