mini|hochkant=1.4|Cappella Carafa Die Carafa-Kapelle (Cappella Carafa) in der Basilika Santa Maria sopra Minerva in Rom ist durch die Fresken von Filippino Lippi berühmt und zählt zu den bedeutendsten Kapellen, die in der Zeit und im Stil der Frührenaissance zwischen 1488 und 1493 in Rom gestaltet wurden. Dargestellt ist der Ruhm der Gottesmutter Maria und des heiligen Thomas von Aquin, des mittelalterlichen Kirchenlehrers und Dominikaners.Brigitte Hintzen-Bohlen: Rom, S. 199. Die Kapelle ist nach ihrem Stifter Kardinal Oliviero Carafa benannt, der dem neapolitanischen Adelsgeschlecht der Carafa entstammte, und befindet sich an der Stirnseite des rechten Querschiffs.

Geschichte Kardinal Oliviero Carafa, Patron der Kapelle und einst Kardinalprotektor der Dominikaner, ließ sie Ende des 15. Jahrhunderts zu Ehren des heiligen Thomas von Aquin erbauen und 1493 weihen.Inschrift: OLIVERIVS CARAPHA CAR NEAP FECIT Auf Empfehlung von Lorenzo dem Prächtigen aus dem Hause Medici entschied der Kardinal, den knapp dreißigjährigen Florentiner Künstler Filippino Lippi mit der Freskierung der Kapelle zu betrauen. Filippino Lippi unterbrach seine Arbeiten an der Strozzi-Kapelle in Santa Maria Novella in Florenz und begann ab 1488 in der Kapelle im Querschiff der Basilika in Rom gemeinsam mit seinem Schüler Raffaellino del Garbo zu arbeiten. Als Papst Alexander VI. zum Fest Mariä Verkündigung im März 1493 der Kirche einen offiziellen Besuch abstattete, besuchte er zum Abschluss der Zeremonien die neu fertiggestellte Kapelle.Diarium des Johannes Burchard, Seite 57: … venit ad cappellam novam Annuntiate per Rmum D. cardinalem Neapolitanum factam Die gesamte Programmatik der Kapelle ist ein religiöses, heraldisches und diplomatisches Manifest der Tugenden des Kardinals. Die Freskenbemalung des anschließenden kleinen Raumes, der ursprünglich für die Aufnahme der sterblichen Überreste des Kardinals bestimmt war, jedoch nie dafür genutzt wurde, führte Raffaelino del Garbo aus.Kardinal Carafa wurde 1511 in der Cappella del Succorpo des Duomo di San Gennaro von Neapel bestattet. Der Fresken-Zyklus hat die Geschichte der Verginia und andere die Keuschheit betreffende Themen zum Inhalt.

Ausstattung Eingangsportal Das prachtvolle Eingangsportal zur Kapelle – in Form eines Triumphbogens gestaltet – bilden massive, kannelierte korinthische Pilaster mit ausladendem Gebälk und ein Bogen, der mit der Weihinschrift versehen ist: DIVAE MARIAE VIRGINI ANNVNTIATAE ET DIVO THOME AQVINAT SACRVM.Übersetzung: Heiligtum der göttlichen Jungfrau Maria Annunziata und des göttlichen Thomas von Aquin Die Ausführung wird Mino da Fiesole, Andrea del Verrocchio und Giuliano da Maiano zugeschrieben.Churches of Rome: http://romanchurches.wikia.com/wiki/Santa_Maria_sopra_Minerva Die kleine Inschrift auf dem Schlussstein erwähnt Kardinal Carafa. Die beiden Putten rechts und links auf dem Gebälk stammen von Andrea del Verrocchio. Die reiche, phantasievolle Ornamentik findet sich an allen (Schein-)Architekturelementen wieder.

Kapellen-Rückwand Für das Fresko auf der Rückwand der Carafa-Kapelle nimmt Filippino Lippi die reale Architektur des Kapellen-Portals auf und schafft so einen Raumeindruck von außergewöhnlicher Wirkungskraft, Tiefe und Größe. Durch die Staffelung teils realistischer und teils gemalter Architektur gelingt Filippino Lippi ein illusionistisches Raumgefühl. Die Wand hinter dem Altarbild scheint sich in eine spirituelle Welt zu öffnen. Die naturalistische Darstellung von Raum und Landschaft sowie die differenzierte Mimik und Gestik der einzelnen Personen bewirken einen direkten Bezug und sind typisch für die Malerei der Frührenaissance. Die Unterteilung von Himmel und Erde, von irdischer und spiritueller Welt wird durch perspektivische Linien und die Lichtführung erzeugt und dem Betrachter mehrere Bildebenen suggeriert. Den Schwerpunkt bildet das Altarbild mit der Verkündigung und, wie in anderen Sphären und weit entfernt erscheinend, obwohl sie räumlich auf derselben Ebene gemalt ist, die Himmelfahrt Mariens. Rechts und links des Altarbildes ist die Darstellung der Apostel, durch Farbgebung und Stil der irdischen Welt verbunden.

Verkündigung mini|hochkant=1.4|Verkündigung Das Bild befindet sich über dem Altar der Kapelle und ist in Freskotechnik gemalt. Es ist von zwei gemeißelten Pilastern mit korinthischen Kapitellen eingerahmt, die mit Grotesken verziert sind, die den Einfluss der in den 1480er Jahren wiederentdeckten Fresken in der Domus Aurea des Kaisers Nero zeigen.Fresken vom 13. bis 18. Jhd.: S. 276 und Brigitte Hintzen-Bohlen: Rom, S. 199. In der Scheinarchitektur des im Bild dargestellten Raums wird diese Darstellung der goldenen Verzierungen aufgenommen. Den oberen Abschluss bildet ein Gebälk mit Fries aus Engeln, Girlanden und Palmetten. Der breite, stuckierte Streifen über dem Gebälk ist reich mit Voluten, Vasen und männlichen Masken gestaltet und mit einem Fruchtkorb gekrönt. Er unterstreicht die optische Trennung der Welten. Der untere Teil des Altarbildes ist bei der Aufstellung des Tabernakels beschädigt worden.Loren Partridge: Die Renaissance in Rom, S. 86. Im Mittelpunkt des Altarbildes steht die Jungfrau Maria mit erhobener, segnender Hand zum knienden Kardinal gewandt, während sie seitlich den hereinschwebenden Erzengel Gabriel erblickt, der in wehende Gewänder gekleidet ist und von den Lichtstrahlen und der Taube des Heiligen Geistes geleitet wird. Maria steht vor einem Pult mit aufgeschlagenen Büchern, als hätte sie soeben in ihnen gelesen. Thomas von Aquin im Habit der Dominikaner blickt sie an und stellt den Kardinal vor. Der aufgezogene Vorhang dahinter enthüllt ein Stillleben in einer Mauernische: ein Regal mit Büchern und einer Glaskaraffe, das Symbol der Reinheit, mit einem Olivenzweig, als Anspielung auf den Namen des Kardinals Oliviero. Das Vestibül zur Linken, mit dem Wappen der Familie Carafa im Zentrum des Tonnengewölbes, greift die Form der angrenzenden Grabeskapelle auf. Die Haltung Mariens wird dahingehend gedeutet, dass die Kirche die grundlegende Vermittlerrolle bei der Erlösung spielt und Heilige, wie beispielsweise Thomas von Aquin, den Gläubigen als Fürsprecher und Vorbilder der Tugend zur Seite stehen. Die biblische Geschichte in einer präsenten, materiellen Umgebung sowie Maria in doppelter Rolle zum Zeitpunkt der Verkündigung darzustellen, stellt ein kunstgeschichtliches Novum dieser Zeit dar.

Himmelfahrt Mariens mini|hochkant=1.4|Himmelfahrt Mariens An beiden Seiten neben dem Altarbild leiten die Apostel den Blick des Betrachters empor zum Wunder, das sich im Himmel ereignet: die Himmelfahrt der Jungfrau. Der hl. Petrus, links auf einen Sarkophag gestützt, und der hl. Paulus knien nieder und blicken auf zur Gottesmutter Maria. Der hl. Thomas (links), der bei der Himmelfahrt nicht anwesend war, lenkt mit seinem ausgestreckten Arm die Blicke aller gen Himmel. Hinter den Aposteln schlängelt sich ein farbenfroher Zug von Menschen und exotischen Tieren, die eine befestigte Stadt verlassen; vielleicht eine Anspielung auf den triumphalen Empfang, den man dem Kardinal bei seiner Rückkehr vom siegreichen Feldzug gewährte. Die Giraffe hat Filippino Lippi vermutlich in Florenz gesehen, sie wurde einige Jahre vorher Lorenzo dem Prächtigen geschenkt und erregte lebhaftes Interesse bei der Bevölkerung. Über allem thronend steigt die Jungfrau Maria, den Blick nach unten gerichtet, auf einer Wolke empor, die von drei Engeln mit Fackeln, Symbolen der spirituellen Erleuchtung, gestützt und von Weihrauch schwenkenden Cherubim begleitet wird. Sie ist in einen goldenen Strahlenkranz und eine Mandorla aus blauen Cherubim gehüllt, Symbole der göttlichen Weisheit. Ein Reigen musizierender Engel verleiht dem Ereignis große Lebendigkeit, die durch das Linienspiel des Faltenwurfs und der umherfliegenden Bänder an den Gewändern unterstrichen wird: von rechts oben im Uhrzeigersinn ein Engel mit Dudelsack, einer mit einer Staffetta bzw. Triangel, darunter einer mit einer um den Leib geschnallten Trommel. Links von Maria weiter im Uhrzeigersinn ein Engel der ein dreiseitiges Tambourin de Béarn schlägt und gleichzeitig eine Galoubet, eine lange Einhandflöte spielt, darüber ein Engel mit einer Posaune mit Coulisse. Der Engel mit dem Tambour de basque bzw. Schellentrommel gibt des Rhythmus zum Fest der Klänge, die die himmlische Harmonie spiegeln. Die Verbindung zum Irdischen und Gegenwärtigen schaffen die beiden Engel rechts und links, die das Kardinalswappen in ihren Händen halten und allen Gläubigen präsentieren.

Gewölbe mini|hochkant=1.4|Deckenfresko; Sibyllen Das Kreuzrippengewölbe ist in vier Kappen unterteilt, auf denen vier Sibyllen dargestellt sind. Im Schnittpunkt der Rippen prangt in einem Medaillon das Wappen der Carafa. Die Muster der gemalten Umrahmung – es sind verflochtene Zweige mit Diamantringen, abwechselnd mit Büchern und Palmetten – setzen sich auf den Rippen fort. Die Diamantringe sind eine Anspielung auf die Medici, als Dank für die Schlichtung und Befriedung durch Lorenzo il Magnifico bei der Verschwörung der Barone, die das Königreich Neapel, das Herkunftsland der Carafa, 1485 mit Blut getränkt hatte. Die Bücher weisen auf die Kulturinteressen des Kardinals, der eine reich ausgestattete Bibliothek besaß. Sie ging als Erbe an den Konvent Santa Maria della Pace (Rom), wo er auch den Kreuzgang, erbaut durch den Baumeister Donato Bramante, finanziert hatte. Bei den Sibyllen war Filippino der erste Florentiner, der die Froschperspektive von unten nach oben verwendete. Das Vorbild war sicher das Fresko Christi Himmelfahrt von Melozzo da Forlì in der Basilika Santi XII Apostoli, das heute nur mehr in Teilen in den Vatikanischen Museen und dem Palazzo del Quirinale unter dem Titel Musizierende Engel erhalten ist. Filippino, vermutlich aber Raffaelino del Garbo, stellte die Cumäische, die Libysche, die Tiburtinische und die Delphische Sibylle dar. Ihre Namen erscheinen auf Schildern römischer Art links unten. Die weissagenden Sibyllen wurden wie die Propheten des Alten Testaments als Symbole der Weisheit betrachtet. In ihren Händen halten sie fliegende Schriftbänder mit Auszügen aus den Schriften des hl. Thomas. Flankiert werden sie von in Büchern lesenden oder schreibenden Engeln. Die halb entblößte Brust der Cumäischen Sibylle ist keine lüsterne Anspielung, wie später im 17. Jahrhundert üblich. Dies wäre mit dem strengen Charakter des Kardinals nicht vereinbar gewesen; vielmehr ist es ein Bezug zur mittelalterlichen Theologie, nach der die Weissagungen der Sibyllen für den Menschen denselben Wert hätten wie die Muttermilch für den Neugeborenen. Einige Körperhaltungen erinnern an die klassische römische Kunst, wie die nachdenkliche Haltung der Tiburtinischen und die überkreuzten Beine der Delphischen.

Rechte Seitenwand Die rechte Wand zeigt einen ähnlichen architektonischen Schmuck wie die Rückwand der Kapelle, ist aber durch ein Fries in ein zentrales Rechteck und eine Lünette darüber geteilt. Die Fresken Der Triumph des heiligen Thomas (oder Der heilige Thomas auf dem Lehrstuhl) und Das Wunder des heiligen Thomas (oder Das Wunder des Buches) stellen Wunder aus dem Leben von Thomas von Aquin, einem der bedeutendsten Kirchenlehrer und Dominikaner, dar.

Triumph des heiligen Thomas von Aquin mini|hochkant=1.4|Triumph des hl. Thomas Die Szene stellt Thomas auf dem Lehrstuhl dar. Sie ist in eine weitläufige Architektur, ausgerichtet auf einen Pavillon mit einem Kreuzrippengewölbe und Rundbogen im Zentrum gesetzt. Von diesem gelangt man rechts durch eine Arkade auf eine Terrasse, die sich zum nebenstehenden Gebäude hin fortsetzt. In der Nische sitzt Thomas von Aquin, flankiert von vier symbolischen Figuren. Darunter sind, außerhalb der Nische, zwei symmetrisch angeordnete Gruppen von Personen.