Suizid durch Vergiftung mit Medikamenten, in der Literatur auch als (absichtliche) Selbsttötung durch Medikamente / Selbsttötung mit Medikamenten, Suizid durch Selbstvergiftung mit Medikamenten und (Suizid durch) Einnahme einer Überdosis Medikamente und mit weiteren Umschreibungen bezeichnet, ist eine Form des Suizides, bei der ein Mensch sich das Leben nimmt, indem er absichtlich eine Überdosis Medikamente einnimmt. In der Bundesrepublik Deutschland werden rund 13,7 % der erfassten Suizide durch Vergiftung mit Medikamenten vollzogen (Stand 2013).Von 10.076 erfassten Suiziden in Deutschland im Jahr 2013 wurden 1385 durch Selbstvergiftung mit Medikamenten vollzogen, siehe: Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland.

Häufigkeit In der Bundesrepublik Deutschland ist die absichtliche Selbstvergiftung mit Medikamenten nach dem Erhängen gegenwärtig die zweithäufigste Suizidmethode aller tödlich endenden Suizidhandlungen (Stand: Erhebungen für die Jahre 1998 bis 2013). Die Zahl aller auf diese Weise durchgeführten Suizide liegt in den letzten Jahren kontinuierlich bei über 1000 Fällen pro Jahr (2011: 1.410; 2012: 1.323; 2013: 1.385). Die offizielle Gesamtzahl der zwischen 1998 und 2012 durch Suizid durch Selbstvergiftung mit Medikamenten in Deutschland verstorbenen Personen liegt bei 20.997 Personen. Es ist allerdings eine schwer zu taxierende Dunkelziffer in der Rechnung zu berücksichtigen, da auf diese Weise verübte Suizide – anders als relativ eindeutig als Suizide zu identifizierende Handlungen wie Selbsterschießung oder Erhängen – relativ häufig nicht als solche erkannt werden und daher vergleichsweise viele auf diese Art durchgeführte Selbsttötungen irrtümlich für Unfälle (disintentionale Selbsttötung) oder sogar natürliche Tode gehalten werden.

Seine höchste Verbreitung erreichte der Suizid durch Selbstvergiftung mit Medikamenten in der jüngeren Vergangenheit im Jahr 2003, in dem in Deutschland 1.483 Personen auf diese Weise starben. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der auf diese Weise vollendeten Suizide auf einem Niveau von mehr als 1.200 und weniger als 1500 erfassten Toten pro Jahr eingependelt.

Geschlechtsspezifisch ist die Selbstvergiftung in Deutschland die von Frauen am zweithäufigsten und die von Männern (nach dem Erhängen und dem Erschießen) am dritthäufigsten gewählte Suizidmethode bei den vollendeten Suiziden: In den Jahren 2011 bis 2013 starben insgesamt 2042 Frauen und 2076 Männer auf diese Weise.Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2011; ; .

Medizinische Erkenntnisse und Bewertung In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird der Suizid durch Medikamente unter den Chiffren E950 (9. Revision, 1980) bzw. – bei präzisierender Ausdifferenzierung verschiedener Typen von Medikamenten – X62 bis X64 (10. Revision 2006) verzeichnet.

Suizid durch die Einnahme einer Überdosis Medikamente wird in der Fachliteratur üblicherweise als „weiche Suizidmethode“ klassifiziert, d. h. als eine nicht-gewalttätige und (theoretisch) mit geringen Schmerzen verbundene Suizidmethode, die vor allem von Menschen, deren Todeswunsch mit einem eher geringen Maß an Autoaggression verbunden ist, verwendet wird.

Substanzen Am häufigsten greifen Personen, die Suizidversuche mit Medikamenten unternehmen, zu Arzneimitteln, die dämpfend auf das zentrale Nervensystem wirken, sowie zu dem Analog-Antipyretikum Paracetamol. Letzteres war mindestens von 1997 bis 2005 nach Angaben der Giftnotrufzentralen das in Deutschland mit großem Abstand meistverwendete Medikament bei allen (d. h. den tödlich wie den nicht-tödlich endenden) Suizidversuchen.Packungsgröße. Suizidversuche mit Paracetamol. In: Fokus. Ebenfalls recht häufig sind Suizidversuche mit Antihypertensiva (Betablocker, Calciumkanalantagonisten, ACE-Hemmer). Unter den Antidepressiva werden insbesondere trizyklische Antidepressiva häufig als Mittel zur Durchführung von Suizidversuchen herangezogen: Vergiftungen mit trizyklischen Antidepressiva stellen in Deutschland die zweithäufigste Intoxikation bei Erwachsenen in suizidaler Absicht dar. Weitere in signifikantem Maße verwendete Medikamente sind Benzodiazepine, Barbiturate und andere Schlafmittel.

Selten greifen Menschen wahllos zu beliebigen ihnen gerade verfügbaren Arzneimitteln, die sie für giftig halten. Ebenfalls selten sind Suizidversuche mit Substanzen wie Pestiziden, Frostschutzmitteln, Lösungsmitteln oder anderen Chemikalien, die Privatpersonen für den Haushalt, den Garten oder den Hobbybereich zur Verfügung stehen.

Ein verbreitetes Szenario ist auch, dass Personen für die Durchführung eines Suizidversuches in kombinierter Weise zu mehreren verschiedenen Medikamenten oder zu Medikamenten in Verbindung mit Alkohol greifen. So ist die akute Einnahme von Paracetamol in Kombination mit hochprozentigem Alkohol ein häufiges Suizid-Mittel in England.Kompendium der medikamentösen Schmerztherapie Wirkungen, Nebenwirkungen und Kombinationsmöglichkeiten, Wien 2000, S. 8. Laut Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin werden bei rund 30 % aller Suizidversuche in Deutschland Medikamente mit Alkohol kombiniert.Suizidgefahr, in: Pharmazeutische Zeitung 17/2012.

Eine gelegentlich vorkommende Praxis ist, dass Personen, die einen Suizid mit Medikamenten unternehmen, zuvor Antibrechmittel (Antiemetika) einnehmen, um zu gewährleisten, dass die anschließend von ihnen eingenommenen – i. d. R. größeren – Medikamentenmengen vom Körper nicht infolge einer Aktivierung des Brechreizes (die bei der Einnahme größerer Medikamentenmengen häufig auftritt) wieder abgestoßen werden, sondern diese im Körper verbleiben, so dass diese ihre Wirkung entfalten.Manfred von Lewinski: Freiheit zum Tode? Annäherungen und Anstöße. S. 57; Ingo Wirth, Hansjürg Strauch: Rechtsmedizin: Grundwissen. 2006, S. 247 („Damit die verschluckten Tabletten nicht erbrochen werden, läßt sich gelegentlich die zusätzliche Verwendung von Mitteln gegen Erbrechen (Antiemetika) feststellen.“)

Toxizität Präzise Angaben darüber, welche Dosis eines bestimmten Medikamentes tödlich ist (oder welche Medikamente in welcher Kombination miteinander bei welchen Dosierungen tödlich sind), lassen sich in den meisten Fällen nur mit großen Einschränkungen machen. Grund hierfür ist, dass die tödliche oder nicht-tödliche Wirkung einer bestimmten Einnahmemenge eines bestimmten Medikamentes (oder einer Medikamenten-Kombination) von einer Vielzahl von Faktoren, wie dem Alter, der Größe, dem Körperbau, dem Körpergewicht, der allgemeinen Konstitution und Gesundheit, individuellen Anfälligkeiten oder Resistenzen u. a. mehr, der dieses Medikament einnehmenden Person, abhängt.

Da die Erhebung von definitiven Richtwerten zu der Frage, welche Dosis eines Medikamentes tödlich wirkt, durch die Durchführung von Experimenten mit lebenden Personen aus medizinalethischen Gründen kaum möglich ist, kann sich die Forschung in der Regel nur auf Daten stützen, die in den Notfallstationen von Krankenhäusern, in Leichenschauhäusern und ähnlichen Stellen durch die Begutachtung von an Medikamentensuiziden verstorbenen Personen erhoben werden. Die Informationsgrundlage, auf der derartige Untersuchungen von Verstorbenen aufbauen, ist naturgemäß in den meisten Fällen nur sehr begrenzt, da nur noch die Daten erhoben werden können, die sich aus der Leiche als solcher (v. a. aus anatomisch-physiologischen Kenntnissen, die sich aus der Besichtigung und/oder Obduktion des Körpers ziehen lassen) ergeben, während weitere für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn vitale Informationen (z. B. in welchem Tempo bzw. mit was für zeitlichen Abständen welche Mengen der final tödlich wirkenden Tabletten eingenommen wurden), aufgrund der Unmöglichkeit, solche Auskünfte von der verstorbenen Person (die i. d. R. die einzige ist, der diese Informationen bekannt sind) zu erlangen, häufig als ungeklärt offenbleiben müssen.

Sterbehilfe-Organisationen sowie prominente Verfechter des Rechtes auf einen selbstbestimmten Tod, wie Jean Améry, haben allerdings verschiedentlich aufgrund ihrer praktischen Tätigkeit in diesem Bereich bzw. ihrer eingehenden Auseinandersetzung mit der Materie tendenziell gültige Daten-Indizes zu der Frage, welche Dosierungen bestimmter Medikamente als Mindestdosis einzunehmen sind, damit die Chance einer tödlichen Wirkung besteht, und welche Dosierungen praktisch immer (also c.g.s. „definitiv“) den Tod hervorrufen, zusammengestellt. So existieren einschlägige Publikationen, die die medizinischen und toxikologischen Erkenntnisse zu dieser Frage zusammenstellen: Bekannt sind etwa die Broschüren A Guide to Self-Deliverance (herausgegeben von Exit England 1981), How to Die with Dignity (Exit Schottland 1980) oder der Leitfaden L’euthanasie légitimée der Niederländischen Vereinigung für freiwillige Lebensenden. Eine neuere Arbeit dieses Zuschnitts ist die Schrift Selbstbestimmt Sterben – Handreichung für einen rationalen Suizid.

Große Beachtung haben die Studien des Amerikaners Derek Humphry zu der Frage, wie sich ein möglichst angenehmer Tod praktisch bewerkstelligen lässt, gefunden: Dieser legte zunächst 1981 die Arbeit Let me die before I wake. Helmlock’s Book of Self-Deliverance for the Dying vor, der er 1991 sein Hauptwerk Final Exit. The Practicalities of Self-Deliverance and Assisted Suicide for the Dying nachfolgen ließ. Das zuletzt genannte Buch erfuhr, nachdem er zunächst ignoriert wurde, schließlich große Beachtung in den Medien und wurde in großer Zahl verkauft: Im März 1991 war Humphrys Buch in den Vereinigten Staaten das meistverkaufte Sachbuch überhaupt und im September 1991 war es sogar das meistverkaufte Buch aller Buchgattungen in den Vereinigten Staaten. Bis 1992 wurde Humphrys Werk in zwölf weitere Sprachen übersetzt.Donald DeMarco, Benjamin Wiker: Architects of the Culture of Death. 2004, S. 339.

Der als Verfechter des Rechtes auf Suizid bekannt gewordene Claude Guillon trug in den 1980er Jahren bei einer Querschnittsanalyse von medizinischen, toxikologischen und forensischen Werken, die sich mit dem Thema der Durchführung des Suizides mit Medikamenten befassen, die Richtwerte zu den letalen Dosierungen (LD) von damals (in Frankreich) gebräuchlichen Medikamenten aus den betreffenden Fachstudien zusammen.Nach Claude Guillon: Suicide, mode d’emploi: Histoire, technique, actualité. éd. Alain Moreau, Paris 1982, Kapitel 10.

2008 veröffentlichte die niederländische Stiftung zur Erforschung eines humanen, selbstbestimmten Sterbens („WOZZ-Sitchting“) in vierter Auflage das Werk Wege zu einem humanen selbstbestimmten Sterben in deutscher Sprache (die ersten drei Auflagen waren in niederländischer und englischer Sprache erschienen). Die Studie, die von einer Gruppe von renommierten Medizinern, Juristen und Soziologen unter Federführung des Anästhesisten Pieter Admiraal und des Psychiaters Boudewijn Chabot verfasst wurde, dokumentiert „gesicherte Informationen über Methoden humanen, selbstbestimmten Sterbens“ durch Selbsttötung mit Hilfe von Medikamenten. Das Werk fand starke mediale Resonanz und ein geteiltes Echo: Insbesondere von kirchlicher Seite wurde es angegriffen, während Verfechter des Rechtes auf einen selbstbestimmten Tod es lobten. 2012 wurde das Buch neu aufgelegt und zudem digital veröffentlicht.Digitalisat der Publikation auf der Website der Stiftung (PDF; 7,4 MB)Peter Wensierski: Niederländer veröffentlichen Sterbehilfe-Ratgeber auf Deutsch. Spiegel Online, 9. Juli 2008.