mini|400px|Studentensyndrom (in Anlehnung an eine Grafik von Lawrence P. LeachLawrence P. Leach: Critical Chain Project Management. Artech House: Boston, London, 2. Auflage, 2004, ISBN 978-1-58053-903-6, S. 71.) Als Prokrastination (vom lateinischen Substantiv procrastinatio („Aufschub“, „Vertagung“), das zusammengesetzt ist aus dem Präfix („vor-, vorwärts-“) und dem Substantiv ,-i („morgiger Tag“; vgl. das Adverb cras = „morgen“)), auch „extremes Aufschieben“, wird das Leiden an einer Störung bezeichnet, die durch ein unnötiges Vertagen des Beginns oder durch Unterbrechen von Aufgaben gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen nicht oder nur unter Druck zustande kommt. Das Gegenteil der Prokrastination ist die Präkrastination, d. h., alles möglichst schnell erledigen zu wollen.
Allgemeines Umgangssprachlich wird von „Bummelei“, „Aufschieberitis“ oder „Drückebergeritis“ gesprochen. Dies geht oft mit einem Leidensdruck einher. Die Störung wird insbesondere bei Personen beobachtet, die überwiegend selbstbestimmt arbeiten, wie Studenten oder Journalisten. Betroffene leiden meist dauerhaft darunter und berichten teilweise, bereits zu Schulzeiten Probleme gehabt zu haben, die sich in ihrem späteren Berufs- und Privatleben fortgesetzt haben. Eine genaue Prävalenz-Angabe ist wegen der ungenauen Kriterien zur Diagnose als Störungsbild schwierig. Studien schätzen diese auf zwischen 10 und 30 Prozent. Schätzungen für die Prävalenz unter Studierenden liegen zwischen 20 und 30 %.
Prokrastination kann oft von fehlenden Planungs- oder Zeitmanagement-Fähigkeiten abgegrenzt werden. Vielmehr leiden die Betroffenen unter einer Unfähigkeit, mit den (negativen) Emotionen umzugehen, die mit einer bestimmten Tätigkeit verbunden sind. Die oftmals durchgeführten Ersatztätigkeiten (z. B. Wohnung aufräumen anstelle für eine Prüfung zu lernen, oder neue Fähigkeiten zu erlernen anstelle intellektuell wenig stimulierende Fleißarbeit anzupacken) sprechen auch gegen Faulheit.
Abgrenzung zum Trödeln Pathologisches Aufschieben muss unterschieden werden vom alltäglichen Trödeln, zum Beispiel vom Aufschieben bei ungeliebten (aversiven) Aufgaben, Vertagen von Aufgaben aufgrund anderer, nötiger Prioritätensetzung, erfolgreichen Arbeiten kurz vor einer Frist, wodurch es weder zu Leistungseinbußen noch zu subjektivem Leiden kommt.
Im Jahr 1997 prägte Eliyahu M. Goldratt den Begriff „Studentensyndrom“ als Synonym für „Prokrastination“.Eliyahu M. Goldratt: Critical Chain. North River Press: Great Barrington (MA), 1997, ISBN 0-88427-153-6. Dieser Begriff wird insbesondere im Bereich des Critical-Chain-Projektmanagement (und auch im Bildungswesen) verwendet.
Störungsbild Prokrastination bezeichnet ein Verhalten, das dadurch gekennzeichnet ist, dass Aufgaben trotz vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten entweder nicht oder erst nach sehr langer Zeit und dabei oft zu spät erledigt werden. Stattdessen werden häufig Alternativtätigkeiten ausgeführt, die relativ angenehmer sind oder unmittelbare Verstärkung ermöglichen (z. B. Putzen). Es führt zu subjektivem Leiden, da die Betroffenen ihre Aufgaben gar nicht oder nur unter sehr großen Mühen fertigstellen.
In Analogie zu DSM-Kriterien anderer klinischer Störungen (Kriterien aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, die festlegen, ab wann jemand z. B. eine Depression oder bestimmte Angststörung hat) wurden Merkmale definiert, die mithilfe des DKP (Fragebogen zu den Diagnosekriterien ProkrastinationA. Höcker, M. Engberding, F. Rist: Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Hogrefe, Göttingen 2013.) erfasst werden können. Dennoch wird Prokrastination weder im DSM noch im ICD als eigenständige psychische Störung aufgeführt.
Betroffene tun überwiegend nicht mehr das, was sie eigentlich tun wollen, und leiden häufig auch unter Selbstabwertung. Prokrastination beeinträchtigt nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen. Es ist nicht mit Faulheit zu erklären, sondern es handelt sich um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung. Für die akademische Prokrastination typisch ist eine hyperbelartige Verteilung der Aufgabenbewältigung in der Gesamtpopulation zwischen Zeitpunkt der Aufgabenstellung und Abgabetermin.A. J. Howell, D. C. Watson, R. A. Powell, K. Buro: Academic Procrastination: The Pattern and Correlates of Behavioral Postponement. In: Personality and Individual Differences. 40(2006), S. 1519–1530.
Entscheidungsfaktoren Betroffene entscheiden, was sie fortführen und was sie ausführen, abhängig von mehreren Faktoren. Dazu zählen:
Momentane Stimmung Auswirkung der Tätigkeit auf die Stimmung Antizipation von Misserfolg und Erfolg Ergebnis der Abwägung von Kosten und Nutzen zwischen später tun und jetzt tun
Folgen Auch wenn häufig zwischen akademischer (= studentischer) und Alltagsprokrastination unterschieden wird, sind in der Regel beide Bereiche in ähnlicher Weise betroffen. Konsequenzen sind: Schlechtere Leistung Anhaltende Unzufriedenheit Schuldgefühle Körperliche Beschwerden Psychische Beschwerden
Zu den körperlichen und psychischen Beschwerden gehören zum Beispiel Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Magen- und Verdauungsprobleme, innere Unruhe, Anspannung, Druckgefühl, Angst oder Hilflosigkeit.
Bulimielernen
Prokrastination beim Lernen und damit verbundener Zeitmangel führt häufig zum umgangssprachlich bezeichneten Bulimielernen, bei dem die betroffene Person den zu lernenden Stoff kurzfristig auswendiglernt, um ihn in der Leistungsbeurteilung aufzählen zu können, ihn jedoch nach der Abfrage relativ schnell wieder vergisst und dadurch mangels Übung und tiefgreifenden Verständnisses meist nicht auf ähnliche Probleme anwenden kann.
Bedingungen Das Verhalten tritt insbesondere dann zutage, wenn die Bedingungen zur Zielerreichung wenig konkret sind, aber auch, wenn die Aufgabe als besonders groß oder aus anderen Gründen als besonders unangenehm (aversiv) wahrgenommen wird. In der Literatur wird ein behaviorales Bedingungsmodell zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Aufschiebeverhaltens angenommen (vgl.). Danach hat man immer die Möglichkeit, eine Aufgabe später (Längskonkurrenz) zu erledigen oder jetzt (Querkonkurrenz) eine andere Tätigkeit zu wählen. Durch das Nicht-Ausführen der unangenehmen Tätigkeit kommt es einerseits durch den vorübergehenden Wegfall negativer Gefühle und Konsequenzen zu einer Spannungsreduktion und dadurch im Sinne von Konditionierungstheorien zu negativer Verstärkung, durch das Ausführen einer im Vergleich weniger unangenehmen, also positiveren Tätigkeit (z. B. Putzen) kommt es zudem zu positiver Verstärkung. Beides sorgt kurzfristig für ein besseres Gefühl, langfristig aber zu Leistungsrückstand, Stress, Selbstabwertung und schlechtem Gewissen. Dieses Modell sollte immer individuell angepasst werden – insbesondere wenn es um die individuellen prokrastinationsfördernden Bedingungen geht. Darauf weisen die Autoren ausdrücklich hin.
Damit dieses Verhalten als nicht-selbstwertschädigend empfunden wird, kommt es bei Betroffenen oft zu einer Reihe von Rationalisierungen, mit denen das Verhalten dann vermeintlich erklärt wird. Einige Forscher unterscheiden zudem zwischen aktivem und passivem Prokrastinieren:J. R. Ferrari, J. L. Johnson, W. G. McCown: Procrastination and Task Avoidance. Theory, Research, and Treatment. Plenum, New York 1995.A. H. Chun Chu, J. N. Choi: Rethinking procrastination: Positive effects of "active" procrastination behavior on attitudes and performance. In: The Journal of Social Psychology. Band 145, Nr. 3, 2005, S. 245–264. Während der erste Typ (active/arousal) absichtlich bis zum letzten Moment wartet und dann aktiv durcharbeitet, zeigt der zweite (passive/avoidant) Vermeidung und Nichterledigen. Empirisch hängen beide aber stark miteinander zusammen,J. Ferrari, J. O’Callaghan, I. Newbegin: Prevalence of procrastination in the United States, United Kingdom, and Australia: Arousal and avoidance delays among adults. In: North American Journal of Psychology. Band 7, 2005, S. 1–6. eine Unterscheidung scheint in der Praxis aufgrund des hohen Zusammenhangs der beiden vermeintlichen Typen (Korrelation von r = 0.68) jedoch unangemessen.F. Rist, M. Engberding, J. Patzelt, J. Beißner: Aber morgen fange ich richtig an! Prokrastination als verbreitete Arbeitsstörung. In: Personalführung. Band 6, 2006, S. 64–78.P. Steel: Arousal, avoidant and decisional procrastinators: Do they exist? In: Personality and Individual Differences. Band 48, 2010, S. 926–934. Je nach Kriterium und Studie bezeichnen sich 10 bis 75 % der Befragten als „Aufschieber“. Die geschätzte Häufigkeit hängt demnach extrem davon ab, wie eine Studie nach dem Aufschieben fragt.A. Höcker: Effektive Behandlung von Prokrastination: Evaluation verschiedener Behandlungsmethoden. Dissertation. Universität Münster 2010. Prokrastination im Sinne „problematischen“ oder „extremen“ Aufschiebens ist deutlich seltener, Studien sprechen für eine Auftretenshäufigkeit von durchschnittlich 10 %, auch nach den Diagnosekriterien Prokrastination (DKP) der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster.
Diagnostik Zur Diagnostik können neben störungsspezifischen Instrumenten (Academic Procrastination State Inventory, APSI+;Andreas Helmke, Friedrich‐Wilhelm Schrader: Procrastination im Studium – Erscheinungsformen und motivationale Bedingungen. In: U. Schiefele, K.-P. Wild (Hrsg.): Interesse und Lernmotivation. Untersuchungen zu Entwicklung, Förderung und Wirkung. Waxmann, Münster 2000, S. 207–225. Allgemeiner Prokrastinationsfragebogen, APROF; DKP) auch Fragebögen zur Differentialdiagnostik eingesetzt werden, um nicht nur Komorbiditäten zu erfassen, sondern auch andere Erkrankungen zu ermitteln, die möglicherweise die Störung besser erklären.
Differenzielle Abklärung und komorbide Störungen Prokrastination kann unterschiedliche Ursachen haben und tritt nicht immer als eigenständiges Phänomen auf. Differenzialdiagnostisch ist zunächst zu prüfen, ob Leistungsdefizite durch nicht-klinische Faktoren erklärbar sind, etwa durch Prüfungsangst, inadäquate Lern- und Arbeitstechniken oder eine Diskrepanz zwischen Fähigkeiten und Anforderungen. Solche Rahmenbedingungen sollten ausgeschlossen werden, bevor eine klinische Einordnung erfolgt.
Darüber hinaus kann Prokrastination als Begleitsymptom verschiedener psychischer Störungen auftreten. Besonders eng ist der Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Mehrere Untersuchungen zeigen, dass insbesondere Unaufmerksamkeit und Defizite im Selbstmanagement mit erhöhter Prokrastination einhergehen. Weitere Befunde weisen darauf hin, dass Störungen der Emotionsregulation und ein geringes Selbstwertgefühl diese Zusammenhänge zusätzlich vermitteln.
Auch affektive Störungen sind von Bedeutung: Prokrastination kann ein Symptom depressiver Episoden sein und steht in Zusammenhang mit erhöhter psychischer Belastung, Stress und Angst. Zudem gibt es Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Prokrastination und Zwangsstörungen. So berichten Betroffene mit Zwangssymptomen häufiger über ausgeprägte Entscheidungs- und Vermeidungsprokrastination.
Insgesamt wird Prokrastination in der Fachliteratur überwiegend als dimensionales Merkmal verstanden, dessen klinische Relevanz sich aus Häufigkeit, Dauer, Ausmaß der Beeinträchtigung und begleitenden Symptomen ergibt.
Behandlungsansätze