Der militärische Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg im Zweiten Weltkrieg begann als Westfeldzug am 10. Mai 1940 und bezeichnete die Eroberung dieser Nachbarländer (geplant als „Fall gelb“) und den Krieg gegen Frankreich (Fall rot) durch das Deutsche Reich bzw. die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs im Mai und Juni 1940. Durch den Angriff auf diese neutralen Staaten sollte ähnlich wie beim Schlieffen-Plan der notwendige Raum zur Umsetzung des Sichelschnittplans gewonnen werden. Anders als im Ersten Weltkrieg wurden dabei auch die neutralen Niederlande angegriffen. Die Niederlande kapitulierten am 14. Mai und Belgien am 28. Mai 1940.
Politische und militärische Lage in Europa Anfang 1940 Im Jahr 1920 hatten Belgien und Frankreich ein Abkommen geschlossen, dem zufolge die belgische Armee die französischen Truppen im Falle eines deutschen Angriffes gegen Frankreich unterstützen musste, und das jedenfalls ein gemeinsames militärisches Vorgehen vorsah. Am 7. März 1936 besetzten deutsche Truppen die entmilitarisierte Zone des Rheinlandes. Weil auf diese Besetzung keine französische Reaktion folgte,David Stevenson: French War Aims and Peace Planning. In: Manfred Boemeke u. a. (Hrsg.): The Treaty of Versailles. A Reassessment after 75 Years. German Historical Institute Washington / Cambridge University Press S. 87–109, 107. zweifelte Belgien die Glaubwürdigkeit Frankreichs an und legte als neue Sicherheitsrichtlinie die strikte Neutralität fest. mini|Chamberlain mit dem Text des Münchner Abkommens, Flughafen Heston, 30. September 1938 Bei der darauffolgenden Zerschlagung der Tschechoslowakei am 15. März 1939 überreichte der französische Botschafter Robert Coulondre in Berlin lediglich eine Protestnote. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei wurde als offener Bruch des Münchner Abkommens angesehen und hatte eine Zuspitzung der internationalen Lage zur Folge. Das Vereinigte Königreich, Frankreich, Polen, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion erkannten die faktische Annexion der Tschechoslowakei nicht an. Großbritannien (die Nationale Regierung IV unter Chamberlain) wich von seiner bisherigen Appeasement-Politik ab. Großbritannien und Frankreich (Kabinett Daladier III) unterschrieben am 31. März 1939 eine britisch-französische Garantieerklärung für Polen (unter Staatspräsident Mościcki).
Am 23. August 1939 schlossen das NS-Regime und Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt.Michael Gehler (Österreichische Akademie der Wissenschaften): Hitler-Stalin-Pakt, eine teuflische Komplizenschaft (PDF; 787 kB), Beitrag in Blick von außen, Nr. 245 vom 6. September 2014. Damals vermutete die belgische Regierung, Belgien würde von Hitler-Deutschland als Verbündeter im Krieg gegen den Osten und Westen angesehen. Drei Tage später mobilisierte Belgien die Armee, am 28. August die Niederlande.Website des niederländischen Verteidigungsministeriums
Zu Beginn des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 sah das belgische Oberkommando vorerst wenig Gefahr von deutscher Seite. Man richtete alle Aufmerksamkeit auf die französisch-britische Allianz, da man fürchtete, diese würde sich auch auf das Gebiet Belgiens erstrecken. Die folgende Kriegserklärung Frankreichs gegen Deutschland führte zunächst lediglich zu einer Mobilisierung der Reserven und einer begrenzten und erfolglosen Offensive an der Saar. Mit der gleichzeitigen britischen Kriegserklärung an Deutschland begann am 3. September 1939 der sogenannte „Sitzkrieg“, der bis zum deutschen Angriff auf Frankreich andauerte.Jean Doise, Maurice Vaïsse: Diplomatie et outil militaire 1871–1991. Taschenbuchausgabe. Éditions du seuil, Paris 1991, S. 396 f. und 416 f.
Am 27. September 1939 teilte Hitler den Oberbefehlshabern der Teilstreitkräfte seinen Entschluss mit, noch im gleichen Jahr – unter möglicher Verletzung der Neutralität Belgiens und der Niederlande – an der Westgrenze einen Westfeldzug zu führen. Am 10. Oktober erließ das Oberkommando des Heeres gegen starke Bedenken aus der Generalität die Weisung Nr. 6 zur Kriegführung mit dem Ziel der „Vernichtung unserer westlichen Gegner“.Klaus-Jürgen Müller: Das Heer und Hitler: Armee und nationalsozialistisches System. DVA, 2. Auflage, 1988, ISBN 978-3-486-55350-5, S. 473 und 477. Nach dem Fall der polnischen Hauptstadt am 28. September 1939 entschied Belgien, den Großteil seiner Truppen an die Grenze zu Deutschland zu verlegen. Es nahm an, Deutschland wolle Armeeteile nach Westen verlagern.
Ziel der deutschen Invasion Mit dem Kriegsausbruch an der Westfront Deutschlands sollte der Grundstein für die deutsche Invasion auf das Vereinigte Königreich gelegt werden, um schlussendlich auf dem europäischen Kontinent eine Übermacht zu erlangen. Das ursprüngliche Angriffsziel sah vor, starke belgisch-britisch-französische Kräfte aufzureiben und Häfen an der Nordseeküste zu zerstören, um diese in weiterer Folge in Besitz zu nehmen. Aufgrund des unmittelbaren Erfolges wurde das ursprüngliche Operationsziel unter Generalleutnant, später Generalfeldmarschall, Erich von Manstein zu einem Gesamtsieg auf dem westeuropäischen Kontinent ausgeweitet.
Das Ziel der Niederlande, Belgiens, Großbritanniens und Frankreichs hingegen war die Abwendung der deutschen Bedrohung. Bis zum Tag der Invasion am 10. Mai 1940 hielt sich die belgische Regierung in Einklang mit ihrer Politik an die Neutralität und ließ keine ausländischen Truppen auf belgischem Staatsgebiet zu. Französische Truppen und das britische Expeditionskorps (BEF) wurden lediglich in Frankreich, in der Nähe der belgischen Grenze, stationiert.
Mobilisierung und Ausnahmeregelungen Belgische Armee Die in Friedenszeiten aus 100.000 Mann bestehende belgische Armee wurde im Zuge der Mobilisierung von Ende August 1939 bis Anfang Mai 1940 auf 22 Divisionen erhöht. Die Feldarmee bestand zu Beginn der Kampfhandlungen aus vier regulären Armeekorps und drei Reserve-Korps mit je zwei bis drei Divisionen sowie einem (teilmotorisierten) Kavallerie-Korps, einer Küstengruppe, einer unabhängigen Operationsgruppe sowie zwei unabhängigen Infanterie-Divisionen.Belgian Armed Forces, 10th May 1940 auf niehorster.org, abgerufen am 4. August 2019. Die Gesamtstärke nach Mobilmachung lag bei etwa 550.000 Soldaten, für ein kleines Land mit acht Millionen Einwohnern eine bemerkenswerte Leistung. Hauptsächlich bestand die belgische Armee aus Berufssoldaten, Wehrpflichtigen und Reservisten.Jean-Michel Veranneman: Belgium in the Second World War, Pen & Sword Military, Barnsley 2014, ISBN 978-1-78337-607-0, Kapitel 1 und 2.
Die Truppen wurden in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Holzbaracken in der Nähe der vorbereiteten Verteidigungsstellungen einquartiert. Der Tagesablauf bestand aus militärischem Unterricht, Zielübungen, Organisation in den Verteidigungsstellungen und Durchführung von Feldarbeit. Ebenso wurden Notfallübungen abgehalten. Nach einer Notlandung einer deutschen Messerschmitt Bf 108 in den Nachtstunden des 10. Januar 1940 (Mechelen-Zwischenfall) wurde erstmals Alarm ausgelöst. Die tatsächliche Alarmierung erfolgte am 9. April 1940, nach dem deutschen Einmarsch in Dänemark und Norwegen (Unternehmen Weserübung).
Im Zuge der Mobilisierung wurden auch Ausnahmeregelungen erlassen. Väter größerer Familien, Lehrer, Eisenbahnarbeiter, Bergleute und Bergbauingenieure wurden aus der Armee entlassen und nach Hause geschickt. Zusätzlich wurden Bauern beurlaubt. Unter diesem Personenkreis gab es eine Vielzahl an Reserveoffizieren. Viele Soldaten empfanden diese Ausnahmen als ungerecht. Disziplin und Moral waren dadurch betroffen und wurden zusätzlich noch von der NS-Propaganda und nationalistisch gesinnten Belgiern (Rexisten) weiter untergraben.
Französische Armee In Frankreich erfolgte die Mobilisierung auf gleiche Art und Weise. Im Mai 1940 war das französische Heer an der Nord-Ost-Front, welche sich von der Schweiz bis zur Nordsee erstreckte, in die 1., 2. und 3. Armee-Gruppe sowie die 7. Armee unterteilt. Kolonialtruppen aus Algerien, Marokko und Tunesien galten ebenso als Teil der national-französischen Streitkräfte, und Nordafrikaner stellten einen großen Anteil in der Armee Frankreichs. Es existierten neun Divisionen von Kolonial-Infanterien, weiterhin verfügte die 102. Festungs-Division in der Maginot-Linie jeweils über eine Halb-Brigade von Maschinengewehrschützen aus Indochina und Madagaskar. Zusätzlich wurden eine Reihe von französischen Divisionen durch die Hinzunahme von Regimentern aus den Kolonien auf vollständige Stärke gebracht.
Auch in Frankreich erfolgten Ausnahmeregelungen. Diese Ausnahmen wurden dort als „Spezialallüren“ empfunden und hatte die gleichen moralischen Auswirkungen auf die Armee wie jene in Belgien. Das französische Oberkommando sah zu diesem Zeitpunkt keine Bedrohung oder unmittelbare Gefahr für Frankreich. Auch wurde nach Abschluss des Einmarsches der Deutschen in Polen auf baldigen Frieden gehofft.
Britische Armee mini|Britische Soldaten des BEF landen im September 1939 in Cherbourg In den ersten sechs Monaten des Zweiten Weltkrieges gab es wenig Kampfhandlungen an der Westfront, mit Ausnahme einer kleinen und halbherzigen französischen Offensive in der Saar-Region. Das britische Expeditionskorps BEF führte Übungen durch, verstärkte seine Stellungen und legte Depots und Vorratslager an. Von November 1939 an befand sich, in Absprache mit den Franzosen, immer eine der englischen Divisionen für einen kurzen Zeitraum an der Saar-Front und unter französischem Kommando, um Einsatzerfahrung zu sammeln. Ende April 1940 hatte das BEF eine Stärke von 394.165 Mann und war in zehn Divisionen aufgeteilt.
Niederländische Armee Da die niederländische Regierung hoffte, wie im Ersten Weltkrieg auch in diesem Krieg außerhalb des Kriegsgeschehens bleiben zu können, war sie zu keiner gemeinsamen Verteidigungsplanung mit den Belgiern oder den Alliierten bereit gewesen. Das aus neun Divisionen bestehende niederländische Heer sowie 125 zumeist ältere Flugzeuge waren der modern ausgerüsteten Wehrmacht jedoch allein nicht gewachsen. Im weiteren Verlauf der Kämpfe zog sich die niederländische Armee nicht nach Süden in Richtung anmarschierender alliierter Truppen zurück, sondern in die Festung Holland.Deutsches Historisches Museum – WK II/Kriegsverlauf: Die Besetzung der Niederlande 1940 dhm.de, 30. November 2015.
Luxemburgische „Force Armée“ Die Luxemburger Regierung hoffte, dass Deutschland die unbewaffnete Neutralität des Landes zwischen Siegfried- und Maginotlinie respektieren würde. Das Großherzogtum verfügte ausschließlich über eine aus der Gendarmerie Grand-Ducale und der Luxemburger Freiwilligenkompanie gebildete Polizeitruppe. Die Sollstärke dieser beiden Verbände betrug bei Kriegsausbruch lediglich 260 Gendarmen und 300 Berufssoldaten. Die Regierung begann im Februar 1940 mit der Errichtung einer Verteidigungslinie entlang der Grenzen. Die Schusterlinie genannte Anlage bestand aus 41 Betonsperren und Eisentoren, die den deutschen Vormarsch während der Invasion am 10. Mai 1940 jedoch nicht erheblich verlangsamen konnten. Die Regierung und die Bevölkerung hofften im Verteidigungsfall auf eine militärische Intervention der französischen Armee.Félix Streicher: Une drôle de petite armée in der drôle de guerre. Die luxemburgische Force Armée zwischen September 1939 und Mai 1940. In: Hémecht. Zeitschrift für Luxemburger Geschichte. 71/3 (2019), S. 279–309.
Belgischer und niederländischer Verteidigungsplan Belgischer Plan mit französischer und britischer Unterstützung