mini|hochkant|Kirche von Osten mini|Kirche von Süden Die Evangelische Kirche in Griedel, einem Stadtteil von Butzbach im Wetteraukreis in Mittelhessen, besteht aus einem runden, spätgotischen Chorturm des 14. Jahrhunderts und einer zweischiffigen Kirche, die 1909–1911 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus nach Plänen von Heinrich Walbe errichtet wurde. Sie ist ortsbildprägend und hessisches Kulturdenkmal., abgerufen am 5. Juli 2019.
Geschichte mini|hochkant|Gotische Sakramentsnische im Turmgewölbe mit den Wappen der Griedeler Grundherren Die Griedeler Kirche war wie die in Ostheim Filialkirche des Sendortes Nieder-Weisel, besaß im Jahr 1265 aber einen eigenen Pleban namens Arnold, der noch im Jahr 1297 im Amt war.Wolf: Zur Geschichte der Pfarrei St. Peter (Griedel). 1986, S. 15. Aufgrund dessen wird eine Kirche um 1250 angenommen, die später um ein Seitenschiff erweitert wurde. Um die Turmtür eingemauerte Fliesen stammen aus romanischer Zeit und weisen dasselbe Muster wie bei Fliesen in einer Kapelle aus Kloster Eberbach aus dem 12. Jahrhundert auf. Dies ist der bisher einzige Hinweis darauf, dass es möglicherweise vor 1250 eine Kirche in Griedel gegeben hat.Neue Fragen zur Griedeler Geschichte. In: Butzbacher Zeitung vom 3. März 2017, S. 19. Im Jahr 1344 wurde sie zur selbstständigen Pfarrkirche erhoben. Der Pastor der Mutterkirche behielt zunächst das Patronat, bis es 1356 an die dortige Johanniterkommende überging. Diese übte die Kollatur bis zur Aufhebung der Kommende im Jahr 1809 aus.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch. 1930, S. 160. Die Kirche besaß in vorreformatorischer Zeit mehrere Altäre,Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 176. einen Heiligkreuzaltar und einen Liebfrauenaltar sowie den Altar des Petrus. Im Jahr 1327 amtierten bereits mindestens zwei Priester in Griedel.Wolf: Zur Geschichte der Pfarrei St. Peter (Griedel). 1986, S. 18–19.
Kirchlich gehörte die Kirche unter dem Patrozinium von PetrusWolf: Zur Geschichte der Pfarrei St. Peter (Griedel). 1986, S. 13. im ausgehenden Mittelalter im Dekanat Friedberg im Archidiakonat St. Maria ad Gradus in der Erzdiözese Mainz zum Sendbezirk Niederweisel.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 29–30.
Der Turm wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch Stiftungen der Herren von Bellersheim und Kolnhausen an die Kirche angebaut. Dies begründet den wehrhaften Charakter des Turms und den Schlussstein mit dem Kolnhauser Wappen.Wolf: Zur Geschichte der Pfarrei St. Peter (Griedel). 1986, S. 26.
Mit Einführung der Reformation (1549 oder früher) nahm die Gemeinde das evangelisch-lutherische Bekenntnis an. Im Jahr 1539 wird zum letzten Mal eine Seelenmesse gefeiert und das Wort „Kommunion“ an Allerheiligen zum letzten Mal in den kirchlichen Rechnungsbüchern genannt. In diesem Jahr erhalten die „Communicanten“, nicht aber die gesamte Gemeinde zur Feier des Abendmahls Wein. Der Begriff „Nachtmahl“ erscheint in den Unterlagen erst ab 1567.Schunk-Larrabee: Bruchstücke der Geschichte. 2001, S. 39. In den Protokollen einer Visitation, die 1549 im gesamten Bistum Mainz durchgeführt wurde, ist zu lesen, dass der damalige Griedeler Pfarrer Petrus Dauernheim verheiratet war und nicht mehr die Messe nach römischem Ritus feierte. Die Sakramente verwahrte er nicht mehr in der Kirche und das Ewige Licht hatte er abgeschafft.Bertram: Die Kirchengemeinde und ihre Pfarrer seit der Reformation. 198, S. 32. Die Kirchengemeinde wechselte 1582 zum reformierten Bekenntnis, um 1624 zum lutherischen zurückzukehren und 1647 endgültig das reformierte anzunehmen.Schütte (Hrsg.): Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau. 2004, S. 407.
mini|links|Zeichnung der Kirche im Flurbuch von 1770 Die Kirche war bereits um 1610 renovierungsbedürftig; Im Jahr 1614 bat der Schultheiß um Gelder für eine Renovierung. Die Kirche erlitt im Dreißigjährigen Krieg Schäden, sodass 1637 die Gottesdienste in Butzach stattfinden mussten. Zwischen 1640 und 1642 folgten umfangreiche Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten, 1645 die Reparatur des Daches, 1653 weitere Renovierungen. Von 1760 bis 1774 waren Schulmeister Johannes Knoth und von 1774 bis 1777 Schulmeister Reinhard Daniel Bingel zweite Pfarrer in Griedel, allerdings mit wenig geistlichen Kompetenzen.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch. 1930, S. 160, 163. Während der Amtszeit von Pastor Johann Adolf wurde eine Kirchenrenovierung durchgeführt. Zufall beschrieb den Zustand der Kirche anlässlich seines Amtsantritts wie folgt: „Die Kirche glich eher einem Stall; dunkel und finster. Teile drohten gar einzustürzen.“Wetz: Der Kirchenbau in Griedel. 2011, S. 5. Im Jahr 1830 erhielt der Turm einen neuen Helmaufbau. Bis dahin war der spätgotische Pyramidenhelm mit vier flankierenden Wichhäuschen erhalten. Die Evangelischen aus Rockenberg und Marienschloss wurden im Jahr 1841 von Münzenberg nach Griedel eingepfarrt. Seit 1904/1905 bildeten sie eine selbstständige Kirchengemeinde, die im Filialverhältnis zu Griedel stand. In den Jahren 1888/1889 folgte eine umfassende Innenrenovierung.
mini|hochkant|Alte Kirche vor 1911 Nach ersten Verhandlungen im Jahr 1898 über einen Umbau oder Neubau, beschloss die Kirchengemeinde am 20. September 1909 den Kirchenneubau unter Beibehaltung des Turms. Dies geschah gegen die mehrfache Empfehlung des Denkmalpflegers Heinrich Walbe, dem zufolge „der Innenraum der Griedeler Kirche der malerischte und behaglichste Kirchenraum von ganz Oberhessen war“.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 177. Die Gemeinde verwarf den ersten Bauentwurf und bestand auf einer Vergrößerung auf 500 Sitzplätze. Nachdem Regierungsbaumeister Pfeiffer am 3. Februar 2011 die überarbeiteten Baupläne nach den Skizzen Walbes vorgelegt hatte,Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Heinz Wionski (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis II. 1999, S. 398. folgte der Abriss der alten zweischiffigen Kirche, die noch teilweise mittelalterlich war, ab dem 27. Februar 1911.Wetz: Der Kirchenbau in Griedel. 2011, S. 13. Beim Abriss wurde an der Laibung eines vermauerten Ostfensters eine figürliche Darstellung des heiligen Johannes aus dem 14. Jahrhundert entdeckt, die von Kirchenmaler Velte kopiert und auf eine Wand der Turmhalle übertragen, in den 1950er Jahren aber übertüncht wurde.Wolf: Aus der Baugeschichte der alten Pfarrkirche (Griedel). 1986, S. 67–68 (mit Abbildung). Am 30. März 1911 wurden die Bauarbeiten vergeben. Am 30. April erfolgte die Grundsteinlegung. Das Mauerwerk wurde am 10. Juni fertiggestellt. Der Neubau der zweischiffigen Anlage wurde am 10. Dezember 1911 eingeweiht. Die Turmhalle, die einst als Chorraum gedient hatte und in die später Gestühl und Emporen eingebaut worden waren, wurde von den Einbauten befreit und durch ein Eisengitter vom Hauptschiff abgetrennt. Form, Ausstattung und Ausmalung der neuen Kirche orientieren sich am mittelalterlichen Vorgängerbau,Siehe die Fotos der alten Kirche in: Wagner: Die evangelische Kirche in Griedel. 2001, S. 44. allerdings auf vergrößertem Grundriss.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 178. Die gesamten Baukosten inklusive Abbrucharbeiten und Orgelneubau betrugen 61.309 Mark.Wetz: Der Kirchenbau in Griedel. 2011, S. 14.
Die Kirchengemeinde ist mit Rockenberg und Oppershofen pfarramtlich verbunden. Sie gehört im Evangelischen Dekanat Wetterau in der Propstei Oberhessen zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau., abgerufen am 9. September 2021.
Architektur mini|hochkant|Blick von Westen auf das Kirchenschiff mini|Turmgewölbe Die Kirche am südöstlichen Ortsrand ist nicht genau geostet, sondern nach Nordost ausgerichtet. Der spätgotische Turm des 14. Jahrhunderts ist aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk auf einer leichten Erhebung errichtet. Das Langhaus von 1911 ist ein weiß verputzter Fachwerkbau.
Regional ungewöhnlich ist, dass der Chorturm über einem runden Grundriss aufgemauert ist.Wolf: Aus der Baugeschichte der alten Pfarrkirche (Griedel). 1986, S. 71. In der älteren Forschung wurde die Auffassung vertreten, der Turm sei älter als der Vorgängerbau des heutigen Kirchenschiffs oder habe freistehend als Bergfried der Burg Griedel gedient.Knappe: Mittelalterliche Burgen in Hessen. 1994, S. 326. Das einheitliche Mauerwerk mit seinen gotischen Maßwerkfenstern spricht jedoch für eine Entstehung im 14. Jahrhundert und dafür, dass der Turm an ein älteres Kirchenschiff angebaut wurde.Wolf: Aus der Baugeschichte der alten Pfarrkirche (Griedel). 1986, S. 71–72. Der wehrhafte Chorturm (8 Meter Durchmesser) aus Basalt und Sandstein ist in das Langhaus eingebunden und schneidet dessen Satteldach, das mit kleinen Gauben bestückt ist. Die Mauern des Turms erreichen eine Stärke von 1,90 Metern und eine Höhe von etwa 12 Metern. Der viergeschossige Rundturm wird heute im Norden durch ein Portal mit Segmentbogen erschlossen, dem sich ein spitzbogiger Durchgang durch das Mauerwerk anschließt. Ursprünglich führte die spitzbogige Tür aus der Turmhalle in einen nördlichen Turmanbau, der wahrscheinlich als Sakristei gedient hat.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Heinz Wionski (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis II. 1999, S. 399. Im äußeren Mauerwerk weisen die Reste der Gewölbekappen auf einen überkuppelten Raum und die erhaltenen Auflagersteine auf ein niedriges Pult- oder Pyramidendach.Wolf: Aus der Baugeschichte der alten Pfarrkirche (Griedel). 1986, S. 73. Das Erdgeschoss wird durch zwei gotische Maßwerkfenster aus schwarzem Lungstein mit Dreipässen und Vierpass im Spitzbogen belichtet.Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. 2008, S. 377. In einem Obergeschoss sind im Norden ein kleines Spitzbogenfenster und im Südwesten ein Fenster aus Lungstein mit Dreipass eingelassen. Ansonsten sind die Obergeschosse fensterlos. An der Südseite führt eine Steintreppe zum rechteckigen Eingang des Seitenschiffs. Der vollständig verschieferte, hölzerne Turmhelm von 1830 entwickelt sich über sechs Gauben mit rechteckigen Schallöffnungen und Dreiecksgiebelchen. Ein Teil der alten Dachbalkenkonstruktion wurde 1830 übernommen und ist in Höhe der Glockenstube erhalten.Wolf: Aus der Baugeschichte der alten Pfarrkirche (Griedel). 1986, S. 74. Geschwungene Pultdächer leiten zum kleinen oktogonalen Obergeschoss über, das kleine rechteckige Schallöffnungen und im Norden das Ziffernblatt der Turmuhr hat. Ein kleiner Spitzhelm wird von Turmknauf, Kreuz und vergoldetem Wetterhahn bekrönt.