Vitali Stesin (, Witali Lwowitsch Stessin; * 22. November 1940 in Moskau; † 15. Dezember 2012 in Wien) war ein russischer Maler.
Leben Vitali Stesin wurde 1940 in Moskau geboren. Seine beiden Eltern stammten aus jüdischen Familien. Sein Vater Lew war General der sowjetischen Streitkräfte, später gehörte er zur Leitung einer Zeitschrift für Wehrtechnik.Peter Hölzle, Vitali Stesin, in: Vitali Stesin. Ed. Jensen. Heidelberg 1975, S. 9 f.
Vitali Stesin begann in Moskau ein Studium der Chemie, brach dies aber ab. Zunächst versuchte er sich bei einem Kabarett, bevor er mit einem Puppentheater die sowjetische Provinz bereiste. Anfang der 1960er Jahre begann er, intensiv zu malen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er dabei offiziell u. a. als Leiter des Kulturhauses eines Dorfes bei Moskau sowie inoffiziell als Restaurator von Ikonen. In dieser Zeit stieß er zur „Jungen Moskauer Avantgarde“, der Szene aus Künstlern und Literaten außerhalb des staatlichen Kunstbetriebs, die keine Chance hatten, ihre Werke in einer Galerie zu zeigen oder in einem Verlag zu publizieren. Zu seinen Ateliernachbarn gehörten Erik Bulatow, Ilya Kabakow und Ernst Neiswestny.Lydia Vegler, Leben und Werk von Vitali Stesin/Vitali Stesin’s Life and Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 46.
Zu seinem Freundeskreis im „Moskauer Untergrund“ zählten die Schriftsteller Wenedikt Jerofejew und Eduard Limonow. Jerofejew wies während der Perestroika, als er endlich publizieren durfte, in einem Interview auf Stesin hin.Interv’ju: Sumašedšim možna byt‘ v ljuboe vremja, in: Kontinent, No. 65(1990). Limonow bezeichnete ihn als Freund, der ein „halb verrückter Typ“ (полубезумный тип) gewesen sei. Moskau 1994. Auch erwähnte Limonov ihn in seiner autobiographischen Prosa.Čužoj v neznakomom gorode, Moskau 1995.
Über den Dichter und ehemaligen Lagerhäftling Wladimir Gerschuni knüpfte Stesin Kontakte in die Dissidentenszene.Lydia Vegler, Leben und Werk von Vitali Stesin/Vitali Stesin’s Life and Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 48. Wegen des zunehmenden Drucks des KGB auf die alternative Kunstszene stellte er einen Antrag auf Ausreise nach Israel. 1973 konnte er die Sowjetunion verlassen. Seine Bilder wurden dabei vom sowjetischen Zoll beschlagnahmt. Er ließ sich zunächst in Tel Aviv nieder.
1975 nahm er das Angebot an, nach Köln überzusiedeln, im Stadtteil Ehrenfeld konnte er günstig eine Wohnung mit Atelier mieten. Doch überwarf er sich bald mit seiner Galeristin Kenda Bargera. Zunehmend setzte er sich mit den großen Religionen auseinander, besonders intensiv studierte er die Bibel.Lydia Vegler, Leben und Werk von Vitali Stesin/Vitali Stesin’s Life and Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 54–56.
Bei einer Reise nach Wien lernte er seine künftige Frau Iris kennen, die ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammte. Bis zu seinem Lebensende pendelte Stesin zwischen Köln und Wien.
Künstlerisches Schaffen Stesin wird der russischen Neo-Avantgarde zugerechnet, auch „zweite russische Avantgarde“ oder seinerzeit „Moskauer Junge Avantgarde“ genannt.Non-Konformisten. Die zweite russische Avantgarde 1955–1988. Sammlung Bar-Gera. Hrsg. Hans-Peter Riese. Bonn 1996, S. 236. Er galt als einer der Köpfe des „Moskauer Underground“.Mark Ural’skij: Nebesnyj zalog. Portret chudožnika v stile kollaža. Moskau 2013, S. 343.
Seine abstrakten und utopischen Szenerien sind stark von Kubismus und Futurismus beeinflusst, insbesondere von Wassily Kandinsky und Pawel Filonow, deren Werke damals in der Sowjetunion nicht ausgestellt wurden und verpönt waren.Peter Spielmann, Meine Begegnung mit Vitali Stesin und seinem Werk/My Encounter with Vitali Stesin and his Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 14. Es selbst nannte seine Bilder „kosmische Landschaften“.Peter Spielmann, Vitali Stesin, in: Vitali Stesin. Heidelberg 1975, S. 5. Die meisten Bezeichnungen, die Stesin ihnen selbst gegeben hat, kommen aus der Welt der Mathematik oder der Bibel. Wegen der religiösen Bezüge wurde er auch als „nonkonformistischer Mystiker“ gesehen.Ludwig Museum, Ausstellungen, 12. September 2010
Mehrheitlich handelt es sich um von Farbknäueln und geometrischen Formen geprägte Buntstiftzeichnungen und Ölbilder, unter „Verzicht auf hierarchische Bildstrukturen“ (Reifenscheid).Beate Reifenscheid, Außerhalb der Ordnungszonen/Where Few Have Ventured, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 8–10. Wegen des „Verzichts auf eine zentrale Perspektive“ wirken sie wie „Luftaufnahmen und Landkarten“, die aber nicht nur die Oberfläche zeigen, sondern auch die darunter liegenden Strukturen (Spielmann).Peter Spielmann, Meine Begegnung mit Vitali Stesin und seinem Werk/My Encounter with Vitali Stesin and his Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 16.
Auch bemalte er immer wieder Astgabeln, Wurzelholz und Gebrauchsgegenstände aus Holz in einer Weise, die an Indianermasken und die Kunst der Azteken erinnert. (Wolfgang Schlott)Wolfgang Schlott, Im Mahlstrom bizarrer Welten/In the Maelstrom of Bizarre Worlds, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 24. Einige dieser bemalten Wurzelskulpturen wurden 1970 in einer Ausstellung für junge Talente gezeigt, die Zeitschrift Sputnik druckte sechs Fotos von diesen Arbeiten ab (Ausgabe 2/1970).Lydia Vegler, Leben und Werk von Vitali Stesin/Vitali Stesin’s Life and Work, in: Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit/Measuring space and time. Mailand 2010, S. 50.
Ausstellungen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre nahm Stesin mit seinen Bildern an Gruppenausstellungen in Moskauer Privatwohnungen teil.Non-Konformisten. Die zweite russische Avantgarde 1955–1988. Sammlung Bar-Gera. Hrsg. Hans-Peter Riese. Bonn 1996, S. 25.
Seit seiner Ausreise aus der Sowjetunion waren ihm Einzelausstellungen gewidmet, u. a.
P.E.N.-Kongress, Jerusalem (1974) Galerie Bar-Gera, Köln (1975) Galerie Colleyo, Genf (1976) Art Galerie, Heidelberg (1977) Bürgerhaus München-Garching, München (1984) Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz (2010) Culture Hall, Petach Tikwa/Israel (2011)
Literatur Vitali Stesin. Oil, Drawings. Exhibition in memory of Margalit Sela. Weizman Institute of Science, Jerusalem 1975. Vitali Stesin. Edition Jensen. Heidelberg 1977 (Ausstellungskatalog, Texte: Peter Hölzle und Peter Spielmann). Non-Konformisten. Die zweite russische Avantgarde 1955–1988. Sammlung Bar-Gera. Hrsg. Hans-Peter Riese. Bonn 1996, S. 234–236. Vitali Stesin. Vermessen von Raum und Zeit / Measuring space and time. Hrsg. Beate Reifenscheid. Silvani Editoriale Milano 2010 (zweisprachiger Ausstellungskatalog, Texte: Beate Reifenscheid, Peter Spielmann, Wolfgang Schlott und Lydia Vegler) ISBN 8836617921
Weblinks Foto, Moskau 1970: die Dissidenten Igor Dudinski (links) und Eduard Limonow (rechts) mit Stesin vor dessen Werken. Ludwig Museum, Koblenz, Ausstellung September 2010
Einzelnachweise
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