mini |Alice Munro (2006) Alice Munro (geborene Alice Ann Laidlaw; * 10. Juli 1931 in Wingham, Ontario; † 13. Mai 2024 in Port Hope, Ontario) war eine kanadische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin, deren Werk mehr als 150 Kurzgeschichten umfasst und die Struktur von Kurzgeschichten revolutionierte. Ihre Geschichten, die sich durch sprachlichen Feinschliff auszeichnen, beginnen oft an einer unerwarteten Stelle; anschließend wird die Erzählung chronologisch rückwärts oder vorwärts entwickelt.Julie Bosmans: Alice Munro Wins Nobel Prize in Literature. In: The New York Times. 10. Oktober 2013Im Frühjahr 2013 formulierte Lisa Dickler Awano es so: „Her continual innovation in short-story structure has expanded our understanding of what the form can achieve.“ An Interview With Alice Munro, Lisa Dickler Awano, Virginia Quarterly Review, Spring 2013.

Mit ihren Erzählungen knüpfte Munro an die angelsächsische Tradition der Short Story an; sie wird oft mit Anton Tschechow, dem russischen Meister dieser Form, verglichen. In Kanada und im englischsprachigen Raum ist Alice Munro eine Bestsellerautorin. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem Man Booker International Prize und 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur.Nobelprize.org: The Nobel Prize in Literature 2013, abgerufen am 9. August 2022.

Leben Alice Munro wuchs als ältestes von drei Geschwistern auf einer Silberfuchsfarm in Wingham zwischen Toronto und Detroit im Süden der Provinz Ontario auf. Als sie zehn Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter an einer seltenen Form der Parkinson-Krankheit. Zwischen 1949 und 1951 studierte Munro mit einem Stipendium Journalismus an der University of Western Ontario. Aus Geldmangel brach sie ihr Studium ab, heiratete James Munro und brachte zwischen 1953 und 1966 vier Töchter zur Welt. Die zweite Tochter starb kurz nach der Geburt. 1963 zogen Alice und James Munro nach Victoria auf Vancouver Island an der kanadischen Westküste und gründeten dort eine Buchhandlung, die heute noch existiert.

1972 trennte sich Munro von ihrem Ehemann und heiratete 1976 den Geographen Gerold Fremlin. Das Ehepaar zog auf eine Farm nahe Clinton in Ontario und später in ein Haus in Clinton. Fremlin starb dort im April 2013.Gerald Fremlin (obituary). In: Clinton News-Record. April 2013, abgerufen am 9. August 2022 Munros älteste Tochter, Sheila Munro, publizierte 2002 ihre Kindheitserinnerungen in Lives of Mothers and Daughters: Growing Up With Alice Munro.

Im Juli 2024, knapp zwei Monate nach Alice Munros Tod, veröffentlichte ihre jüngste Tochter Andrea in der Sonntagsausgabe der Zeitung Toronto Star ein Essay, in dem sie erklärte, ihr Stiefvater Fremlin habe sie seit dem Alter von neun Jahren jahrelang sexuell missbraucht. Obwohl Munro von ihrer Tochter 1992 davon in Kenntnis gesetzt worden sei und Fremlin den sexuellen Missbrauch zugegeben und sich 2005 auch gegenüber den Behörden schuldig bekannt habe, sei Munro bei ihm geblieben.

Werdegang Munro begann bereits im Teenageralter mit dem Schreiben. Als sie 20 Jahre alt und noch Studentin war, wurde ihre erste Short Story, The Dimensions of a Shadow (1950), veröffentlicht. Ihre erste Sammlung von Erzählungen, Dance of the Happy Shades (1968), von der Kritik begeistert gefeiert, wurde mit dem höchsten kanadischen Literaturpreis, dem Governor General’s Award for Fiction, ausgezeichnet.

1951 verkaufte Munro erstmals eine Kurzgeschichte an den einflussreichen Herausgeber und Publizisten Robert Weaver der staatlichen kanadischen Rundfunkgesellschaft CBC/Radio-Canada. Ab 1953 verkaufte sie Kurzgeschichten an die Zeitschriften Mayfair, Chatelaine und Canadian und an die literarischen Journals Queen’s Quarterly und Tamarack Review. Im Laufe der Jahre kamen viele weitere hinzu. Ab den 1950er Jahren gab Munro Autorenlesungen bei CBC/Radio-Canada. Mit der Erzählung „Peace of Utrecht“ (1960) begann Munros Karriere als gefragte Autorin. 1968 publizierte Munro in Vancouver ihre erste Sammlung und ab 1969 wurden ihre Werke in maßgebliche kanadische Anthologien aufgenommen. Teilweise verfasste Munro nun selbst die Drehbücher für TV-Adaptationen der CBC/Radio-Canada. Ab 1972 begann Munro ihre Lehrtätigkeit an Hochschulen und war 1974/75 Writer-in-Residence an der University of Western Ontario. Ab 1977 erschienen die meisten ihrer neuen Werke in The New Yorker; ab 1979 hatte Munro mit dem Blatt ein First-reading Agreement. In den 1980er Jahren war Alice Munro weltweit unterwegs, zunächst in Brisbane in Australien. 1981 folgte China, wo sie zusammen mit sechs anderen kanadischen Schriftstellern bei der Chinese Writers’ Association zu Gast war, anschließend die skandinavischen Länder. Schon vor 1990 wurde Munro für ihre Werke mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.Louis K. MacKendrick, Chronology, in: Some other reality: Alice Munro’s Something I’ve been meaning to tell you. ECW Press, Toronto 1993, ISBN 1-55022-129-9, S. 9–11

Von Munro wurden 14 Bände mit Erzählungen, die mehr als 150 Short Stories enthalten, in englischer Sprache publiziert. Hinzu kommen zahlreiche Short Stories in Zeitschriften, die bisher in keiner Sammlung enthalten sind. Für ihr Gesamtwerk wurde Alice Munro als „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“ („master of the contemporary short story“) mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der Preis ging zum ersten Mal nach Kanada und zum 13. Mal an eine Frau;Kanadische Schriftstellerin Alice Munro erhält Literaturnobelpreis. Großes Drama aus engen Verhältnissen, Süddeutsche Zeitung, 10. Oktober 2013, abgerufen am 11. Oktober 2013 es war zudem das erste Mal, dass ein Verfasser von Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde.

Nach dem Erscheinen ihrer Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Dear Life (2012; deutsch: Liebes Leben) gab Alice Munro das Ende ihrer schriftstellerischen Tätigkeit bekannt; ihrer eigenen Aussage zufolge werde es nach Dear Life keine weiteren Bücher von ihr mehr geben, da sie nicht mehr die Energie aufbringen könne, die das Schreiben erfordert. In dem im Juli 2013 in der New York Times publizierten Artikel „Alice Munro Puts Down Her Pen to Let the World In“ wird sie mit den Worten zitiert: „There will be no more books after Dear Life […] I don’t have the energy anymore […] it’s very hard, and you get very tired […] I feel a bit tired now – pleasantly tired“ […] I feel that I’ve done what I wanted to do, and that makes me feel fairly content.Vgl. Reingard M. Nischik: Alice Munro: Nobelpreisgekrönte Meisterin der Short Story aus Kanada. Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik, 62, H. 4, November 2014, S. 359–377, hier S. 364. Volltext

Alice Munro starb im Mai 2024 im Alter von 92 Jahren in ihrem Haus in Port Hope in Ontario,Patrick Bahners, Mitgedachte Konsequenzen: Zum Tod der kanadischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Alice Munro, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Mai 2024, S. 9 anderen Angaben zufolge in einem Pflegeheim, nachdem sie schon länger an Demenz gelitten hatte.

Werk Munros Erzählungen sind realitätsnah, abgründig, unsentimental und haben häufig einen offenen Schluss. Marcela Valdes, angestellte Journalistin für das New York Time Magazine, schreibt, dass Munros Charaktere packend sind, weil sie – wie echte Menschen – voller Ungereimtheiten seien, die Munro mit einer Technik darstelle, die an den Pointillismus erinnert: Eine glänzende Szene an die nächste setzen, ohne auf Chronologie Wert zu legen.Marcela Valdes: Some Stories Have to Be Told by Me: A Literary History of Alice Munro. In: The Virginia Quarterly Review. VQR Symposium on Alice Munro. Summer 2006, S. 82–90. „Alice Munro ist als Erzählerin das, was man ‚sophisticated‘ nennt. Mag das Leben auch absurd erscheinen, bei ihr geschieht nichts ohne Hintersinn“, schreibt Gabriele Killert zu Beginn ihrer Rezension von Zu viel Glück.Gabriele Killert: Erzählungen über Menschen im Ausnahmezustand. Alice Munro: „Zu viel Glück“, Fischer Verlag, Frankfurt, dradio.de, 2. November 2011, zuletzt abgerufen am 14. November 2013. Munros gesamtes Schaffen zeichnet sich nach Ailsa Cox durch einen gewissen Widerstand gegen tröstliche Gewissheiten aus.Ailsa Cox, „›Age could be her Ally‹: Late Style in Alice Munro’s To Much Happiness“, in: Alice Munro, herausgegeben von Charles E. May, Salem Press, Ipswich, Massachusetts 2013, ISBN 978-1-4298-3722-4 (hardcover), ISBN 978-1-4298-3770-5 (E-Book) Inhaltsverzeichnis, S. 276–290, S. 277. Leah Hager Cohen schreibt, man atme beim Lesen im Rhythmus anderer, man sehe die Blickwinkel anderer, als ob es die eigenen wären. Munros erzähltechnische Fähigkeit, im Leser Empathie zu wecken, sei nahezu unmerklich.Leah Hager Cohen, Alice Munro’s Object Lessons, nytimes.com, 27. November 2009, zuletzt abgerufen am 14. November 2013. Alice Munro beschwöre die Lesekultur, indem diskrete Hinweise in Sachen Leiden und Hoffnung vor allem dann platziert würden, wenn ihre Figuren Bücher zur Hand nehmen, meint Michael Braun.Michael Braun, „Zu viel Glück“. Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013, kas.de, 10. Oktober 2013. Thomas Steinfeld stellt fest, dass fast alle Protagonisten in Munros Short Stories Frauen sind und auch ansonsten kaum männliche Figuren vorkommen. Viele der Figuren leben in prekären Verhältnissen. In Szenen und Dialogen, die gewöhnlich erscheinen, wird das Unheimliche des alltäglichen Lebens in einer globalisierten Welt sichtbar.Thomas Steinfeld: Wie erstaunlich, wie schrecklich. Warum das Gewöhnliche auch immer das Unheimliche ist und wie dabei gute Geschichten entstehen: Die Kanadierin Alice Munro erhält den Nobelpreis für Literatur. In: Süddeutsche Zeitung. 11. Oktober 2013, S. 11. Die paradoxe Natur von Erfahrung sei ein vertrautes Motiv bei Munro, was sich nicht selten anhand von uneindeutigen Anfängen und Schlüssen zeige, so Dennis Duffy.Dennis Duffy, „A Dark Sort of Mirror“: „The Love of a Good Woman“ as Pauline Poetic, In: The rest of the story. Critical essays on Alice Munro. Edited by Robert Thacker, ECW Press, Toronto, 1999, ISBN 1-55022-392-5, S. 169–190. Die politische Dimension ist implizit und liegt darin, dass menschliche Beziehungen genau ausgelotet werden, schreibt Christopher Schmidt und zitiert Verleger Jörg Bong vom S. Fischer Verlag dahingehend, dass Munro in ihrem Werk das Paradox verkörpere, auf ganz einfache Weise vom Allerkompliziertesten erzählen zu können. Jörg Bong attestiere dem Werk von Alice Munro Größe, Weisheit, Tiefe und Bescheidenheit von einer einzigartigen Aura.Christopher Schmidt: Vom Kompliziertesten ganz einfach erzählen. Die deutschen Verleger der Nobelpreisträgerin Alice Munro hoffen auf eine Aufwertung der Short Story. In: Süddeutsche Zeitung. 11. Oktober 2013, S. 14.

Munros Prosa zeige eine enorme Spannbreite, denn sie sei einerseits den Figuren ganz nah und gleichzeitig ungeheuer weit weg, oben. Elmar Krekeler vermutet in seiner Rezension des vierzehnten und jüngsten Bandes Liebes Leben (2012) für Berliner Morgenpost, dass der starke Sog, mit dem man in die Geschichten hineingezogen werde, aus dieser Spannbreite herrührt. Man stecke nach dem ersten Satz fest „wie die Fliege an der Klebefolie“. Die beschriebene fiktive Welt von Munro fühle sich so glaubwürdig und zwangsläufig an „wie kaum eine andere literarische Welt“.Elmar Krekeler, Flaschenpost für Therapeuten. In ihrem neuen Buch „Liebes Leben“ erzählt Alice Munro Lebensgeschichten, Berliner Morgenpost, 13. Dezember 2013, Nr. 340, S. 31.