mini|hochkant|U. V. Swaminatha Iyer U. V. Swaminatha Iyer (Uthamadhanapuram Venkatasubbaiyer Swaminatha Iyer, Tamil: U. Vē. Cāminātaiyar [];Der Name des Heimatorts der Familie, Uthamadhanapuram, und der Name des Vaters, Venkatasubbaiyer, werden, wie in Südindien üblich, abgekürzt vorangestellt. Swaminatha(n) ist der Rufname, während der Namensbestandteil Iyer auf die Kastenzugehörigkeit hinweist. Im Tamil wird der Name meist zu einem Wort zusammengezogen ( Cāmināt’-aiyar), in Lateinschrift hat sich aber die Getrenntschreibung Swaminatha Iyer etabliert. geb. 19. Februar 1855 in Sooriyamoolai, gest. 28. April 1942 in Tirukalukundram) war ein tamilischer Philologe. Swaminatha Iyer durchlief in seiner Jugend eine traditionelle Gelehrtenausbildung und verlegte sich dann darauf, Texteditionen von Werken der Tamil-Literatur zu erstellen. Ab 1887 edierte er eine Vielzahl von klassischen Werken, die zuvor in Form von Palmblattmanuskripten überliefert worden waren, darunter mehrere Werke der alttamilischen Sangam-Literatur sowie die Epen Sivagasindamani, Silappadigaram und Manimegalai. Durch seine Textausgaben machte Swaminatha Iyer diese weitgehend in Vergessenheit geratenen Texte einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und trug so maßgeblich zum Erstarken des tamilischen Kulturbewusstseins bei, das zur sogenannten Tamilischen Renaissance führte. Obgleich nicht allein für die Wiederentdeckung der klassischen Tamil-Literatur verantwortlich, war Swaminatha Iyer der bekannteste und produktivste der Herausgeber. Für sein Lebenswerk wurde er mit dem Beinamen Tamil Tatta („Großvater des Tamil“) bedacht.
Leben Herkunft und frühe Jahre U. V. Swaminatha Iyer wurde am 19. Februar 1855 im Dorf Sooriyamoolai im Distrikt Thanjavur im heutigen südindischen Bundesstaat Tamil Nadu in eine Familie von orthodoxen tamilischen Brahmanen aus der Kaste der Iyer geboren. In Sooriyamoolai befand sich das Elternhaus seiner Mutter Saraswathi, wohin diese sich für die Geburt zurückgezogen hatte.U. V. Swaminatha Iyer: The Story of My Life, übersetzt von Kamil V. Zvelebil, Band 1, Madras: Institute of Asian Studies, 1990, S. 29–31. Der Heimatort der Familie war das Dorf Uthamadhanapuram (bei Papanasam im Distrikt Thanjavur). Da der Vater Venkatasubbaiyer, der seinen spärlichen Lebensunterhalt als Sänger und Ramayana-Erzähler verdiente, auf die Gunst wechselnder Gönner angewiesen war, verbrachte Swaminatha Iyer den Großteil seiner Kindheit an verschiedenen Orten in der Gegend von Ariyalur. Ab seinem fünften Lebensjahr erhielt Swaminatha Iyer eine traditionelle Ausbildung. Zunächst wurde er in der Dorfschule unterrichtet, später erhielt er Unterricht bei einer Reihe lokaler Gelehrter. Er zeigte früh ein großes Interesse am Tamil. Außerdem wurde er in karnatischer Musik ausgebildet. Für Sanskrit und Telugu konnte er sich nach eigenen Angaben nicht begeistern.Swaminatha Iyer 1990, S. 48–50. Gleichwohl scheint er eine durchaus gute Kenntnis des Sanskrit erworben zu haben.Anne E. Monius: „U. Vē. Cāminātaiyar and the Construction of Tamil Literary ‘Tradition’“, in: Journal of Indian Philosophy 39 (2011), S. 589–597, hier S. 595–596. In dem konservativen ländlichen Milieu, in dem Swaminatha Iyer aufwuchs, war das koloniale Bildungssystem, das zur gleichen Zeit zur Entstehung einer westlich gebildeten indischen Elite führte, noch nicht angekommen. Englisch lernte Swaminatha Iyer Zeit seines Lebens nicht.Norman Cutler: „Three Moments in the Genealogy of Tamil Literar y Culture“, in: Sheldon Pollock (Hrsg.): Literary Cultures in History. Reconstructions from South Asia, University of California Press: Berkley, Los Angeles, London, 2003, S. 271–322, hier S. 275. Im Alter von sechs Jahren durchlief Swaminatha Iyer seine brahmanische Initiation (upanayana). Mit 13 Jahren (zu jener Zeit ein übliches Heiratsalter) wurde er am 16. Juni 1868 mit Madurambigai verheiratet.Swaminatha Iyer 1990, S. 85–90.
mini|hochkant|U. V. Swaminatha Iyers Lehrer Meenakshisundaram Pillai (1815–1876) 1871 verließ U. V. Swaminatha Iyer im Alter von 16 Jahren sein Elternhaus, um sein Studium des Tamil bei dem berühmten Dichtergelehrten T. Meenakshisundaram Pillai in Mayuram (Mayiladuthurai) fortzusetzen.Swaminatha Iyer 1990, S. 105–115. 1872 folgte Swaminatha Iyer seinem Lehrer in das Hindu-Kloster (matha) von Tiruvavaduthurai, von welchem dieser gefördert wurde. Zwischen Meenakshisundaram Pillai und Swaminatha Iyer entwickelte sich in der Folge ein enges Lehrer-Schüler-Verhältnis. Swaminatha Iyer brachte seinem Meister schier grenzenlose Verehrung entgegen, und auch Meenakshisundaram Pillai scheint seinem Schüler sehr verbunden gewesen zu sein. Der Unterricht bestand im Studium tamilischer Literatur unter Anleitung des Lehrers. Als Medium dienten in erster Linie Palmblattmanuskripte, gedruckte Bücher waren nicht unbekannt, aber noch eine Seltenheit. Das Curriculum bestand vor allem aus Textgattungen, die im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten, heute aber kaum mehr geschätzt werden, namentlich dem poetischen Prabandham-Genre und Ortslegenden (Sthalapuranas). Daneben studierte Swaminatha Iyer aber auch die moralischen Lehrgedichte Tirukkural und Naladiyar sowie das Epos Kambaramayanam. Die Sangam-Literatur oder die klassischen Epen, zu deren Wiederentdeckung Swaminatha Iyer später beitrug, spielten in seiner Ausbildung dagegen keine Rolle.Cutler 2003, S. 276–281.
mini|links|Das College von Kumbakonam, U. V. Swaminatha Iyers Wirkungsstätte ab 1880. Im Jahr 1876 verstarb Meenakshisundaram Pillai. Auch nach dem Tod seines Lehrers blieb Swaminatha Iyer dem Kloster von Tiruvavaduthurai verbunden. Er setzte dort sein Studium unter der Anleitung des Abts des Klosters fort und begann gleichzeitig weniger fortgeschrittene Schüler zu unterrichten.U. V. Swaminatha Iyer: The Story of My Life, übersetzt von Kamil V. Zvelebil, Band 2, Madras: Institute of Asian Studies, 1994, S. 275–282. 1877 veranlasste der Abt, dass Swaminatha Iyer regelmäßige finanzielle Unterstützung erhielt und ein Haus zur Verfügung gestellt bekam. Dadurch konnte er seine Eltern und seine Ehefrau nach Tiruvavaduthurai nachholen und ein reguläres Eheleben beginnen.Swaminatha Iyer 1994, S. 299–300. 1880 verließ Swaminatha Iyer das Kloster aber, nachdem er durch Vermittlung seines pensionierten Vorgängers C. Thyagaraja Chettiar eine Stelle als Tamil-Dozent am College der Stadt Kumbakonam erhalten hatte.Swaminatha Iyer 1994, S. 334–338. Dadurch kam er erstmals in Kontakt mit dem kolonialen Bildungssystem, das im 19. Jahrhundert mehr und mehr Perspektiven für einheimische Gelehrte bot, während die Bedeutung traditioneller Patronageinstitutionen – Klöster und Fürstenhöfe – abnahm.Sascha Ebeling: Colonizing the Realm of Words. The Transformation of Tamil Literary Culture in Nineteenth-Century South India, Albany: State University of New York Press, 2010, S. 159–160. Swaminatha Iyers Familie folgte ihm nach Kumbakonam. Im selben Jahr wurde sein Sohn Kalyanasundaram Iyer geboren.Swaminatha Iyer 1994, S. 366–367.
Die Wiederentdeckung der klassischen Tamil-Literatur mini|hochkant|Salem Ramaswami Mudaliar (1853–1892) Nach seinem Umzug nach Kumbakonam kam U. V. Swaminatha Iyer erstmals mit den ältesten Werken der Tamil-Literatur in Kontakt, die zu jener Zeit nur wenigen Menschen bekannt waren. Das Schlüsselerlebnis für Swaminatha Iyer war eine Begegnung mit Salem Ramaswami Mudaliar, einem literarisch interessierten Juristen, der kurz zuvor nach Kumbakonam versetzt worden war, im Jahr 1880. Ramaswami Mudaliar forderte Swaminatha Iyer auf, sich mit den alten Texten zu beschäftigen, und händigte ihm ein Manuskript des Sivagasindamani aus.Swaminatha Iyer 1994, S. 367–371. Dabei handelt es sich um ein Epos aus der spätklassischen Phase der Tamil-Literatur, das wahrscheinlich im 10. Jahrhundert von einem jainistischen Autor verfasst wurde.Kamil Zvelebil: Tamil Literature, Wiesbaden: Harrassowitz, 1974, S. 136–138. Swaminatha Iyer begann den Text zu studieren und stellte dabei fest, dass es ihm schwer fiel, die altertümliche Sprache zu verstehen. Er fand aber heraus, dass Angehörige der Religionsgemeinschaft der Jainas das Sivagasindamani nach wie vor zeremoniell rezitierten, und erhielt von ihnen Hilfe bei der Interpretation des Textes.Swaminatha Iyer 1994, S. 371–377. Das Sivagasindamani war zusammen mit einem Kommentar des Autors Nachinarkkiniyar (14. Jahrhundert) überliefert worden. Beim Studium des Kommentars stellte Swaminatha Iyer fest, dass er zahlreiche Zitate aus anderen alten Werken enthielt, die er nicht identifizieren konnte. Auf der Suche nach der Quelle der Zitate entdeckte er in der Bibliothek des Klosters von Tiruvavaduthurai Manuskripte der Sammlungen Ettuttogai und Pattuppattu. Diese bilden gemeinsam das Korpus der Sangam-Literatur, der ältesten Schicht der Tamil-Literatur, die auf das 1. bis 6. Jahrhundert zurückgeht. Swaminatha Iyer fand die Sangam-Texte schwer verständlich, war aber überaus fasziniert von der neuen Welt der klassischen Tamil-Literatur, die sich vor ihm auftat.Swaminatha Iyer 1994, S. 385–386.
Im Zuge seiner Beschäftigung mit dem Sivagasindamani beschloss Swaminatha Iyer, eine Edition des Textes zu veröffentlichen. Darin spiegelt sich der Wandel der tamilischen literarischen Kultur im 19. Jahrhundert wider: Im Zuge der zunehmenden Verbreitung des Buchdrucks während der britischen Kolonialzeit wurden mehr und mehr tamilische Texte in Buchform veröffentlicht. Viele Gelehrte wurden dadurch zu Herausgebern, die gedruckte Editionen von Texten veröffentlichten.Ebeling 2010, S. 160–164. Swaminatha Iyer hatte selbst erste Erfahrungen mit der Herausgebertätigkeit gemacht, als er 1878 eine kurze Sammlung von Gedichten zeitgenössischer Dichter (darunter auch acht aus seiner eigenen Feder) veröffentlichte.Swaminatha Iyer 1994, S. 312–315. Für seine Sivagasindamani-Edition sammelte Swaminatha Iyer weitere Manuskriptkopien des Werkes, deren Lesarten er miteinander verglich. Zur Finanzierung des Drucks griff er auf eine Art Abonnementsystem zurück, bei dem wohlhabende Einzelpersonen ihm im Voraus Geld zahlten und im Gegenzug ein Exemplar des Buches erhielten, sobald es gedruckt war.V. Rajesh: Manuscripts, Memory and History. Classical Tamil Literature in Colonial India, New Delhi: Cambridge University Press India, 2014, S. 119–121. Die Edition des Sivagasindamani erschien schließlich 1887 in Madras (Chennai).
mini|hochkant=2|Seite aus einem Purananuru-Manuskript aus der Sammlung U. V. Swaminatha Iyers (heute in der U. V. Swaminatha Iyer Library aufbewahrt) Parallel zu seiner Arbeit als College-Dozent setzte Swaminatha Iyer seine Forschungs- und Editionstätigkeit fort. Dazu unternahm er immer wieder Reisen in verschiedene Regionen des tamilischen Sprachgebiets, um Manuskripte klassischer Tamil-Texte zu sammeln. Dabei ging er von Haus zu Haus, um Dichtergelehrte aufzusuchen, bei denen er alte Handschriften vermutete. Häufig stellte er fest, dass sie bereits verloren gegangen oder zerfallen waren, aber dennoch gelang es ihm eine große Zahl von Manuskripten zu sammeln. Auf deren Grundlage veröffentlichte er weitere Textausgaben der klassischen Werke, die bisher nicht in gedruckter Form vorgelegen hatten. 1889 erschien eine Edition des Pattuppattu, der „zehn Gesänge“, die zusammen mit den „acht Anthologien“ (Ettuttogai) das Korpus der Sangam-Literatur bilden. In den nächsten Jahren folgten Editionen von zwei weiteren klassischen Epen, Silappadigaram (1892) und Manimegalai (1898), sowie der Sangam-Anthologien Purananuru (1894) und Aingurunuru (1903).
Weiterer Lebensweg mini|Das Presidency College in Madras, Swaminatha Iyers Wirkungsstätte von 1903 bis 1919.