mini|Jürgen Schmidt Jürgen Ernst Johannes Schmidt (* 14. Januar 1937 in Berlin; † 19. August 2010 in Zemling, Niederösterreich) war ein deutsch-österreichischer Aufnahmeleiter und Musikproduzent, von 1959 bis 2010 bei Preiser Records. Kindheit und Jugend Jürgen Schmidt wurde als Sohn von Hermann und Eva Luise Schmidt, geb. Klingbeil in Berlin geboren.Schmidt, Jürgen E.: „Quasi lauter Freunde“, in: Quasi ein Genie - Helmut Qualtinger (1928–1986), hrsg. von Arnold Klaffenböck / Wolfgang Kos / Ulrich N. Schulenburg / Alexandra Hönigmann, Sonderausstellung des Wien Museums 2. Oktober 2003-6. Januar 2004, Thomas Sessler Verlag, Wien 2003, S. 173.Norton-Welsh, Christopher: „Jürgen Schmidt“, in: The Record Collector, vol. 55/3, Sept. 2010, S. 228. Der Vater war Prokurist und Geschäftsführer einer Kleiderfirma in Berlin. Im Jahr 1940 übersiedelte die Familie nach Wien, da Hermann Schmidt mit der Leitung der Wiener Niederlassung betraut wurde. Diesen im frühen Kindheitsalter erfolgten Umzug bezeichnete Schmidt in späteren Jahren als Glücksfall, der sich „sicherlich sehr günstig auf meinen künftigen Lebensweg auswirkte.“Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 1]. Angesteckt durch die Musikleidenschaft des Malers Alfred Waagner (1886–1960) und seines Vaters, einem großen Opernfreund mit besonderer Vorliebe für den Bariton Heinrich Schlusnus (1888–1952), wurde Schmidt ab 1948 selbst eifriger Stehplatzbesucher – zunächst an den Ausweichspielstätten der zerstörten Staatsoper, der Volksoper und dem Theater an der Wien. Überhaupt ließ sich Schmidt keine Gelegenheit entgehen, auch privat Kontakt mit Sängern aufzunehmen, die er verehrte. So nutzte er im Sommer 1955 eine Reise zu Verwandten nach Berlin, um dem deutschen Opernsänger und Schauspieler Michael Bohnen, mit dem er bereits in Wien telefonisch Kontakt aufgenommen hatte, einen Besuch abzustatten. Ein weiterer wichtiger Kontakt dieser frühen Zeit war das Antiquariat von Roland Teuchtler, der mit dem jungen Schmidt stundenlang über seine Sängerlieblinge plauderte und wesentlich zu dessen Repertoirekenntnis beitrug.Beitrag vom 17. Mai 2007 im Tamino Klassikforum.
Ausbildung zum Sänger Bei all dieser Begeisterung für die Oper, lag der Gedanke an eine eigene Sängerlaufbahn nahe. Schmidt absolvierte zwar noch eine kaufmännische Lehre (Abschluss 1954)Schmidt, Jürgen E.: „Quasi lauter Freunde“, in: Quasi ein Genie - Helmut Qualtinger (1928–1986), hrsg. von Arnold Klaffenböck / Wolfgang Kos / Ulrich N. Schulenburg / Alexandra Hönigmann, Sonderausstellung des Wien Museums 2. Oktober 2003-6. Januar 2004, Thomas Sessler Verlag, Wien 2003, S. 173., doch inskribierte er sich bereits 1953 als außerordentlicher Hörer an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst im Hauptfach Gesang, Stimmlage Bariton. Unterricht erhielt er bei Ileano Giurescu, später auch bei Paul Lorenz. Sein Debüt erfolgte im Juni 1965 im Schönbrunner Schlosstheater in der Rolle des Nardo in Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“. Der dafür von Hans Gabor unterzeichnete Vertrag mit der Wiener Kammeroper endete im August desselben Jahres, weitere Engagements kamen nicht mehr zustande, da sich Schmidt für seinen geregelten Beruf bei Preiser Records entschied.Norton-Welsh, Christopher: „Jürgen Schmidt“, in: The Record Collector, vol. 55/3, Sept. 2010, S. 228.http://www.tamino-klassikforum.at/index.php?thread/5204, zuletzt abgerufen am 7. November 2015.Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 1, 4]. miniatur|Jürgen Schmidt, Anfang der 1960er © F. M. Salus, Salzburg
Einstieg in die Schallplattenbranche Noch während seiner Ausbildung als Sänger kam Schmidt mit der Schallplattenbranche in Kontakt. Nach eigenen Aussagen geschah dies durch Zufall: „… die ersten Langspielplatten waren teuer und meist nicht einwandfrei. Mein Händler war des Umtausches müde und schickte mich direkt zur Auslieferung, damit ich mir endlich ein einwandfreies Exemplar dort aussuchen konnte. Ich kam mit dem Lagerleiter ins Gespräch, er meinte so jemand wie mich könnte er eigentlich gut gebrauchen, und so kam es, dass ich ab dem 1. Oktober 1955 bei der Oesterreichischen Columbia Graphophon, einer Schwester der deutschen Electrola, Beschäftigung fand.“Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 1]. Die Fähigkeiten von Schmidt führten in Folge vom Assistenten des Lagerleiters bis zu einem Posten im Detailgeschäft der Firma. Im Herbst 1957 wurde die Stelle des Aufnahmeleiters vakant, für die sich Schmidt als 20-Jähriger bewarb unter der Bedingung, für einige Wochen nach London zu „His Master’s Voice“ oder zur Electrola nach Köln gehen zu dürfen, um Einblick in den Studiobetrieb zu erhalten. Man entschied sich für Köln.
Besonders erwähnenswert aus dieser Zeit ist Schmidts Mitarbeit an der Reihe Unvergänglich unvergessen. Wurden bis dahin Sänger wie Joseph Schmidt, Richard Tauber, Fjodor Schaljapin und Fritzi Massary vorgestellt, regte Schmidt erfolgreich die Veröffentlichung von Rudolf Bockelmann, Hans Hermann Nissen, Michael Bohnen, Helge Rosvaenge, Max Lorenz, Gerhard Hüsch, Margarete Teschemacher und Marcel Wittrisch an.
Zurück in Wien begann seine Arbeit als Aufnahmeleiter und Produzent – allerdings zu Schmidts Leidwesen hauptsächlich im Bereich der Unterhaltungsmusik. Entschädigen konnten ihn dabei aber Höhepunkte wie die Betreuung der Aufnahmen des Klavierhumoristen Hermann Leopoldi. Schmidts Tätigkeit bei der Österreichischen Columbia Graphophon endete im Sommer 1959.Schmidt, Jürgen E.: Quasi lauter Freunde. In: Quasi ein Genie - Helmut Qualtinger (1928-1986), hrsg. von Arnold Klaffenböck / Wolfgang Kos / Ulrich N. Schulenburg / Alexandra Hönigmann, Sonderausstellung des Wien Museums 2. Oktober 2003-6. Januar 2004, Thomas Sessler Verlag, Wien 2003, S. 173. mini|Jürgen Schmidt, ca. 2002/03 Preiser Records Schmidt startete seine Anstellung als Aufnahmeleiter und Produzent bei Preiser -Record am 1. Oktober 1959 mit der Reihe Kabarett aus WienStalzer, Alfred: Preiser Records - Das Audiogedächtnis des Wiener Nachkriegskabaretts. Gespräch mit Christoph Preiser, dem Sohn des Label-Gründers, in: Alles Meschugge? Jüdischer Witz und Humor, hrsg. von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, Jüdisches Museum Wien 2013, S. 201. , zuletzt abgerufen am 7. November 2015.Westphal, Reinhold: Preiser Records, in: Oesterreichisches Musiklexikon Online.Deissen, Eva: Lob & Preiser, in: wien live 03/05, S. 50.Ritterband, Charles: Preisers Tondokumente aus dem alten Wien, in: Neue Zürcher Zeitung, 3. April 2004, S. 19.
Kabarett aus Wien Aufgenommen wurden die Vertreter der damaligen Wiener Kabarett-Szene, allen voran das Ensemble rund um Gerhard Bronner. Die erste Platte mit Bronner und Helmut Qualtinger wurde ein Riesenerfolg und ebnete den Weg für weitere Aufnahmen, die noch heute Kultstatus besitzen. Protagonisten waren u. a. Georg KreislerFink, Hans-Juergen / Seufert, Michael: Georg Kreisler gibt es gar nicht - Die Biographie, Frankfurt am Main 2005, S. 190 und 201–203., Louise Martini, Peter Wehle, Fritz Muliar, Karl Farkas, Ernst Waldbrunn und Cissy Kraner.Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 3].Stalzer, Alfred: Preiser Records - Das Audiogedächtnis des Wiener Nachkriegskabaretts. Gespräch mit Christoph Preiser, dem Sohn des Label-Gründers, in: Alles Meschugge? Jüdischer Witz und Humor, hrsg. von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, Jüdisches Museum Wien 2013, S. 201.
„Lebendige Vergangenheit“ mini|Jürgen Schmidt mit Lotte Lehmann in Wien, 11. Juni 1964 Neben dem Aufbau einer Sprechplatten-Produktion (u. a. mit dem gesprochenen Rosenkavalier und einer Arthur-Schnitzler-Gedenkplatte) und der Betreuung einiger Musikproduktionen wie z. Bsp. der Gesamteinspielung der Kammermusik von Franz Schmidt mit dem Wiener Konzerthausquartett, nahm für Jürgen Schmidt eine weitere Serie immer mehr Gestalt an: die Lebendige Vergangenheit. 1966 gestartet, bestand die Grundidee darin, in erster Linie Wiener Künstlern zu Nachruhm zu verhelfen, den sie anderswo nicht genossen.Ritterband, Charles: Preisers Tondokumente aus dem alten Wien, in: Neue Zürcher Zeitung, 3. April 2004, S. 19.Jarolin, Peter: CD der Woche: Und ewig strahlt die Farbe Lila, in: Kurier, 8. März 2009, S. 34. Richard Mayr eröffnete diese Reihe, gefolgt von Maria Jeritza, Emil Schipper und Mária Németh. Doch bereits aber der 5. Ausgabe weitete Schmidt die Auswahl aus und begann zusätzlich eine zweite Reihe mit dem Titel Court Opera Classics.Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 4–5]. Diese war Aufnahmen aus der Zeit der Wiener Hofoper, also bis 1918, gewidmet, während die Lebendige Vergangenheit einen Zeitraum von 1918 bis in die 1940er Jahre (in Einzelfällen auch darüber) abdeckte. In Plattenläden waren die Serien dank ihrer unverwechselbaren Cover stets auf den ersten Blick zu erkennen: weißes Cover mit Bild des Sängers/der Sängerin im Zentrum für Court Opera Classics, lila für Lebendige Vergangenheit.Jarolin, Peter: CD der Woche: Und ewig strahlt die Farbe Lila, in: Kurier, 8. März 2009, S. 34. Mit der Umstellung von Langspielplatte auf CD wurden die beiden Serien schließlich zu einer vereint., zuletzt abgerufen am 7. November 2015.http://www.tamino-klassikforum.at/index.php?thread/5204, zuletzt abgerufen am 7. November 2015. Bei Preiser Records wird das „Credo“ Schmidts beschrieben als „der authentische, im Gegensatz zu dem klinisch von Störgeräuschen gereinigte Klang. Schmidt legte in der Auswahl der Künstler Wert auf Authentizität, aber auch darauf, weniger bekannte Persönlichkeiten zu fördern. Der von Schmidt betreute Katalog «Lebendige Vergangenheit» mit seinen mehr als 400 Titeln ist zum Nachschlagewerk für Opernkenner geworden.“, zuletzt abgerufen am 7. November 2015.
Trotz des enormen Arbeitsaufwands in Bezug auf diese Serien, hielt Schmidt selbst in seinen autobiographischen Anmerkungen fest, dass er diese Tätigkeit „quasi so nebenbei ausgeführt habe“,Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 5]. da seine eigentliche Arbeit bei Preiser Records darin bestand, Künstler wie Georg Kreisler, Helmut Qualtinger oder Fritz Muliar zu betreuen und neue Produktionen mit ihnen durchzuführen. Zwei für Schmidt besonders wichtige Künstler waren Anton Dermota und Robert Holl – ersterer konnte mit Schmidts Hilfe seine Alterskarriere umfangreich dokumentieren (u. a. mit seinem Schubert-Zyklus)Schmidt war nicht nur Produzent etlicher Dermota-Aufnahmen, sondern besorgte u. a. auch die Erstellung der Diskographie in dessen Autobiographie, siehe: Dermota, Anton: Tausendundein Abend - Mein Sängerleben, Wien 1978, S. 343–352., dem zweiten war Schmidt ein großer Förderer und begleitete den damals noch nicht 30-jährigen Holl ab 1975 bei seiner internationalen Karriere nicht nur als Produzent, sondern auch als ein enger Freund.Cervenka, Gottfried: Nachruf in der Ö1-Radiosendung Apropos Oper vom 24. Oktober 2010.
Jürgen Schmidt wurde ab 1972 gleichwertiger Partner Otto Preisers und damit Mitinhaber der Firma. Nach Preisers Tod 1996 übernahm er die Geschäftsführung, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 innehatte.Stalzer, Alfred: Preiser Records - Das Audiogedächtnis des Wiener Nachkriegskabaretts. Gespräch mit Christoph Preiser, dem Sohn des Label-Gründers, in: Alles Meschugge? Jüdischer Witz und Humor, hrsg. von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, Jüdisches Museum Wien 2013, S. 201. Dass für Schmidt stets die Liebe zur Musik im Mittelpunkt stand, beweist die Tatsache, dass er auch nach seiner Pensionierung mit gleicher Begeisterung und gleichem Eifer so weiterarbeitete wie zuvor.Jarolin, Peter: CD der Woche: Und ewig strahlt die Farbe Lila, in: Kurier, 8. März 2009, S. 34.Schmidt, Jürgen: Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., [S. 5]. Die Betreuung der von ihm initiierten Serien blieb bis zu seinem Tod in seinen Händen.
mini|Jürgen Schmidt mit Hans Hotter, 25. Juli 2001
Prägende Freundschaften