Als Marković-Affäre (auch Fall Marković; ) wird der Mord an dem Jugoslawen Stevan Marković (auch: Stefan Markovic) bezeichnet, der im Umfeld des Schauspielers Alain Delon stattfand und sich zum Jahreswechsel 1968/69 zu einer politischen Affäre in Frankreich ausweitete. Auch wenn es zu keiner Ermittlung der genauen Umstände des Verbrechens kam, wurde der Mord mit dem Präsidentschaftskandidaten Georges Pompidou in Verbindung gebracht und hatte Auswirkungen auf das Verhältnis französischer Spitzenpolitiker untereinander.
Vorgeschichte Der Schauspieler Alain Delon hatte über seinen jugoslawischen Freund und Bediensteten Miloš Milošević dessen Freundin Nathalie Barthélémy kennengelernt. Nachdem Delon und Barthélémy ein Paar geworden waren, verließ Milošević Frankreich und ging in die USA nach Hollywood, wo er 1966 zusammen mit Barbara Ann Thomason, der Ehefrau des mit Alain Delon bekannten Schauspielers Mickey Rooney, unter nicht restlos geklärten Umständen in Thomasons Schlafzimmer eines gewaltsamen Todes starb. Vor seinem Weggang hatte Miloš Milošević noch Delon seinen Vetter und Landsmann Stevan Marković (* 1937) als Nachfolger empfohlen. Dieser war zehn Jahre zuvor illegal nach Frankreich eingewandert, mehrfach vorbestraft und hatte Kontakte ins Pariser Milieu. Marković zog in Delons Haus, wurde als Freund bezeichnet und arbeitete für den Schauspieler als Chauffeur, Leibwächter und Veranstalter von Partys. Als sich die Beziehung Delons zu seiner Ehefrau Nathalie verschlechterte, sollte Marković sie im Auftrag Delons überwachen.
Mord Am 22. September 1968 wurde Marković auf dem Weg zu einem Treffen mit dem vorbestraften François Marcantoni, einem Freund Delons, letztmals gesehen. Er lebte zu diesem Zeitpunkt in einer Pariser Delon-Wohnung mit dem Landsmann Uroš Milićević. Am 1. Oktober 1968 fand ein Obdachloser die Leiche von Marković auf einer Müllhalde bei Élancourt im Großraum von Paris. Die Obduktion ergab, dass der Ermordete einige Tage vorher zusammengeschlagen und mit einem Kopfschuss getötet worden war. Marković hatte sich vor seinem Tode gewehrt; die Leiche war geknebelt und in einem Plastiksack verpackt.
Untersuchung Die Untersuchung des Verbrechens wurde von dem jungen Versailler Untersuchungsrichter René Patard geleitet, die Ermittlungen von der Pariser „Brigade Mobile“ durchgeführt. Eine erste Obduktion kam zum Ergebnis, dass Marković durch Schlageinwirkungen an den Kopf verstorben war. Nach einem Hinweis wurde bei einer zweiten Obduktion am 28. Oktober 1968 festgestellt, dass es außerdem zu einem tödlichen Kopfschuss gekommen war, das 9-mm-Projektil befand sich noch im Kopf des Opfers. Offensichtlich sollte der Einschuss durch das nachträgliche Zertrümmern des Schädels an dieser Stelle verborgen werden.
Am 5. Oktober legte der in Belgrad lebende Bruder des Opfers, Alexander Marković, bei der Pariser Polizei drei Briefe vor, welche Milićević auf Anweisung Markovićs via den Jugoslawen Vuk Blagojević an ihn weitergeleitet hatte. In einem der drei in serbokroatischer Sprache verfassten Schreiben wurden Delon und Marcantoni einer bevorstehenden Gewalttat beschuldigt:
Nach Vorliegen des Schreibens wurde Delon am 12. Oktober 1968 trotz einer fiebrigen Erkrankung für 24 Stunden in Haft genommen („Garde à vue“) und stundenlang verhört. Da Delon zur vermuteten Tatzeit bei Dreharbeiten zum Film Der Swimmingpool (Originaltitel: La Piscine) in St. Tropez war, wurde er nicht angeklagt. Neben ihm wurden seine Frau Nathalie (die dafür aus London anreisen musste), sein Agent Georges Beaume, sein Fahrer Marcel Gasparini, der befreundete Fotograf Jean-Pierre Bonotte und weitere Bekannte Delons und des Opfers vernommen. Gegen Marcantoni, der im Mai 1968 eine Matratze erworben hatte, die in einem Plastiksack verpackt war, wie er bei der Entsorgung der Marković-Leiche verwendet worden war, erhob Patard zunächst Anklage, die zu einer Festsetzung Marcantonis in Untersuchungshaft führte, später aber fallengelassen wurde. 1975 wurde die Akte zum Fall Marković ergebnislos geschlossen. Der Zeuge Uroš Milićević, der Marković als Letzter gesehen hatte, wurde 1976 in einem Hotel in Brüssel erschossen aufgefunden.Frawley Becker, And the Stars Spoke Back: A Dialogue Coach Remembers Hollywood Players of the Sixties in Paris, ISBN 978-0-81085-157-3, Scarecrow Press, 2004, S. 144ff, englischGeheimzinnige moord op twee Joegoslaven, 12. August 1976, Leidsch Dagblad, holländisch
Gerüchte zu Motiven In Medien und Öffentlichkeit wurden drei mögliche Motive für das Verbrechen gesehen: Zunächst wurde der Mord den Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen organisierter Kriminalität zugeschrieben. Tatsächlich waren zu der Zeit Konflikte zwischen der bislang von korsischen und algerischen Banden beherrschten Unterwelt von Paris und den vom Balkan zuströmenden Kleinkriminellen an der Tagesordnung.Paul Hofmann, Rumor Mills Grinding: Murder Case Becoming Classic French "Affaire", 10. November 1968, The Register Guard (Eugene), Syndikation von: The New York Times, englisch
Andere sahen einen Auftragsmord als möglich an; Delon wurde Rachsucht wegen Ehrverletzung durch eine kolportierte Affäre seiner Noch-Ehefrau mit Marković unterstellt. Es wurde auf den mysteriösen Todesfall des früheren Leibwächters Delons, Miloš Milošević, im Januar 1966 in Hollywood verwiesen, bei dem Ehebruch ebenfalls eine Rolle gespielt hatte.Miloš Milošević (1941-1966) hatte eine Affäre mit Barbara Ann Thomason, der damaligen Ehefrau des Filmstars Mickey Rooney. Beide wurden am 30. Januar 1966 erschossen in Rooneys Haus gefunden. Gem. Actress attempts suicide at home of movie star, August 1958, 14. August 2008, Los Angeles Times, englisch Delon und Marcantoni sollen in jener Mordnacht in Los Angeles gewesen sein.Tolle Kerle, 10. März 1969, Ausgabe 11/1969, Der Spiegel
Als weiteres Motiv wurde angenommen, dass der Ermordete auf den von ihm organisierten Drogen- und Sexpartys wohlhabende Teilnehmer in kompromittierenden Situationen mit versteckten Kameras aufgenommen und diese nachher erpresst habe. Dazu passte die Behauptung, Marković habe mehrfach und erfolglos versucht, Medien solche Fotos von Prominenten zu verkaufen.Paul Ghali, Markovic Affair: Paris 'Dolce Vita' A web of Murder, Sex and Politics, 14. April 1969, The Pittsburgh Press, Syndikation von: Chicago Daily News Service, englisch Es wurde vermutet, dass sich bedroht fühlende Protagonisten einen Mord in Auftrag gegeben hatten.
Politische Affäre Der Mordfall erlangte eine politische Dimension, als er mit Politikern der regierenden Union pour la défense de la République (UDR), vor allem dem einige Monate zuvor vom Amt zurückgetretenen Ex-Premierminister Georges Pompidou und seiner Frau, Claude Pompidou, verknüpft wurde. Gegen Madame Pompidou wurde im Zusammenhang mit dem Mord an Marković eine Rufmordkampagne geführt, die die politische Karriere ihres Mannes beenden sollte.
Hintergrund Georges Pompidou war von 1962 bis zum Juli 1968 französischer Premierminister unter dem Präsidenten Charles de Gaulle gewesen. Ursprünglich ein politischer Ziehsohn de Gaulles, hatte er während seiner Regierungszeit mehrfach den Unmut de Gaulles und einer Gruppe führender Gaullisten erregt. Er war mit seinem Rücktritt vom Amt des Premierministers der Forderung de Gaulles gefolgt, der für Pompidou keine bedeutenden Ämter mehr vorsah. Da Pompidou ehrgeizig und beliebt war, befürchteten Kreise in der UDR, er könne ein unerwünschter potentieller Anwärter auf das Präsidentenamt als Nachfolger de Gaulles sein.
Das Ehepaar Pompidou, besonders Claude Pompidou, gehörte (jedenfalls bis zum Amtsantritt Pompidous als Premierminister) zum Jet Set von Paris und St. Tropez. Sie verkehrten mit Intellektuellen und KünstlernRodney Angove, Jet Set may take over Elysee Palace Parties, 17. Juni 1969, Sarasota Herald Tribune, englisch – darunter waren der Maler Bernard Buffet, die Schriftstellerin Françoise Sagan, der Chansonnier Guy Béart, die Sängerinnen Marie Laforêt und Juliette Greco sowie der Schauspieler Delon.
Bekanntwerden von Ermittlungsergebnissen Im Verlauf der Ermittlungen wurden mehr als hundert Personen, oft mit kriminellem Hintergrund, vernommen. Viele Aussagen widersprachen sich, es kam zu unglaubhaften Beschuldigungen. Immer wieder wurden interne Schriftstücke und Aussagen der Presse zugespielt. Der Figaro veröffentlichte ein Dokument, in dem behauptet wurde, Marković habe ein Verhältnis mit der Ehefrau eines ehemaligen Regierungsmitglieds gehabt. Annahmen, bei dieser Frau handele es sich um Claude Pompidou, wurden von der Polizei weitergegeben.Richard Brody, Gorilla in His Day, 10. April 2010, The New Yorker, englisch Angeblich erbrachten polizeiliche Untersuchungen Beweise, dass Claude Pompidou eine Affäre mit Marković gehabt habe.William R. Nester, De Gaulle’s Legacy: The Art of Power in France’s Fifth Republic, ISBN 978-1-13748-395-9, Palgrave Macmillan, 2014, S. ? Auch der Delon und Claude Pompidou belastende Brief eines Insassen der Haftanstalt Fresnes an Delon wurde publik. Er war am 10. Oktober 1968 von einem einsitzenden jugoslawischen Freund von Marković verfasst, von der Gefängnisverwaltung konfisziert und der Polizei übergeben worden. Eine Untersuchung ergab, dass das angeblich spontan verfasste Schreiben auf Veranlassung eines weiteren Gefangenen geschrieben worden war.Jean-Noel Kapferer, Rumors: Uses, Interpretations, and Images, ISBN 978-1-41285-1-558, Transaction Publishers, New Jersey 2013, S. 34, englisch
Die Rufmordkampagne erreichte ihren Höhepunkt, als die Polizei in dem gestohlenen Auto eines in den Fall involvierten Anwaltes, Roland Dumas, Fotos einer blonden Frau als Teilnehmerin von Gruppensexpartys (parties fines) fand. Gerüchte, dass diese Frau Claude Pompidou sei, wurden an die Presse weitergeleitet. Spätere Untersuchungen ließen annehmen, dass der Diebstahl des Fahrzeuges durch Mittelsleute beim französischen Auslandsgeheimdienst SDECE arrangiert worden und die Fotos eine Fälschung unter Zuhilfenahme einer Prostituierten waren.Malcolm Anderson, In Thrall to Political Change: Police and Gendarmerie in France, ISBN 978-0-19969-364-1, Oxford University Press, Oxford 2011, S. 237, englischClaude Pompidou, 5. Juli 2007, The Telegraph, englisch
Der dem linken Flügel der UDR zugehörende Justizminister René Capitant unternahm nichts, um die Weitergabe von Untersuchungsergebnissen abzustellen.Jonathan Fenby, The History of Modern France: From the Revolution to the Present Day, ISBN 978-1-47112-931-5, Simon and Schuster, 2015, S. ? Trotz gegenteiliger Zusage informierte der Nachfolger Pompidous im Amt des Premierministers, Maurice Couve de Murville, seinen Vorgänger nicht über neue Entwicklungen in der Affäre.
Innerparteiliche Intrige Pompidou war überzeugt, dass eine Gruppe von Gaullisten verantwortlich für die Rufmordkampagne gegen ihn und seine Frau waren.Erwin C. Hargrove und John E. Owens, Leadership in Context, ISBN 978-0-74252-8-536, Rowman & Littlefield, 2003, S. 217, englisch Dazu waren Mitarbeiter von Polizeibehörden und des SDECE eingesetzt worden. Diese parteiinternen Gegner Pompidous wollten ihn über die Desavouierung seiner Frau politisch ausschalten.Sascha Lehnartz, So leiden die Präsidenten Frauen im Élysée-Palast, 25. August 2014, Die Welt Der an dem Fund der gefälschten Fotos beteiligte Polizeikommissar Lucien Aimé-Blanc vermutete, dass die Hintermänner der Aktion langjährige politische Gegner Pompidous in der eigenen Partei gewesen seien.