mini|Die Fux-Orgel der Klosterkirche Fürstenfeld von 1736
Die Orgellandschaft Oberbayern umfasst den Orgelbestand im Gebiet des heutigen Regierungsbezirks Oberbayern. Die Region war bis ins 19. Jahrhundert fast ausschließlich katholisch und ist es auch heute noch vorwiegend. Die Stellung und Verwendung der Orgel im katholischen Gottesdienst ist anders als im evangelischen, und sie hat hier eine geringere Bedeutung und Wertschätzung. Trotzdem sind in Oberbayern viele außergewöhnliche Orgeln vorhanden, weil in den Kloster- und Wallfahrtskirchen, von denen es hier besonders viele gab, größere und prächtigere Orgeln gebaut wurden, als in den gewöhnlichen Pfarrkirchen.
Bedingt durch die massive Zerstörung der Münchner Innenstadt im Zweiten Weltkrieg befinden sich nahezu alle historisch relevanten Orgeln außerhalb der Stadt. Der Artikel beschreibt die Geschichte des Orgelbaus in Oberbayern und gibt eine Übersicht über die Orgelbauer und die interessantesten Orgeln. Weiterführende Detailinformationen zu einzelnen Orgeln findet man in der Liste von Orgeln in Oberbayern.
Geschichte des Orgelbaus Bis zur Spätgotik mini|hochkant=0.6|Paumanns Epitaph in der Münchner Frauenkirche
Einer der frühesten Belege oberbayerischer Orgelbaukunst ist ein Brief von Papst Johannes VIII. im Jahr 873 an den Freisinger Bischof Anno. Darin verlangt er, dass man ein erstklassiges „Organum“ mit einem Meister, der bau- und spielkundig sei, nach Rom zu schicken.Brenninger: Orgeln in Altbayern. 1982, S. 31.
Über Orgeln im 12. und 13. Jahrhundert in Freising und Scheyern schreibt Rudolf Quoika, dass jedoch „die Erkenntnisse […] aber leider aus Quellenmangel nur im Bereich von Vermutungen [bleiben].“
Ein frühes, heute noch sichtbares Zeugnis des Orgelbaus ist das Epitaph von Conrad Paumann († 1473) in der Münchner Frauenkirche. Es zeigt ihn mit einem Portativ. Paumann war der berühmteste Musiker seiner Zeit in Deutschland. Dem bayerischen Herzog Albrecht III. gelang es, ihn um 1450 als Hoforganist nach München zu verpflichten. Seine Orgelspiellehre Fundamentum organisandi ist in vier verschiedenen Fassungen überliefert: die beiden früheren, eine davon 1452 datiert, sind vorwiegend zweistimmig, die späteren dreistimmig. Die Zunahme der terzhaltigen Klänge in den späteren Fassungen sind ein Indiz, dass der Übergang von der pythagoreischen zur mitteltönigen Stimmung zu dieser Zeit stattfand.Lexikon der Orgel. 2007, S. 563.
Renaissance und Frühbarock mini|hochkant|Freisinger-Dom-Orgel mit Gehäuse und Figurenschmuck von Philipp Dirr von 1624.
In der Münchner Residenz lassen sich schon früh kleinere Orgelwerke nachweisen, von denen noch einige erhalten sind. Auch sind mehrere Orgelbauer im Hofdienst bekannt: Wolf Fabricius († nach 1564), Kaspar Sturm (* um 1560; † nach 1604) oder Anton Neuknecht, der von 1586 bis 1592 am Hof in München angestellt war.
Über die Orgel von St. Michael in München, die 1595 von Urban Heusler und seinem Schwiegersohn Leonhard Kurz († 1612) gebaut wurde, sind wir besonders gut informiert, da sowohl der Vertrag als auch eine Aufrissskizze noch vorhanden sind. Die Orgel hatte zwei Manuale. Auf dem einen Manual befanden sich acht Register, die gleichen acht auf dem Pedal, und es gab noch ein Brustwerk mit drei Registern. Die Manuale gingen von F, G, A, B, H bis a2 (38 Tasten), und das Pedal von F, G, A, B, H bis h (16 Tasten). Das Besondere an dieser Orgel war, dass im Prospekt auf beiden Seiten des Spielschranks langbechrige 8′-Posaunen aus Messing standen. Sie wurden in Nürnberg gefertigt. Außerdem war die Orgelanlage als Doppelwerk ausgelegt. In der Kirchenordnung von St. Michael von 1664 wird ausdrücklich darauf hingewiesen: es Georg Brenninger: Die Orgeln von St. Michael. In: Wagner, Keller (Hrsg.): St. Michael in München. 1983, S. 168. Auch die Orgel der naheliegenden Bürgersaalkirche wurde noch 1710 als Orgelpaar gebaut. Derartige Orgelpaare gab es häufiger im süddeutsch-österreichischen Raum.Brenninger: Die Orgeln von St. Michael. In: Wagner, Keller: 400 Jahre St. Michael in München. 1983, S. 164–175.
Anfang des 17. Jahrhunderts kamen die Zungenregister in Oberbayern aus der Mode. Der Münchner Orgelbauer Hans Lechner († 1634) versuchte Vorbehalte an seinem Können auszuräumen, als er 1628 an den Münchner Bürgermeister schrieb: Lechner baute sowohl die Orgel von St. Peter 1629, als auch die des Münchner Doms 1633 ganz ohne Zungenstimmen. Abweichend von anderen Orgellandschaften wurden im altbayerischen Orgelbau nach 1650 kaum mehr Zungenstimmen gebaut.Brenninger: Orgeln in Altbayern. 1982, S. 195.
mini|Die Rieger-Orgel von St. Michael im rekonstruierten Prospekt von 1697
Bei der Orgel des Münchner Doms übernahm Lechner von dem Vorgängerinstrument die 24′-Prospektpfeifen, die aus Holz gedrechselt waren. Sie gehörten zum Pedal mit Tonumfang F bis b (14 Tasten). Es ist auch überliefert, dass die Labien farbig bemalt waren. Erst 1847 soll eine der Pfeifen während eines Gottesdienstes zusammengebrochen und auf die Empore gestürzt sein. Glücklicherweise wurde keiner der dort versammelten Sänger und Musiker verletzt. Große hölzerne Prospektpfeifen kamen bereits im 16. Jahrhundert in Mode. Ein erhaltenes Beispiel ist die Fux-Orgel der Klosterkirche Fürstenfeld.
Die Orgel von St. Michael wurde 1697 zur Zentenarfeier durch einen zeitgemäßen Neubau ersetzt. Erbauer war Johann Georg Fux. Ungewöhnlich zu dieser Zeit in Altbayern war das Rückpositiv. Grund dafür war eine so starke Vergrößerung der Fenster, dass für ein Brustwerk kein Platz mehr gewesen wäre. Der Prospekt wurde erst im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber 1983 wieder rekonstruiert. Von Fux ist auch noch der Prospekt der Orgel von 1724 der Stiftskirche St. Philipp und Jakob in Altötting erhalten. Besonders hervorzuheben ist jedoch die Fux-Orgel der Klosterkirche Fürstenfeld von 1736, die weitgehend unverändert erhalten ist.Balz: Göttliche Musik – Orgeln in Deutschland. 2008, S. 172–173.
Barock und Rokoko mini| Die König-Orgel des Marienmünster Dießen von 1739 mini|Brandenstein-Orgel Raitenhaslach (1743) ist „… gefährdet.“ (2021) mini|Die Bayr-Orgel der Wallfahrtskirche Marienberg von 1769 mini|Die Jäger-Orgel der Klosterkirche Benediktbeuern von 1770
Ende des 17. Jahrhunderts hatte Max II. Emanuel das Land durch Krieg (Großer Türkenkrieg (1683–1699) und Spanischer Erbfolgekrieg (1701–1714)) und seinen exzessiven Lebenswandel ruiniert. Es verwundert daher nicht, dass es während dieser Epoche, anders als beispielsweise in Norddeutschland, kaum zu Orgel-Neubauten kam. Erst zur Zeit des Rokoko blühte das Land wieder langsam auf, und es kam zu zahlreichen Kirchenneubauten und Umbauten, besonders prächtig im Pfaffenwinkel.
Quirin Weber war in Dachau ansässig, war aber auch bis an den Tegernsee tätig. In Weyarn hat er 1747 sein größtes Werk gebaut. In der Schlosskapelle Haimhausen ist die von ihm 1736 gebaute Orgel noch erhalten.
Der Schweizer Johann König hatte sich 1670 in Ingolstadt niedergelassen. Sein bedeutendstes Werk war der Neubau der Orgel des Liebfrauenmünsters in Ingolstadt 1676. Sein ältester Sohn Caspar König versuchte 1708 zunächst vergeblich in München Fuß zu fassen. Er führte dann aber in Ingolstadt die Werkstatt des Vaters fort und zahlte seine jüngeren Brüder Melchior und Balthasar, Orgelbauer im Rheinland, aus.
Im Südosten von Oberbayern, bereits in der Diözese Passau, liegt das ehemalige Zisterzienser-Kloster Raitenhaslach. In dessen Abteikirche vollendete Johann Konrad Brandenstein im Jahr 1743 sein größtes Orgelwerk. Die Orgel wurde später einige Male umgebaut, am einschneidendsten 1904 durch Martin Hechenberger. Er baute einen freistehenden Spieltisch dazu, und stellte die Orgel auf pneumatische Spiel- und Registertraktur mit Kegelladen um. Trotzdem ist sie immer noch diejenige mit dem größten Bestand an Brandenstein-Pfeifen.
Balthasar Freiwiß hatte seine Werkstatt in Aitrang. Sein bedeutendstes Werk, die Orgel der Klosterkirche Irsee, ist noch weitgehend original erhalten. Freiwiß hat auch im Südwesten von Oberbayern einige große Orgeln gebaut, z. B. Wallfahrtskirche Hohenpeißenberg (um 1740) und St. Peter und Paul, Oberammergau (1759). Die von ihm im Jahr 1747 gebaute Orgel in Rottenbuch mit II/28 wurde bereits mehrfach umgebaut. 2022 wurde die Orgel von Johannes Klais Orgelbau auf den am besten dokumentierten Zustand von 1783 rekonstruiert.
1744 kam Anton Bayr nach München und etablierte sich schon bald als der führende Orgelbauer. Sein erstes Werk war die Orgel für das Franziskanerkloster Ellingen. Nach der Säkularisation kam sie nach Walting. Als sie 2002 ein neues Werk bekam, rettete Sixtus Lampl die alten Windladen und Register, soweit noch vorhanden. Im Orgelzentrum Valley ließ er sie im nachgebauten Gehäuse wieder spielfertig aufstellen. Bayr baute insgesamt 150 Orgeln. Fast unverändert erhalten ist die 1769 erbaute Orgel der Wallfahrtskirche Marienberg.
Das Kloster Benediktbeuern war eines der bedeutendsten Klöster in Bayern. Die Orgel der Klosterkirche, die noch weitgehend erhalten ist, baute Andreas Jäger zwischen 1760 und 1770. Dabei übernahm er etwa 13 Register aus dem Vorgängerinstrument von Christoph Egedacher von 1686, erweiterte sie auf 33 Register, die Manualumfänge auf 54 Töne (C–f3), den Pedalumfang auf 22 Töne (C–a) und fügte ein Rückpositiv hinzu, das jedoch später bei einer Erneuerung der Emporenbrüstung entfernt wurde. Bei der Restaurierung durch Orgelbau Sandtner im Jahr 1968 wurde das Rückpositiv rekonstruiert und unsichtbar auf der ersten Empore platziert.
Im Südwesten des heutigen Oberbayerns befinden sich einige Werke der schwäbischen Orgelbauer Balthasar Freiwiß oder Johann Georg Hörterich, von denen jedoch meistens nur noch die Prospekte erhalten sind.
19. Jahrhundert Säkularisation mini|Die Weber-Orgel von 1738 kam 1824 in die Karolinenkirche in Großkarolinenfeld
Während der Säkularisation in Bayern Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Klöster verstaatlicht. Dennoch blieben mehr als 80 % der Klosterkirchen bestehen. Vielfach wurden sie den Pfarreien zur Verfügung gestellt, und stattdessen die kleineren, alten Pfarrkirchen abgebrochen oder profaniert. In Oberbayern blieben in den mehr als 100 Klosterkirchen 58 % der Orgeln stehen, während 40 %, überwiegend Chororgeln, veräußert wurden. Wegen des Überangebots auf dem Gebrauchtorgelmarkt waren es schwere Zeiten für die Orgelbauer, da es fast nicht mehr zu Neubauten kam.
Das Königshaus hatte 1817 das ehemalige Kloster Tegernsee erworben und zum Schloss umgestaltet. Die Chororgel aus der Klosterkirche, die 1738 von Quirin Weber gebaut worden war, schenkte man 1824 der neu gegründeten evangelischen Gemeinde in Großkarolinenfeld für ihre Karolinenkirche.
Gleich nach seiner Thronbesteigung 1825 leitete Ludwig I. die Klösterrestauration ein, und bis 1837 waren bereits wieder 75 klösterliche Niederlassungen neu entstanden.