mini|Dolch Seelenarbeit ist ein Roman von Martin Walser. Er erschien 1979 im Suhrkamp Verlag.

Inhalt Xaver Zürn lebt auf dem Hungerbühler Hof in Wigratsweiler, einem kleinen Ort im Hinterland des Bodensees. Der Hungerbühler Hof ist das einzige Haus in Wigratsweiler, dessen Dach neu gedeckt werden sollte, und er liegt als einziges Haus so dicht an der Gastwirtschaft Zur Frohen Aussicht, dass seine Bewohner nächtens durch den Lärm der aufbrechenden Gäste und die Abschiedsrufe der Wirtin Margot gestört werden. Xaver Zürn hat am Rand seines Grundstücks schon 22 Tannen gepflanzt, um sich abzuschotten, doch Margots Stimme durchdringt jede Barrikade – zumal Zürn, als Margot heiratete, feststellen musste, dass er seine ganze Jugend über geglaubt hatte, sie werde einmal ihn heiraten und nicht den dicken Koch Sepp Mehl.

Xaver selbst hat dann Agnes Guldin geheiratet, die von einem großen Bauernhof stammt und sich deswegen das Recht herausgenommen hat, Xavers Elternhaus neu einzurichten – alte Möbel und Vertäfelungen, wie sie einst auch auf dem Hungerbühler Hof zu finden waren, sieht Xaver nun hin und wieder in den Wohnstätten der Arrivierten. Mit Agnes ist das erste Klavier nach Wigratsweiler gekommen, und die beiden Töchter des Ehepaars, nun 16 und 18 Jahre alt, haben Musikunterricht erhalten und wurden aufs Gymnasium nach Friedrichshafen geschickt.

Auf dem Gelände rund um das Wohnhaus betreiben Agnes und Xaver noch Obst- und Beerenanbau, doch die eigentliche Landwirtschaft hat Xavers Bruder Georg übernommen. Zwei weitere Brüder sind nicht mehr am Leben: Johann, einst ein erstklassiger Schüler in der Klosterschule Wurzach, ist im Zweiten Weltkrieg bei der Verteidigung Königsbergs gefallen, Jakob, ein hervorragender Schütze, in Karelien vermisst. Die Haupteinnahmequelle, von der die Familie Zürn lebt, ist Xavers Arbeit als Fahrer des Direktors der Gleitze-Werke. Die Familie Gleitze stammt aus Königsberg, hat die Zerstörung ihrer Heimatstadt ohne persönliche Verluste überlebt und ist auch im Westen wirtschaftlich erfolgreich. Einer der drei Brüder Gleitze, Albert, kommt nur einmal jährlich aus den USA zu Besuch, die beiden anderen leben und arbeiten im Bodenseeraum. Dieter Gleitze, Xaver Zürns Arbeitgeber, haust in Oberhof, einem Teilort von Tettnang, zeichnet sich durch ungeheuren Fleiß aus und hat es sich zum Ziel gesetzt, über die bedeutenderen Aufführungen von Mozart-Opern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Buch zu schreiben, das er im Jahr 2001 beendet haben will. Aus diesem Grund, so setzt er seinem Fahrer einmal auseinander, sei es unbedingt erforderlich, dass er die Jahrtausendwende noch erlebe, und daher brauche er einen so zuverlässigen Fahrer wie Xaver Zürn, der weder rauche noch trinke und außerdem einmal deutscher Meister im Kleinkaliberschießen gewesen sei. Dieses Bild Xavers entspricht allerdings nicht ganz der Wirklichkeit: Meister Köberle, unter dem Xaver einst in einer Werkstatt gearbeitet hat, hat die Beschreibung des jungen Mannes, den er empfohlen hat, ein wenig geschönt. Die Meisterschaft im Schießen hat, noch während des Dritten Reichs, nicht Xaver gewonnen, sondern sein Bruder Jakob hätte sie beinahe gewonnen – wenn nicht beim Zählen der Treffer aufgefallen wäre, dass auf der Schießscheibe seines Nebenmannes 61 und auf seiner eigenen nur 59 Einschüsse zu verzeichnen waren. Jakob hat offenbar nach dem Nachladen den Kopf gehoben, irrtümlich auf die fremde Scheibe gezielt und damit seine Chance auf den Titel vertan.

Xaver Zürn möchte seit Jahren den Irrtum seines Chefs über ihn, den Fahrer, klarstellen, und seit Jahren möchte er ihm auch mitteilen, dass sein Bruder Johann in Königsberg ums Leben gekommen ist. Doch er kommt nie zu Wort. Ein einziges Mal hat Gleitze ihm gegenüber persönliche Informationen preisgegeben und von seiner Familie in Königsberg erzählt. Doch auch hier war der Informationsfluss einseitig. Zürn konnte keine Antwort auf den Redeschwall Gleitzes geben. miniatur|Dickdarm Seit Jahren also fährt Zürn Dieter Gleitze, dessen Kollegen, Freunde und Familie zu Meetings, Opernaufführungen und Treffen ehemaliger Königsberger, seit Jahren hört er die Gespräche auf dem Rücksitz mit und gibt im Geist darauf Antworten. In der Realität hat er nur zu funktionieren und ist in das Rollenbild des treuen, abstinenten ehemaligen Kleinkalibermeisters gezwängt, in das er mehr oder weniger zufällig hineingeraten ist. Längst leidet er unter dieser Situation. Er hat ununterbrochen Bauchschmerzen und Probleme mit der Verdauung. An dem Maimorgen, an dem die Erzählung einsetzt, erhebt er sich nach einer weitgehend durchwachten Nacht gerädert aus dem Bett, muss feststellen, dass das Abführmittel, das er vor der langen Fahrt nach Düsseldorf genommen hat, nicht rechtzeitig gewirkt hat, und macht sich auf einen anstrengenden Tag gefasst. In der Tat hat er auf dieser Reise schwer zu leiden. Während er Dr. Gleitze, Direktor Trummel und den Ingenieur Ruckhaberle zu ihrem Termin im Savoy in Düsseldorf transportiert, beginnt das Mittel zu wirken und Xaver hat einen wilden Kampf mit seinen Eingeweiden zu führen, weil offenbar die drei Herren Ausscheidungen irgendeiner Art nicht nötig haben und infolgedessen keine Toilettenpause eingelegt wird. Währenddessen hört er außerdem, dass Trummel mit einem Mitarbeiter im Alarmanlagen-Vertrieb nicht mehr zufrieden ist, fasst sofort einen Verdacht und sieht diesen bald darauf bestätigt: Es handelt sich um seinen Vetter Konrad Ehrle, der auch der Familie schon einige Sorgen bereitet hat. Ehrle pflegt zu viel zu trinken und dann Reden zu halten, in denen er erzählt, was er alles nicht mit sich machen lasse. Zürn ist daher peinlich darauf bedacht, dass Gleitze und Konsorten von dem Verwandtschaftsverhältnis nichts erfahren.

Als Zürn die drei Herren endlich am Savoy abgesetzt und sich dann auf der Bahnhofstoilette erleichtert hat, muss er gegen den Wunsch ankämpfen, sich etwas zu kaufen. Dieser Wunsch ist in letzter Zeit immer häufiger aufgetreten. Xaver pflegt Manschettenknöpfe oder noch lieber Messer zu kaufen, obwohl er deren schon fünf hat. Eines davon führt er im Handschuhfach mit.

Ruckhaberle lässt sich später von Zürn auf den Bahnhof bringen und kehrt mit dem Zug an den Bodensee zurück, während die beiden anderen Herren noch nach Köln zu bringen sind, wo sie im Dom-Hotel absteigen und wo Gleitze noch in die Oper geht. Zürn selbst ist in dem deutlich bescheideneren Hotel Drei Kronen untergebracht, was ihn gleich wieder daran erinnert, wie er sich in dem zugigen Frühstücksraum einmal eine schwere Erkältung zugezogen hat. Schon steigen die Aggressionen wieder in ihm auf: „Fünf Wochen Unannehmlichkeiten jeder Art. Das ist doch eine Form der Körperverletzung. Wenigstens jetzt sofort einen Aschenbecher in dieses verglaste Mittelmeerbild werfen, und wenn sie kommen und fragen, ihnen ins Gesicht schreien. Ja, mußte er sich denn alles gefallen lassen? Und wann, wann endlich würde er Schluß machen? Hineinschlagen, nichts als hineinschlagen in das nächstbeste Gefrieß, Heilandzack! Andauernd alles hinunterwürgen. Alles. Andauernd. Wie lang denn noch? Xaver preßte mit Daumen und Zeigefinger die Augen zu. In seiner Vorstellung blitzte das Messer [...]“Martin Walser, Seelenarbeit, suhrkamp taschenbuch 1983, ISBN 3-518-37401-X. Schon an diesem Abend will Xaver zu Hause bei Agnes anrufen, verzichtet aber darauf, weil er ja erst morgens losgefahren ist und ein Ferngespräch vom Hotel aus zu teuer wäre. Anderntags fährt er die Herren nach Gießen, dann geht es weiter nach Heidelberg, von wo aus auch Frau Trummel mitfährt. Xaver, der damit gerechnet hat, an diesem Abend noch nach Hause zu kommen, erhält den Auftrag, das Ehepaar Trummel in Stuttgart abzusetzen und dann Gleitze noch nach München zu bringen, wo dieser eine Figaro-Aufführung besuchen möchte. Als er ihn anderntags in einem Lokal abholen soll, bestellt Gleitze, wie er das regelmäßig zu tun pflegt, eine große Portion Eis mit Schlagsahne für Xaver Zürn. Dieser ist über Gleitzes Vorstellung, ein alkoholfeindlicher nichtrauchender ehemaliger Kleinkalibermeister esse am liebsten Süßes, wie immer innerlich empört und lässt sich wie immer nichts anmerken. Er bringt Gleitze auf seiner Lieblingsstrecke nach Hause und ist schon im Begriff, von Tettnang-Oberhof aufzubrechen, als die Haushälterin der Gleitzes, Aloisia, ihn aufhält: Er solle noch einen Flügel abholen, der in Hottingen bei Zürich stehe. Zu diesem Zweck muss Xaver erst in Markdorf einen Transporter, den Transportarbeiter Hermann Lustig, der aus Schlesien stammt, und zwei türkische Helfer abholen. Den Flügel, den Gleitze zum 50. Geburtstag bekommen soll, hat ein lungenkranker Königsberger Komponist in die Schweiz gebracht. Xaver transportiert den Flügel nach Tettnang-Oberhof, dann bringt er den Transporter nach Markdorf zurück, dann fährt er die Türken in ihr Quartier in Unterraderach und Lustig nach Eriskirch.

Als er endlich, fast ohnmächtig vor Sehnsucht nach Agnes, nach dieser Odyssee auf dem Hungerbühler Hof ankommt, überfällt ihn Agnes sofort mit Berichten über die beiden pubertierenden Töchter. Julia, die einen neuen Freund nach dem anderen hat, ist jetzt, um halb zwei Uhr in der Nacht, noch nicht zu Hause, und Magdalena verweigert so gut wie jeden Kontakt mit der Mutter. Xaver Zürns Aggressionen richten sich jetzt gegen die Kinder bzw. gegen seine Frau, die sich nicht darum bemüht hat, ihm eine andere Heimkehr zu ermöglichen: „Wenn ihr an einem anderen Verlauf seiner Heimkehr gelegen wäre, hätte sie es fertig bringen müssen, diese ewige Kindermisere nicht gleich in der ersten Nacht aufzutischen. Sie hätte es fertig bringen müssen, Julia so zu bedrohen oder zu bestechen, daß die vor zwölf heimgekommen wäre.“

Aber Agnes hat andere Prioritäten. Sie sorgt sich um die Töchter, sie bewundert Meister Köberles Tochter Sabine, die im Gegensatz zu ihren eigenen Sprösslingen zielstrebig und angepasst auf das Abitur lernt und nebenbei noch sozial engagiert ist, sie verschweigt dem Ehepaar Gleitze, als dieses einmal auf dem Hungerbühler Hof erscheint und nach Xaver Zürn fragt, auch nicht, dass dieser gerade den problematischen Vetter Konrad Ehrle besucht, und sie verschweigt Gleitze auch nicht die Darmprobleme ihres Mannes. Daraufhin wird Xaver Zürn sofort zur Untersuchung ins Universitätsklinikum Tübingen geschickt und eine Woche lang Darmspiegelungen, Röntgenaufnahmen, endoskopischen Magenuntersuchungen und ähnlichen Prozeduren unterworfen, bis man endlich herausgefunden hat: „Wir haben es, wir haben es ganz sicher: es ist ganz sicher nichts.“ Anstatt so beglückt zu sein, wie die Ärzte es von ihm erwarten, empfindet Xaver Zürn nach diesem Ergebnis das Gefühl einer „durchdringenden Erfolglosigkeit“. Auf der Heimfahrt nach Wigratsweiler geht ihm plötzlich auf, woran das liegt: „Er hatte ein anderes Gefühl von sich als die von ihm hatten. Die Gleitzes. Und der Unterschied wurde nicht kleiner, sondern größer. Agnes tut sich leicht, ihn ehrsüchtig zu nennen [...] Sie hatte keinen Dr. Gleitze und keine Frau Dr. Gleitze über sich. Jetzt begriff er, warum Agnes in fast allen Diskussionen über seine Arbeit den Standpunkt der Gleitzes besser verstand als seinen [...] Er kannte keinen, nicht einen, der von ihm dachte, wie er über sich dachte. Es gab keinen, dem er je hätte sagen können, wie er über sich dachte. Der Unterschied kam ihm zu groß vor. Noch schlimmer: er hätte gar nicht mehr sagen können, wie er über sich selber dachte. Er spürte nur den Unterschied.“ Entsprechend aggressiv wirft er, nach Hause zurückgekehrt, seiner Frau auch vor, sie habe seine Leiden gegenüber seinem Chef übertrieben und er stehe nun wie ein Simulant da. Doch Agnes entwaffnet ihn mit der Bemerkung, die Ärzte wüssten auch nicht alles. mini|Tettnanger Wald