mini|Mahnmal zum Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus von Waldemar OttoDas steht neben der Großen Kirche in der Innenstadt. mini|Rückseite des DenkmalsDer Text auf dem Denkmal lautet: „Wir gedenken in Trauer aller Toten des Zweiten Weltkrieges und aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Wir gedenken aller Menschen, die wegen ihrer Rasse, wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugung, wegen ihres Andersseins verfolgt und ermordet wurden. Wir gedenken derer, die eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen. Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben. Wir dürfen nicht vergessen. Die Toten mahnen uns. Mühen wir uns um Frieden und Menschlichkeit! 1986“.
Der Nationalsozialismus in Bremerhaven ist schon 1922 nachweisbar.Wippermann, Literatur S. 170 Ab Februar 1933 wurden Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler von den Nationalsozialisten verfolgt. Es gab euphemistisch genannte Schutzhaftlager, in denen sie dem braunen Terror – auch Folterungen – ausgesetzt waren. Spuren des Nationalsozialismus gibt es heute noch in der Stadt. 1983 wurde von der Sozialistischen Jugend/Falken (Kreisverband Bremerhaven) eine Antifaschistische Stadtrundfahrt zusammengestellt. Dabei werden Stätten der NS-Diktatur und der Verfolgung sowie des antifaschistischen Widerstandes in der Stadt besucht. 2006 wurde die Gruppe Die Falken für ihre Konzeption mit dem Bremer Jugendpreis ausgezeichnet.
Gut 1000 Schüler haben am 16. September 2015 an einem von der Landeszentrale für Politische Bildung betreuten Tag der Stadtgeschichte an 50 Stellen verfolgt, wo „Orte der Diktatur“ waren.
Geschichte des Nationalsozialismus in Bremerhaven 1922 – Zeit des Notgeldes mini|Gutschein zur Eröffnung des Instituts für Seefischerei in Geestemünde In den drei Städten Bremerhaven, Geestemünde und Lehe herrschte in der Inflationszeit wirtschaftliche Not. Verschiedene Stellen, insbesondere das Institut für Seefischerei, ließen Notgeld drucken.Gabcke 1976, Literatur S. 93 In dieser Zeit gab es in Bremerhaven-Wesermünde schon eine Ortsgruppe der NSDAP.Wippermann, Literatur S. 170
„Machtübernahme“ an der Unterweser Nach der Machtübernahme durch Hitler und die NSDAP am 30. Januar 1933 im Deutschen Reich wurde schon am 6. Februar das Wesermünder BürgervorsteherkollegiumDamals bestand das heutige Bremerhaven aus den Orten Bremerhaven, Geestemünde und Lehe. 1924 wurden Lehe und Geestemünde zur Stadt Wesermünde zusammengeschlossen. verfassungswidrig aufgelöst, in dem von 46 Mitgliedern zwei der NSDAP angehörten und die SPD mit 25 Abgeordneten die absolute Mehrheit hatte. Trotz allen politischen Drucks in den Unterweserorten behielt die SPD bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 in der Stadt Wesermünde die Mehrheit mit 17147 Stimmen. Die NSDAP erreichte nur 15928.Gabcke 1976, siehe Literatur S. 110Die Nationalsozialisten erreichten in Bremerhaven 34,2 %, die SPD 28,7 %, die rechte Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 16,7 % und die Kommunisten 13,8 % der Stimmen.Stimmenverteilung im Landkreis Wesermünde: NSDAP 16.662, SPD 4.208, KPD 867, Zentrum 30, Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 4.177, DVP 193, Deutsche Staatspartei 59, Deutsche Bauernpartei 18, Deutschhannoversche Partei 682. (Burchard Scheper, siehe Literatur, S. 254)
In der Stadt Bremerhaven bekam die NSDAP 5635 Stimmen, die SPD 4724. Am 7. März 1933 wurde auf dem Bremerhavener Stadthaus an der „Bürger“ und beim Wesermünder Rathaus in Geestemünde eine große Hakenkreuz-Flagge gehisst. SA und SS marschierten zum Bremischen Amt.
Am 11. März 1933 forderte Stadtrat Julius Lorenzen im Hotel „Stadt Lehe“, dass endlich mit der roten Mehrheit im Stadtparlament aufgeräumt werden müsse. Gauleiter Otto Telschow wurde kommissarischer Regierungspräsident, und am 17. März löste sich das Bremerhavener Stadtparlament auf. Von 1933 bis 1945 war Hans Kohnert Handelskammerpräsident der IHK Bremerhaven. Von 1943 bis 1945 wurde er zudem zum Wehrwirtschaftsführer und zum Präsidenten der neugeschaffenen Gauwirtschaftskammer Ost-Hannover ernannt.Verhandlungen des Entnazifizierungs-Hauptausschuß der Stadt Hannover; AZ: RIS VE: 3522, Kult, vom 2. Oktober 1948. Bereits 1938 war er (rückwirkend ab 1937) in die NSDAP eingetreten.
Die Ablösung des Bremerhavener Oberbürgermeisters Waldemar Becké bezeichnet GabckeGabcke 1976, Literatur S. 110 als „beschämend“ und „entwürdigend“: Senator Erich Vagts war nach Bremerhaven gekommen, um den Wechsel des Oberbürgermeisters zu vollziehen. Nachdem Becké im Bremischen Amt die Mitteilung seiner Beurlaubung erhalten hatte, suchte er das Stadthaus auf, um seine persönlichen Sachen abzuholen. Hilfspolizisten, SA und SS waren in seine Amtsräume eingedrungen. Vor dem Haus musste er durch ein Spalier von SA-Leuten gehen und wurde „in widerwärtiger Weise angepöbelt“.
Am 26. Mai 1933 wurde Lorenzen zum Oberbürgermeister ernannt. Er „bedankte“ sich dafür am 3. Juni in der Nordwestdeutschen Zeitung:
Bücherverbrennung am 6. Mai 1933 Den Zeitungsberichten über Polizeiaktionen in Bremerhaven im März 1933 ist zu entnehmen, dass den Nationalsozialisten das gedruckte Wort weit gefährlicher als andere Waffen erschien. Zeitungen, Flugblätter und Wahlplakate der KPD, der SPD und von Gewerkschaften waren Ziel von Polizeiaktionen. „Selbst unbedrucktes Papier beschlagnahmte die Polizei.“Gabcke 1991, Literatur, S. 73 SA und Polizei besetzten am 2. Mai 1933 im Zuge der Zerschlagung der Gewerkschaften Gewerkschaftshäuser und Parteibüros von SPD und KPD. Außer Wahlplakaten, Fahnen und Flugblättern nahmen die Nazis im Gewerkschaftshaus Eintracht an der Deichstraße auch die große Arbeiterbibliothek mit.
Am 6. Mai wurde in der Nordwestdeutschen Zeitung angekündigt, dass um 9 Uhr abends „die bei der Besetzung der marxistischen Gewerkschaften und Verbände vorgefundenen marxistischen Symbole feierlich auf dem Marktplatz verbrannt werden“.
Nach der hymnischen Berichterstattung der Zeitung über die Bücherverbrennung vier Tage vor den Aktionen im Reich stellte sich die Nordwestdeutsche Zeitung ihren Lesern am 12. Mai als Zeitung vor, die „sich aus innerer Überzeugung heraus voll und ganz hinter den Reichskanzler Adolf Hitler und die nationale Bewegung gestellt“ hat. Sie gab auch den Hinweis, „daß ihr Kapital niemals in jüdischen oder ausländischen Händen gewesen sei und sich […] nie ein Jude unter den Redakteuren, Angestellten und Arbeitern befunden habe“.Gabcke 1991, S. 74, siehe Literatur
Judenverfolgung in Bremerhaven thumb|Alte Synagoge in Bremerhaven mini|hochkant|Gedenkstein mit Kranz an der Stelle, wo die Synagoge bis zum 9. November 1938 stand Der reichsweite „Judenboykott“ durch die SA fand am 1. April 1933 auch in Bremerhaven und Wesermünde statt. Bis zum Herbst 1938 gaben sechs Juden ihre Geschäfte auf, konnten sie allerdings noch verkaufen.Burchard Scheper, siehe Literatur, S. 274 Den Höhepunkt der Judenverfolgung bildete auch in Bremerhaven die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938juwiswelt.blogspot.com Pogromnacht 1938 auf juwiswelt. In dieser Nacht fanden alljährlich „Feiern des 9. November“ statt. Kreisleiter Kühn gab im SA-Stammlokal „Hanseaten Café“ den Befehl zur „Judenaktion“ bekannt. Gegen 2 Uhr versammelten sich nach bestehenden Alarmplänen SA-Mitglieder.
Die Synagoge an der Schulstraße war das Hauptziel der Zerstörungen in der Pogromnacht. Scheiben wurden zerschlagen, Einrichtungen zerstört und Orte geplündert: in den jüdischen Geschäften Katzenstein und Brodersen & Peters in Lehe, Orienthaus Kurt Davidsohn, Schocken und Liebenthal in Bremerhaven, Ahronheim, Liebmann, Schocken und Seligmann in Geestemünde. Im Wartezimmer des jüdischen Arztes Dr. Goldmann in der Georgstraße wurde Feuer gelegt. Mehrere Juden wurden misshandelt und verhaftet, ihre Wohnungen verwüstet. Der jüdische Friedhof in Lehe wurde geschändet.
Die Villa Schocken entging der Zerstörung. Hier fanden noch bis 1941 Juden eine letzte Zufluchtstätte.
Am 6. März 1948 wurden nach dreiwöchiger Verhandlung vom Schwurgericht Bremen 27 Angeklagte wegen Landfriedensbruch, schwerer Körperverletzung, Brandstiftung, Amtsanmaßung und schwerem Hausfriedensbruch oder Beihilfe zu diesen Delikten zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt.Darstellung der Judenverfolgung nach Gabcke 1976 S. 116, siehe Literatur
Im Stadtgebiet erinnern zahlreiche Stolpersteine an die jüdischen Opfer Bremerhavens.
Behandlung politischer Gefangener
hochkant=0.7|mini|Gedenktafel „Gespensterschiff“ Politisch Andersdenkende wurden von den Machthabern während der Nazi-Zeit misshandelt, um gewünschte Aussagen zu bekommen. Eine besondere Rolle spielten dabei das „Gespensterschiff“ und das Rollkommando Weikenstorfer.
Auf dem Gespensterschiff, einem ehemaligen Minensuchboot, wurden die Gefangenen mit Gummiknüppeln, Stahlruten, Nagelstöcken und Fäusten misshandelt, bis sie „vernehmungsreif“ waren. Das Schiff lag von März 1933 bis Oktober 1933 im Alten Hafen, zunächst an der Ostseite, ab Juni an der Westseite, weil die Schreie der Gefangenen zu hören waren und Proteste in der Bevölkerung hervorriefen.Gabcke 1991, siehe Literatur, S. 74 Das Rollkommando Weikenstorfer, das auf dem Gespensterschiff, im Polizeigefängnis in der Jakobistraße, im Fischereihafen und in Wulsdorf agierte, sowie eine Reihe von Polizeibeamten in Gefängnissen der politischen Polizei mussten sich 1948 vor dem Bremer Schwurgericht verantworten.Der „Gespensterschiffprozeß“, Nordsee-Zeitung, 29. Oktober 1948, online: Alfred Balzer (1898–1949), als DKP-Mitglied von der Gestapo in schwerster Weise misshandelt, ist der vergessene Namensgeber einer kleinen Wohnstraße in Geestemünde.
Widerstand in Bremerhaven-Wesermünde 1934 rechnete die Justiz mit den Gegnern des Nationalsozialismus ab, die sich vor der „Machtergreifung“ politisch widersetzt hatten. Die Oberlandesgerichte Hamm (für Wesermünde zuständig) und Bremen (für Bremerhaven zuständig) verurteilten in drei Verfahren mehr als 100 Menschen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu hohen Haftstrafen. Infolge der Reichstagsbrandverordnung wurden SA-Leute zu Hilfspolizisten ernannt und die Parteibüros der KPD besetzt sowie kommunistische Funktionäre und Stadtverordnete in „Schutzhaft“ genommen.
Trotz der nach der „Machtergreifung“ sofort einsetzenden Maßnahmen gegen Kritiker demonstrierten am 3. März 1933 – kurz vor den Reichstagswahlen – etwa 9.000 Bremerhavener und Wesermünder aus Gewerkschaften, der SPD, der KPD, aus Konsumvereinen, Arbeitersportvereinen und Angestelltengewerkschaften sowie das Reichsbanner mit Trommeln, Pfeifen und Schalmeien gegen die ersten Gewalttaten der Nationalsozialisten in den Unterweserorten. Bis zum Juni 1933 wurden führende Sozialdemokraten und Gewerkschafter (Landgraf, Vogelsang, Seidel, Kammerahl, van Heukelum, Gerstmayr) verhaftet. Am 22. März 1933 wurden Reichsbanner und Eiserne Front verboten. Am 2. Mai wurden alle Büros und Häuser der Gewerkschaften besetzt und die Gewerkschaftssekretäre festgenommen.
Die KPD hatte im „Roten Massenselbstschutz“Informationen über den „Roten Massenselbstschutz“ finden sich auf dieser Seite über die Geschichte der antifaschistischen Aktion. „Häuserschutzstaffeln“ paramilitärisch organisiert. 1932 und Anfang 1933 wurden Übungen im Gelände bei der Pipinsburg, der Baggerkuhle in Debstedt und am Bismarck-Denkmal in Reinkenheide abgehalten.Gabcke 1991, siehe Literatur, S. 77