mini| Als Schiffsfresko von Akrotiri wird ein knapp vier Meter langer Miniaturfries bezeichnet, der 1972 bei der Ausgrabung der archäologischen Fundstätte von Akrotiri auf der Kykladeninsel Santorin entdeckt wurde. Das aus aufgefundenen Bruchstücken rekonstruierte Fresko befindet sich derzeit im Depot des Archäologischen Nationalmuseums in Athen und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der gute Erhaltungszustand des auch als „Schiffsprozession“ bekannten Freskos gründet sich auf dem Luftabschluss durch den Ascheregen der minoischen Eruption des Vulkans von Thera (Santorin) im 17. oder 16. Jahrhundert v. Chr. Die Grabungen fanden unter der Leitung von Spyridon Marinatos statt, der 1974 in der Ausgrabungsstätte tödlich verunglückte.
Archäologischer Befund Koordinaten der Fundstelle: mini| Das aus der Zeit um 1650 bis 1500 v. Chr. stammende Fresko ist 3,90 Meter lang und 0,44 Meter hoch. Es war über Wandnischen und einem Durchgang der Südostwand des Raumes 5 im sogenannten Westhaus am Dreiecksplatz angebracht. Der Raum im Obergeschoss des Westhauses, dem Zeremonialbereich des Gebäudes, hatte eine Fläche von 4 × 4 Metern und eine Höhe von etwa 3 Metern. Die oberen Wandteile des Raumes, auf denen der bemalte Putz angebracht gewesen sein muss, sind nicht erhalten. Alle aufgefundenen Fragmente des Frieses waren von der Wand abgefallen und befanden sich auf dem Boden des Raumes oder, wo dieser eingestürzt war, im Füllmaterial des darunterliegenden Raumes, bis zu drei Meter unter dem Fußbodenniveau von Raum 5. Das nach seiner Entdeckung im Herbst 1972 ausgegrabene Schiffsfresko, dessen Fragmente zur Restaurierung nach Athen gebracht wurden, war Teil eines umlaufenden Frieses unterhalb der Zimmerdecke. Wie der im Südosten anschließende Raum 4 scheint der Raum 5 Wasser als gemeinsames Bildprogramm gehabt zu haben, Salz- wie auch Süßwasser.
mini|links| Erhalten haben sich aus Raum 5 neben der Schiffsprozession verschiedene andere Fresken. So stammen von den Fensterwänden, der Nordwest- und der Südwestwand, die Darstellungen zweier nackter jugendlicher Adoranten in Lebensgröße unterhalb des Frieses. Beide tragen Fische und haben bis auf je zwei schwarze Locken kahlrasierte Köpfe. Der 0,20 Meter hohe Fries der Nordostwand zeigte unter der Zimmerdecke eine Flusslandschaft mit verschiedenen Tieren und einem Greifen, und auf dem 0,40 Meter hohen Fries über den Fenstern der Nordwestwand war eine Küstensiedlung mit fünf Lanzenträgern und darunter abgebildetem Schiffsuntergang dargestellt. In Raum 5 und dem sich im Südosten anschließenden Raum 4, der nur über den Durchgang unter dem Schiffsfresko von Raum 5 aus zu betreten war, wurden Opfertische, Rhyta und andere Kultgefäße gefunden. Dies deutet auf einen Kultkomplex hin, einen Schrein, der eine Entsprechung in der Ikonografie der Fresken beider Räume haben müsste.
mini| Raum 4 scheint ein Zimmer zur Vorbereitung von Kulthandlungen gewesen zu sein, wie ein Abfluss und die Funde einer Badewanne, eines Bronzekessels, einer zerbrochene Schale mit rotem Farbstoff und eines Löwenkopfrhytons annehmen lassen. Aus der Laibung des von Raum 4 zu Raum 5 führenden Durchgangs stammt das Fresko einer Frauenfigur mit einer Schlangenlocke auf dem rasierten Kopf und einem Gefäß in der Hand, das man als Räucherpfanne identifizieren kann. Die als Priesterin angesehene Figur ist geschminkt, sie hat auffällig rote Lippen und ein rotes Ohr, und schreitet scheinbar in den Raum 5 hinein. Der Raum mit dem Schiffsfresko, Raum 5, hatte einen Zugang von einem größeren Raum in der Mitte des Hauses, Raum 3, mit einem Durchgang zur Treppe. Weiterhin führte ein Korridor an der Nordwestseite des Gebäudes von Raum 5 zu einem Raum, in dem über 100 konische Becher und zahlreiche Kannen gefunden wurden. Dieser Raum 6 war wohl eine Art rituelles Speisezimmer. Im Flur zwischen Raum 5 und Raum 6 enthielt ein gemauerter Schrank weitere Gefäße, darunter Kochtöpfe und Rhyta.
Wegen der drei Zugänge, der großen Fensterflächen an zwei Wänden und in die Wände eingelassener Nischen und Schränke hatte Raum 5 mit dem Schiffsfresko wenig Platz für Wandmalereien. Dass es trotzdem diese Vielfalt des Bildprogramms gab, spricht für eine kultische Bedeutung der Fresken. Zu dekorativen Zwecken waren sie an den reich gegliederten Wänden des Raumes nicht erforderlich. Die Wandbilder erhielten eine Ausrichtung nach Westen, in die Ecke zwischen den beiden Fensterwänden. Dort fand man auf einem Fensterbrett einen dreibeinigen Opfertisch, der mit schwimmenden Delfinen und verschiedenen Meeresmotiven bunt dekoriert war. Beide jugendliche Adoranten an den Fensterwänden waren in Richtung Westecke schreitend dargestellt. Auch die Prozession der Schiffe auf dem Fries bewegte sich scheinbar in diese Richtung.
Beschreibung des Freskos Das Schiffsfresko von Akrotiri von der Südostwand des Raumes 5 im Obergeschoss des Westhauses zeigt eine Prozession teilweise verzierter und mit Blumen geschmückter Schiffe. Insgesamt sind auf dem Fresko 14 Schiffe oder Boote dargestellt, darunter 7 größere Schiffe, eines davon mit einem Rahsegel, die anderen mit um die 20 Personen mit Paddel an den dem Betrachter zugewandten Seiten. Von diesem aus gesehen besitzen alle an der Prozession beteiligten Schiffe an der linken Seite, am Heck, ein außen an der Schiffswand angebrachtes Ruder, so dass erkennbar ist, dass sie sich in dem Bild von links nach rechts bewegen. Die großen Schiffe haben zudem hinten eine aus Holzstangen erstellte, unten mit Rinderhäuten verkleidete und nach oben offene Kabine, eine Kajüte für den Schiffsführer (altgriechisch Nauarchos), und mit Ausnahme des Segelschiffes baldachinartige Aufbauten in der Schiffsmitte. Neben dem Segelschiff besitzen zwei der Prozessionsschiffe mittig Masten, von deren Spitzen Seile Richtung Bug und Heck angebracht sind. Bei einem der beiden Schiffe sind die Seile mit Gegenständen behangen, vielleicht als Verzierung und Kenntlichmachung als wichtigstes Schiff der Flotte. Es ist an der Bordwand mit Löwen und Delfinen bemalt, das Segelschiff mit Tauben.
Die Prozessionsschiffe bewegen sich auf dem Fresko von einer Landmasse zu einer anderen, wobei es sich um Festland, Inseln oder beides handeln könnte. Zwischen diesen Schiffen springen Delfine aus dem Wasser, insgesamt mindestens 15 Tiere, einige direkt nebeneinander. Auf beiden Landmassen sind Gebäude zu erkennen, die zum Teil zusammenstehend sicher Siedlungen oder Städte darstellen sollen. Die Stadt auf der linken, nordöstlichen Seite des Frieses ist dabei kleiner als die auf der rechten, südwestlichen Seite. Der Ausgangspunkt der Schiffsprozession befindet sich auf der linken Seite. Die Häuser der dortigen Stadt bestehen aus grauen, weißen, roten und gelben Steinblöcken. Die Stadt ist anscheinend von einem Ring aus Wasser umgeben, wobei im Vordergrund ein Boot mit 5 (10?) Ruderern, einem Rudergänger und einem Schiffsführer unterwegs ist. Letzterer sitzt offen, ohne Kabine, im Heck des Bootes. Da es wesentlich kleiner ist als die Prozessionsschiffe, kann man nicht deuten, ob es sich der Prozession anschließen will, obwohl es in dieselbe Richtung fährt. Links des „Wasserrings“ sind auf der Landmasse weitere Gebäude erkennbar, die nicht so dicht stehen wie in der Stadt. Hinter dem „Wasserring“ jagt ein Löwe drei Hirsche in einer mit Bäumen bestandenen Landschaft, die von zwei Berggipfeln überragt wird.
mini|links| mini| Der Zielort der Schiffsprozession auf der rechten Seite des Freskos ist eine größere Stadt mit einer Freitreppe in der Mitte, wie sie in der minoischen Kultur aus Knossos oder Phaistos bekannt sind. Die mehrstöckigen Gebäude bestehen aus grauen, roten und gelben Steinblöcken. Auf dem grauen Mauerwerk an der rechten Seite sind mindestens vier und an der linken Stadtseite mindestens zwei Kulthörner zu sehen, ein Zeichen religiöser Autorität und Hinweis auf ein sakrales Bauwerk der minoischen Religion. Links der Stadt ist eine Hafenbucht mit zwei darin liegenden Schiffen zu erkennen. Es schließt sich eine zweite, kleinere Hafenbucht an, in der sich drei Boote befinden. Zwischen beiden Häfen fährt ein kleines Boot ohne Aufbauten mit nur zwei Personen darin, das augenscheinlich nicht zur Schiffsprozession gehört. Hinter dem Ufer des kleinen Hafens mit den drei Booten ist ein mehrstöckiges rotes Gebäude errichtet. Hinter diesem, auf einem Berg, steht ein weiteres Gebäude aus weißem und gelbem Mauerwerk.
Die Menschen auf dem Fresko sind in stilisierter Form dargestellt. Sie unterscheiden sich durch ihre Bekleidung und ihre Tätigkeiten. Die Personen der Stadt auf der linken Seite tragen tunikaähnliche Gewänder. Mit Ausnahme zweier mit Tierfellen bekleideter Personen auf beiden Seiten des „Wasserrings“ links der Stadt beobachten die Bewohner die Schiffsprozession vom Strand oder den Dächern ihrer Häuser. Die Ruderer auf dem Schiff davor tragen, wie sämtliche Rudergänger auf dem Fresko, bei einem freien Oberkörper einen minoischen Schurz. Gleiches gilt für die Personen vor der Stadt auf der rechten Seite, von denen eine ein Opfertier führt, und einige Läufer und einen Fischer auf der dortigen Landmasse. Die Passagiere der Prozessionsschiffe sind mit Tuniken oder langen Umhängen bekleidet. Sie sind mit oder entgegen der Fahrtrichtung einander gegenüber sitzend dargestellt. An der großen Hafenbucht vor der rechten Stadt stehen vier Landbewohner in Tierfellen. In der Stadt sind Personen beiderlei Geschlechts eingezeichnet. Dort sind, im Gegensatz zu allen anderen Teilen des Freskos, auch weibliche Personen an ihren Frisuren und weißer Hautfarbe erkennbar. Auf einem Balkon mit Kulthörnern an der linken Seite der Stadt steht eine als Priesterin gedeutete Frau mit erhobenem rechten Arm, unmittelbar hinter ihr ein nacktes Kind. Wie sie schauen alle anderen Personen in der Stadt, die mit Tuniken oder Umhängen bekleidet sind, in Richtung der ankommenden Schiffe.
Deutung des Freskos Hypothesen
Die verschiedenen Deutungen des Schiffsfreskos von Akrotiri beschäftigen sich zum einen mit der Lokalisation der Schiffsprozession, zum anderen mit dem möglichen Inhalt der Szenerie, also was in dem Bild dargestellt wird. Da das Fresko in einer Ausgrabungsstätte auf Santorin gefunden wurde, ist ein Bezug zur Insel anzunehmen. Dieser wurde bei allen bisherigen Deutungsversuchen aufgenommen. Dabei spielen die auf den beiden Landmassen zu erkennenden geologischen Formationen, wie Küstenlinien und Berge, und die abgebildeten natürlichen Gegebenheiten, die Pflanzen- und Tierwelt, eine große Rolle. Bei der Interpretation der Schiffsprozession sind die Fundsituation und der Fundzusammenhang zu beachten. Daneben gibt die Darstellung der Menschen, der Schiffe und der Gebäude Anhaltspunkte für die Bewertung des Geschehens. Unter den Beschreibungen des Schiffsfreskos gab es Deutungen als Expedition nach Libyen, eine Militärexpedition unter der Beteiligung von Mykenern, eine religiöse Feier oder, in Verbindung mit dem gegenüberliegenden Fries aus Raum 5 des Westhauses, einen Schiffbruch als Zeichen für die Gefahren des Meeres.