Als Deutscher Kolonialismus in der Zeit des Nationalsozialismus werden verschiedene erfolglose Bestrebungen des Kolonialrevisionismus beschrieben, nach der Machtergreifung Kolonien in Übersee zurückzuerlangen, die das Deutsche Reich im Versailler Vertrag von 1920 hatte abtreten müssen. Durch den Zweiten Weltkrieg und die NS-Europapläne kam es weder zu einer Rückgabe noch zur militärischen Besetzung der Kolonien. Der koloniale Revisionismus beschränkte sich im Wesentlichen auf Diplomatie, Verwaltung und Propaganda. Welche Bedeutung diese Bestrebungen, die hauptsächlich vom 1934 gegründeten Kolonialpolitischen Amt der NSDAP ausgingen, für die Gesamtpolitik des NS-Staates hatten, ist in der Geschichtswissenschaft umstritten.

Vorgeschichte: „Kolonialpolitik“ ohne Kolonien mini|Die Weimarer Republik und die Völkerbundmandate in den vormals deutschen Kolonien Die Parteien der Weimarer Koalition unterstützten in der Zwischenkriegszeit mehr oder minder die Forderung deutscher Kolonialbefürworter nach Rückgabe der früheren deutschen Kolonien. Auch die SPD unter der Führung Friedrich Eberts wollte die Rückgabe der Kolonien. Da die Siegermächte in den Friedensverhandlungen von Versailles dem Deutschen Reich ein Recht auf Kolonien absprachen, wurde am 1. März 1919 in der Weimarer Nationalversammlung von der großen Mehrheit der Abgeordneten in einer Protesterklärung gefordert, Deutschland wieder uneingeschränkt in seine kolonialen Rechte aus der Vorkriegszeit einzusetzen. Nur die wenigen Abgeordneten der USPD stimmten dagegen.Reiner Tosstorff: Was zur Feier Weimars nicht passt. Wochenendausgabe nd vom 16. März 2019, S. 18.

Während der Verhandlungen zum Versailler Vertrag wurde Johannes Bell deutscher Kolonialminister. Seit dem 1. April 1924 bestand im Auswärtigen Amt wieder eine Kolonialabteilung; geleitet wurde sie von Edmund Brückner, dem ehemaligen Gouverneur der deutschen Kolonie Togo. Brückner verfolgte das Ziel, nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zumindest die Mandatsverwaltung über einzelne der ehemaligen Kolonien zu erlangen. Außenminister Gustav Stresemann unterstützte dies zwar grundsätzlich, doch war für ihn die „Kolonialfrage“ innerhalb der Revisionsziele von untergeordneter Relevanz. So blieb die „Kolonialpolitik“ in der Außenpolitik der Weimarer Republik weitgehend unbedeutend. Nur in Einzelfällen zeigte die Reichsregierung, dass sie in Sachen Kolonien mitsprechen wollte – etwa beim Protest Deutschlands gegen die Eingliederung Ruanda-Urundis in die Kolonie Belgisch-Kongo im Jahr 1925. Am 9. September 1927 wurde Ludwig Kastl deutscher Delegierter in der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes. Die Verwaltung eines Mandatsgebietes wurde Deutschland aber nicht übertragen.

Die zurückhaltenden kolonialen Ambitionen führten zu einem allmählichen Bruch zwischen der Regierung und der organisierten Kolonialbewegung in Deutschland. Von ihren radikalen Vertretern wurde die Bewegung nun vollends in die Gegnerschaft zur Republik gezogen. Die politische Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit dauerte an, als Anfang der 1930er Jahre die Präsidialkabinette zu einer Fundamentalrevision der Zwischenkriegsordnung übergingen: Die Forderung nach „Rückgabe des Kolonialbesitzes als Insignien einer Großmacht“ (Mai) sollte nun radikaler verfolgt werden, erzielte jedoch keine Ergebnisse.Gunther Mai: Die Weimarer Republik. 3. Aufl., C.H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72780-1, S. 115. Zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ im Januar 1933 setzte die Kolonialbewegung ihre Hoffnung vor allem auf die DNVP, den Koalitionspartner der NSDAP, und auf den Vizekanzler Franz von Papen. Vor der „Gleichschaltung“ bewahrte es sie letztlich nicht.Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (= Reclams Universal-Bibliothek. 17047). Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-017047-8, S. 160 ff.Jens Ruppenthal: Koloniale Revision – Die Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt der Weimarer Republik. In: Jungle World. Nr. 46, 16. November 2005 (Onlinearchiv).

Koloniale Bestrebungen in der nationalsozialistischen Zeit Das Parteiprogramm der NSDAP forderte 1920 Kolonien für die Produktion von Nahrungsmittelreserven und zur Besiedlung durch den Bevölkerungsüberschuss in Deutschland.Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (= Reclams Universal-Bibliothek. 17047). Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-017047-8, S. 169. Bereits am 10. Dezember hatte Adolf Hitler in einer Rede vom „unersetzlichen Verlust“ der Kolonien gesprochen.Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Band 1. Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, München 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, S. 432. In seiner Programmschrift Mein Kampf erteilte er 1926 dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien dagegen eine klare Absage:

Dennoch sahen viele, die die Rückgabe der Kolonien forderten, mit der „Machtergreifung“ der NSDAP neue Hoffnungen. So fand die neue Regierung bei der Kolonialbewegung Unterstützung, denn Hitler erschien ihnen als der Garant für eine Expansion Deutschlands.

1933–1939: Kolonialforderungen in der Vorkriegszeit mini|Kolonien heraus – Werbung des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft, 1933–1936 Die Kolonialvereine, die sich 1922 zur Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft (KORAG) zusammengeschlossen hatten, wurden 1933 mit über einer Million Mitglieder in den neu geschaffenen Reichskolonialbund überführt. Sein Leiter wurde Heinrich Schnee, gefolgt von Franz Ritter von Epp. Als Leiter des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP war Epp eine Schlüsselfigur der Kolonialpropaganda des Deutschen Reiches nach 1933.Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (= Reclams Universal-Bibliothek. 17047). Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-017047-8, S. 170.Uwe Klußmann: Rasse und Raum, in: Spiegel Geschichte. Nr. 2/2021, S. 122–127 (hier: S. 125). Zugleich wurde die Kolonialpropaganda aber an die NS-Ideologie angepasst. So wurde dem Reichskolonialbund durch das Propagandaministerium jegliche Werbung für überseeische Siedlungskolonien strengstens untersagt. Die Ansiedlung Deutscher außerhalb Europas, insbesondere die dortige Schaffung bäuerlicher Siedlungen, widersprach sowohl der Blut-und-Boden-Ideologie als auch der Ostraumpolitik. Stattdessen hatte sich die „gleichgeschaltete“ Kolonialbewegung auf die Widerlegung der sogenannten „kolonialen Schuldlüge“ und auf die Wiedererlangung der ehemaligen Kolonien zur Rohstoffversorgung zu beschränken.Joachim Zeller: Dresden 1938: „Auch hier liegt deutsches Land“. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-269-8, S. 262–266, hier S. 263 f. Letzteres sollte jedoch nicht in Widerspruch zur Politik der Autarkie geraten. Die kolonialen Jugendabteilungen und Pfadfindergruppen wurden aufgelöst und in die Hitlerjugend eingegliedert.

mini| Das 1936 gebaute Kolonialkriegerdenkmal an der Liebichshöhe in Breslau mit der Aufschrift Deutsches Land in fremder Hand! – Gedenket unserer Kolonien. Ab 1933 kam es zur Umbenennung vieler Straßen und Plätze nach Persönlichkeiten der deutschen Kolonialgeschichte, unter anderen nach Carl Peters und Hermann von Wissmann, wie in der Münchener Kolonialsiedlung. Weitere Elemente der Erinnerungspolitik waren das Aufstellen zahlreicher Kolonialdenkmäler, regelmäßig stattfindende Gedenkfeiern und Kolonialausstellungen sowie Filmproduktionen. Zu den Filmen zählen etwa Die Reiter von Deutsch-Ostafrika (1934), Deutsche Pflanzer am Kamerunberg (1936), Der Weg in die Welt (1938), Deutsches Land in Afrika (1939), Carl Peters (1941) oder Germanin (1943).Film: Kolonialer Blick und Blicke auf den Kolonialismus. Zudem wurden Schriften von Autoren der sogenannten „Kolonialliteratur“ verlegt, etwa von Ewald Banse, Theodor Bohner, Senta Dinglreiter, Alfred Funke, Else Morstatt, Paul Rohrbach, Ilse Steinhoff, Sofie von Uhde oder Josef S. Viera. Der Roman Volk ohne Raum – mit immerhin einer Auflage von über 500.000 Exemplaren – wurde vom NS-Regime trotz seines programmatischen Titels als „Text einer vergangenen Epoche betrachtet“Stefan Hermes: Kolonialliteratur. In: Dirk Göttsche, Axel Dunker, Gabriele Dürbeck (Hrsg.): Handbuch Postkolonialismus und Literatur. J. B. Metzler, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02551-7, S. 266, . und sein Autor, Hans Grimm, 1935 aus dem Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Der Titelslogan sollte von nun an auf Osteuropa statt auf Afrika bezogen werden. Für junge Leser erschienen Heftromane der Kolonialbücherei. Damit versuchte die NSDAP die Kolonialerinnerungen als Vorbild für aus ihrer Sicht „echtes Deutschtum“ und Pioniergeist lebendig zu halten.

Mit der Weiterführung von Kolonialschulen wie der Deutschen Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Witzenhausen, der Deutschen Frauen-Kolonialschule in Bad Weilbach und der Kolonialen Frauenschule Rendsburg sollten ausgewählte Fachkräfte auf die Bedingungen in wiedergewonnenen Kolonien vorbereitet werden.

mini|Die ehemaligen deutschen Kolonien Kamerun und Togo in einem Schulatlas aus den frühen 1930er Jahren. Die Vorkriegsgrenzen sind weiterhin eingezeichnet. Einige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 erklärte Adolf Hitler der britischen Zeitung Sunday Express: Bereits am 30. März 1933 traf sich Hitler mit dem Vorsitzenden der Deutschen Kolonialgesellschaft, Heinrich Schnee. Schnee plädierte für die wirtschaftliche Notwendigkeit von Kolonien. Er empfahl als ersten Schritt den Rückerwerb der westafrikanischen Kolonien Kamerun und Togo. Hitler reagierte zunächst hinhaltend und sagte lediglich die Unterstützung der Auslandsdeutschen in den ehemaligen Kolonien zu.Gisela Graichen, Horst Gründer: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. 4. Auflage. Ullstein, Berlin 2005, ISBN 3-550-07637-1, S. 408, 414.

Auf der im Juni und Juli 1933 tagenden Londoner Konferenz forderte Reichswirtschaftsminister Alfred Hugenberg (DNVP) die Rückgabe der früheren deutschen Kolonien. Ohne Abstimmung mit Hitler überreichte Hugenberg dem Wirtschaftsausschuss der Konferenz am 16. Juni 1933 eine Denkschrift, in der unter anderem die Wiedererrichtung eines deutschen Kolonialreiches in Afrika gefordert wurde.Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. 8. Aufl., dtv, München 1979, ISBN 3-423-04009-2, S. 122. Die negativen internationalen Reaktionen trugen zu Hugenbergs Rücktritt bei.Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915–1965 (= Periplus-Studien. 10). Lit, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-8258-0225-7, S. 324.