Sculeni (rumänisch, in älteren deutschen Texten Skuleni, ) ist eine Gemeinde im Rajon Ungheni im Westen von der Republik Moldau, die aus den vier Dörfern Sculeni mit 2800 Einwohnern, Gherman mit 1730 Einwohnern, Blindeşti und Floreni besteht. Der Ort Sculeni am Grenzfluss Prut ist durch eine Straßenbrücke mit dem gleichnamigen Dorf auf der rumänischen Seite verbunden. Die Brücke an der Fernstraße Iași–Bălți ist einer der Hauptgrenzübergänge zwischen beiden Ländern.
Die von den griechischen Aufständischen der Filiki Eteria 1821 verlorene Schlacht von Sculeni stand am Anfang der Griechischen Revolution gegen das Osmanische Reich. Am 27. Juni 1941 verübten rumänische Truppen das erste große Massaker an Juden während der Eroberung Bessarabiens, als sie den auf der Verteidigungslinie der sowjetischen Armee gelegenen Ort angriffen.
Lage Sculeni liegt rund 130 Kilometer entlang der E58 nordwestlich der Landeshauptstadt Chișinău und rund 80 Kilometer entlang der E583 südwestlich der größten Stadt im Norden Moldaus, Bălṭi. Parallel zum Prut verläuft auf moldauischer Seite eine Straße flussaufwärts nach Norden bis Costești am Costești-Stausee und weiter ins Landesinnere nach Edineț. Nach Süden führt diese Straße als E58 bis zur 23 Kilometer entfernten Distrikthauptstadt Ungheni. Die Entfernung nach Iași, der größten Stadt im Nordosten Rumäniens, beträgt 30 Kilometer. Die Verbindung Sculeni–Sculeni ist einer der sechs Straßenübergänge zwischen Rumänien und Moldau.Mihaela Narcisa Niemczik-Arambașa: Alltag am östlichen Rand der EU, 2012, S. 62 Das erste rumänische Dorf Victoria an der Straße nach Iași ist fünf Kilometer von der Grenze entfernt und hat rund 1400 Einwohner. Die Gemeinde Sculeni liegt in der im Jahr 2000 gegründeten Europaregion Siret–Prut–Nistru (Oberer Prut).Mihaela Narcisa Niemczik-Arambașa: Alltag am östlichen Rand der EU, 2012, S. 54 Rumänen und Moldauer können visafrei das jeweilige Nachbarland besuchen. Sculeni liegt etwa in der Mitte der 684 Kilometer langen, vom Prut gebildeten Grenze. Für die moldauische Grenzregion ist der grenzüberschreitende Kleinhandel mit Obst und Gemüse zu den Märkten von Iași wirtschaftlich bedeutend. Der Kleinhandel wird als Hauptgrund für eine Reise der moldauischen Dorfbewohner der Region nach Rumänien angegeben, gefolgt vom Einkauf im Nachbarland.Mihaela Narcisa Niemczik-Arambașa: Alltag am östlichen Rand der EU, 2012, S. 78f Die nächstgelegene Bahnstation ist Ungheni (3 Stunden von dort per Bahn nach Chișinău).
Der Prut bildet in seinem Unterlauf an mehreren Stellen Feuchtgebiete in der Steppengraslandschaft. Flache, vom Fluss gespeiste Seen bei Cahul und Giurgiulești wurden zu Schutzzonen erklärt. Solche Seen tragen zum Ausgleich der jahreszeitlich bedingten Wasserschwankungen bei und stellen wertvolle Ökosysteme zur Bewahrung der Biodiversität dar. Zur Wasserregulierung dienen unterhalb des Costești-Stausees an mehreren Stellen Deiche längs des Flusses, die nach den Vorgaben des um Hochwasserschutz bemühten Ingenieurs Anghel Saligny seit 1965 errichtet wurden und die natürlichen Seen am Ufer, die Nebenarme und Sumpfgebiete zu Ackerflächen machten. Eines dieser regulierten Gebiete ist der Trifești-Sculeni-Deich zwischen Sculeni und dem flussaufwärts gelegenen rumänischen Ort Trifești. Hinter dem 1972 bis 1974 am Flussufer errichteten Deich ist eine Ebene entstanden, die durch mehrere parallel zum Fluss verlaufende Kanäle, die bis zum Grundwasser reichen, entwässert wird.Vlad Lăcrămioara Mirela, Bartha Josif, Ilas Ioan, Toma Daniel: Renaturation and Extension Solutions for Wetlands Inside Embanked Enclosures. In: Present Environment and Sustainable Development, Bd. 7, Nr. 1, 2013, S. 280–289, hier S. 283 Das für die Feldbewässerung nicht benötigte Wasser der Trifești-Sculeni-Eindeichung wird in den Prut und den Jijia, einen rechten Nebenfluss des Prut abgeleitet.Lăcrămioara Mirela Vlad, Petru Deliu, Iosif Bartha: Evolution of Water Resources in Floodplains of Embanked Rivers. In: Present Environment and Sustainable Development, Bd. 6, Nr. 1, 2012, S. 219–227, hier S. 221 Der Deich zwischen beiden Orten ist 30 Kilometer lang und durchschnittlich drei Meter hoch. Seit der Jahrtausendwende werden Untersuchungen angestellt mit dem Ziel, ehemalige Überschwemmungsflächen zu renaturieren. Der durchschnittliche Jahresniederschlag in der Region beträgt 500 Millimeter (Messstation Iași).Josif Bartha, Lăcrămioara Mirela Vlad, Daniel Toma, Daniel Toacă, Dorin Cotiușcă-Zaucă: Rehabilitation and Extension of Wetlands within Floodplains of Embanked Rivers. In: Environmental Engineering and Management Journal, Bd. 13, Nr. 12, Dezember 2014, S. 3143–3152, hier S. 3147
Geschichte Schlacht von Sculeni mini|hochkant|Schlacht von Sculeni. Kämpfer im Prut mit der Flagge der griechischen Revolution. Idealisiertes Gemälde von Peter von Hess Ab dem Anfang des 16. Jahrhunderts stand das Fürstentum Moldau unter der Vorherrschaft des Osmanischen Reichs. Mit dem Sieg des Russischen Kaiserreichs im Russisch-Türkischen Krieg 1812 wurde Moldau im Frieden von Bukarest aufgeteilt und Russland verschob seine bisherige Grenze am Dnister nach Westen bis an den Prut. Das übrige moldauische Territorium mit der Hauptstadt Iași blieb weiterhin unter osmanischer Führung, die Osthälfte Moldaus mit der Hauptstadt Bender erhielt den Namen Bessarabien und wurde zu einer russischen Provinz. Zur Kontrolle des Fürstentums Moldau hatten die Osmanen eine Phanarioten-Regierung installiert. Die aus Istanbul stammenden griechischen Phanarioten herrschten als Verwalter (Hospodar, ein Fürstentitel) und pressten ein Maximum an Steuern für den Sultan und für sich selbst heraus. Dagegen regte sich 1821 unter den Bürgern Widerstand. Der Führer der walachischen Aufständischen war Tudor Vladimirescu (um 1780–1821). Zur gleichen Zeit erhoben sich die Griechen, organisiert durch den patriotischen Bund Filiki Eteria, gegen die osmanische Ausbeutung. Alexander Ypsilantis, seit 1820 Anführer des griechischen Freiheitskampfes, begann den Aufstand mit einer Expedition in die nördlich von Griechenland gelegenen Donaufürstentümer. Überzeugt von seinem Erfolg überquerte er im März 1821 bei Sculeni den Prut und drang mit seiner Truppe bis in die Hauptstadt Iași vor. Die national gesinnte rumänische Bevölkerung versagte ihm jedoch ihre Unterstützung im Kampf gegen die Türken und griff stattdessen die verhassten phanariotischen Verwalter an. Am 19. Juni wurde Ypsilantis „Heiliges Bataillon“, wie er es nannte, von den Türken bei Drăgășani besiegt. Ypsilantis setzte sich von seiner Truppe ab und floh auf österreichisches Gebiet.
Die verbliebenen griechischen Aufständischen führten noch eine weitere Schlacht. Am 29. Juni 1821 warf sich eine anfangs von Gheorghe Cantacuzino geführte Truppe von rund 500 Mann bei Sculeni in den hoffnungslosen Kampf gegen die Osmanische Armee. Cantacuzino rettete sein Leben wie zuvor Ypsilantis und setzte sich nach Russland ab. Während der Gefechte floh rund ein Viertel der Griechen, indem sie über den Fluss schwammen. Die Mehrheit starb im Gefecht oder ertrank im Fluss. Die russischen Soldaten, die sich im Verlauf des Aufstands zurückgehalten hatten, beobachteten von der Ostseite des Flusses das Geschehen und bejubelten die griechischen Kämpfer. Der griechische Aufstand in der Moldau war somit niedergeschlagen. Ein wesentlicher Grund hierfür war, dass die rumänische Bevölkerung den Griechen feindselig gegenüberstand und deren Aufenthalt stets an die Türken meldete. Die letzten Getreuen des Befehlshabers Giorgakis Olympios, der in Sculeni dabei gewesen war, zogen sich zum Secu-Kloster bei Târgu Neamț zurück, wo sie vom türkischen Feind belagert wurden. Olympios, der den Türken nicht lebend in die Hände fallen wollte, kämpfte, bis es nicht mehr ging, feuerte dann seine Pistole in das Schießpulverdepot und starb in der Explosion. Ein anderer Revolutionär, Yiannis Pharmakis (1772–1821), hielt das Hauptgebäude des Klosters noch weitere zwei Wochen, bevor er sich nach einem Amnestieversprechen ergab. Die letzten 20 Verteidiger wurden von den Türken erschossen, Pharmakis nach Istanbul geschafft und dort öffentlich geköpft.W. Alison Phillips: The war of Greek independence, 1821 to 1833. Smith, Elder, & Co., London 1897, S. 42 (bei Internet Archive) Dieser für die Griechen erfolglose Beginn der Revolution mit den verlorenen Schlachten von Drăgășani und Sculeni erwies sich hingegen als günstig für die Rumänen, weil in dessen Folge Sultan Mahmud II. 1822 die Phanarioten absetzte.William Miller: The Ottoman Empire and its successors, 1801–1927. With an Appendix, 1927–1936. University Press, Cambridge 1936, S. 67–70
Die Schlacht von Sculeni verarbeitete Alexander Puschkin (1799–1837) in der Erzählung Der Schuss (russisch Vystrel) von 1830.Alexander Puschkin: Der Schuß. (bei Projekt Gutenberg) Die tödliche Schlacht, in die sich der Held Silvio am Ende begibt und dann spurlos verschwindet – wie es im letzten Satz der Erzählung heißt, wird als Metapher für den Selbstmord interpretiert. Zuvor hat Silvio, der als hervorragender Schütze beschrieben wird, zwei Duelle abgebrochen, ohne auf seinen Gegner zu zielen und somit ohne seine Ehre wiederhergestellt zu haben.Tanja Zimmermann: Der Balkan zwischen Ost und West: Mediale Bilder und kulturpolitische Prägungen. Böhlau, Köln 2014, S. 36–39
Auf Puschkins Der Schuss nimmt Walentin Petrowitsch Katajew (1897–1986) in seiner Erzählung „Der Friedhof von Skulyany“ (russisch Kladbishche v Skulyanakh, 1975) Bezug, die in einer nach innen gerichteten Vortragsweise und auf einer Art mythischer Erinnerung basierend autobiografische Züge trägt. Katajew erzählt von seinem Urgroßvater, der zur Zeit Puschkins lebte und dort begraben wurde, wo der Held in dessen Erzählung den Tod fand. Der Autor vermischt verschiedene Erzählebenen, beschreibt an einer Stelle so, als sei er selbst in Sculeni gestorben, um sich später auf die Rolle eines Kommentators zurückzuziehen.Anatoly Efros: The Craft of Rehearsal: Further Reflections on Interpretation and Practice. Peter Lang International Academic Publishers, Bern 2007, S. 154f Interpretieren lässt sich daraus die ideologische Absicht Katajews, eine Kontinuität zwischen der Zarenzeit des 19. Jahrhunderts und der Sowjetunion herstellen zu wollen.Maurice Friedberg: Reading for the Masses: Popular Soviet Fiction, 1976–80. Research Report. International Communication Agency, Washington 1981, S. 27
Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg mini|Der Prut am 21. Juni 1941 Aus dem Zusammenschluss der Moldau und der Walachei ging 1859 der Staat Rumänien hervor, der 1878 vom Osmanischen Reich unabhängig wurde. Nach 1812 kamen zahlreiche jüdische Handwerker und Händler aus Polen, der Ukraine und Galizien in das nunmehr russische Bessarabien. Um 1900 lebten in Sculeni 1555 Juden.Sculeni, Moldova. JewishGen Zwischen den Weltkriegen schloss Großrumänien Bessarabien ein. Von Ende Juni 1940 bis Ende Juni 1941 gehörten Bessarabien und Nordbukowina zur Sowjetunion, auf dem Gebiet von Bessarabien wurde die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) installiert. Zwischen dem 22. Juni und dem 26. Juli 1941 eroberten rumänische und deutsche Truppen, die als Achsenmächte vereint waren, Bessarabien zurück, das ohne formale Annexion beherrscht wurde.Andrei Brezianu: Historical Dictionary of the Republic of Moldova. (European Historical Dictionaries, No. 37) The Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2000, S. xxxiv