mini|hochkant|Giovanni Battista Lampi: Zofia Wittowa als Siegreiche Venus mit dem Apfel des Paris, Warschau/Wien 1788/89,Laut Fernando Mazzocca, Roberto Pancheri, Alessandro Casagrande (Hrsg.): Un ritrattista nell’Europa delle corti: Giovanni Battista Lampi, 1751–1830. Provincia Autonoma di Trento, Trient 2001, ISBN 88-86602-33-2, S. 276, und Roberto Pancheri: Giovanni Battista Lampi alla corte di Caterina II di Russia. Società di Studi Trentini di Scienze Storiche, Trient 2011, ISBN 978-88-8133-036-2, S. 290, ca. 1794/95 bzw. 1794/96 in Petersburg entstanden, doch hielt Zofia sich damals in Hamburg, Galizien bzw. Podolien auf. Petersburg. mini|hochkant|Unbekannter Künstler: Zofia Wittowa, Pastell, 1792 im Besitz Szczęsny Potockis,Gemäß Inschrift auf der Rückseite. Freundlicher Hinweis von Oksana Lobko (Kiew). Petersburg. Reichsgräfin Zofia Potocka, , , , ledige Glavani, geschiedene Reichsgräfin Wittowa, auch de Witte oder Witt (* 12. Januar 1760 in Mudanya bei Bursa; † 24. November 1822 in Berlin) war im späten 18. Jahrhundert eine gefeierte Schönheit und durch Heirat polnische Reichsgräfin.
Geboren in einfachen Verhältnissen in Bithynien im Nordwesten der heutigen Türkei, wurde sie nach dem Tod ihres Vaters, noch minderjährig, in Konstantinopel zur Kurtisane europäischer Diplomaten. Dadurch gelang ihr der Aufstieg bis zur Gattin des reichsten Magnaten Polen-Litauens, Stanisław Szczęsny Potocki. Sie wurde vielfach als bezeichnet.Journal des Campagnes faites au service de la Russie en 1790 – par le Comte de Langeron, Général en Chef. In: Documente privitóre la Istoria Românilor culese din Archivele Ministeriului Afacerilor Străine din Paris (Private Dokumente zur Geschichte der Rumänen aus dem Archiv des Außenministeriums in Paris). Hrsg. von Alexandru Ioan Odobescu, Band 3, Bukarest 1889, S. 70–370, hier: S. 92 (); Jerzy Łojek: Dzieje pięknej Bitynki […] 4. Aufl., Wydawnictwo Pax, Warschau 1982, S. 73 et passim.
Wie ihre Zeitgenossinnen Madame du Barry (Marie-Jeanne Bécu) und Lady Hamilton (Amy Lyon) ging sie als Geliebte prominenter Männer in die Geschichte ein. Aufgrund der – passiven – Rolle, die sie beim Untergang der Rzeczpospolita spielte, wurde sie von der Trivialliteratur der Teilungsmächte idealisiertMatias Bersohn: Zofia Potocka. In: Kłosy: czasopismo ilustrowane, tygodniowe, poświęcone literaturze, nauce i sztuce. (Warschau), 29. August/10. September 1868, S. 132 f. (); Gräfin Sophia Potoczka [sic]. Historische Novelle. In: Damen-Almanach von Louise Mühlbach [Clara Mundt]. Dürr, Leipzig 1870, S. 89–340 (); Orsza: Z życia pięknej kobiety (Aus dem Leben einer schönen Frau). In: Strzecha (Stroh). Jg. 5, Heft 2, F. G. Richter, Lemberg 1872, S. 141–145 (). und von den Anhängern der polnischen Unabhängigkeit dämonisiert.Eduard Maria Oettinger: Die nordische Semiramis oder Katharina II. und ihre Zeit. 2. Abth., 1. Band, Otto Janke, Berlin 1864, S. 221: (); Julian Ursyn Niemcewicz: Pamiętniki czasów moich (Denkwürdigkeiten meiner Zeit.) Band 1, Tower Press, Danzig 2000 ( PDF), S. 52 f.
Herkunft und Jugend (1760–1779)
Zofia bezeichnete sich selbst als Fanariotin aus dem Kaiserhaus von Trapezunt. Laut dem Bericht, den ihr Entdecker Karol Boscamp-Lasopolski (etwa 1740–1794)Władysław Konopczyński: Boscamp-Lasopolski Karol (zm. [†] 1794). In: Polski Słownik Biograficzny. Band 2, 1936, S. 372–374. 1789 dem polnischen König Stanisław August über ihre Herkunft und Übersiedlung nach Polen übergabKarol Boscamp-Lasopolski: Moje przelotne miłostki z młodą Bitynką […] (Meine flüchtige Affäre mit einer jungen Bithynierin […]). Hrsg. von Jerzy Łojek, Wydawnictwo Literackie, Krakau 1963, S. 97–142 (Originaltext Mes amours éphémères avec une jeune Bithynienne […]), zitiert als und der gemäß seinem Herausgeber Łojek Quellenwert besitzt,Łojek (1982), S. 13. Einige übereinstimmende Angaben: Journal des Campagnes faites au service de la Russie en 1790 – par le Comte de Langeron, Général en Chef. In: Documente privitóre la Istoria Românilor culese din Archivele Ministeriului Afacerilor Străine din Paris. Hrsg. von Alexandru Ioan Odobescu, Band 3, Bukarest 1889, S. 70–370, hier: S. 92 (). war Zofia das einzige Kind des griechischen Kleinviehhändlers Konstantinos und dessen Frau Maria. Die frühe Jugend verbrachte sie in Mudanya, das als von Bursa (Bithynien) eine Bucht des Marmarameers säumte.Joseph v. Hammer: Umblick auf einer Reise von Constantinopel nach Brussa […] Adolph Hartleben, Budapest 1818, S. 2 f. (). Nachdem die Eltern sie auf eine Wallfahrt nach Jerusalem mitgenommen hatten, wurde sie Helena, der jüngeren Schwester der Mutter, anvertraut.
Diese Helena war in Istanbul mit einem Franzosen verheiratet. Von ihm, dessen Vater Konsul auf der Krim gewesen war, übernahm Zofia den Familiennamen Glavani. Auch ihre Eltern zogen nach Istanbul, wo Konstantinos Aufseher der christlichen Metzger wurde. Doch Glavani floh vor seinen Gläubigern, der Vater und auch ein armenischer Stiefvater Zofias starben, das Haus der Familie brannte nieder. Um ihren Unterhalt zu verdienen, prostituierten Helena und Zofias Mutter Maria sich und verkuppelten auch die minderjährige Zofia. Mit siebzehn floh das Mädchen aus dem Palast einer lesbischen Verwandten Sultan Abdülhamids I., die es zu ihrer Bettgenossin machen wollte. Da zu den Kunden der Mutter der Pförtner der polnischen Auslandsvertretung in Istanbul zählte, fand Zofia dort Zuflucht und wurde Konkubine des Internuntius Boscamp.
mini|Jan Chrystian Kamsetzer: Karol Boscamp (Nr. 10) vor Abdülhamid I. (Nr. 1), 1777, Warschau
Der gebürtige Niederländer Boscamp vertrat 1777/78 den russischen Satellitenstaat Polen als Internuntius bei der Hohen Pforte. Der jüngere seiner beiden Söhne mit seiner nach Warschau zurückgekehrten Ehefrau war Patenkind des polnischen Königs.Abdolonyme Ubicini (Hrsg.): La Moldavie en 1785 […] Par le comte [Alexandre-Maurice Blanc de Lanautte] d’Hauterive. In: Revue de géographie. Band 5, Paris 1879, S. 366–376, hier: S. 375 (); Boscamp (1963), S. 98, 121; Łojek (1982), S. 39. Boscamp brachte sie in der polnischen Auslandsvertretung unter. Der Gesandte soll sich mit ihr auf Türkisch unterhalten haben. Schreiben (auf Griechisch) konnte sie damals erst mangelhaft. Um ihre bei den Glavanis erworbenen Französischkenntnisse zu verbessern, stellte Boscamp einen Hauslehrer ein. Zofia eignete sich die Sprache der Diplomatie so gut an, dass ihr diese später die Türen der europäischen Höfe öffnete. Obwohl sie erst nach ihrer Heirat französisch zu schreiben begann, sind alle ihre erhaltenen Briefe in dieser Sprache verfasst.Boscamp (1963), S. 131; Łojek (1982), S. 47/Anm. 47. Über ihre Beherrschung des Polnischen gehen die Angaben auseinander.Journal des Campagnes faites au service de la Russie en 1790 – par le Comte de Langeron, Général en Chef. In: Documente privitóre la Istoria Românilor culese din Archivele Ministeriului Afacerilor Străine din Paris. Hrsg. von Alexandru Ioan Odobescu, Band 3, Bukarest 1889, S. 70–370, hier: S. 92 (); Łojek (1982), S. 91. In der Folge muss sie auch Russisch und Deutsch gelernt haben. 1795 übte sie sich darin, den englischen Spectator im Original zu lesen.
Der Internuntius ließ sich von ihr bei Landpartien, Ferienaufenthalten in Büyükdere am Bosporus und halboffiziellen Anlässen des diplomatischen Corps begleiten. Boscamp berichtete seinem König: Später setzte er Zofia auf den russischen Gesandten Alexander Stachiew (1724–1794) an, der ihm entgegenarbeitete: Łojek (1982), S. 46, 52 f. inkl. Anm. 45, 58 (Zitate). Als Stachiew ihm aber Zofia auszuspannen versuchte, wies sie seine Avancen mit unverhohlenem Abscheu zurück,Boscamp (1963), S. 115. was zum endgültigen Bruch zwischen den beiden Diplomaten führte und dazu beitrug, dass Boscamp abberufen wurde.
Die Romanze des Internuntius dauerte kaum ein Jahr. Da seine Frau davon erfuhr, gab er Zofia noch vor der Rückkehr nach Warschau bei einem Dolmetscher in Pension und hinterließ ihr, für den Fall, dass sie einen Handwerker oder Kaufmann ehelichen würde, eine Mitgift von 1500 Piaster. Sie soll aber sogar den Heiratsantrag eines englischen Diplomaten – Botschafter Robert Ainslie (1730–1812)? – abgelehnt haben.Boscamp (1963), S. 121; Łojek (1982), S. 59/Anm. 75. Im Übrigen war Boscamps diplomatische Karriere zu Ende, da Polens Reichstag, der Sejm, bald darauf gebürtige Ausländer wie ihn vom auswärtigen Dienst ausschloss.
Generalin Wittowa (1779–1789)
Offiziersgattin in Podolien
Dank ihrer Fähigkeit, bewegende Briefe zu schreiben, hielt Zofia mit Boscamp eine Fernbeziehung aufrecht. Als er kurz darauf die Gattin verlor, lud er sie ein, wieder ihre frühere Funktion einzunehmen, was sie hoffen ließ, er werde sie heiraten. Doch als sie 1779 zu ihm reiste, hatte sie in Focșani (Rumänien), wo sie längere Zeit blieb, eine Affäre mit dem Schwager des Hospodars des Fürstentums Moldau. Gemäß General Alexandre Langeron ließ sie sich auch mit mehreren Bojaren ein.Journal des Campagnes faites au service de la Russie en 1790 – par le Comte de Langeron, Général en Chef. In: Documente privitóre la Istoria Românilor culese din Archivele Ministeriului Afacerilor Străine din Paris. Hrsg. von Alexandru Ioan Odobescu, Band 3, Bukarest 1889, S. 70–370, hier: S. 92 (). Ihre Untreue veranlasste Boscamp, sie von Iași nach Istanbul zurückbringen zu lassen. Sie flüchtete jedoch nach Kamjanez-PodilskyjIn der multiethnischen Stadt lebten römisch-katholische Polen, griechisch-katholische Ukrainer, armenisch-katholische Armenier und Juden. in der polnischen Woiwodschaft Podolien, wo sie sich anscheinend als siebzehn- oder achtzehnjährige Kaufmannstochter aus Candia (Kreta) ausgab.