mini|Ernst Wildi, der amtslängste Rektor an der Kantonsschule Trogen(1904–1937) Ernst Wildi (* 27. August 1878 in Huttwil; † 11. Januar 1939 in Trogen; heimatberechtigt in Wiggiswil) war ein Schweizer Gymnasiallehrer. Er war 33 Jahre lang Rektor an der Kantonsschule Trogen (KST) und hat die Schule und deren Entwicklung von 1904 bis 1937 nachhaltig geformt. Sein Wirken in dieser Zeit zeigt ein exemplarisches Abbild des gymnasialen Alltags in der Schweiz und dokumentiert eine der prägendsten Phasen in der Geschichte der Kantonsschule Trogen.

Leben mini|Die neue Heimat von Ernst Wildi: Trogen (Dorfplatz), ca. 1920 Ernst Wildi wuchs als Bauernsohn in Huttwil im Kanton Bern auf, besuchte in Burgdorf das Gymnasium und kam dann an die ETH Zürich, wo er 1901 das Fachlehrerexamen für naturwissenschaftliche Fächer mit Schwerpunkt Chemie abschloss. Im Frühling desselben Jahres suchte die Kantonsschule Trogen (KST) einen Aushilfslehrer, worauf sich der 23-jährige Wildi bewarb. Obwohl er nicht die Absicht hatte, in Trogen zu bleiben, sollte diese Appenzell Ausserrhoder Gemeinde dennoch zu seiner Wahlheimat werden. Im Oktober 1903 trat der damalige Rektor Heinrich Theodor Wiget von seinem Schulleiteramt zurück, und man suchte einen Nachfolger. Obwohl Wildi der zweitjüngste unter den zehn Lehrern und erst zweieinhalb Jahre an der Schule tätig war, wurde ihm, vorerst provisorisch, die Leitung der Schule und, gemeinsam mit seiner gerade erst angetrauten Gattin Bertha, die Führung des Knabenkonvikts übertragen.Otto Ritzmann: Brief vom 7. April 1923 an die Universität Zürich. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-60-5-17. Bis zu seinem Rücktritt im Oktober 1937 stand Ernst Wildi stets im Dienste der Kantonsschule und prägte durch seinen Effort und seine Initiative die Institution wie kein anderer Rektor vor ihm. Kurz nach seiner Pensionierung starb er im Januar 1939 im Alter von 61 Jahren in Trogen, wo er auch beigesetzt wurde.

Beitrag zur Schule

Reorganisation 1904 bis 1907 mini|Die Kantonsschule Trogen: Knabenkonvikt (im Vordergrund) und «Altes Schulhaus», ca. 1910 Bereits zu Beginn seiner Karriere als Schulleiter stand Ernst Wildi, kaum 26-jährig, vor einer der grössten Herausforderungen in der bisherigen Geschichte der KST: Nachdem die Schule nun seit 83 Jahren bestanden hatte (Gründung 1821), war es dringend notwendig, die Institution dem 20. Jahrhundert anzupassen. Eine 1904 eigens gebildete Kommission analysierte den Schulbetrieb und konnte im Januar 1906 ihre Resultate vorlegen, welche bereits am 21. Mai im Kantonsrat einstimmig angenommen wurden.Ernst Wildi: Brief an die Kantonsschulkommission vom 2. November 1927. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-48-1-07. Die Reorganisation bestand im Wesentlichen aus vier Punkten:

Es wurde die eigene Maturität mit der Notenskala von 1 bis 6 eingeführt. Mädchen wurden an der Schule nun offiziell zugelassen. Das Schulgeld für im Kanton wohnende Schüler wurde aufgehoben. Aus dem ehemaligen «Schülerpensionat» wurde ein «Staatliches Konvikt für Knaben» mit einem Konviktleiter.

Keine Chance im Kantonsrat hatte der Vorschlag bezüglich der Eingliederung einer Pädagogischen Abteilung an der KST. Bereits in den 1820er-Jahren wurden an der Schule für kurze Zeit Lehrer ausgebildet, 1863/64 fanden gar Verhandlungen mit dem Kanton Glarus statt, um in Trogen ein gemeinsames Lehrerseminar zu führen. Auch ein erneuter Anlauf im Jahre 1896 führte nicht zum Ziel. Unter Rektor Ernst Wildi (der Titel des Schulleiters lautete nun amtlich «Rektor») wurden nun die gefassten Beschlüsse in einem intensiven Arbeitsjahr umgesetzt. Dazu gehörten auch ein neu aufgestellter Lehrplan, Reglemente für die Konvikthausordnung, für Dispensation, Hospitation, Aufnahmeprüfungen und Disziplinarbestimmungen. Parallel dazu wurden auch die Statuten der Schule revidiert: Eine der wesentlichsten Erneuerungen dabei war, dass nun auch Mädchen erwähnt wurden. Die ersten Schülerinnen wurden bereits 1895 an der KST unterrichtet; der Vorstoss, auch Mädchen aufzunehmen, kam damals von Rektor August Meier, der diesbezüglich an die Kantonsschulkommission schrieb: «Für das gegenwärtige Jahr möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen, welche mit der Zeit für unsere Schule Wichtigkeit bekommen möchte. Mehr und mehr sucht man den Töchtern neue Gebiete zu eröffnen und dies ist vielerorts auch auf dem Gebiet der Wissenschaft geschehen. Die Erörterung der Frage, ob auch unsere Schule den Mädchen den Weg zum Studium öffnen soll. […] Auf die angesprochene Idee führte mich mein Töchterlein ‹Adelina›, die das 1. Jahr die Mädchenrealschule besucht, sich als fähig erweist und sehr wahrscheinlich studieren möchte.»August Meier: Brief an die Kantonsschulkommission vom 11. Juni 1895. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027. 1907 enthielt der Artikel 1 der reorganisierten Kantonsschule dann die Bestimmung: «Soweit es die Verhältnisse zulassen, sollen auch Mädchen Aufnahme finden.» Weitere Marksteine nach der Reorganisation waren 1917 die Bildung der Pensionskasse für die Kantonsschullehrer und 1919 die Einführung des Handfertigkeitsunterrichtes.Ernst Wildi: Die Appenzell a. Rh. Kantonsschule in Trogen zum hundertjährigen Bestand. Eigenverlag, Trogen 1921, S. 106–110.

Wachsende Schülerzahlen mini|Grafik zu den steigenden Schülerzahlen unter Rektor Wildi Unter Ernst Wildi blühte die Schule auf und konnte eine jährliche Zunahme von Schülern verzeichnen. Als er 1904 das Rektorat übernahm, hatte die Schule 101 Schüler. Bis 1937 war die Zahl mit 384 beinahe auf das Vierfache angestiegen (auch während des Ersten Weltkrieges nahmen die Schülerzahlen in Trogen zu, während andere Mittelschulen sinkende Zahlen verzeichneten). Dies führte dazu, dass zwischenzeitlich sogar eine Anzahl Lernende, welche die KST besuchen wollte, ohne Aufnahmeprüfung abgewiesen werden musste (im Jahre 1927 waren es beispielsweise 30 Schüler). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte es an der Kantonsschule auch stets einen Anteil ausländischer und ausserkantonaler Schüler, die von ihren Eltern nach Trogen geschickt wurden, weil die KST den Ruf einer kleinen und damit übersichtlichen Schule genoss und zudem das ländlich gelegene Dorf abseits der städtischen Ablenkung lag. Dass die Kantonsschule Trogen wachsende Schülerzahlen verzeichnen konnte, war umso bemerkenswerter, als dass es der Schulleitung untersagt war, Werbung für die Schule zu betreiben. Dazu schrieb Wildi 1933 an die Kantonsschulkommission: «Obschon seit 30 Jahren – im Gegensatz zu früher [die einzige Ausnahme bildete ein 1903 gedruckter Prospekt von Wildis Vorgänger Theodor Wiget] – für die Schule absolut keine Reklame gemacht wird, obschon seit den Kriegsjahren nicht einmal in den appenzellischen Zeitungen die Aufnahmeprüfung veröffentlicht werden darf – ausgenommen im Amtsblatt – während die Kantonsschule St. Gallen ihre Prüfungen in der Appenzellerzeitung bringt, so stieg, der Krise zum Trotz, die Schülerzahl ruhig und ziemlich stetig von unter 100 auf 300 an.»Ernst Wildi: Brief an die Kantonsschulkommission vom 23. Juli 1933. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-60-5-07. Und 1934 in einem Brief an den Landammann: «Wenn man die Geschichte der Kantonsschule kennt, weiss man, wie Pessimisten es als absolut unmöglich erklärten, dass neben St. Gallen je in Trogen eine höhere Mittelschule existieren könne. Und nun steht sie in Flor ohne die allergeringste Reklame.»Ernst Wildi: Brief an den Landammann vom 28. Juli 1934. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-60-9-02.

Die Gründe für die steigenden Schülerzahlen waren mehrheitlich auf die Reorganisation von 1904 zurückzuführen: Die Zahl der Appenzeller Schüler hatte sich, infolge des Beschlusses, das Schulgeld für im Kanton wohnende Schüler aufzuheben, verdreifacht. Dazu kam, dass auch Mädchen zugelassen wurden; 1921 waren dies bereits 13 % aller Lernenden (im März 2016 machten die Mädchen 54 % der Gymnasialabteilung aus). Ebenfalls vergab der Kanton Appenzell Ausserrhoden Stipendien für arme Schüler. Bei all diesen organisatorischen Gründen spielte jedoch auch der Ruf der Schule, der vor allem durch den Einfluss des Rektors geprägt wurde, eine nicht zu unterschätzende Rolle: Dies begann bereits damit, dass Wildi in der Reorganisations-Phase der Schule mitwirken und danach die KST streng, aber fair nach seinen Vorstellungen leiten und mit dem ihm passenden Lehrkörper gestalten konnte.Ernst Wildi: Die Appenzell a. Rh. Kantonsschule in Trogen zum hundertjährigen Bestand. Eigenverlag, Trogen 1921, S. 167–173.

Dass in den beiden Gebäuden immer mehr Schüler zu unterrichten waren, wurde zunehmend zum Problem. So erklärte die Staatswirtschaftliche Kommission 1918 die Raumverhältnisse für 207 Schüler als unhaltbar. Aus diesem Grunde fasste man das Projekt eines Erweiterungsbaus ins Auge. Allerdings wurde dieser an der Landsgemeinde 1920 von den Stimmbürgern abgelehnt. Vermehrt wurden auch Stimmen aus dem Volk und den Behörden laut, die KST müsse sich beschränken: So forderte man beispielsweise 1927 von der Schule, sie solle sich dem verfügbaren Raum anpassen, einen Numerus clausus einführen, Schüler in die nahe gelegene Kantonsschule St. Gallen schicken oder keine ausländischen und ausserkantonalen Schüler mehr aufnehmen. Wildi gab sich solchen Tönen gegenüber stets kämpferisch; so schrieb er diesbezüglich an die Kantonsschulkommission: «Schon oft haben wir zu diesem Thema Stellung beziehen müssen, in Eingaben an die Staatswirtschaftliche Kommission, an die Erziehungsbehörden, den Regierungsrat, Kantonsrat, immer dabei die leidige Erfahrung machend, dass dabei nicht nur Volkskreise, welche dem höheren Bildungswesen ferne stehen, sondern auch Mitglieder in den Behörden nicht einsehen wollen, dass auch der Kanton Appenzell Ausserrhoden gegenüber den eidgenössischen Mitständen seine kulturellen Verpflichtungen zu erfüllen hat, auch wenn dies Auslagen verursacht.»Ernst Wildi: Brief an die Kantonsschulkommission vom 2. November 1927. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-48-1-07, S. 3–4.

Die vielen Schüler hatten aber auch einen positiven Einfluss auf den Ort Trogen, da die meisten Lernenden während der Schulzeit im Dorf wohnten (nur Schülern, die im Kanton ihren Wohnsitz hatten, war in der Regel ein Platz im Konvikt vorbehalten). So kam es, dass die meisten Kantonsschullehrer mit ihren Frauen und etliche Familien aus Trogen ein Pensionat führten, um Schülern eine Unterkunft anzubieten und sich gleichzeitig einen Zusatzverdienst zu sichern. Die Privatpensionen bildeten somit einen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Faktor, so dass im 20. Jahrhundert 49 Pensionen Platz für beinahe 260 Schülerinnen und Schüler boten.Elisabeth Pletscher: Trogen, das Schuldorf in den zwanziger Jahren. In: KVT-Mitteilungen. Nr. 74, Eigenverlag, Trogen 1995, S. 71–73. In einer Rede an die Gemeinde 1936 nahm Rektor Wildi dazu Stellung: «Mehr als vielleicht diesem und jenem in der Gemeinde, aber auch uns an der Schule lieb ist, sind nun einmal Trogen und die Kantonsschule schicksalsverbunden. Blüht die Schule, so macht sich dies durch die ganze Gemeinde hindurch in einer Weise geltend, die man vielleicht erst dann einmal recht ermessen wird, wenn die ‹Hochflut› vorüber ist, die nun seit Jahren an unserer Schule herrschte. […] Nun haben wir gottlob in Trogen durch die Schule ein Mittel, wenigstens bis zu einem gewissen Grad den Krebsgang zu steuern, Verdienst und Leben in unsere grünen Hügel hinaufzubringen.»Ernst Wildi: Rede vom 1. März 1936 an der Kirchhöri. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-43-5-05.

Schülerabend mini|Schülerabend 1925: Theater­aufführung von Der Geizige von Molière (3. v. l.: Max Schmidheiny als Lakai ‹Brindavoine›)