Beim Abschuss einer Suchoi Su-24 der russischen Luftwaffe am 24. November 2015 im türkisch-syrischen Grenzgebiet über der syrischen Provinz Latakia wurde die Su-24 der russischen Luftstreitkräfte von den türkischen Luftstreitkräften mit einer Luft-Luft-Rakete abgeschossen. Nach türkischen Angaben verletzte diese und eine weitere von Latakia gestartete Maschine den türkischen Luftraum beim Angriff auf Ziele nahe der türkischen Grenze und wurde nach zahlreichen Warnungen von einer türkischen F-16 abgeschossen. Nach russischen Angaben befand sich die Su-24 im syrischen Luftraum und es gab keine Vorwarnung. Beide Besatzungsmitglieder konnten sich mit Schleudersitzen retten; der Pilot wurde von Mitgliedern der Syrischen Turkmenenbrigaden getötet. Der Vorfall zog Vorwürfe und wirtschaftliche Sanktionen von Russland gegenüber der Türkei nach sich, bis eine Entschuldigung Erdoğans Mitte 2016 zur Wiederannäherung führte.
Vorgeschichte
Die russischen Streitkräfte verlegten im September 2015 unter anderem Jagdflugzeuge des Typs Suchoi Su-30, Su-24- und Su-34-Jagdbomber und Su-25-Erdkampfflugzeuge sowie unbemannte Aufklärungsdrohnen nach Latakia. Am 30. September 2015 griffen sie erstmals auf Seiten der syrischen Regierung in den Bürgerkrieg in Syrien ein. Am 3. Oktober 2015 kam es zu einem unbeabsichtigten Einflug eines russischen Kampfflugzeugs in den türkischen Luftraum. Die türkische Regierung protestierte gegen diese Luftraumverletzung; das russische Verteidigungsministerium entschuldigte sich für die „einige Sekunden“ dauernde Verletzung des Luftraums und machte ungünstige Wetterverhältnisse dafür verantwortlich. Nach Angaben des türkischen Außenministeriums sollen sich russische Flugzeuge zwischen 3. und 10. Oktober 2015 dreizehnmal der türkischen Grenze genähert haben. Am 16. Oktober schoss die türkische Seite eine Drohne russischer Bauart ab. Am Tag darauf drohte Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, jedes Flugzeug, das den türkischen Luftraum verletzen sollte, zu zerstören.
Am 20. November 2015 bestellte die Türkei den russischen Botschafter Andrei Karlow ein, da sich die russischen Luftangriffe in der Region Bayirbucak – nach türkischen Aussagen – gegen turkmenische Siedlungen nordöstlich der Hafenstadt Latakia richteten, bei denen keine Terroristen, sondern nur Zivilisten getroffen würden. Das türkische Außenministerium forderte einen „sofortigen Stopp der Operation“ und drohte widrigenfalls mit „ernsthaften Konsequenzen“.Türkei bestellt erneut russischen Botschafter ein, dpa-Meldung auf rp-online.de vom 6. Oktober 2015, abgerufen am 2. Dezember 2015.
Ablauf mini|400px|Schematische Darstellung des Ereignisses in der türkischen und der russischen Version kurz nach dem Abschuss. Die türkische Seite sprach von zwei Flugzeugen, die den türkischen Luftraum verletzt hätten.Ankara sucht Moskau zu besänftigen, NZZ, 26. November 2015 mini|Erste russische Darstellung der Flugverläufe (Angaben des russischen Verteidigungsministeriums) mini|Zweite, unterschiedliche russische Darstellung der Flugverläufe (Angaben des russischen Verteidigungsministeriums)
Die Su-24 mit der taktischen Nummer „weiße 83“ war auf der russischen Basis in Latakia gestartet und wurde, nachdem sie zusammen mit einer anderen Maschine mutmaßlich türkischen Luftraum durchquert hatte, abgeschossen. Die Maschine stürzte auf syrischen Boden ab, rund vier Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die USA bestätigten dabei die türkischen AngabenU.S. Confirms That Downed Russian Plane Entered Turkish Airspace, NBC, 1. Dezember 2015, während Russland behauptete, der türkische Luftraum sei nicht verletzt worden. Nach russischen Angaben handelte es sich bei der Rakete um eine Sidewinder AIM-9X, andere Quellen sprachen von einer AIM-120 AMRAAM.Here’s the alleged Audio of the Turkish Air Force warning the Russian Su-24 before downing it (englisch), abgerufen am 1. Dezember 2015 Beide Besatzungsmitglieder, Pilot Oleg Peschkow und Waffensystemoffizier Konstantin Murahtin, katapultierten sich aus dem getroffenen Flugzeug. Während sie am Fallschirm niedergingen, wurde Peschkow von örtlichen Kämpfern mit Handfeuerwaffen beschossen und getötet. Der Beschuss verstieß gegen Artikel 42 des Ersten Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen. Eine Einheit der Syrischen Turkmenenbrigade, die einem Bündnis von „moderaten Rebellen“ zugerechnet wird, übernahm die Verantwortung für die Tötung des Piloten. Rebellen veröffentlichten ein Video, das die beiden russischen Piloten nach dem Absturz der Maschine an Fallschirmen hängend zeigt, die von Kämpfern am Boden beschossen werden. Es waren auf dem Video aber auch Stimmen zu hören, die dazu aufforderten, nicht auf die Männer zu schießen.New video shows Russian plane crashing after shot down, CNN, 24. November 2015 Der Vizekommandant der Turkmenen, Alparslan Çelik, ist ein Türke aus Keban, der osttürkischen Provinz Elazığ und Mitglied der Grauen Wölfe. Im Jahr 2014 berichteten mehrere türkische Zeitungen, Çelik sei in den Irak gereist und habe sich Turkmenen im Kampf gegen den IS angeschlossen. Dem amerikanischen Flugzeugexperten Pierre Sprey zufolge war der Abschuss des Flugzeugs ein Hinterhalt.
Eine direkt nach dem Abschuss gestartete Rettungsaktion mit Mi-8-Hubschraubern wurde ebenfalls beschossen, wobei ein russischer Soldat starb. Einer der Hubschrauber wurde dabei mit einer amerikanischen TOW-Lenkrakete von den Rebellen zerstört. Diese veröffentlichten ein Video des Angriffs auf einer Internetplattform. Der verletzte Waffensystemoffizier des Jets konnte von der syrischen Armee gerettet werden und wurde zur russischen Basis Hmeimim gebracht.tagesanzeiger.ch: Deutschland plant offenbar Militäreinsatz in Syrien, abgerufen am 30. November 2015 Er wies Informationen aus Ankara zurück, das türkische Militär habe den russischen Kampfjet mehrmals vorgewarnt. Er sagte: „Es hat keine Vorwarnungen gegeben, weder per Funk noch visuell. Es hat überhaupt keinen Kontakt gegeben“. Die türkische Rakete habe das Flugzeug „völlig unerwartet“ am Heck getroffen: „Wir haben sie nicht einmal gesehen und deshalb kein Ausweichmanöver eingeleitet.“ Die F-16 sei schneller als ein Bomber und hätte sich für eine Vorwarnung sichtbar positionieren können. Nach Angaben russischer Spezialisten benötigt das Funkgerät der Su-24M ein zusätzliches Modul, um die Frequenzen des internationalen Not- und Anrufkanals empfangen zu können. Das Fehlen eines solchen Moduls könne erklären, warum die russische Besatzung keine Warnungen gehört habe.Reuben F. Johnson: Russian Su-24M communications equipment blamed for shootdown, Jane’s Defence Weekly, 26. November 2015, abgerufen am 2. Dezember 2015 (englisch).
Türkische Schadensbegrenzung mini|Überführung des Piloten nach Russland mini|hochkant|Ernennungsurkunde zum Helden der Russischen Föderation (postum) mini|Übergabe des Flugschreibers durch Schoigu an Putin Die türkische Regierung versuchte sich in Schadensbegrenzung: Staatspräsident Erdoğan sagte am 25. November 2015 in einer Fernsehansprache: „Wir haben nicht die Absicht, diesen Zwischenfall eskalieren zu lassen. Wir verteidigen nur unsere Sicherheit und die Rechte unserer Brüder.“ Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu versicherte, Russland sei ein „Freund und Partner“ der Türkei und Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu telefonierte mit seinem russischen Amtskollegen, um sein Beileid auszudrücken. Fünf Tage nach dem Abschuss nahm die Türkei in der Nacht zum 29. November die Leiche des Piloten, Oberstleutnant Oleg Peschkow, an der syrischen Grenze in Empfang.https://web.archive.org/web/20151130041757/http://de.sputniknews.com/politik/20151129/306018701/tuerkei-pilot-leiche.html Der türkische Ministerpräsident Davutoğlu gab bekannt, der Tote sei durch türkische Initiative aus Syrien in die an der Grenze liegende Provinz Hatay gebracht worden und die russische Botschaft in Ankara bestätigte, dass der Tote aus Hatay nach Ankara gebracht wurde.https://web.archive.org/web/20151130041757/http://de.sputniknews.com/politik/20151129/306018701/tuerkei-pilot-leiche.html Der Transport traf am 30. November 2015 auf dem Militärflugplatz Tschkalowski bei Moskau ein. Alparslan Çelik wurde 2017 in der Türkei wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Untersuchung Der Flugschreiber der Su-24 wurde von syrischen Spezialeinheiten an der Absturzstelle sichergestellt und am 8. Dezember 2015 nach Moskau gebracht. Präsident Putin ordnete an, dass er nur im Beisein internationaler Experten geöffnet werden dürfe. Nachdem es am 9. Dezember 2015 zunächst hieß, Putin habe Cameron während eines Telefongesprächs um die Entsendung britischer Spezialisten zur Untersuchung des Flugschreibers gebeten und Großbritannien würde sich die Anfrage überlegen, lud Russland internationale Experten aus 14 Ländern ein, an der Untersuchung teilzunehmen. Von diesen 14 Ländern entsandte China einen Experten nach Moskau. Das Öffnen des Flugschreiber-Gehäuses in Anwesenheit eines chinesischen Experten und eines inoffiziell anwesenden Flugsicherheits-Experten mit britischer StaatsbürgerschaftSu-24-Blackbox stark beschädigt - Auswertung vorerst unmöglich, Sputnik, 25. Dezember 2015; „mit keiner britischen Regierungsorganisation verbunden“ wurde während eines Briefings des russischen Verteidigungsministeriums live übertragen. Neben Journalisten beobachteten auch die Militärattachés Chinas, Indiens und Großbritanniens die Live-Übertragung der Prozedur in einem Presseraum. Die Untersuchung selbst wird durch Spezialisten der Herstellerfirmen Ismeritel und Topas durchgeführt. Die Untersuchung der Daten verzögerte sich, weil die Speicher beschädigt waren.
Reaktionen Politische Reaktionen Der Vorfall führte kurzfristig zu einer ernsthaften Verstimmung zwischen Türkei und Russland.siehe Außenpolitik der Türkei#Russland und Außenpolitik Russlands#Türkei. Langfristig leitete er, nach der Entschuldigung Erdoğans für den Abschuss einen Monat später, eine Annäherung an Russland ein.Claudius Weise: Ein höherer Geist? Anmerkungen zum Putschversuch in der Türkei
Russland Der russische Präsident Wladimir Putin nannte den Abschuss ein Verbrechen und drohte der Türkei mit Konsequenzen. Er warf der Türkei Komplizenschaft mit der Terrormiliz IS vor und kündigte zum Schutz der russischen Basis die Verlegung des Flugabwehrraketensystems S-400 nach Ḫumaymīm an. Auf der politischen Seite reagierte Russland mit der Wiedereinführung der Visumspflicht für türkische Staatsbürger, verschärften Kontrollen für türkische Lebensmittelimporte in die Russische Föderation und dem Stopp des Pipelineprojektes Turkish Stream.Frankfurter Allgemeine Zeitung: , abgerufen am 3. Dezember 2015 Ein von Präsident Erdoğan erbetenes Gespräch mit Wladimir Putin wurde von diesem abgesagt. Das russische Außenministerium gab eine Reisewarnung für die Türkei heraus. Die russische staatliche Tourismusagentur Rostourismus untersagte daraufhin russischen Reisebüros, Reisen in die Türkei zu verkaufen. Bisher hatten jährlich etwa 4,4 Mio. Russen die Türkei besucht; der finanzielle Umfang dieser Reisen wurde auf etwa 10 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein für den 25. November 2015 geplanter Türkeibesuch des russischen Außenministers Lawrow wurde abgesagt. Das türkische Kernkraftwerk Akkuyu, das von Rosatom gebaut und später auch betrieben werden soll, war nicht betroffen.Die Welt: So sieht Putins Strafliste für die Türkei aus, abgerufen am 3. Dezember 2015
Am 2. Dezember 2015 sagte der russische Vizeverteidigungsminister Anatoli Antonow vor ausländischen Journalisten in Moskau, die Türkei sei Hauptabnehmer des vom IS in Syrien und im Irak gestohlenen Erdöls und beschuldigte den türkischen Staatschef Erdoğan und dessen Familie, in Ölgeschäfte mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verwickelt zu sein. Dass die Türkei in den behaupteten Ölhandel zumindest verwickelt ist, war auch im Westen unstrittig.