Joseph Stephan Kauser, auch Joseph Etienne Kauser, (* 22. Dezember 1830 in Pest; † 1. April 1905 in New Orleans) war ein ungarisch-amerikanischer Architekt und Bauingenieur.

Leben Die Geschichte der Familie Kauser lässt sich anhand von Dokumenten lückenlos zurückverfolgen bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals lebten die Kauser in Ungarn.Ungarisches Staatsarchiv (Budapest): Kirchenbücher, Ratsprotokolle, Steuerlisten u. a. Ab Ende des ausgehenden 18. Jahrhunderts brachte die Familie zahlreiche Steinmetze und Architekten hervor, darunter auch Joseph Kauser (geboren 1848 in (Buda-)Pest; gestorben 1919 in Budapest), der den Bau der Stephans-Basilika in Budapest 1905 beendet hat.Es gibt einige Veröffentlichungen zur Familie Kauser, darunter sogar in Architektur-Fachzeitschriften, die alle die gleichen unbelegten, nachweislich falschen Behauptungen wiederholen. Danach würden die Kauser aus Andolsheim im Elsass stammen, schon am Bau der Straßburger Kathedrale beteiligt gewesen sein und gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Ungarn ausgewandert sein. Aber weder in den protestantischen noch in den katholischen Kirchenbüchern von Andolsheim lässt sich der Name Kauser entdecken. Die Kauser lebten seit Mitte des 17. Jahrhunderts bereits in Ungarn (Győr), und die frühen Kauser waren weder Steinmetze noch Architekten. Agidius Franziskus Kauser (1703 in Győr geboren; 1748 in Pest gestorben) und sein Sohn Paul (1742 in Pest geboren; 1818 in Pest gestorben) waren Kürschnermeister. Erst Joseph Kauser (1787 in Pest geboren; 1841 in Pest gestorben), Sohn von Paul Kauser, war Steinmetzmeister. Mit seinen Söhnen Johannes (1817 in Pest geboren; 1871 in Pest gestorben), Leopold (1818 in Pest geboren; 1877 in Budapest gestorben), Joseph Stephan (1830 in Pest geboren; 1905 in New Orleans gestorben) und Jakob (1833 in Pest geboren; 1893 in Budapest gestorben) beginnt die Zeit der Kauser-Architekten. Belege dafür finden sich in katholischen Kirchenbüchern von Győr und Pest / Budapest, die man im Ungarischen Staatsarchiv in Budapest (Magyar orszagos leveltar: anyakönyvek) einsehen kann.

Das biographisch wohl interessanteste Mitglied dieser Familie ist Joseph Stephan (Etienne) Kauser, auch er ein Architekt und Bauingenieur. Er wurde am 22. Dezember 1830 in Pest (heute Budapest) geboren, Sohn von Joseph Kauser und Katharina Tonner.Ungarisches Staatsarchiv (Budapest): anyakönyvek: (katholische Kirchenbücher): Budapest, Theresienstadt (Terezvaros). 1848/1849 nahm er an der ungarischen Revolution teil: als Leutnant der Artillerie in der Legion der Universität Pest.Tibor Acs: A tudományegyetem hadi tanfolyama és a pesti Egyetemi Legio 1848–1849; hadtörténelmi közlemények 2000/3; 501-537. Nach der Niederlage Ungarns wurde die Pester Universitäts-Legion als 90. Honved-Bataillon in die k.k. Armee überführt, ihre Soldaten zum Kriegsdienst verpflichtet, etliche Soldaten (vor allem Offiziere) eingekerkert oder hingerichtet.

J. E. Kauser floh deswegen ins Ausland und besorgte sich in Hamburg einen falschen Pass. Von Spitzeln der österreichischen Regierung verfolgt, wurde er in Bayern aufgegriffen, sein falscher Pass eingezogen. Aus München sollte er nach Salzburg abgeschoben und den Österreichern ausgeliefert werden. Wiederum gelang ihm die Flucht: über Zürich nach Paris.Österreichisches Außenministerium, Informationsbüro 1848–1867, Akten A3386 und A3481. Von 1850 bis 1854 studierte er an der École des Beaux-Arts (Paris) ArchitekturZunächst als Aspirant, dann – ab 1852 – als Élève. David de Penanrum: Les architectes élèves de l'école des beaux arts 1793–1907, Paris 1907 (online, Matrikelnummer 1654); Ecole nationale et spéciale des beaux arts, No 5842 du Registre Matricule. und arbeitete anschließend als Architekt in Paris. 1855 wurde er durch ein in verschiedenen ungarischen und österreichischen Zeitschriften veröffentlichtes Edikt der habsburgischen Regierung zur Rückkehr nach Budapest aufgefordert, um sein Fortgehen zu rechtfertigen. Widrigenfalls wurden ihm strengste juristische Konsequenzen angedroht.Wiener Zeitung vom 14. Oktober 1855, S. 28: Ediktal-Vorladung. Statt der Aufforderung Folge zu leisten, nahm Joseph EtienneSo nannte er sich seit seinen Jahren in Paris. Kauser im Januar 1857 in Liverpool das Steamboat „Atlantic“ und emigrierte nach Amerika. Am 24. Januar 1857 erreichte das Schiff New York;www: Familysearch.org/search/collection/1849782: New York Passenger Lists, 1820–1891; Film 170 (2. Januar 1857 – 10. Februar 1857), Aufnahme 174. Abgerufen am 26. November 2015.

Am 16. Februar 1857 beantragte er am Supreme Court der Stadt New York seine Einbürgerung.www:Ancestry.com: New York, Petitions for Naturalization, 1794–1906: Joseph Etienne Kauser, 1857, City New York. Abgerufen am 26. November 2015. Am 5. Januar 1859 heiratete er in Franklin (Ohio) Emelia Friederichs.www: Familysearch.org/search/collection/1614804: Ohio, County Marriages, 1789–2013, Franklin, Marriage index and records 1857–1862, vol. 7, Aufnahme 152. Abgerufen am 26. November 2015. In den Staaten Ohio und New York arbeitete er als Architekt.Cleveland Morning leader, 7. August 1860; s. auch: www: Familysearch.org/search/collection/1473181: United States Census 1860: Etienne Kauser. Abgerufen am 26. November 2015. Am 10. Oktober 1860 erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaftwww: Familysearch.org/search/collection/2043782: New York, Naturalization Index (Soundex) 1794–1906, K241-K323, Aufnahme 3036. Abgerufen am 26. November 2015., beantragte noch am gleichen Tag einen Passwww: Familysearch.org/search/collection/2185145: United States passport applications, 1795–1925, Roll 92, vol 199-200, 1860 Sep-Nov, Aufnahme 1806. Abgerufen am 26. November 2015. und kehrte 1860 mit seiner Frau nach Europa zurück, um sich der zu Garibaldis Truppen gehörenden „internationalen Legion“Diese Legion wird auf Englisch als International Legion bezeichnet; in ungarischen Veröffentlichungen wird sie allerdings „olaszorszagi magyar légio“ (ungarische Legion in Italien) genannt. So z. B.: Lukács Lajos: Az olaszorszagi magyar légio története és anyakönyvei, Budapest 1986. in Italien als Oberleutnant anzuschließen. Die 500 Ungarn, die zu dieser Legion gehörten, wurden von Colonel István Türr angeführt. Bei dieser Legion blieb Kauser bis 1864 / 1865.Karoly Maria Kertbeny: Alphabetische Namenliste ungarischer Emigration, 1848–1864; Brüssel-Leipzig 1864 (online)

Danach kam er als amerikanischer Bürger nach Ungarn und arbeitete in Budapest als Architekt. Hier stand er in den folgenden Jahren unter permanenter Beobachtung durch österreichische Spitzel, die über jeden seiner Schritte, seine Reisen nach Italien, Frankreich u. a., seine Bekanntschaften, Lebensgewohnheiten und beruflichen Tätigkeiten nach Wien berichteten.Österreichisches Außenministerium; Informationsbüro 1848–1867; Akte BM 1867:64. Wahrscheinlich auf Vermittlung István Türrs (inzwischen durch Garibaldi zum General avanciert) wurde Etienne Kauser amerikanischer Konsul in Budapest (1869–1874)Official Congressional Directories: 1869, 41. Congress, 1. session, p.95; 1870, 41. Congress, 3. session, p.95; 1871, 42. Congress, 1. session, p.95; 1872, 42. Congress, 2. session, p.104; 1873, 42. Congress, 3. session, p.104; 1874, 43. Congress, 1. session, p.121. Abgerufen am 26. November 2015.. Das weitere Schicksal seiner ersten Frau (Emelia Friedrichs) ist nicht bekannt. Am 16. Mai 1870 heiratete er in Košice ein zweites Mal: Berta Gerster, eine gefeierte, von Franz Liszt verehrte Sopranistin.www: Familysearch.org/search/collection/1554443: Slovakia, Church and Synagogue books 1592–1910, Roman Catholic, Kosice, Kosice, Marriages 1843–1886, Aufnahme 311. Abgerufen am 26. November 2015. Am 21. November 1871 wurde in Budapest Tochter Alice Berta geborenUngarisches Staatsarchiv Budapest: Anyakönyvek (katholische Kirchenbücher ): Budapest. Josephstadt (Józsefváros), am 27. August 1873 sein Sohn George Washington.Ungarisches Staatsarchiv Budapest: Anyakönyvek (katholische Kirchenbücher ): Budapest. Josephstadt (Józsefváros). In Budapest entwarf er ab 1871 etliche Häuser; am interessantesten davon ist wohl sein Plan, nach amerikanischem Vorbild in der Nähe des Ostbahnhofs „Hundert Häuser“ („szàz hàz“), eine Arbeitersiedlung, zu bauen.Fövaros leveltar Budapest: HU BFL-XV.17.b.312-2863 / 1871. Die Siedlung sollte sich von der heutigen Dózsa-György-ut über die Murányi-utca zur Szàz-hàz-utca erstrecken. Der Plan wurde nicht verwirklicht, nur der Straßenname Szàz-hàz-utca erinnert heute noch daran. Gemeinsam mit István Türr und Béla Gerster, seinem Schwager, arbeitete Etienne Kauser an der Planung und am Bau des Kaiser-Franz-Kanals / Ferenc-csatorna (in Ungarn)Magyar vasuti könyvek:1.évf./1878 (Budapest 1878), S. 552; 2.évf./1879 (Budapest 1879), S. 321; 3.évf./1880 (Budapest 1880), S. 349; 4.évf./1881 (Budapest 1882), S. 347; 5.évf./1882 (Budapest 1883), S. 595. und später an Planung und Bau des Kanals von Korinth (Griechenland).István Türr; :fr:Béla Gerster; s. auch Béla Gerster: l'isthme de Corinthe et son percement, Budapest 1896 (online), er erwähnt ausdrücklich - S. 67 und S. 70 - Istvan Kauser; aufschlussreich auch: Journal des débats politiques et littéraires 7. Mai 1882, édition de Paris (online, Spalte ganz rechts). 1883 / 1884 verließ Etienne Kauser endgültig Ungarn und begab sich mit seiner Familie nach Paris, wo am 7. April 1885 Sohn Benjamin Franklin geboren wurde.www: canadp-archivesenligne.paris.fr/archives_état_civil/1860-1892_tables_décennales: acte de naissance, 1883–1892, 17e arrondissement: Kauser. Abgerufen am 26. November 2015. Zwei Wochen später, am 23. April 1885, starb Berta Gerster.www: canadp-archivesenligne.paris.fr/archives_état_civil/1860-1892_tables_décennales: acte de décès, 1883–1892, 17e arrondissement: Kauser. Abgerufen am 26. November 2015.

1888 kehrte Etienne Kauser mit seinen drei Kindern endgültig nach Amerika zurück und ließ sich in der Hafenstadt Pensacola (Florida) nieder.Gertrude Atherton: The living present – the work of French women in wartime, New York 1917, S. 290ff. (online) 1893 veröffentlichte er eine Flurkarte von Ost-Pensacola, auf die noch heute (2015) bei Grundstückskäufen Bezug genommen wird.Als Beispiel: November 2013. Abgerufen am 26. November 2015. Im gleichen Jahr, am 14. Februar, wurde seine Erfindung eines Unterwasser-Baggers (dredging-apparatus) patentiert. Er fand Anstellung als Dredging-Inspektor und Aufseher im Hafen von Pensacola (1893), in Warrington / Pensacola (1897) und im Fort McRee/Pensacola (1899)The Official Register of the United States: 1893, vol.1, p.370; 1897, vol.1, p.392; 1899, vol.1, p.492.. 1901 erwarb er ein 80 acres (ca. 32.000 m²) großes Grundstück, das damals noch unbebaut im Norden von Pensacola lag und – als public domain – zum Bau für Heimstätten für Neusiedler bestimmt war.The United States of America, Homestead Certificate No 15685; Application 26155. Es ist zu vermuten, dass Etienne Kauser die Absicht hegte, auf diesem Grundstück seinen alten Plan einer Arbeitersiedlung zu verwirklichen. 1905 starb Etienne Kauser in New Orleans.www: Files.usgw.archives.net/la/orleans/vitals/deaths/index/1905digk.txt: J.E. Kauser. Abgerufen am 26. November 2015. Seit wann, warum und wie lange er sich dort aufgehalten hatte, ist nicht bekannt.