Die Aktivitäten der Gründerausbildung und Gründungsförderung umfassen alle staatlichen und privaten Aktivitäten zur Qualifizierung von Unternehmensgründern bzw. Entrepreneuren und zur institutionellen Förderung von Start-ups.
Ausgangspunkt Entgegen landläufiger Darstellung reicht die Unternehmerausbildung bis in die Frühmoderne zurück. In Deutschland finden sich Hochschulkurse und ganze Studienprogramme, durch die gezielt Industrieunternehmer ausgebildet werden sollten, an den damaligen polytechnischen Schulen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Unternehmerausbildung rückte jedoch wenig später in den Hintergrund, als die Technischen Hochschulen begannen, verstärkt akademische Legitimität zu erlangen, indem sie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fast alle Fächer, die nicht auf angewandten Naturwissenschaften basierten, aus ihren Curricula eliminierten. Zur gleichen Zeit begannen jedoch die zwischen 1898 und 1920 in Deutschland gegründeten Handelshochschulen damit, gezielt Unternehmer auszubilden. Auch hier verschwand dieses Ziel aber im Zuge der zunehmenden Akademisierung und der Entstehung der Betriebswirtschaftslehre als wissenschaftlicher Disziplin gegen Mitte der 1920er Jahre.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen neben der branchen- oder technologiebezogenen Fachkompetenz und einer allgemeinen kaufmännischen Kompetenz keine weiteren speziellen Haltungen und Einstellungen notwendig. Erst in den 1980er Jahren kam zur Wiederbelebung eines Interesses an Unternehmerausbildung. In Deutschland wie in anderen westlichen Industrieländern entstand dieses Interesse aufgrund eines stetigen Rückgangs des Anteils der Selbstständigen an der Erwerbsbevölkerung Jahre im Gefolge der großbetrieblicher Strukturen im Rahmen eines „konservativen Wohlfahrtssystems“.Ursula Bazant: Selbstständigkeit im konservativen Wohlfahrtssystem. Springer Verlag, 2009, S. 42. Diese Tendenz spiegelte sich auch in der zunehmenden Ausrichtung der Betriebswirtschaft auf die Bedürfnisse von Großunternehmen und auf Methoden, die auf der Auswertung großer Datenmengen basieren.
Der Schwund der kleinen und mittelständischen Unternehmen führte damit zum Rückgang unternehmerischer Fähigkeit und Haltungen, die früher (im günstigsten Fall) im Rahmen der Familientradition und/oder einer Ausbildung im elterlichen Betrieb oder durch andere persönlich haftende Unternehmenseigner und Rollenmodelle vermittelt werden konnten. In Verbindung mit der damals typischen Perspektive eines Arbeitnehmers auf eine regelmäßige, exakt begrenzte Arbeitszeit bei voraussichtlich jährlich steigender Entlohnung und eine geregelte Altersversorgung war das Interesse an der Erwerbsform der Selbstständigkeit bis zu den 1980er Jahren drastisch gesunken.
Der Anteil der Selbstständigen an der Erwerbsbevölkerung sank in Deutschland von 1882: 25,6 Prozent auf 1939: 13,4 Prozent und (in Westdeutschland) 1980: 9 Prozent.Matthias Euteneuer: Unternehmerisches Handeln und romantischer Geist: Selbständige Erwerbsarbeit in der Kulturwirtschaft. Springer-Verlag, 2011, S. 31. Der Kipppunkt dieser Entwicklung lässt sich für die Bundesrepublik recht genau fixieren; er lag im Jahr 1981,Bazant 2009, S. 39. In den USA lag dieser Punkt früher, in einigen Ländern Südeuropas, aber z. B. auch in den Niederlanden etwas später. als durch die rückläufige Gesamtbeschäftigung deutlich wurde, dass Wohlstands- und Arbeitsplatzzuwächse nicht mehr vorrangig durch das Wachstum von Großbetrieben erreicht werden konnten, die im Gegenteil verstärkt Arbeitsplätze abbauten.
Mit einem wenn auch zunächst langsamen Anstieg der Zahl der Selbstständigen seit den 1980er Jahren war die Umkehrung eines Trends markiert, der seit Beginn der Industrialisierung angehalten hatte. Durch Deregulierung und Privatisierung wurde nunmehr der Marktzugang von Dienstleistungsunternehmen zu bisher geschützten Bereichen erleichtert; sinkende Einstiegsschwellen in die Selbstständigkeit (unterstützt durch technische Trends wie den PC, neue Geschäftsmodelle und die Outsourcingaktivitäten der Großunternehmen) förderten seit den frühen 1990er Jahren die Möglichkeit des Marktzugangs für kapitalschwache Gründer und neue Gruppen von Selbstständigen (Frauen, Migranten, „Notgründer“ in den neuen Bundesländern). Angesichts der zunächst geringen Attraktivität des riskanten Erwerbsmodells der Selbstständigkeit stellte sich jedoch immer dringlicher die Frage, woher eine ausreichende Anzahl qualifizierter und motivierter Gründer kommen sollte.
Trainierbarkeit unternehmerischer Fähigkeiten David McClelland war einer der ersten Wissenschaftler, der davon ausging, dass unternehmerische Kompetenzen und Motivationen trainiert werden können und müssen. Sein Kakinada-Experiment, das 1964 in Mumbai sowie in Mexiko und den USA durchgeführt wurde, zeigte die Trainierbarkeit unternehmerischer Traits und führte zur Entwicklung von EDP (Entrepreneurial Development Programs) in vielen Ländern, die rasch auch den akademischen Bereich einbezogen.
In den vergangenen Jahren hat sich die akademische Entrepreneurausbildung in zahlreichen Staaten etabliert. Besonders auch in der Krise 2008–2009 hat sich in vielen Ländern gezeigt, dass Entrepreneurs mit akademischer Ausbildung ihre Gründungs- und Wachstumschancen trotz krisenbedingter Einschränkungen besser einzuschätzen vermögen als diejenigen ohne Ausbildung.Siehe z. B. GEM 2009, Länderbericht Schweiz, S. 37.
Allerdings wurde angesichts der hohen Erwartungen in die Trainierbarkeit unternehmerischer Dispositionen sowie des Steuerungsoptimismus der Politik und der BildungseinrichtungenFür die Hochschulen vgl. Klaus Dörre, Matthias Neis: Das Dilemma der unternehmerischen Universität: Hochschulen zwischen Wissensproduktion und Marktzwang. Berlin 2010, S. 137 ff. das Wechselspiel personeller und fachlicher Faktoren wenig berücksichtigt; es ist bisher wenig erforscht.
Akademische Entrepreneurausbildung Ziele Ziel der akademischen Entrepreneurausbildung ist es u. a., über die Möglichkeiten der Unternehmensgründung zu orientieren und durch theoretisches Wissen und praktisches Training die unternehmerische Lernkurve zu verkürzen. Dazu gehören heute u. a. folgenden Themen: Charakterisierung des Entrepreneurs und der verschiedenen Typen von Unternehmen Phasen der Unternehmensgründung und des Unternehmenswachstums Inhalte von Business-Plänen Finanzierung von Gründung und Wachstum und Auswahl von Investoren Krisenmanagement Managerial skills wie Vertragsverhandlungen, Mitarbeiterführung usw. Einen Überblick über verschiedene Formen der Institutionalisierung auf Basis von Fallstudien bieten Christine Volkmann und David B. Audretsch.Christine K. Volkmann, David B. Audretsch: Entrepreneurship Education at Universities: Learning from Twenty European Cases. Springer-Verlag 2017.
Wesentlich weiter gehen Konzepte, die versuchen, die Intentionsbildung und Selbstwirksamkeitsvermutung der Gründer zu beeinflussen. Sie basieren zum Teil auf der Theorie des geplanten Verhaltens.Icek Ajsen: The theory of planned behavior. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes, Vol. 50 (1991), No. 2, S. 179–211. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob die handelnde Person sich als jemand erlebt, der sein Verhalten erfolgreich kontrollieren kann, bzw. ob sie dieses in der Ausbildung erlernt.
Stufen der Implementation Bezüglich der Förderung der Unternehmerausbildung an Hochschulen können vier Stufen unterschieden werden: die Sensibilisierung der Studierenden und Mitarbeiter für eine Gründungsoption die Curricularisierung wichtiger Elemente etwa im Rahmen eines Fachs Entrepreneurship oder anderer spezieller betriebswirtschaftlicher Disziplinen die Stimulation von Gründungen durch Einflussnahme auf die Intentionen das praktische Training in universellen oder fach-/branchenspezifischen Inkubatoren Eine weitere Methode ist das systematische Screening von schnell wachsenden oder technologisch hoch innovativen Gründungen und das anschließende Management von Innovationen in Start-ups.
Eine immer größere Bedeutung für die Entrepreneurausbildung haben MBA-Ausbildungsprogramme. Neben MBA gibt es auch technisch orientierte, berufsbegleitende Masterprogramme, z. B. In Stuttgart.uni-stuttgart.de Strukturierte Programme für Doktoranden gibt es von der Falling Walls Foundation unter dem Namen Young Entrepreneurs in Science Campus.youngentrepreneursinscience.com
Wirkungen Grundsätzlich ist es schwierig, den Effekt einer akademischen oder gar schulischen Entrepreneurausbildung im Hinblick auf das Gründungsverhalten zu evaluieren, da die Absolventen – wenn überhaupt – oft erst nach einigen Berufsjahren oder sogar in höherem Alter gründen.Braun, Gerald; Diensberg, Christoph: Evaluation und Erfolgsbewertung internationaler Entrepreneurship-Trainingsprogramme. In: Walterscheid, Klaus (Hrsg.): Entrepreneurship in Forschung und Lehre. Festschrift für Klaus Anderseck. Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2003, S. 205–221.
Es gibt jedoch eine Vielzahl von Studien aus verschiedenen Ländern, die belegen, dass Entrepreneurial Education einen positiven Einfluss auf die Entwicklung unternehmerischer Intentionen und der Selbstwirksamkeitsvermutung hat.Stellvertretend für viele die oft zitierte Studie von V. Souitaris, S. Zerbinati, A. Al-Laham: Do entrepreneurship programmes raise entrepreneurial intention of science and engineering students? The effect of learning, inspiration and resources. Journal of Business Venturing. Vol. 22 (2007), No. 4, S. 566–591. Eine wichtige intervenierende Variable ist allerdings die Wahrnehmung der Machbarkeit des eigenen Vorhabens.L. W. Cox, S. Mueller, S. E. Moss: The impact of entrepreneurship education on entrepreneurial self-efficacy. International Journal of Entrepreneurship Education. Vol. 1, 2002, 229-245.
Viele dieser empirischen Arbeiten, die meist studienbegleitend in MBA- und anderen Kursen durchgeführt wurden, vernachlässigen jedoch die Differenz zwischen Intention und Handlung. Eine ungarische Studie zeigt, dass die Beteiligung an Entrepreneurkursen erst mittel- bis langfristig (über einen Zeitraum von fünf und mehr Jahren) mit der Gründungshäufigkeit korreliert.Szerb, László; Imreh, Szabolcs, Entrepreneurship Education and Entrepreneurial Attitudes of Hungarian Students: An International Comparison, 5th International Conference on Management, Enterprise and Benchmarking, June 1–2 Budapest, Budapest Tech 2007, S. 71–88.
Eine Untersuchung an der TU München zeigt zwar positive Effekte der Entrepreneurship Education hinsichtlich der Lernbereitschaft, des Optimismus, der Hoffnung auf Erfolg und der internalen Kontrollüberzeugung, aber nur geringe, nicht signifikante Effekte der Entrepreneurial Education im Hinblick auf die Selbstwirksamkeitserwartung, und dies insbesondere bei älteren Studierenden, bei denen die Selbstwirksamkeitserwartung ohnehin höher ist. Eine Veränderung der Wertorientierungen war nicht festzustellen.Sabrina Biedele: Die Bedeutung der Entrepreneurship Education für die Employability: Eine empirische Analyse am Beispiel des unternehmerischen Qualifizierungsprogramms Manage & More der UnternehmerTUM. Books on Demand, Norderstedt 2015, S. 192 ff.
Einer Studie von Sanja Pfeifer an der Josip-Juraj-Strossmayer-Universität Osijek zufolge sinkt durch eine akademisierte Entrepreneurausbildung möglicherweise sogar die unternehmerische Selbstwirksamkeitsvermutung von Studierenden mit hohen unternehmerischen Aspirationen, und zwar aufgrund von Entmutigungseffekten, die sich aus der studienbedingt zunehmenden Einsicht in die Komplexität von Gründungsvorhaben ergeben. Hingegen werden Studierende ohne große unternehmerische Aspirationen durch eine Information über die Möglichkeiten von Gründungen eher motiviert, sich erstmals mit konkret dem Thema zu befassen.Sanja Pfeifer u. a., The impact of entrepreneurship education on entrepreneurial self-efficacy and career decisions... 6th annual Erenet Meeting, Targu-Mures, 12. April 2013.