Dali’s Mustache (amerikanisches Englisch, sprich: , Dalis Schnurrbart) ist ein absurd-humoriges Buch des surrealistischen Künstlers Salvador Dalí (1904–1989) und seines Freundes, des Photographen Philippe Halsman (1906–1979), das in erster Auflage im Oktober 1954 in New York erschien. In den 1980er und 1990er Jahren folgten übersetzte und leicht abgeänderte französische Ausgaben.
Das Buch, in dessen Prolog Dalí in wenigen Sätzen die Entwicklungsgeschichte und Bedeutung seines Schnurrbarts umreißt, trägt den Untertitel A Photographic Interview. Auf jeweils einer Seite wird an den Künstler eine kurze Frage gestellt. Dalí antwortet auf der folgenden Seite, wobei Halsman dieser Antwort durch seine photographische Umsetzung – absurde, ironische oder selbstironische Schwarzweißporträts von Dalí mit verschiedenen Verwendungen seines ikonischen Oberlippenbarts – eine zusätzliche Bedeutung hinzufügt.
Entstehungsgeschichte Halsman lebte und arbeitete seit 1940 – und bis zu seinem Tod – in den USA. In New York traf er 1941 zum ersten Mal Dalí, der sich nach früheren Besuchen in den USA mit seiner Frau Gala dort von 1940 bis 1948 aufhielt und in dieser Zeit neben der Malerei auch literarisch tätig war. Ab den 1940er Jahren verband diese beiden Künstler eine lebenslange Freundschaft.
Die Idee zu dem Buch kam von Richard „Dick“ Simon, einem der Gründer von Simon & Schuster, als Halsman ihm Photographien von Dalí zeigte, die für das Life Magazine bestimmt waren. Simon hatte Halsman bereits fünf Jahre früher den Vorschlag zu dem Buch The Frenchman: A Photographic Interview with FernandelPhilippe Halsman: The Frenchman: A Photographic Interview with Fernandel. Simon & Schuster, New York 1949 (englisch). über den französischen Schauspieler Fernandel gemacht, das sehr gute Verkaufszahlen erreicht hatte.Halsman erwähnt in der Entstehungsgeschichte zu Dali’s Mustache, dass er immer noch ein Cabrio fahre, das er dem finanziellen Erfolg des Buches verdanke und das er liebevoll „Fernandel“ nenne.
Halsman schlug Dalí das Projekt vor mit dem Hinweis, dass es zwar viele Bücher über Künstler gebe, dass es aber noch nie dagewesen sei – und dadurch eine ganz spezielle Hommage darstelle – ein ganzes Buch „einem Detail des Künstlers“ zu widmen. Dalí gefiel diese Idee und über Monate entwickelte sich eine Zusammenarbeit, zu der beide Künstler Ideen beitrugen und diese gemeinsam realisierten.
Die erste Auflage von Dali’s Mustache erschien im Oktober 1954 bei Simon & Schuster, New York, unter englischem Titel und in englischer Sprache. Es war Halsman, der das eigentümliche Französisch des Katalanen Dalí in der Einleitung übersetzt hatte. Die Rückseite des Buches trägt den Vermerk Warning! This book is preposterous.Freie Übersetzung: Vorsicht! Dieses Buch ist absurd.
Bei den nachfolgenden Ausgaben, die in den 1980er und 1990er Jahren in Frankreich erschienen, wurde der englische Titel beibehalten, die Fragen und Antworten wurden ins Französische übersetzt, die Dalí/Mona-Lisa-Photographie mit Münzen wurde durch das Original mit den 10.000-Dollar-Scheinen ersetzt, und die Warnung auf der Rückseite lautete nun Attention! Livre absurde. Zusätzlich wurde am Ende des Buches eine Note de l’éditeur angefügt, in der technische Details zu ausgewählten Photographien angegeben werden (D’intérêt seulement pour les photographes).
Inhalt Widmungen Beide Künstler widmeten das Buch ihren jeweiligen Ehefrauen (Dalí und Gala (Jelena Dmitrijewna Djakonowa) waren seit 1934 verheiratet, Halsman und Yvonne Moser seit 1936).
Vorwort (Salvador Dalí) Im ersten Teil des Vorwortes (Preface). erläutert Dalí kurz in Ich-Form seine Entwicklungsgeschichte vom Kind zum Erwachsenen bis zu seiner „ersten amerikanischen Kampagne“. Das Vorwort enthält eine Schwarzweißphotographie, in der Dalí ein Exemplar der Zeitschrift Time vom 14. Dezember 1936.Dalí und Gala waren eine Woche vorher, am 7. Dezember 1936, anlässlich einer Ausstellung in der Julien Levy Gallery – 10. Dezember 1936 bis 9. Januar 1937 – in New York City angekommen. vor sich hält mit der Behauptung, dass er damals mit dem „kleinsten Schnurrbart der Welt“ in Erscheinung getreten sei,Freie Übersetzung; im Original: „J’apparaissais alors portant la plus petite moustache du monde.“ der aber bald, ebenso wie die Macht seiner Vorstellung, nicht aufgehört habe zu wachsen.
Im zweiten Teil – der Schnurrbart wurde zu einem bedeutenden Teil des Künstlers – ändert Dalí die personale Erzählsituation und schreibt nun über Dalí in der dritten Person. Er erwähnt Dalila, die auch die Macht der Haare gekannt habe und macht Referenz zu „Laporte“, dem „Erfinder“ der Magie Naturelle („Magia naturalis“), für den menschliche Bärte sensible Antennen darstellten, mit denen man schöpferische Inspirationen erhalten könne. Über Platon und Leonardo da Vinci und ihre „glorreichsten Gesichtsbehaarungen“Im Original: „le plus glorieux poils faciaux“. führt Dalí ins 20. Jahrhundert, in dem sich schließlich „das sensationellste Haar-Phänomen“Im Original: „le phénomène poilu le plus le plus sensationnel“. – Der Oberlippenbart von Dalí! – ereignete, dem dieses Buch gewidmet ist.
A Photographic Interview
Dali’s Mustache enthält 28 Schwarzweißphotographien, meist Porträts von Dalí mit verschiedenen Verwendungen seines ikonischen Oberlippenbarts.
Den Photographien vorangestellt – und ohne dass diese zu sehen sind – wird an Dalí eine kurze Frage zu seiner Person oder seinen Tätigkeiten gerichtet, die auf der folgenden Seite unter der Photographie beantwortet wird. Diese Antworten sind meist kurz, gelegentlich mehrdeutig kryptisch; einige erscheinen durchaus sinnvoll, andere sind völlig absurd, und in einem Fall antwortet Dalí gar nicht. Das Ergebnis von Halsmans photographischer Umsetzung fügt jeder Antwort eine zusätzliche Bedeutung hinzu.
Vier der Photographien sind Anspielungen auf Dalís Freude am finanziellen Erfolg – zwei davon offen mit amerikanischen Münzen oder Dollarnoten.Im Original von 1954 war es wegen der US-Gesetzgebung nicht erlaubt, Geldscheine photographisch abzubilden. In den französischen Ausgaben wurde deshalb diese Aufnahme – Dalí als Mona Lisa – durch das Original mit Dollarnoten ersetzt. Um 1942 hatte André Breton aus Dalís Vor- und Nachnamen das bissige Anagramm „Avida Dollars“ (deutsch: „hungrig auf Dollars“) geschaffen. Dalí machte aus seinem „Geldhunger“ keinen Hehl, sondern zeigte selbstironischen Humor, indem er für eine Photographie seinen Schnurrbart lächelnd in die S-Form des Dollarzeichens brachte.Eric Shanes: Dalí. Parkstone International, New York 2011, ISBN 978-1-78042-659-4, S. 70 (online).
Eine andere Photographie zeigt die Mona Lisa mit Dalís Gesicht, Bart und je einen echten 10.000-Dollar-Schein in seinen kräftigen Händen haltend.Nachdem die Photographie fertiggestellt und Dalí schon nicht mehr in den Vereinigten Staaten war, erfuhr Halsman, dass es aus Gründen der Vermeidung von Banknotenfälschung in den USA in den 1950er Jahren nicht erlaubt war, Banknoten photographisch darzustellen. Für die amerikanische Erstauflage improvisierte Halsman, indem er seine eigenen Hände Goldmünzen haltend photographierte und in das Bild einbaute. Es gibt also heute zwei Versionen des Mona-Lisa-Photos. Dies ist einerseits eine neue Interpretation/Verfremdung des bekannten Ready-mades L.H.O.O.Q. des französisch-amerikanischen Malers und Objektkünstlers Marcel Duchamp aus der Zeit des Dadaismus, das das weltberühmte Gemälde der Mona Lisa mit Schnurrbart und Spitzbart zeigt. Andererseits setzt sich Dali – unverwechselbar durch sein Markenzeichen, den Schnurrbart, sowie weitere Attribute – persönlich und als neue Ikone an die Stelle der „Kunstikone La Gioconda“.Gianluca Spinato: Mona Lisa as a Modern Icon. www.academia.edu, abgerufen am 24. November 2015.La Joconde et cette histoire de moustaches. Aphorismes&co, 18. November 2011, abgerufen am 24. November 2015.
Nachwort (Philippe Halsman) Neben der Entstehungsgeschichte des Buches geht Halsman im Nachwort (Postface) anekdotisch auf die Schwierigkeiten ein, die sich bei einigen Aufnahmen ergaben:Die Beschreibungen der Photographien, die Kommentare und „Mustachomania“ stammen direkt aus dem Nachwort Halsmans und werden nicht einzeln belegt. Photographie Nr. 15: Inspiriert von Dalís Gemälde Die Beständigkeit der Erinnerung zeigt diese Aufnahme Dalís Gesicht auf der herabfließenden Taschenuhr. Es war die arbeitstechnisch anspruchsvollste Photographie der Serie und erforderte mehr als hundert Arbeitsstunden. Später wurde die Aufnahme für die Photographie eines Gemäldes gehalten – was sie nicht ist. Photographie Nr. 18: Eine Fliege und Honig auf Dalís SchnurrbartDalí wollte unbedingt eine Aufnahme mit einer Fliege (mouche) auf seinem Schnurrbart (moustache). war ein im Zeitrahmen unüberwindliches Problem: Wo findet man im kalten Winter von New York eine Fliege?Die Beschreibung der Problemlösung umfasst eine ganze Seite des Nachwortes und erwähnt den Einsatz von Yvonne Halsman, die nach einem kreativen – aber fehlgeschlagenen – Ansatz in Tränen aufgelöst war. Die Arbeit daran wurde auf das nächste Frühjahr verschoben und die Aufnahme in Abwesenheit von Dalí gemacht, der zu diesem Zeitpunkt bereits wieder nach Europa zurückgekehrt war. Photographie Nr. 21 Dalí, der mit einem Auge durch ein Loch im Käse blickt, wobei seine Bartspitzen durch zwei weitere Löcher in der Käsescheibe hervorstechen. Die Gruyère-Käsescheibe war fettig, hatte zu kleine Löcher, Assistenten mussten die Bartspitzen Dalís halten und der Künstler verlor einige Barthaare während dieses Vorgangs.
Halsman erwähnt auch, dass mehr Photographien aufgenommen wurden als im Buch Verwendung fanden. Selbst seine Kinder wurden – nach seinen Angaben – von der „Mustachomania“ erfasst und machten eigene Vorschläge.
Abschließend gibt Halsman (in der französischen Ausgabe) sein Gespräch mit einer jungen Schauspielerin wieder, die ihm Fragen zu Dalí, zum Surrealismus und zur Bedeutung des Schnurrbarts in der ihr vorliegenden englischen Ausgabe stellt. Halsman erklärte ihr, dass Dalís Oberlippenbart ein Symbol sei und die „Message“ verbreite, das jeder in seiner Weise von sich glauben solle, verschieden, einzigartig und unersetzbar zu sein – worauf die junge Frau ausgerufen habe: „Ein Schnurrbart mit einer Message! Wie kann man nur so absurd sein?“ Halsman habe ihr darauf geantwortet: „Glauben Sie das wirklich, oder versuchen Sie nur, mir zu schmeicheln?“
Notizen des Herausgebers Die Notizen des Herausgebers in der französischen Edition beziehen sich im Detail auf die technische Realisierung einiger ausgewählter Photographien („Comment furent faites certaines des photographies. D’interêt seulement pour les photographes“).Freie Übersetzung: „Wie einige Photographien bewerkstelligt wurden. Nur für Photographen von Interesse.“
Rezeption Halsmans Photographien und Dali’s Mustache wurden in vielen Journalen und Büchern kommentiert.Dalí i Halsman, Bibliografia llibres i catàlegs (Bibliographie auf Katalanisch rechts unten bei „Versió en català“ (PDF; 187,74 kB).) Im Katalog der Staatsgalerie Stuttgart wird festgestellt: „Es enthält einige der besten Photographien Dalís, Aufnahmen, die nach seinen eigenen Anweisungen entstanden.“Karin von Maur, Marc Lacroix, Rafael Santos Torroella, Lutz W. Löpsinger (Einführung und Katalog): Salvador Dali (1904–1989). Staatsgalerie Stuttgart. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1989, ISBN 978-3-7757-0275-1, S. 496.