mini|Karystos und Berg Ochi mini|Drachenhaus auf Berg Ochi mini|Ochi-Drachenhaus: Südfront mini|Ochi-Drachenhaus: Dach mini|Ochi-Drachenhaus: Eingang mini|Ochi-Drachenhaus: Eingangsbereich von innen mini|Ochi-Drachenhaus: Nord-Ost-Ecke mini|Palli-Lakka-Drachenhäuser: Haus Süd mini|Palli-Lakka-Drachenhäuser: Haus Nord mini|Palli-Lakka-Drachenhäuser: Haus Ost mini|Drachenhaus bei Kapsala (Euböa)
Drachenhäuser – griechisch Drakospita (Δρακόσπιτα) oder Draga (Δραγκά) – ist die Bezeichnung für mehr als 20 Ruinen monumentaler, rechteckiger Gebäude aus lokalem Gestein, die zerstreut im Süden Euböas liegen. Die Gebäudemauern sind mörtellos aus gewaltigen Steinblöcken und -platten errichtet und die Dächer aus großen, flachen Steinen in Kraggewölbe-Technik. Am besten erhalten und am bekanntesten sind das Drachenhaus auf dem Berg Ochi (Δρακόσπιτο της Όχης) nördlich von Karystos und die drei „Palli-Lakka“-Drachenhäuser (Πάλλη-Λάκκα Δραγκά) im Gebiet der antiken Marmorsteinbrüche am Berg Kliosi (Κλίόσί) oberhalb von Styra. In lokalen Legenden werden Errichtung und Nutzung der rätselhaften Bauten „Drachen“, Wesen mit übermenschlichen Kräften, zugeschrieben. Wissenschaftliche Deutungsversuche der Bauwerke reichen von frühen Vorläufern griechischer Tempel über Sennhütten bis zu profanen und kultischen Bauten karischer Steinbrucharbeiter.
Entdeckungsgeschichte Am 21. Oktober 1797 bestieg der britische Geologe, Reisende und Schriftsteller John HawkinsJohn Hawkins: An Account of the Discovery of a very Ancient Temple on Mount Ocha in Euboea. In: R. Walpole: Travels in Various Countries of the East. London 1820, S. 285‐293 (online). den Berg Ochi bei Karystos, der schon in der Antike den Namen Oche trug.Strabon, Geographie 10,1,6 (online): (Karystos liegt am Fuss des Berges Ocha). Hawkins war in der Bucht von Karysto an Land gegangen, um auf dem 1398 Meter hohen Berg zu triangulieren. Unvermutet stieß er auf dem zerklüfteten Gipfel auf das wuchtige Gebäude, das heute Ochi-Drachenhaus genannt wird. Er vermaß und skizzierte es und kam zu dem Schluss, dass es sich hier um einen frühen Vorläufer der griechischen Tempel handle. Seine Entdeckung lockte seither immer wieder Archäologen an, so insbesondere Heinrich Ulrichs, der zusammen mit Friedrich Gottlieb Welcker das Ochi-Drachenhaus untersuchte und seine Erkenntnisse 1842Heinrich Ulrichs: Intorno il tempio di Giunone sul Monte Ocha vicino a Carystos. In: Annali dell’Instituto di Corrispondenza Archaeologica, Rom 1842, S. 5–11. und 1863Heinrich Ulrichs: Ueber den Tempel der Juno auf dem Berge Ocha bei Carystos in: A. Passow (Hrsg.): Reisen und Forschungen in Griechenland. Weidmann, Berlin 1863, Band 2, S. 252–259 (online) publizierte.
Zehn Jahre nach Ulrichs besuchte der französische Altphilologe Jules Girard Euböa. Er beschrieb nicht nur das Ochi-Drachenhaus, sondern erstellte auch eine erste Beschreibung der drei Palli-Lakka-Drachenhäuser.Jules Girard: Mémoire sur l‘île d‘Eubée. In: Archives des missions scientifiques et littéraires. Paris 1851, Band 2, S. 708–714 und Abbildung (ohne Seitennummer auf S. 730 folgend) (online) Neuere Berichte, welche ebenfalls die Palli-Lakka-Drachenhäuser erwähnen, haben beispielsweise die amerikanischen Archäologen Jean Carpenter und Dan Boyd verfasst.Jean Carpenter, Dan Boyd: The Dragon-Houses of Southern Euboia. In: Archaeology 29, 1976, S. 250‐257.Jean Carpenter, Dan Boyd: Dragon-Houses: Euboia, Attica, Karia. In: American Journal of Archaeology, 81, 1977, S. 179–215
Über Funde weiterer Drachenhäuser existieren insbesondere griechische Fachartikel, die allerdings keine präzisen Ortsangaben enthalten. Der Schweizer Archäologe Karl Reber hat diese Bauwerke aufgespürt und mit englischsprachigen Artikeln einem größeren Publikum bekannt gemacht.Karl Reber: The Dragon Houses of Styra: Topography, Architecture and Function. In: Mediterranean Archaeology and Archaeometry, Band 10, 2010, Nr. 3, S. 53‐61 ()
Heute sind die Palli-Lakka-Drachenhäuser ein beliebtes und gut ausgeschildertes Ziel für Wanderer, die in Alt-Styra starten und typischerweise dabei auch die antiken Cipollino-Steinbrüche und die „Akropolis von Styra“ auf dem Berg Kliosi (685 m) als Ziel haben. Ein Aufstieg vom Karystos-Stadtteil Myli (Μύλοί) zum Drachenhaus auf dem Ochi ist dagegen deutlich anspruchsvoller.Route auf Google Maps Karte: Myli – Ochi-Drachenhaus – Dimosari-Schlucht – Kalianos (griechisch)
Bauweise Ochi-Drachenhaus Das Drachenhaus auf dem Berg Ochi liegt auf 1386 Meter Höhe zwischen zwei Gipfelspitzen auf einem kleinen Plateau (38°03’31”N 24°28’03”E), das nach Osten einen Blick auf die Meerenge von Kafirea und bei klarer Sicht sogar bis nach Chios bietet. Das rechteckige Gebäude (Außenmaße: 12,7 m × 7,7 m) ist aus großen Quadern und Platten des langschichtigen Glimmerschiefers der Umgebung gefertigt und grenzt mit seiner nördlichen Längsfront an die zerklüfteten Felsen des nördlichen Gipfels (1398 m).
Die Wände des Gebäudes wurden aus Steinlagen ungleicher Höhe ohne Mörtel mit überwiegend senkrechtem Fugenschnitt gebaut. Steinblöcke sind mit Plattenmauerwerk sorgfältig verzahnt, wobei im Inneren auch Wandpartien mit Polygonalmauerwerk zu sehen sind. Die Steinfronten sind meist etwas bossiert und ihre Ränder geglättet. Die Nordwand und die beiden seitlichen Wände sind fensterlos. Die Südwand hat mittig eine Eingangstür (Höhe: 2,1 m, Breite: 1,2 m) und zu beiden Seiten der Tür ein schmales Fenster (Höhe: 0,85 m, Breite: 0,45 m). Die Wände sind im Mittel 1,4 m dick, um das schwere Dach tragen zu können. Ihre Höhe im Innenraum beträgt 2,4 m. Der Innenraum ist ca. 48 Quadratmeter groß und war früher mit Bodenplatten belegt.
Das Dach ist in der Art eines Kraggewölbes gebaut. Vom Rand aller vier Wände her sind Reihen von langen Steinplatten – zum Ablauf des Regenwassers nach außen leicht geneigt durch eine Mauerkrone aus Steinen einheitlicher Dicke – jeweils so gelegt, dass jede Schicht etwas weiter in das Innere hineinragt als die vorher gelegte. Das aus vier Schichten resultierende Walmdach ist relativ niedrig und hat keinen First, sondern einen Dachspalt von 6,0 m × 0,5 m. Gefunden wurden auch Abdeckplatten für den Dachspalt, darunter zwei mit einer kreisförmigen Öffnung, die offensichtlich als Rauchfang gedient hat.Theodor Wiegand: Der angebliche Urtempel auf der Ocha. In: Mitteilungen des deutschen archäologischen Instituts (Athenische Abteilung), Band 21, 1896, S. 11–17 (online).
Der Eingang des Gebäudes ist besonders aufwändig gestaltet. Die beiden Türpfosten sind Monolithen, ebenso die beiden hintereinanderliegenden Teile des Türsturzes. Der Dachstein oberhalb der Tür ist ein mächtiger Steinblock (Länge: 4,0 m, Breite: 2,0 m, Höhe: 0,45 m), der als Vordach etwas über die Tür hinausragt. Unter ihm ist zur Entlastung des Türsturzes ein Kragstein der ersten Schicht ausgelassen, wodurch im Dach an dieser Stelle der mächtige Steinblock fast in voller Länge zu sehen ist. Eventuell sollte dadurch beim Eintreten der Raum eindrucksvoller wirken.Heinrich Ulrichs: Ueber den Tempel der Juno auf dem Berge Ocha bei Carystos. In: A. Passow (Hrsg.): Reisen und Forschungen in Griechenland. Weidmann, Berlin 1863, Band 2, S. 252–259 (online).
Palli-Lakka-Drachenhäuser Die drei Drachenhäuser von Palli Lakka liegen auf einem schmalen Absatz (38°09’10.5”N 24°15’49.0”E) im Westhang des 682 Meter hohen Berges Kliosi östlich von Styra. Entsprechend ihrer Lage zum gemeinsamen Innenhof werden sie von Carpenter und Boyd mit Haus Nord, Haus Ost und Haus Süd bezeichnet. Die Längsachsen der rechteckigen Häuser Nord und Süd – beide messen außen rund 12,4 m × 6,2 m – liegen parallel in Falllinie des Hangs. Der zwischen ihnen bestehende rund 7 m breite Innenhof wird hangseitig durch Haus Ost (Grundriss außen: rund 6,5 m × 6,5 m) begrenzt. Dessen nördliche Grundmauer fluchtet mit der südlichen Mauer des Hauses Nord.
Die Wände der drei Gebäude bestehen wie die des Ochi-Drachenhauses aus Blöcken und Platten des sie umgebenden Schiefergesteins, haben aber im Mittel nur eine Dicke von 1,1 m. Auch sind die verwendeten Quader und Steinplatten weniger wuchtig, nur grob bearbeitet und kaum verzahnt. Lücken sind mit kleinen Steinen ausgefüllt. Alle drei Häuser sind einräumig und fensterlos. Sie haben einfache Eingänge auf der Hofseite. Im Falle des Hauses Ost beträgt die Türhöhe 1,3 m, die beiden anderen Eingänge sind noch niedriger. Das gilt insbesondere für Haus Süd, dessen Innenraum nach offensichtlich jahrzehntelanger Nutzung als Schafstall noch nicht untersucht und freigelegt wurde. Der Sturz über dem Eingang dieses Hauses ragt 0,5 m aus der Fassade.
Ähnlich wie das Ochi-Drachenhaus haben die Häuser Nord und Süd Dächer in Form von Kraggewölben, die sich von den Längsmauern her in vier oder fünf Lagen aufbauen. Herabgefallene Dachplatten im Haus Süd lassen vermuten, dass es sich um geschlossene Satteldächer gehandelt haben könnte. Die am Mauerrand auf den Dachplatten liegenden Quader könnten Gegengewichte für die Überkragung, die Brüstung einer Dachterrasse oder eventuell sogar Reste einer weiteren Etage des Gebäudes gewesen sein.Jean Carpenter, Dan Boyd: Dragon-Houses: Euboia, Attica, Karia. In: American Journal of Archaeology, Band 81, 1977, S. 188–189. Haus Ost zeichnet sich dadurch aus, dass sein Kraggewölbe rund ist. Von innen ist also eine stufige Kuppel zu sehen, die oben offen ist. Im Vergleich zum Ochi-Drachenhaus sind die drei Drachenhäuser von Palli Lakka handwerklich und künstlerisch weniger elaboriert.
Limiko-Drachenhaus nahe Kapsala Das nicht besonders gut erhaltene Limiko-Drachenhaus liegt erhöht in einer scharfen Linkskurve (38°07'29.4"N 24°14'42.8"E) der Straße von Styra nach Karystos etwa 3 km hinter dem Ortskern der Ortschaft Kapsala (Κάψαλα). Das rechteckige Gebäude (7,65 m × 6,25 m) hat in der Süd Front einen Eingang. Wie beim Ochi-Drachenhaus werden die Türpfosten und der Türsturz von flachen Monolithen gebildet. Der Entlastung des Sturzes dient ein darüber liegender weiterer Monolith, der wie ein Vordach aus der Mauerflucht herausragt. In der westlichen Gebäudehälfte ruhen Reste des Kraggewölbes des Daches auf unregelmäßigen Lagen von Quadern. Die östliche Gebäudehälfte wurde offensichtlich in späterer Zeit mit kleineren Steinen ausgebessert und durch eine Feldsteinmauer abgetrennt, möglicherweise um sie als Stall nutzen zu können.
Alter und Funktion Legenden und frühe Interpretationen Da keine historischen Quellen über die Herkunft der megalithischen Gebäude Auskunft geben können, erklären lokale Legenden diese als Werk und Wohnung von „Drachen“ im Sinne von mythischen Wesen mit übermenschlichen Körperkräften. Der Begründer der griechischen Folklorestudien, N.G. Polites,N. G. Politis: (Traditionen – Studien über das Leben und die Sprache des griechischen Volkes). Pelekanos, Athen 2013, ISBN 978-960-400-674-8 (Erstpublikation: Sakellariou, Athen 1904, Band 1, S. 220–222 und Band 2, S. 994–995). hat solche Legenden dokumentiert. Carpenter und Boyd haben sie „adaptiert“.Jean Carpenter, Dan Boyd: The Dragon-Houses of Southern Euboia. In: Archaeology, Band 29, 1976, S. 250‐251.