mini|hochkant=1.5|Ehemaliges Institutsgebäude des Instituts für Gärungsgewerbe; seit 2018: TU Berlin

Der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei e. V. (VLB) ist eine Versuchsanstalt und Forschungseinrichtung der Brau-, Malz- und Getränkeindustrie im Berliner Ortsteil Wedding. Die Rechtsform ist seit dem 16. Dezember 2004 ein eingetragener Verein. Er ist unter anderem Gründungsmitglied der Mitteleuropäischen Brautechnischen Analysenkommission und der Zuse-Gemeinschaftzuse-gemeinschaft.de sowie seit 2002 alleiniger Träger des Instituts für Gärungsgewerbe und Biotechnologie.

Die Lehranstalt forscht zur Fortentwicklung des Brauwesens, bildet Brauer aus und fort und bietet der Industrie verschiedene technische Dienstleistungen. Unter anderem bietet die TU Berlin (TUB) in Zusammenarbeit mit der VLB einen Bachelor- und Masterstudiengang in der Brauerei- und Getränketechnologie an. International bekannt ist der sechsmonatige Kurs der VLB zum Certified Brewmaster, an dem regelmäßig Kursanten aus mehreren Kontinenten teilnehmen. Sie ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts an ihrem jetzigen Standort. Der Campus Seestraße weist zahlreiche denkmalgeschützte Gebäude auf. Da die Ausbildung der Technischen Universität Berlin im Fach Brauwesen zum Großteil auf dem Gelände stattfand und die TU dort Nutzungsrechte hatte, war Seestraße 13 lange Zeit auch ein Außencampus dieser Universität. Auch die Forschungsbrauerei der TUB befand sich auf diesem Gelände.Fachgebiet Brauwesen

Geschichte mini|Hauptgebäude der Landwirtschaftlichen Hochschule in der Invalidenstraße, um 1890 mini|Berlin-Wedding, Seestraße, Versuchs- und Lehrbrauerei, 1910 mini|Karte von 1915 mit dem Gelände der VLB am rechten Rand

Gründung und beteiligte Organisationen Die Geschichte des Vereins geht auf mehrere Vorgängerorganisationen zurück, die im damals noch außerhalb Berlins liegenden Gutsbezirk Plötzensee am heutigen Standort in der Seestraße angesiedelt wurden. Prägend waren das 1874 gegründete Institut für Gärungsgewerbe des 1854 gegründeten Vereins der Spiritusfabrikanten und die ursprüngliche Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei (gegründet 1883 von der Brau- und Malzindustrie). Dem schlossen sich im Laufe des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts der Verein der Stärkeinteressenten in Deutschland, der Versuchsanstalt des Vereins Deutscher Kartoffeltrockner,Siehe Jahrbuch des Vereins der Spiritus-Fabrikanten in Deutschland, des Vereins der Stärke-Interessenten in Deutschland und des Vereins Deutscher Kartoffeltrockner. 9. Jg. 1909, S. 208–214. Verlagsbuchhandlung Paul Parey: Berlin 1909 die Versuchsanstalt der Hefeindustrie (VH), die Versuchsanstalt der Getreidebrennerei und die Versuchsanstalt der Essigfabrikanten an.Ausschreibung: Neubau des Ausbildungszentrums der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei. (PDF; 2,9 MB) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Juli 2009, S. 36

Als erste der Einrichtungen, die am Entstehen des heutigen VLB beteiligt waren, wurde 1874 die Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation (VLSF) des Vereins der Spiritusfabrikanten an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin errichtet.Luitgard Marschall: Im Schatten der chemischen Synthese: industrielle Biotechnologie in Deutschland (1900–1970) Campus Verlag, 2000, ISBN 3-593-36585-5, S. 58–60 Der Verein entschied sich für Berlin, das damals Zentrum des deutschen Kartoffelanbaus und Spirituosenhandels war. Organisatorisches Vorbild für das Institut war die Landwirtschaftliche Versuchsstation in Möckern und die von Max Maercker, Ordinarius für Agrikultur-Chemie an der Universität Halle, geleitete landwirtschaftliche Versuchsanstalt, an der der Gründungsdirektor des Instituts für Gärungsgewerbe zuvor tätig war.

Am 19. Dezember 1882 gründeten bei einem Treffen in der Wohnung von Friedrich Goldschmidt im Stammhaus der Patzenhofer Brauerei A.-G. Armand Knoblauch (1832–1905) vom Böhmischen Brauhaus, Richard Roesicke (1845–1903) von der Schultheiss-Brauerei und Max Delbrück (1850–1919) den Verein Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin. Durch diese Vereinsgründung sollten sich die Ressourcen der Brauwirtschaft, der Wissenschaft und des Staates zusammenfinden, um einerseits die Forschung zum Brauwesen, andererseits aber auch die Ausbildung der Brauer zu fördern.Lydia Winkelmann, Horst Dornbusch: VLB Berlin. In: Garrett Oliver, Tom Colicchio (Hrsg.): The Oxford Companion to Beer Oxford University Press, 2011, ISBN 0-19-991210-6. Die Anstalt wurde nach den Vorbildern des 1867 gegründeten Instituts für Zuckerindustrie in Berlin-Wedding sowie der 1876 gegründeten Wissenschaftlichen Station für Brauerei in München gegründet. Während die Münchner Station vor allem durch bayerische Großbrauereien geprägt und auf diese ausgerichtet war, sollte die Anstalt in Berlin vor allem den Interessen der Brauereien aus der Norddeutschen Brausteuergemeinschaft dienen. Insbesondere sollten auch die Interessen der kleineren und mittleren Brauereien gewahrt werden, die zu klein waren, um sich eine aufwendige innerbetriebliche Forschung leisten zu können.Mikuláš Teich: Bier, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland 1800–1914. Böhlau Verlag, Wien 2000, ISBN 3-205-99239-3, S. 116

Prägende Betreiber der VLB-Gründung waren der Beamte im preußischen Ministerium für Landwirtschaft Hugo Thiel und der Chemiker Max Delbrück, der bereits seit 1874 Vorsitzender der Versuchsanstalt des Vereins der Spirituosenfabrikation in Deutschland war sowie auf Seiten der Brauereien der damalige Direktor der Schultheiss-Brauerei Richard Roesicke. Delbrück wurde auch erster wissenschaftlicher Leiter der VLB, bis er 1919 starb.Mikuláš Teich: Bier, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland 1800–1914. Böhlau Verlag, Wien 2000, ISBN 3-205-99239-3, S. 107 Delbrück war später maßgeblich an der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft beteiligt, deren Institute meist nach dem organisatorischen Vorbild VLSF/VLB errichtet wurden.

Beginn des Betriebs Am 1. Januar 1883 begann die Arbeit der Anstalt mit Publikationstätigkeiten; als erste Publikation der VLB erschien am 24. Februar 1883 die Correspondenz  und am 14. Dezember 1883 erschien die erste Ausgabe der Wochenschrift für Brauerei in der Verlagsbuchhandlung Paul Parey in Berlin.sperrzone.net

1888 wurde der VLB durch Königliche Kabinettsorder der Status einer juristischen Person zuerkannt und der Ausbildungsbetrieb begann mit einem ersten Sommerkurs im damaligen Vereinsgelände an der Invalidenstraße, dem aufgrund der großen Nachfrage 1890 ein zusätzlicher Winterkurs auf demselben Gelände folgte. Im selben Jahr genehmigte die preußische Staatsregierung den Bau einer Versuchs- und Lehrbrauerei, aus der später die Hochschul-Brauerei wurde.

Als der Raumbedarf der Institute stieg, die sich Räume in der Landwirtschaftlichen Hochschule teilten, begannen diese zusammen einen Neubau zu planen. 1896 war die Co-Finanzierung durch den preußischen Staat sichergestellt.Luitgard Marschall: Im Schatten der chemischen Synthese: industrielle Biotechnologie in Deutschland (1900–1970) Campus Verlag, 2000, ISBN 3-593-36585-5, S. 60 Der preußische Staat unterstützte die Gründung, indem er Grundstücke und Gebäude zur Verfügung stellte, während die beteiligten Industrieverbände Ausstattung und laufenden Betrieb finanzierten.Ulrich Marsch: Industrielle Gemeinschaftsforschung in Deutschland und Großbritannien – Kaiser-Wilhelm-Institute und Research Associations 1916–1936 in: Bernhard Vom Brocke (Hrsg.): Das Harnack-Prinzip. Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-080244-9, S. 564. Seit 1898 befinden sie sich an ihrem jetzigen Standort an der Seestraße im Wedding.

Eine Ernährungsphysiologische Abteilung wurde 1909 ins Leben gerufen und 1910 eine Buchstelle innerhalb der Wirtschaftlichen Abteilung gegründet; 1913 folgte die Geschichtliche Abteilung und die Gründung des Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens e. V. wurde initiiert.

Während die VLB bis 1903 im Wesentlichen als Fachschule funktionierte, gelang es ihr seitdem auch in der Ausbildung von Brauingenieuren tätig zu sein. Seit 1903 kooperierte die VLB mit der Königlich-Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin – die später in der Humboldt-Universität aufging – um einen Studiengang zum Brauingenieur anzubieten. Ab 1933 existiert ein Promotionsrecht.Luitgard Marschall: Im Schatten der chemischen Synthese: industrielle Biotechnologie in Deutschland (1900–1970). Campus Verlag, 2000, ISBN 3-593-36585-5, S. 66.

1933 bis 1945 Vor und während des Zweiten Weltkrieges stand im Institut für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation (IfGS) die Forschung zur mikrobiellen Eiweißgewinnung zur Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung im Mittelpunkt. Das IfGS stand bis 1934 unter Leitung des Brauwissenschaftlers Friedrich Hayduck. Dieser beabsichtigte in den Vorstand der Kindl-Brauerei zu wechseln und schlug das NSDAP-Mitglied Hermann Fink als neuen Direktor vor. Er übernahm am 1. Oktober 1934 die Institutsleitung und wurde auch Direktor der VLB. Jüdische oder jüdisch-stämmige Vorstandsmitglieder wurden gedrängt, freiwillig den Vorstand zu verlassen. November 1942 unternahm Fink im Auftrag des deutschen Militärbefehlshabers eine Besichtigungsreise in das besetzte Frankreich, wo er Gärungsbetriebe untersuchte, die Aceton, Butanol oder Ethanol für die deutsche Kriegsindustrie herstellten, vor allem als Ausgangsstoffe für Glycerin und damit für Sprengstoffe.Peter Lietz: Die VLB Berlin im Wandel der Zeit, Teil 2: In der Zeit des Nationalsozialismus prägte Hermann Fink das Institut. Brauerei Forum 03/2021. Abgerufen am 28. Januar 2025.

Bei Luftangriffen am 3. und 4. September 1943 wurden 85 % der Gebäude zerstört.VLB Berlin – Stationen der Entwicklung. vlb-berlin.org. Abgerufen am 28. Januar 2025.

Seit 1945 mini|Plakette 125 Jahre VLB Berlin im Zunfthaus der Berliner Brauer

Ab 1945 waren nur noch die VLB, die Versuchsanstalt der Hefeindustrie (VH) und die Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation (VLSF) als Träger des Geländes und des Instituts für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation zu Berlin übrig. Nach der Teilung der Stadt Berlin wurde die Ausbildung zum Diplom-Braumeister ebenfalls zweigeteilt. In Ost-Berlin führte allein die Humboldt-Universität die Ausbildung fort, während sie in West-Berlin in Kooperation zwischen VLB und Technischer Universität erfolgte. Erster Nachkriegspräsident wurde 1945 Walter Nadolny.

Die Hochschulbrauerei auf dem Gelände gab 1981 ihren Betrieb auf. Als Nachfolge gibt es eine Studienbrauerei, die im wesentlich kleineren Maßstab vor allem zur Ausbildung der Studenten dient. 1981 fand in der Alten Bibliothek des Instituts für Gärungsgewerbe die Gründung der Mitteleuropäischen Brautechnischen Analysenkommission statt.

Seit Dezember 2004 ist die VLB als eingetragener Verein organisiert, der zu diesem Zeitpunkt über 400 Mitglieder hatte.Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB) e. V. Zuse-Gemeinschaft; abgerufen am 20. November 2015. Neben den deutschen Brauereien gibt es auch internationale Mitglieder wie Firestone Walker und New Belgium aus den USA, Boon Rawd Brewery aus Thailand vlb-berlin.org oder Anadolu Efes aus der Türkei.Welcome to brew-niversity. Bei: exberliner.com, 10. Juli 2013 Außerdem gibt es auch Betriebe der nicht-alkoholischen Getränke- sowie der Spirituosenindustrie in der Mitgliedschaft.

2012 musste der langjährige Geschäftsführer Eberhard Weinmann entlassen werden; es ging u. a. um dubiose Finanz-Transaktionen.VLB mit neuem kaufmännischem Gf. Bei: inside-getraenke.de Anschließend führte Josef Fontaine die VLB zunächst als Alleingeschäftsführer, ab 2019 dann zusammen mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Gerhard Andreas Schreiber.VLB installiert kaufmännische Nachfolge Weinmanns. Bei: inside-getraenke.de

2022 feierte der Verein sein 140-jähriges Bestehen.

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