Frauen in der mittelalterlichen Bauwirtschaft waren meist als ungelernte Hilfskräfte tätig. Sie konnten teilweise in die entsprechenden Zünfte eintreten. Aus Paris sind Unternehmerinnen aus der Baubranche überliefert, die zur höchsten Steuerklasse gehörten. Ihr Einsatz beim Haus- und Städtebau schwindet erst mit Beginn der Neuzeit, als Frauen aus vielen ihnen bis dahin offenstehenden Berufen verdrängt wurden.
Quellenlage Für seine Studie zum Thema Frauen und Bauen im Mittelalter trug Wolfgang Schöller Beispiele aus unterschiedlichen mittelalterlichen Quellen zusammen und zitiert dabei Chroniken, Steuer- und Lohnlisten und Rechnungen. Für ihn ist allerdings das Ergebnis, dass Frauenarbeit am Bau nur marginale Bedeutung hatte.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 320. Shelley E. Roff geht dagegen in ihrer Publikation zum Thema davon aus, dass die Beteiligung von Frauen in der Bauwirtschaft in den zeitgenössischen Quellen im großen Stil verschwiegen wurde und auch die moderne Geschichtsschreibung dazu neige, die vorhandenen Hinweise wegzuargumentieren.Shelley E. Roff: “Appropriate to Her Sex”? Women’s Participation on the Construction Site in Medieval and Early Modern Europe. In: Theresa Earenfight (Hrsg.): Women and Wealth in Late Medieval Europe. Palgrave Macmillan, New York 2010, ISBN 978-1-349-53987-1, S. 109–134, hier S. 110.
Auch die Sprache selbst gibt Hinweise: Im Mittelhochdeutschen (von ca. 1050 bis 1500) gibt es das Wort zuobringerin, das eine Handlangerin am Bau meint.Beate Hennig: Von adelmüetern und züpfelnunnen. Weibliche Standes- und Berufsbezeichnungen in der mittelhochdeutschen Literatur zur Zeit der Hanse. In: Barbara Vogel, Ulrike Weckel (Hrsg.): Frauen in der Ständegesellschaft. Leben und Arbeiten in der Stadt vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit (= Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte. Band 4). Krämer, Hamburg 1991, ISBN 3-926952-25-3, S. 117–146.
Frauen als Zunftmitglieder In den entsprechenden Zünften konnten Frauen zugelassen sein, zum Beispiel nach der 1271 entstandenen Ordnung der Maurer, Gipser, Zimmerleute, Fassbinder, Wagner, Wanner und Drechsler von Basel. Nach Erika Uitz bedeutet diese Mitgliedschaft von Meisterehefrauen und ‑witwen aber nicht, dass diese Frauen unbedingt diese Berufe ausgeübt haben, sondern dass es meistens um bruderschaftlich-gesellige Pflichten ging.Erika Uitz: Die Frau in der mittelalterlichen Stadt. Abent, Stuttgart 1988, ISBN 3-926243-02-3, S. 62. In Straßburg allerdings ist der Eintritt von zwei Frauen 1452 und 1453 in die Maurerzunft bezeugt. Sie erwarben gleichzeitig das Bürgerrecht der Stadt.Erika Uitz: Die Frau in der mittelalterlichen Stadt. Abent, Stuttgart 1988, ISBN 3-926243-02-3, S. 62. Dies weist darauf hin, dass sie als Vollmitglieder in die Zunft aufgenommen worden sind, denn das selbstständige Bürgerrecht von Frauen war für wirtschaftlich selbstständige Handwerkerinnen in der Regel Voraussetzung für die Zunftaufnahme.
Frauen auf mittelalterlichen Baustellen Sakrale Bauten In mittelalterlichen Chroniken ist ab und zu die Rede von Laien, die bei weltlichen und besonders bei kirchlichen Bauten mitgeholfen haben. Darunter werden auch Frauen erwähnt. Bei Kirchenbauten des 11. und 12. Jahrhunderts vor allem in Nordfrankreich und England finden sich in den Chroniken und anderen Schriftstücken gelegentlich Beispiele für die Mithilfe von Frauen. Besonders Frauen aus den höheren Schichten haben dabei mitgewirkt. Schöller nennt den Kirchenbau von Chartres 1145, den um 1164 in Andres bei Boulogne-sur-Mer, den Bau von Notre-Dame-en-Vaux gegen 1165 in Châlons-sur-Marne, den von Reggio 1233 und den von Le Mans 1254.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 306. Dieses Phänomen ist in den größeren Zusammenhang der Beteiligung von Laien aus religiösem Eifer an Kirchenbauten einzuordnen.
Burgen und weltliche Bauten Frauen bauten nicht nur an Kirchen mit, sondern auch an weltlichen Bauten. In einem Gedicht wird eine Fehde in Südirland im 13. Jahrhundert beschrieben. Die Einwohner der Stadt Ross beschlossen, ihre Stadt durch Graben und Mauer zu sichern. Für den Bau der Mauer wurden Arbeiter angeheuert, den Graben aber schachtete jeden Tag ein anderer Teil der Einwohner aus. Am Sonntag arbeiteten die Frauen der Stadt an dem Graben.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 305 f. Aus der Lohnliste der Burg von Winchester aus dem Jahr 1222 geht hervor, dass sechs Frauen unter den Arbeitskräften waren, die namentlich genannt werden.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 311. Unter den Arbeitenden an Burg und Königlichen Mühlen in Marlborough waren an Reparaturarbeiten 1237/38 und 1238/39 Frauen beteiligt, von denen fünf namentlich benannt werden. Hauptsächlich leisteten sie Hilfsdienst wie Zement- und Steinetragen, Helfen beim Dachdecken, Unterstützen der Steinmetze oder Steinesammeln im Wald.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 311 f. Bei Erdarbeiten an der Burg von Rockingham 1279 waren fünf Frauen beteiligt, beim Bau der Burg von Caernarvon in Wales waren im Jahr 1316/17 Frauen als Lastenträgerinnen beschäftigt, in Durham arbeitete um 1337 eine Frau als Mörtelmischerin.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 312. Außerhalb von England und Wales findet sich ein Hinweis auf Frauen am Bau aus Mallorca. Beim Bau des Castell de Bellver waren 1309 auch Frauen beschäftigt.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 312.
Für Frankreich gibt es ein Beispiel, wo fast genauso viele Frauen wie Männer auf einer Baustelle beschäftigt waren, und zwar am 1360 gegründeten Kollegium Saint-Front de Périgord in Toulouse. Die Frauen trugen Steine und Ziegel in Körben auf dem Kopf, hoben Fundamentgräben aus, legten Mauern nieder und reinigten die Latrinen. Ihre Arbeit war zwar nicht genau dieselbe wie die der Männer, aber genauso schwer. Ihre Entlohnung lag dennoch immer niedriger als die der Männer.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 313.
Im deutschsprachigen Raum ist Würzburg in den Quellen bekannt, wo Frauen seit 1429 bis ins 18. Jahrhundert hinein auf städtischen Baustellen vor allem als Zuträgerinnen von Baumaterial beschäftigt waren. In Mühlhausen ist eine Frau im 15. Jahrhundert als Lehmträgerin bekannt,Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 313. in Siegen bauten 1462 zwei Frauen unter durchschnittlich 19 Hilfskräften beim Turm der Nikolaikirche mit. Auch hier wurden die Frauen schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 314.
In Ingolstadt waren beim Bau vom Liebfrauenmünster 1.521 Tagelöhnerinnen beschäftigt.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 314. Ein indirekter Hinweis auf die Tätigkeit von Frauen in der Bauwirtschaft ist eine Lohnverordnung aus der Steiermark. Hier wurde 1460 festgelegt, wie viel Lohn Mägde für das Tragen von Steinen oder Mörtel erhielten. Auch eine bayerische Landesverordnung von 1553 schreibt fest, wie viel Lohn Frauen, die Steine und Mörtel tragen, erhalten sollen.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 314 f.
Frauen im Bauhandwerk Bauhandwerkerinnen in Paris Aus Pariser Steuerrollen geht hervor, dass es Ende des 13. Jahrhunderts/Anfang des 14. Jahrhunderts einige wenige Mauerinnen (maçonne), weibliche Zimmerleute (charpentière) und Gipserinnen (plastrière) in dieser Stadt gegeben hat, die Steuern zahlten.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 307. Eine der Gipserinnen zahlte 1292 so viele Steuern, dass sie als Unternehmerin angesehen werden kann.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 311. Ansonsten fügen sich die Bau-Handwerkerinnen in die üblichen Einkommensverhältnisse ihrer männlichen Kollegen ein, das heißt, es gab einfache Handwerkerinnen und solche, die zu den höchsten Steuerklassen zählten.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 310 f. Dabei waren von den 10.000 steuerpflichtigen Personen des Jahres 1297 in Paris 1548 Frauen. Eine Auswertung der Bauberufe ergibt, dass die Frauen dort noch einmal deutlicher in der Unterzahl waren:
Jahr12921296129713001313Maurer1043210712974Maurerinnen01112
Jahr12921296129713001313Zimmermänner95316610872Zimmerfrauen00241
Quelle: Steuerrollen aus Paris (nach Schöller 1994, 307 f.)
Weitere Tätigkeiten von Frauen beim Bau Neben dem Zutragen von Baumaterial und dem Rühren von Mörtel haben Frauen sich noch in weiteren Handlangerdiensten verdingt wie als Kalkbrennerinnen, Lehmwandmacherinnen, Dachdeckerinnen und Steinbrucharbeiterinnen. Durch Gerichtsakten von 1437 ist von einer Magd bekannt, die beim Ausheben von Lehm aus einer Lehmgrube durch einen Knecht zu Schaden gekommen ist.Erika Uitz: Die Frau in der mittelalterlichen Stadt. Abent, Stuttgart 1988, ISBN 3-926243-02-3, S. 62. Aus dem Jahr 1567/68 ist aus Chester bekannt, dass Frauen Baukräne bedient haben. In Siegen gingen sie im Tretrad.Wolfgang Schöller: Frauenarbeit in der mittelalterlichen Bauwirtschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76, 1994, S. 305–320, hier S. 315.
Zu den Bauhilfsgewerben kann auch die Glaserei gezählt werden. Erika Uitz nennt Glaserinnen aus Nürnberg.Erika Uitz: Die Frau in der mittelalterlichen Stadt. Abent, Stuttgart 1988, ISBN 3-926243-02-3, S. 62.