mini|Das Ysenburger Wappen findet sich als Blindstempel unter vielen Produkten des Steingutherstellers mini|Logo des Keramischen Ateliers Waechtersbach von Christian Neureuther Die Waechtersbacher Keramik war bis zum Jahr 2011 eine eigenständig produzierende Firma für Keramik. Sie wurde 1832 im hessischen Brachttal-Schlierbach in der Nähe der namensgebenden Stadt Wächtersbach gegründet. Zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts gehörte sie, sowohl was den Umfang der Produktion als auch deren gestalterische Qualität angeht, zu den bedeutendsten deutschen Herstellern von Waren aus Steingut. Aktuell ist WAECHTERSBACH GERMANY eine Marke der Könitz Porzellan GmbH in Unterwellenborn. Produziert wird derzeit in China, Thailand und Deutschland (Unterwellenborn-Könitz).

Geschichte mini|Verwaltungsgebäude mini|Weiteres Verwaltungsgebäude Tonfunde bei Wächtersbach Im Jahre 1829 wurde im Ysenburg-Waechtersbachschen Forst, im Revier Leite, ein Vorkommen von weißem Ton entdeckt. Eine Untersuchung ergab, dass er „hervorragend geeignet zur Herstellung von Steingutfabrikaten“ warJ. Ackermann, „Von Mühlen und Müllern bei Hesseldorf“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 40. L., August 2002, Nr. 262, ISSN 0931-2641, S. 5. Auch die weiteren zur Herstellung notwendigen Mineralien wie Kiesel, Kalktuff fanden sich in der näheren Umgebung. Auch der für Glasuren wichtige weiße Quarzsand wurde in bester Qualität im nahen Hellstein abgebaut.

Firmenanfänge So gründete am 8. Juni 1832 Graf Adolf zu Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach, zusammen mit anderen Teilhabern, eine Steingutfabrik in Weilers, die Waechtersbacher Keramik. „Die Gesellschaft bestand aus 7 Teilhabern, von denen 5 in Wächtersbach und 2 in Schlierbach wohnten“A. Amend und E. Lerch, „Von der Wächtersbacher Steingutfabrik in Schlierbach“, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, von Martin Schäfer, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. 7. Es begann mit der Verpflichtung der Töpfer von Wittgenborn zum Anlegen der Tongruben für das junge UnternehmenWilli Löwer, „Töpfer in Wittgenborn und in der Wächtersbacher Steingutfabrik“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 344, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.20, S. 1.

Am 1. Oktober 1832 begann die Produktion in einer angemieteten Hofraite in Weilers. Die notwendigen Mahlarbeiten zur Verarbeitung der Mineralien wurden in der angemieteten Hesseldorfer Mühle erledigt. Nachdem am 7. Mai 1833 mit dem Erwerb der Schlierbacher Mühle an der Bracht eine eigene Mühle vorhanden war, wurde zum 1. Januar 1834 die Produktion nach Schlierbach verlegt und dort im Laufe der Jahre systematisch ausgebaut.Eberhard Traum, Detailverliebt: geschaffen von Designern aus verschiedenen Epochen...

Da die Firma anfangs in Weilers und später in Schlierbach, aber niemals in Wächtersbach angesiedelt war, stellt sich die Frage nach dem Ursprung des Namens „Waechtersbacher Keramik“. Naheliegend ist zunächst die Zuordnung zum Namen ihres gräflichen Gründers Adolf II. von Ysenburg-Wächtersbach. Plausibel ist aber auch, dass mit der Wahl eines bekannten und renommierten Namens ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal erzielt wird.

In den Anfangsjahren von 1832 bis etwa 1845 produzierte sie hauptsächlich einfaches, weißes Gebrauchsgeschirr. 1840 wurde das Kupfer-Umdruckverfahren zur künstlerischen Dekoration eingeführt, 1870 der Steinbuntdruck.

Bahnanschluss und Personal mini|Fortuna, Glücksgöttin (C. Neureuther, um 1890), vor der Villa von Christian Neureuther mini|Christian Neureuther (1868–1929) „1857 ging die Fabrik in den Besitz des Fürsten von Ysenburg-Wächtersbach über“, …. Im gleichen Jahr wurde auch „…die Bahnlinie von Hanau am Main nach Wächtersbach in Betrieb“ genommen. „Dadurch wurde der Versand der Waren und der Bezug von Rohmaterialien bedeutend erleichtert“A. Amend und E. Lerch, „Von der Wächtersbacher Steingutfabrik in Schlierbach“, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, von Martin Schäfer, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. 7.

Auch die Personalseite der jungen Firma entwickelte sich von Anfang an positiv. Dazu trug die prekäre Situation der Töpfer im nahen Wittgenborn bei, die nicht zuletzt im Wettbewerb ihrer Waren mit den Keramik-Produkten aus Schlierbach unterlegen waren. Sie nahmen daher gern die sich bietende neue Erwerbsquelle an. Gleichzeitig brachten sie wichtiges Fachwissen in die Firma ein. Bald wurde die Waechtersbacher Keramik „zum wichtigsten Arbeitgeber für viele Wittgenbörner Bürger“. Es entstand der „Schlierbacher Fabriksweg“, ein Fußweg zwischen Wittgenborn und Schlierbach für die zu Fabrikarbeitern gewordenen ehemaligen Töpfer. Auf diesem Wege brachten die Ehefrauen der „Fabriker“, wie die Mitarbeiter der „Keramik“ genannt wurden, jeden Mittag ihren Männern in Henkelgefäßen das Mittagessen. Am Waldrand oberhalb von Schlierbach hatten diese sich durch Aufstellen von Bänken einen „Picknickplatz“ eingerichtetWilli Löwer, „Töpfer in Wittgenborn und in der Wächtersbacher Steingutfabrik“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 344, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.20, S. 2.

Jahre mit Dr. Carl Wilkens und Max Roesler Die Jahre 1861–1874 unter der Leitung des Chemikers Dr. Carl Wilkens waren gekennzeichnet durch eine „stetige Modernisierung, zur Verbesserung und Erweiterung der Produktionskapazitäten des Werkes“„Quellwasserleitung sorgt für Niedrigwasser der Bracht – Volker Kirchner erinnert an Jahr 1873 in Schlierbach und Dr. Carl Wilkens als Direktor der Steingutfabrik“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 14. Juli 2023. Sie führte, mit Arbeiten des Modelleurs Friedrich Adolph Peter die Waechtersbacher Keramik „auf internationales Parkett“, zur Weltausstellung in Wien und zu wirtschaftlichem Erfolg. In die letzten Jahre der Tätigkeit von Wilkens fällt die Inbetriebnahme der Quellwasserleitung zur Versorgung der Stadt Frankfurt mit Trinkwasser 1873. Sie führte zu einer bedrohlichen Abnahme der Produktionskapazität wegen Wassermangels. 1874 gingen der Modelleur Peter und Direktor Wilkens nacheinander zu Villeroy & Boch nach Dresden.

Ab Sommer 1874 übernahm Max Roesler, in der Nachfolge die technische und kaufmännische Leitung der Fabrik. Umfang und Qualität der Produktion steigerten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und erreichten, im Stil des Historismus ihren ersten Höhepunkt. Äußerst qualitätsvolle und technisch aufwendige Arbeiten belegen den hohen Standard in der Fabrikation, der von vielen Konkurrenten kopiert wurde. War die Waechtersbacher Keramik bis dato nur lokal vertreten, belieferte sie nun das gesamte Deutsche Reich.

Unter Roeslers Leitung steigerte sich die Zahl der Mitarbeiter von 220 auf knapp 500. Er förderte das künstlerische Talent einzelner Mitarbeiter und stellte mit Ernst Göbbel einen Zeichenlehrer in der Fabrik ein. Daneben schrieb er zahlreiche Artikel in keramischen Fachzeitschriften, ebenso wie in der Zeitung der Porzellanarbeitergewerkschaft.„Die Fabrik war alles für mich – Volker Kirchner erinnert an den 100. Todestag von Max Roesler“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 4. Juni 2022

Roesler kümmerte sich auch um die sozialen Belange seiner Mitarbeiter. So gründete er 1877 eine Fabriksparkasse, die den Arbeitern den Erwerb von Häusern ermöglichen sollte. Des Weiteren kam es zur Einrichtung einer Handarbeitsschule für junge Mädchen und eines Arbeitermusikvereins. Schon 1884 entstand ein Ältestenkollegium für Disziplinarangelegenheiten und 1888 eine Betriebszeitung, der Schlierbacher Fabrikbote. In der Fabrik baute er ein „Portierhaus mit Schulraum sowie Kantine, mit Saal und Turnraum“.„Die Fabrik war alles für mich – Volker Kirchner erinnert an den 100. Todestag von Max Roesler“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 4. Juni 2022

1885 setzte Max Roesler durch, dass Schloss Eisenhammer als Sägewerk eingerichtet wurde. Zunächst wurden hier nur Holzkisten zum Verpacken von Steingutprodukten hergestellt, dann auch Holzspielsachen. „Bald kamen kombinierte Produkte aus Holz und Keramik, Kleinmöbel, ganze Küchen und Schlafzimmer hinzu“. Die Entwürfe der Spielsachen stammten von dem Münchener Kunstgewerbler Franz (Jakob) Ringer (1865–1917) „Kunst für Kinder aus dem Eisenhammer – Der Münchner Franz Ringer entwarf Holzspielzeug, das in Schlierbach produziert wurde“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 24. Dezember 2022, S. 27. Die Zusammenarbeit mit Ringer, die zunächst zu hölzernen Spielsachen führte, setzte sich über lange Zeit, weit über die Roesler-Epoche hinweg fort. Später wurden in Schlierbach nach seinen Entwürfen auf Ständern drehbare Vogelhäuschen, mit bunten Keramik-Vögeln, aber auch sogenannte „Bonbonnieren“ in rechteckiger, runder und in Herzform gefertigt. Diese besaßen Deckel, die bunte Lebkuchen darstellten. „Noch im Warenkatalog 1936 von der Steingutfabrik“ finden sich diese Produkte.

1890 verließ Max Roesler die Fabrik im Streit, weil ihm vom Fürsten Bruno zu Ysenburg und Büdingen eine Beteiligung am Unternehmen verweigert wurde. Wenige Jahre später, 1894, gründete er die Max Roesler Feinsteingutfabrik in Rodach.

Die Aera Neureuther Am 1. April 1901 wurde Christian Neureuther die Gründung des Keramischen Ateliers Wächtersbach mit Zustimmung der Fabrikleitung der Wächtersbacher Steingutfabrik gestattet. Erst 1903 gelang es auf Betreiben des Direktors Dr. Ehrlich bei Fürst Ferdinand Maximilian III. von Ysenburg-Wächtersbach, innerhalb der Wächtersbacher Steingutfabrik eine selbstständige Kunstkeramische Abteilung unter Christian Neureuther anzugliedern.

Ab dem Jahr 1900 beteiligte sich die Wächtersbacher Steingutfabrik mit Neureuther an den Ausführungen einiger keramischer Entwürfe, die von Joseph Maria Olbrich und Hans Christiansen herrührten und für die erste Darmstädter Ausstellung – Ein Dokument Deutscher Kunst – bestimmt waren. Die Fabrik erhielt hierfür die Plakette Darmstadt 1901. Für die zweite Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie im Jahre 1904 wurden mehrere Vasen nach Entwürfen von Paul Haustein umgesetzt. In etwa ab 1906 kam es zur Zusammenarbeit mit Albin Müller, dem damals neuen Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie. Ebenso entwarfen der Spätromantiker Johann Georg Mohr und Joseph Kaspar Correggio für die Waechtersbacher Steingutfabrik.

In dieser Zeit fertigte die Waechtersbacher Keramik auch nach Entwürfen externer Künstler. Hierzu zählt z. B. ein Mokkaservice von Jutta Sika, einer Künstlerin der Wiener Werkstätte und ehemaligen Schülerin von Kolo Moser. Das Service wurde von Josef Böck in Wien vertriebenChristian Neureuther und die Wiener Schule – Volker Kirchner erinnert an die Kontakte des Schlierbacher Jugendstildesigners zur stilprägenden Wiener Werkstätte, Gelnhäuser Neue Zeitung, 24. April 2021. Diese Arbeit wirkte wegweisend zurück auf die eigene Waechtersbacher Produktion, etwa in Neureuthers Mokkaservice Dejeuner, mit seiner spektakulären Dreiecksgrundform; Die Teile dieses Service tragen als erste im Firmenbuch der Wächtersbacher Steingutfabrik den Zusatz „C.N.“ (für Christian Neureuther). Der hochkreative Künstler, er schuf über lange Zeiträume hinweg bis zu 11 Dekore pro Tag, blieb bis zu seinem Tode, 1921, mit der Wächtersbacher Steingutfabrik verbunden.

Der große Streik 1903/1904 in der Keramikfabrik Der „große Streik“ war eines der einschneidendsten Ereignisse in der Geschichte der Waechtersbacher Keramik und der Gemeinde Schlierbach, das auch überregional ausstrahlte„Der große Streik – Volker Kirchner erinnert an Ereignisse vor 120 Jahren in Schlierbacher Steingutfabrik“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 20. Oktober 2023, S. 24. Besonders davon betroffen waren alle Nachbargemeinden, aus denen Mitarbeiter der Keramik kamen. Allein schon die Dauer des Streiks war mit gut 8 Monaten außergewöhnlich.