Ernst Moritz Manasse (* 11. August 1908 in Dramburg, Provinz Pommern; † 13. Mai 1997 in Durham, North Carolina) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph und Klassischer Philologe, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1935 Deutschland verlassen musste und später in den USA lehrte und lebte.

Familiärer Hintergrund Vorfahren von Ernst Moritz Manasse lebten bereits 1813 in Dramburg, was aus örtlichen Dokumenten hervorgeht, die belegen, dass in diesem Jahr die Bürgerrechte an Aron und Moses Manasse verliehen worden waren. Ernst Moritz Manasses Vater, Georg Mayer Manasse (* 24. Juli 1870 in Dramburg; † 13. Mai 1935 ebenda), „ein geachteter Bürger der Stadt“, Die Webseite bezieht sich auf den Friedhof, der auch Gegenstand von Manasses Schrift The Jewish Graveyard ist. war Kaufmann und handelte mit Landprodukten. Zeitweilig war er auch Synagogenvorsteher der Jüdischen Gemeinde Dramburg. Manasses Mutter, Clara Manasse (geb. Wohl, 1881–1967), stammte aus Bublitz.Sylvia Asmus, Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern. S. 43. Zur Familie gehörten neben Ernst Moritz noch dessen Bruder Georg, geboren 1905, und zwei Schwestern: Käte (* 6. April 1906; † 6. Juni 1995), verheiratete Kaphan, und Lena (keine weiteren Daten). Käte Kaphan und ihr Mann Heinrich besaßen einen Bauernhof in Ost-Pommern nahe der polnischen Grenze. 1932 entwickelte die Deutsche Reichsregierung einen Plan, unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise leidenden Bevölkerungsgruppen die Auswanderung nach Brasilien zu ermöglichen. Hiervon machten auch die Kaphans Gebrauch und wanderten in den Süden Brasiliens aus.Ein autobiografischer Bericht von Käte Kaphan ist unter dem Titel Immigration into the Brazilian Jungle abgedruckt in: Katherine Morris: Odyssey of exile: Jewish women flee the Nazis for Brazil. Wayne State University Press, Detroit 1996. Im dortigen Rolândia bauten sie eine Kaffeeplantage auf, die später für Ernst Moritz Manasses Ehefrau Marianne Zwischenstation war auf der Flucht aus Europa in die USA.. Frank Eyck, Sohn von Erich Eyck, war Historiker und beschreibt in seinen Erinnerungen seine Ferienaufenthalte auf dem „Emilienhof“, dem pommerschen Hof der Kaphans, und die Hintergründe von deren Übersiedlung nach Brasilien (S. 13 ff). Seine Ausführungen legen es nahe, in Bezug auf die Kaphans von einer wohl geplanten „Auswanderung“ zu sprechen statt, wie meist, von „Emigration“, zumal die Gründer von Rolândia nicht nur Juden waren und dort später auch flüchtige Nazis Unterschlupf fanden. Indirekt bestätigt wird dies auch durch den Vorspann zu Käte Kaphans autobiografischem Bericht, in dem es heißt, dass die Kaphans

Ernst Moritz Manasse lebte bis zu seinem Abitur in Dramburg. Über das Leben und das Erlebte dort zitiert Asmus aus dem Typoskript von Mannasses später auf Englisch publizierten Schrift The Jewish graveyard Passagen, die Manasses wachsende Entfremdung in der dörflichen Umgebung von Dramburg ebenso bezeugen wie die ambivalente Stellung seines jüdisch-bürgerlichen Vaters innerhalb der örtlichen Gemeinschaft. Hatte dieser beim Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 noch die Solidarität nicht-jüdischer Freunde und Mitbürger erfahren, musste sein Sohn beim Tod des Vaters im Mai 1935 erleben, dass sich am Eingang zum Friedhof mehrere nicht-jüdische Begräbnisteilnehmer von einer uniformierten nationalsozialistischen Patrouille davon abhalten ließen, an der Beisetzung teilzunehmen. Achtzehn unter ihnen, die sich nicht einschüchtern ließen, fanden ihre Namen im August im Stürmer veröffentlicht.Sylvia Asmus, Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern. S. 44. Diese Seite aus dem Stürmer wurde an einer Hauswand am Dramburger Marktplatz öffentlich ausgehängt.Ernst M. Manasse: The Jewish Graveyard. In: Eckart Mensching: Nugae zur Philologie-Geschichte XII, Berlin 2002, ISBN 3-7983-1913-8, S. 63.

Manasses Mutter siedelte 1936 nach Berlin über und konnte 1940 von hier aus zu ihrer Tochter nach Brasilien ausreisen. Sechs Geschwister von ihr und drei ihres Mannes wurden in Vernichtungslagern ermordet.

Studium und danach Exil in Italien Manasse studierte seit Ostern 1926 Klassische Philologie und Philosophie in Heidelberg, danach in Berlin, München, Paris und Palermo. Ein Kommilitone aus Heidelberger Tagen war Ernst Abrahamsohn, über den er dann auch in Kontakt zu Paul Oskar Kristeller kam, dem er erstmals im Frühjahr 1934 in Rom persönlich begegnete.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 562. Der Lebensweg dieser drei kreuzte sich mehrfach, und sie verband eine lebenslange Freundschaft.

Manasse promovierte in Heidelberg bei Otto Regenbogen, der Abrahamsohns Dissertation nicht angenommen hatte. Zweitgutachter der Dissertation war der Philosoph Ernst Hoffmann, der bereits Kristeller promoviert hatte. Thema von Manasses Dissertation war die Wahrheit in Platons Sophistes und Politikon, worüber das Rigorosum am 30. November 1930 stattfand und das Manasse das Prädikat „summa cum laude“ einbrachte. Seine Promotionsurkunde wurde ihm aber erst nach der Drucklegung seiner Dissertation am 10. Februar 1936 ausgehändigt und trägt noch die Unterschriften seiner beiden Betreuer, Regenbogen und Hoffmann, obwohl diese inzwischen aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom Dienst suspendiert waren. Manasse reiste im März 1934 mit Empfehlungsschreiben von Regenbogen und Karl Jaspers nach Italien und wollte sich in Palermo um einen Lehrauftrag an der Universität bemühen. Beruflich brachte ihm diese Reise im akademischen Bereich keinen Erfolg, doch lernte er nun Kristeller, zu dem er bereits in schriftlichem Kontakt gestanden hatte, auch persönlich kennen, und dieser bemühte sich um eine Anstellung Manasses am Landschulheim Florenz. Mit Erfolg, Mitte August 1934 kam es zu einem Vertrag zwischen Werner Peiser, dem Direktor des Landschulheims, und Manasse.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 564. Wenige Tage später aber widerrief Manasse seine Zusage. Sein Vater, der weiterhin in Dramburg lebte, litt unter Depressionen und Manasse kehrte deshalb aus Italien zurück. Um in der Nähe seines Vaters bleiben zu können, verdingte er sich vom 25. November 1934 bis zum 1. März 1935 als Hauslehrer in einem Ostseedorf. Der Vater starb am 13. Mai 1935.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 565. Etwas widersprüchlich sind Obermayers Ausführungen hinsichtlich der Motive von Manasses Rückkehr aus Italien. Auf Seite 565 beschreibt er, wie dargestellt, Manasses freiwilligen Rückzug aus Italien aufgrund der familiären Situation. Eine Seite weiter heißt es dann aber, Manasse hätte in Italien keine Arbeitsmöglichkeit gefunden und sei deshalb nach Deutschland zurückgekehrt. Dessen Beerdigung schildert Manasse in der Schrift The Jewish Graveyard, geschrieben 1967 im Alter von 59 Jahren und erstmals veröffentlicht 1986. Über die Beschäftigung mit der Beerdigung des Vaters hinaus ist diese autobiografische Skizze die erste Schrift, in der sich Manasse umfassender mit seiner jüdischen Vergangenheit auseinandersetzt.Sylvia Asmus, Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern. S. 58. Trotz der familiären Probleme und des Todes des Vaters hatte es Manasse nicht aufgegeben, sich um Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland zu bemühen. Im Mai 1934 hatte er sich erstmals an das Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars (nachfolgend: ECA)Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars Diese amerikanische Hilfsorganisation ist nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls amerikanischen Emergency Rescue Committee. gewandt, und auch eine Auswanderung nach Palästina zog er in Erwägung. Konkrete Erfolge ergaben sich aus all dem nicht. Stattdessen wechselte nun in Florenz Kristeller vom Landschulheim Florenz zur „Scuola Normale Superiore“ in Pisa und schlug Manasse Anfang Juni 1935 vor, sich um seine Nachfolge am Landschulheim zu bewerben.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 567. Im August 1935 einigte sich Manasse mit den Direktoren des Landschulheims über seine Mitarbeit, die er am 1. November 1935 aufnahm.In seinem 1995 verfassten Beitrag Recollections concerning the Landschulheim Florenz in dem Buch A. W. L. M. (Hrsg.): Dial 22-0756, pronto. Villa Pazzi: memories of Landschulheim Florenz 1933–1938, 1997, S. 99–112, beschrieb Manasse anschaulich die etwa zwei Jahre (1935–1937), die er und seine Frau am Landschulheim verbrachten. Er unterrichtete fortan, bei relativ bescheidenem Honorar (Frühstück und Mittagessen an Unterrichtstagen eingeschlossen), Latein und Griechisch sowie Deutsch, Philosophie, Kunstgeschichte und Altertumskunde.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 570. Über die Arbeit hinaus war es für Manasse auch wichtig, mit seiner Anstellung in Florenz den sich täglich verschärfenden antisemitischen Restriktionen in der Heimat entkommen zu sein. Italien erschien ihm damals ein sicherer Ort, ein faschistischer Staat zwar und ohne politische Freiheit, aber dennoch ein Staat ohne staatlich veranlasste Judenverfolgung.Sylvia Asmus, Brita Eckert: Aus John M. Spaleks Koffern. S. 45. Komplikationen kamen in dieser Zeit von unerwarteter Seite: Sein Doktorvater, Otto Regenbogen in Heidelberg, der auch schon Abrahamsohn Schwierigkeiten bei dessen Dissertation gemacht und diesen zum Ausweichen an die Universität nach Prag veranlasst hatte, verweigerte nun auch ihm die Druckgenehmigung und verlangte umfangreiche Umarbeitungen. Das führte zu einem regen Schriftwechsel zwischen Manasse, Abrahamsohn und Kristeller und zu einem mit Abrahamsohns Unterstützung während eines Berlinaufenthaltes in den Weihnachtsferien 1935/1936 erarbeiteten Kompromiss hinsichtlich der zum Druck zu gebenden Teile der Dissertation. Von den ursprünglich über fünfhundert Manuskriptseiten der Dissertation wurde unter dem Titel Über die Wahrheit in Platons „Sophistes“ lediglich deren erster Teil mit einem Umfang von achtundvierzig Seiten publiziert. Regenbogen trug diesen Kompromiss mit und Manasse erhielt im Februar 1936 seine Promotionsurkunde. Eine Langfassung der Dissertation wurde erst im Jahre 1937 unter dem Titel Platons Sophistes und Politikos: Das Problem der Wahrheit im jüdischen Verlag Scholem in Berlin veröffentlicht.Hans Peter Obermayer: Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. S. 571/572. Obermayer spricht vom jüdischen Verlag Friedrich Scholem. Das stimmt aber nicht überein mit dem Eintrag zu Manasses Buch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (Platons Sophistes und Politikos im Katalog der DNB). Dort wird als Verlag „S. Scholem“ aufgeführt. Dieser wiederum lässt sich – im Gegensatz zum Verlag Friedrich Scholem – verifizieren: „Siegfried Scholem, Verlags- und Druckereiwesen. Gegründet 1900, Besitzübernahme 1938, Erloschen.: 1938. Hauptstrasse 8, Berlin.“ (Datenbank “Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930–1945”) Jahre später aber, in einem Brief vom 19. Dezember 1951 an Hermann Gundert, nähert sich Manasse Regenbogens früher Kritik an seiner ursprünglichen Dissertation weitgehend an und findet es im Nachhinein unverständlich, dass er die Arbeit in einem so ungeordneten Zustande veröffentlicht habe.